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Thomas Goll (Hrsg.): Kontroversität

Rezensiert von Dr. Julia Besche, 23.01.2026

Cover Thomas Goll (Hrsg.): Kontroversität ISBN 978-3-7344-1666-8

Thomas Goll (Hrsg.): Kontroversität. Grundlage und Herausforderung (nicht nur) der politischen Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2025. 165 Seiten. ISBN 978-3-7344-1666-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Dortmunder Schriften zur politischen Bildung. Wochenschau Wissenschaft.

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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch dokumentiert die auf dem 1. Symposium des im Januar 2021 gegründeten Initiativzentrums für politische Bildung und kommunale Demokratie an der TU Dortmund (IZBD) gehaltenen Vorträge und Workshops zum Thema Kontroversität.

Aufbau

Der Band untergliedert sich in zwei Abschnitte, der erste widmet sich Grundlagen, während der zweite Teil Anwendungsfälle konkretisiert. 

Inhalt

Teil1: Grundlagen

Den Grundlagenteil beginnt Thomas Goll mit dem Kapitel „Kontroversität- zur Begründung eines Tagungsthemas“. Im ersten Teil dieses Kapitels thematisiert der Autor Reaktionsweisen auf Kontroversität, beispielsweise Ratlosigkeit, Relativismus, Langeweile, Überdruss oder Zynismus, welche als Begründung des Tagungsthemas unter Bezugnahme auf unterschiedliche Fachperspektiven herangezogen wird. Der zweite Teil beschreibt verschiedene Arten der Kontroversität, um im dritten Teil die Alternativlosigkeit dazustellen. Daran schließt sich ein Überblick über das vorliegende Buch an.

Monika Oberle fokussiert die Frage der Grenzen der Kontroversität in der politischen Bildung vor dem Hintergrund des Beutelsbacher Konsens. Dabei thematisiert sie das Missverständnis der „Neutralitätsgebots“ unter Berücksichtigung empirischer Ergebnisse. Weiterhin stellt die Autorin die Frage danach, wie sich Grenzen der Kontroversität in der politischen Bildung bestimmen lassen und worin der Grundkonsens derzeit besteht. Bezugnehmend auf demokratische Grundwerte sowie das didaktische Prinzip der Wirtschaftsorientierung Bezug genommen.

Der dritte Beitrag des Grundlagenteils wurde von Douglas Yacek verfasst und trägt den Titel: „Kampf um Kontroversität. Die internationale Kriteriendebatte in der Demokratiepädagogik und der politischen Bildung“. Douglas Yacek präsentiert eine relevante Analyse der Herausforderungen, die in der demokratischen Bildungsarbeit durch die zunehmende Kontroversität wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Themen entstehen. Eingangs beschreibt der Autor eine Tendenz zu tiefer Skepsis gegenüber etablierten epistemischen und politischen Autoritäten, die sich zunehmend auf den schulischen Raum auswirkt. Besonders im Kontext der COVID-19-Pandemie wird deutlich, wie wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen nicht mehr nur als Orientierung dienen, sondern als Positionen in einer breiteren gesellschaftlichen Kontroverse erscheinen – eine Entwicklung, die Lehrkräfte vor große ethische und methodische Fragen stellt.

Das zentrale Anliegen des Artikels ist die kritische Betrachtung der international geführten „Kriteriendebatte“, um normative und begriffliche Grenzen für den Umgang mit Kontroversität im Unterricht zu definieren. Dabei analysiert Douglas Yacek die Komplexität und die zunehmende Unübersichtlichkeit der Debatte, in der widersprüchliche Kriterien nebeneinander bestehen und die Orientierung erschweren. Ein besonderer Fokus liegt auf der Betrachtung des Beutelsbacher Konsenses und dessen Prinzip der Kontroversität, welches kritisch auf Stärken und Schwächen geprüft wird. Zudem werden die zwei bedeutenden pädagogischen Kriterien – das epistemische und das politische – eingehend ausgewertet, um ihre Eignung und Grenzen im Umgang mit Kontroversen zu beurteilen.

Insgesamt bietet der Artikel eine reflektierte, theoriegeleitete und zugleich praktische Auseinandersetzung mit einem der zentralen pädagogischen Herausforderungen der Gegenwart. Er trägt dazu bei, die Debatte um die normative Fundierung und die methodische Umsetzung demokratiepädagogischer Prinzipien in einer pluralistischen Gesellschaft weiter zu vertiefen.

Teil 2: Anwendungsfälle

Der zweite Teil des Bandes beginnt mit dem Beitrag von Barbara Welzel mit dem Titel „Kulturelles Erbe: Kontroversen und Sharing Heritage“. Die Autorin stellt Überlegungen zum Thema aus dem Kontext langjähriger Diskussionen und Forschungen vor. Diese fanden in der universitären Lehre sowie Vermittlungsprojekten der Technischen Universität Dortmund statt und wurden maßgeblich im Kontext des Arbeitsfeldes „Kulturelle Teilhabe“ vorangetrieben dem Dortmunder Profil für inklusionsorientierte Lehrer*innenbildung.

Frederike Gabelt und Alexander Unser beschäftigen sich im vorliegenden Artikel mit dem Thema religionsbezogener Urteilskompetenz unter dem Titel: „Religion in der Öffentlichkeit. Schulische Förderung religionsbezogener Urteilskompetenz angesichts zunehmender Kontroversität“. Der Beitrag betont die wachsende Bedeutung der Urteilskompetenz insbesondere im schulischen Kontext, was mit komplexer werdenden Herausforderungen und zunehmendem Vertrauensverlust in Institutionen begründet wird. Dabei wird hervorgehoben, dass die Anforderungen an Urteilskompetenz in verschiedenen Fachdidaktiken variieren: In den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften vor allem im Bereich der Reflexion kontroverser Fragen, in den Naturwissenschaften im Rahmen der Bewertung. Für alle Fächer ist eine fachspezifische Orientierung notwendig, um Schüler*innen auf das fachgerechte Urteilen vorzubereiten. Im Fokus des Beitrages steht die Bestimmung einer religionsbezogenen Urteilskompetenz, vorgestellt wird in diesem Zusammenhang eigenes Strukturmodell von Urteilskompetenz für den Religionsunterricht. Abschließend werden Hinweise zur Förderung religionsbezogener Urteilskompetenz im schulischen Unterricht auf methodischer Ebene gegeben.

Auch Claudia Gärtner und Jan-Hendrik Herbst beziehen sich auf das Thema religiöse Bildung, allerdings anhand einer exemplarischen Analyse von neurechtem Bildungsmaterial. Der Beitrag thematisiert zunächst die zunehmenden Versuche neurechter Einflüsse auf Schule und Bildung und verdeutlichen, dass der Bildungsbereich mittlerweile zu einem Schauplatz politischer Angriffe auf den demokratischen und menschenrechtlichen Konsens geworden ist. Auch Schulbücher sind betroffen, in denen neurechte Texte und Grafiken häufig ohne kritische Einordnung enthalten sind. Am Beispiel des Buches „Martin Luther für junge Leser“ des neurechten Ideologen Karlheinz Weißmann wird das Kontroversitätsgebot in der Religionspädagogik auf seine praktische Anwendbarkeit überprüft. Die Autor*innen skizzieren die Strategien der Neuen Rechten, Einfluss auf das Bildungswesen zu nehmen, etwa durch Engagement im Schulbuchmarkt, parlamentarische Initiativen oder Druck auf außerschulische Projektpartner. Zudem wird die Bedeutung des Kontroversitätsgebots im Religionsunterricht im Zusammenhang mit dem Beutelsbacher Konsens dargestellt, wobei betont wird, dass dieses fachdidaktisch spezifisch übersetzt werden muss. Anhand von Weißmanns Publikation wird das Kontroversitätsgebot als ein „Wetzstein“ für die Profilierung des religionspädagogischen Umgangs mit Kontroversen genutzt. Abschließend erfolgt eine Einschätzung, ob das genannte Buch als Bildungsmaterial im Religionsunterricht eingesetzt werden kann, bzw. welche Argumente auf fachdidaktischer, fachwissenschaftlich-inhaltlicher Ebene sowie im Hinblick auf den Demokratiebezug.

Johannes Drerup und Douglas Yacek widmen ihren Beitrag der Überschrift „Kontroverse Themen unterrichten“. Dabei greifen sie zentrale Fragen der demokratiepädagogischen Praxis auf, insbesondere die Bedeutung von Diskussions- und Kontroversitätsprozessen in schulischen Kontexten. Besonders im Fokus steht die Diskussion um Grenzsetzungen der Kontroversität im Unterricht: Wann ist ein Thema kontrovers genug, um im Unterricht behandelt zu werden? Die Autoren präsentieren einen vielversprechenden Ansatz, der politische und wissenschaftliche Kriterien miteinander koppelt.

Der Beitrag bietet eine fundierte und kritische Reflexion gesellschaftlicher und pädagogischer Herausforderungen. Er zeigt die Relevanz eines kriteriumsorientierten Umgangs mit Kontroversen im Unterricht auf und setzt wichtige Impulse für die Weiterentwicklung demokratiepädagogischer Konzepte.

Der Beitrag von Malte Delere, Hanna Höfer, Gudrun Marci- Boehncke und Tatjana Vogel- Lefèbre beschäftigt sich mit der Bedeutung von Kontroversität im Deutsch- und Literaturunterricht, insbesondere im Kontext von Kinder- und Jugendliteratur, die bewusst gesellschaftliche und moralische Debatten entfalten soll. Der Beitrag kritisiert, dass Curricula, die Vermittlung von Argumentationskompetenz vor strukturellen Herausforderungen stellen, da es an einem klaren normativen Bezugssystem für die Bewertung kontroverser Argumente fehlt. In einem weiteren Schritt wird die Verantwortung der Lehrkräfte im Kontext ihrer demokratischen Verantwortung hervorgehoben. Eine Umfrage unter angehenden Deutschlehrkräften zeigt, dass ein Bewusstsein für Demokratiebildung im Unterricht aufgebaut werden sollte, um Angriffe auf demokratische Werte frühzeitig erkennen und begegnen zu können. Das Bewusstsein, für demokratische Prinzipien einzustehen, ist dabei die Grundlage, um den demokratiegefährdenden Potenzialen kontroverser Themen wirksam zu begegnen und demokratische Normen im Unterricht zu verankern. Abschließend entwickelt der Beitrag anhand einer Analyse eines Online-Forums eine Methode, um die moralische Dimension von Argumenten systematisch herauszuarbeiten. Dabei orientiert sich die Analyse an Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung, wobei der Fokus auf den moralischen Referenzsystemen liegt, die das Individuum in gesellschaftlichen Kontexten leiten. Das exemplarische Beispiel ist die Diskussion rund um den Artikel „The Fire and The Fifty Seven Bass“, veröffentlicht im New York Times Magazin, der die amerikanische Gesellschaft und ihren Umgang mit Diversität zum Thema hat. Ziel ist es, im Unterricht exemplarisch aufzuzeigen, wie moralische Dimensionen von Argumenten erkannt und behandelt werden können, um die Argumentations- und Wertediskurse der Schüler*innen zu fördern.

Der Beitrag von Andrea Szukale setzt sich umfassend mit der Bedeutung und den Herausforderungen der Kontroversität im Fachunterricht auseinander, insbesondere im Kontext des Beutelsbacher Konsenses. Der Beitrag geht zudem u.a. auf die Problematik der Vulgarisierung wissenschaftlicher Positionen ein. Vor diesem Hintergrund wird die Strategie des „Forschenden Lernens“ vorgestellt, die Schülerinnen und Schüler dazu befähigen soll, falschen Balancen kritisch zu begegnen und ihre metakognitiven Kompetenzen sowie ihre wissenschaftsbezogene Urteilskraft zu stärken.

Diskussion

Der vorliegende Band bietet eine umfassende und reflektierte Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema der Kontroversität im schulischen Kontext. Durch die Beiträge von Wissenschaftler*innen und Pädagog*innen wird die vielschichtige Bedeutung von kontroversen Themen im Fachunterricht – insbesondere in der politischen Bildung, Religion, Sozialwissenschaften, Deutsch und Literatur – gründlich beleuchtet. Ein zentraler Fokus liegt auf der Umsetzung der Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses, der den Schutz der Lernenden vor Überwältigung sowie die Förderung eigener Urteilsfähigkeit betont. Dabei wird deutlich, dass demokratiepädagogische Standards, wie die Wertschätzung pluraler Perspektiven und die Ablehnung von Neutralität bei Verstößen gegen Menschenwürde, in nahezu allen Beiträgen herausgestellt werden.

Der Band zeigt zugleich, wie gesellschaftliche Herausforderungen, etwa die zunehmende Polarisierung in Medien und Bildung sowie der Einfluss neurechter Akteure, die pädagogische Praxis beeinflussen. Besonders nachvollziehbar wird die Diskussion um die Repräsentation wissenschaftlicher Positionen, deren mediale Inszenierung zunehmend problematisch ist und häufig durch populistische Vereinfachungen geprägt wird. Diese Entwicklungen erschweren den transparenten und kritischen Umgang mit Kontroversen im Unterricht und machen die Notwendigkeit einer epistemologisch fundierten Bildung deutlich.

Neben der theoretischen Fundierung bietet der Band auch konkrete didaktische Ansätze. Beispielsweise werden Methoden vorgestellt, um moralische Dimensionen von Argumenten herauszuarbeiten, sowie das Forschende Lernen als Strategie, um Schülerinnen und Schüler zu einer kritischen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Positionen zu befähigen. Die Analyse gesellschaftlicher Diskussionen, etwa zu Diversität oder gesellschaftlichen Konflikten, wird durch exemplarische Fallstudien wie den Online-Diskussionen im „New York Times“-Forum anschaulich untermauert.

Insgesamt liefert der Band eine wertvolle Orientierung für Wissenschaftler*innen, Lehrer*innen und Pädagog*innen, die ihre Praxis im Umgang mit kontroversen Themen weiterentwickeln möchten. Die Beiträge tragen dazu bei, das Verständnis für die Herausforderungen und Chancen eines verantwortungsvollen und wissenschaftlich fundierten Unterrichts in pluralistischen Gesellschaften zu vertiefen. Sie zeigen auf, dass die kritische Reflexion über Kontroversität, wissenschaftliche Kompetenz und die Bereitschaft zu politisch-moralischer Verantwortung zentrale Bausteine für eine demokratische Bildung sind.

Fazit

Mit seinem breiten Themenspektrum und seiner integrativen Perspektive ist der Band eine bereichernde Ressource für alle, die sich der Vermittlung kontroverser Inhalte in Forschung, Ausbildung und Praxis widmen.

Rezension von
Dr. Julia Besche
Verwalterin der Professur für Normative Rahmungen der Sozialen Arbeit an der HAWK Holzminden
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Es gibt 7 Rezensionen von Julia Besche.

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ISSN 2190-9245