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Liane Pluto, Andreas Mairhofer et al.: Einrichtungen stationärer Hilfen zur Erziehung

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 05.09.2025

Cover Liane Pluto, Andreas Mairhofer et al.: Einrichtungen stationärer Hilfen zur Erziehung ISBN 978-3-7799-8558-7

Liane Pluto, Andreas Mairhofer, Christian Peucker, Eric van Santen: Einrichtungen stationärer Hilfen zur Erziehung. Empirische Analyse zu Organisationsmerkmalen, Adressat:innen und Herausforderungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 563 Seiten. ISBN 978-3-7799-8558-7. D: 78,00 EUR, A: 80,20 EUR.
Reihe: Eine Veröffentlichung des Deutschen Jugendinstituts e.V. München (DJI).

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Thema

Das Buch gibt einen empirischen Überblick über den Stand und die Entwicklungen der Einrichtungen stationärer Hilfen zur Erziehung. Es basiert primär auf Befunden einer bundesweiten DJI-Befragung aus dem Jahr 2019 sowie auf früheren Erhebungen und wurde durch Auswertungen der amtlichen Statistik ergänzt. Thematisiert werden unter anderem die Personal-, Träger- und Angebotsstruktur der Einrichtungen, pädagogische Fragestellungen etwa zur Partizipation, adressat:innenbezogene Aspekte wie Hilfeverläufe und die Rückkehr in die Familie sowie ausgewählte aktuelle Herausforderungen wie Fachkräftemangel, Digitalisierung und Inklusion. Zu den grundlegenden Informationen zum Buch sei unter diesem Link nachzuschlagen: socialnet Rezensionen: Einrichtungen stationärer Hilfen zur Erziehung

Aufbau und Inhalt

An dieser Stelle sei ein Blick auf ausgewählte Erkenntnisse, die dieses Buch präsentiert verwiesen, die ergänzend zur oben verlinkten Rezension zu betrachten sind, die einen grundlegenden Überblick bietet.

Kapitel 6 widmet sich der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt – ein Punkt, der in der Praxis von vielen Fachkräften in stationären Einrichtungen oft problematisch gesehen wird. Diese Zusammenarbeit findet sich zum einen bei der Belegung durch Jugendämter, zum anderen im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem örtlichen Jugendamt. Bei der Hälfte der Einrichtungen fallen diese beiden Kontexte zusammen, ist das örtliche also zugleich auch das Hauptbelegungsjugendamt. 90 Prozent der Einrichtungen werden von mehr als einem Jugendamt belegt. Besonders zwischen 2009 und 2019 hat die Zufriedenheit mit der Zusammenarbeit mit dem örtlichen Jugendamt allerdings abgenommen. Es ist gut nachvollziehbar, dass die Entwicklungen im Kinderschutz oder beim Ausbau der Kindertagesbetreuung auch auf Kosten der Zusammenarbeit mit Einrichtungen stationärer Erziehungshilfen erfolgen. Wie wichtig der Austausch und die Beziehung von Jugendämtern und Einrichtungen ist, zeigt sich indes vor allem in Zeiten steigender Bedarfe und verbreiteter Unsicherheit. In solchen Krisenzeiten ist eine funktionierende und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Jugendämtern und Leistungserbringern eine wesentliche Voraussetzung dafür, zeitnah innovative Angebote zur Befriedigung bestehender Bedarfe zu entwickeln. Es scheint hier aber eine Trendumkehr stattzufinden: Es gibt Erkenntnisse, dass die Anzahl der Kooperationen zwischen Jugendämtern und Einrichtungen seit der Erhebung im Jahr 2019 deutlich gestiegen ist. Das resultiert schon daraus, dass Jugendämter mittlerweile immer weitere Kreise für Anfragen nach einem Platz ziehen müssen.

Hilfeverläufe sowie ungeplante Beendigungen, so ist das elfte Kapitel überschrieben. Deutlich wird hier, dass gerade die Forschung zu Hilfeverläufen an Grenzen stößt, die es deutlich verkomplizieren, die bisherigen Ergebnisse des Einzelfalls zusammenzufassen und konkret zu benennen, wie viele verschiedene Hilfen ein junger Mensch im Laufe seines Lebens durchschnittlich in Anspruch nimmt. Dafür sind die Zugangs- und Vorgangsweisen der Studien zu unterschiedlich. Klar erkennbar ist aber, dass aufeinanderfolgende Hilfen keine Seltenheit sind. Zu Abbrüchen sieht das ein bisschen anders aus, wobei die vorliegenden Forschungsergebnisse einen Hinweis darauf geben, dass Abbrüche von stationären Jugendhilfemaßnahmen auch in Verbindung mit fachlichem Handeln vom leistungsgewährenden Jugendamt und den leistungserbringenden Einrichtungen bzw. deren Fachkräften stehen und das Ausmaß damit bis zu einem gewissen Grad tatsächlich beeinflussbar ist. Das wird im Übrigen auch in der aktuell vorgelegten Promotionsforschung von Corinna Butzin (2025, Traumatisierte Jugendliche im Drehtüreffekt zwischen den Systemen) mehr als deutlich. Einen wichtigen Tipp für die Praxis haben die Autor*innen im Resümee zu diesem Kapitel: „Im Hilfeplanverfahren bedarf es z.B. sorgfältiger Prüfungen und Überlegungen, welche Bedarfe und welche Belastungen und Entwicklungsrisiken vorhanden sind. Die Wünsche und Einschätzungen der jungen Menschen als den zentralen Akteur:innen im Hilfeprozess gilt es, dabei stets zu berücksichtigen. So kann die Passung mit den Angeboten weiter verbessert und damit das Abbruchrisiko verringert werden“ (S. 305).

Untersucht wird auch die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen (Kapitel 15), die bekanntermaßen im SGB VIII sehr deutlich verankert ist. Um eine demokratische Teilung und Kontrolle von Macht systematisch zu etablieren und damit auch dazu beizutragen, Machtmissbrauch durch Fachkräfte zu verhindern, braucht es demokratische Strukturen und Ver fahren, die alle kennen und zur Durchsetzung ihrer Rechte nutzen können. In Bezug auf Kinder und Jugendliche ist die demokratische Perspektive zudem wichtig, weil sie es sind, die nicht nur in der Gegenwart, sondern auch zukünftig, die demokratische Gesellschaft gestalten und tragen sollen. Auch wenn Studien fehlen, die den Einfluss auf gelingende Hilfeprozesse nachweisen können, gibt es in Forschungsarbeiten immer wieder Hinweise darauf, dass gelingende Hilfen und Beteiligung eng zusammenhängen. Hilfe und Unterstützung haben dann Aussicht auf Erfolg, wenn junge Menschen und ihre Familien sowohl an dem Prozess der Suche nach der richtigen Unterstützung als auch an der Ausgestaltung der Hilfe, also der Hilfe selbst, beteiligt sind. Spannend an dieser Stelle ist auch ein Blick auf von jungen Menschen vorgebrachte Beschwerden im Rahmen der stationären Jugendhilfe. Das Thema, worüber es 2019 in den meisten Einrichtungen (61 %) Beschwerden gab, waren die Regeln, was nachvollziehbar ist. Schließlich ist es dem institutionellen Setting immanent, dass sich die Kinder und Jugendlichen an eine Reihe von Regeln zu halten haben, die sie nicht immer selbst mit geschaffen haben. Deutlich wird, dass es alles andere als oft vorkommt, dass die Bewohner:innen an der Erstellung von Regeln beteiligt werden – was durchaus Einfluss auf die Akzeptanz haben kann. In 21 Prozent der Einrichtungen sind die Kinder und Jugendlichen nicht an der Erstellung der Regeln beteiligt, und in 14 Prozent der Einrichtungen haben die Kinder und Jugendlichen keine Möglichkeit, die Überarbeitung von Regeln durchzusetzen.

Diskussion

An manchen Stellen dieses Buches, das trotz der vielen Zahlen und Statistiken gut lesbar ist, ist das Kopfschütteln vorprogrammiert, wie am oben dargestellten kurzen Einblick in ausgewählte Inhalte deutlich wird. Dass Beteiligung – und sei es an der Erstellung von Regeln – zum ‚Erfolg‘ von Jugendhilfe beitragen kann, sollte hinlänglich bekannt sein; ebenso die Pflicht, Instrumente zur Beschwerde zu etablieren. Wie es in der Praxis aussieht, ist eine andere Sache. Zumal die Datenlage vor Einführung des KJSG im Sommer 2021 erhoben wurde, wo diesen Punkten noch einmal deutlich mehr Bedeutung zugesprochen wurde. Das ist bei aller Begeisterung über die Fülle der interessant aufgearbeiteten Daten auch der einzige Kritikpunkt an dieser so wichtigen Veröffentlichung: Die Daten sind schon verhältnismäßig alt. Trotzdem geben sie uns als Fachkräften deutliche Hinweise darauf, was wir sowohl im Kontakt untereinander als auch mit den Adressat:innen besser machen können und auch müssen.

Fazit

Auch wenn die Zahlen leider schon mehr als sechs Jahre alt sind, ist dieses Buch ein Weckruf für alle, die in der Jugendhilfe tätig sind – absolute Leseempfehlung.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 201 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245