Marina Della Rocca: Beratung von Migrantinnen in Gewaltsituationen
Rezensiert von Prof. (i.R.) Dr. Margrit Brückner, 02.02.2026
Marina Della Rocca: Beratung von Migrantinnen in Gewaltsituationen. Ethnographie der Frauenhausarbeit in Südtirol.
Verlag Barbara Budrich GmbH
(Opladen, Berlin, Toronto) 2025.
233 Seiten.
ISBN 978-3-8474-3076-6.
D: 38,00 EUR,
A: 39,10 EUR.
Aus dem Italienischen übersetzt von Katia Raineri.
Thema
Die theoretisch gerahmte, empirische Studie beschäftigt sich mit der schwierigen Situation von Migrantinnen mit Gewalterfahrungen in der Übergangssituation während und nach einem Frauenhausaufenthalt in Südtirol. Im Zentrum stehen die Möglichkeiten und Grenzen von Beratungen und Hilfeprozessen für Zuflucht und Rat suchende Migrantinnen aufgrund von besonderen rechtlichen und sozialpolitischen Erschwernissen.
Autorin und Entstehungshintergrund
Marina Della Rocca ist promovierte Anthropologin, ehemalige Mitarbeiterin in dem untersuchten Frauenhaus und heutige Forscherin im Kompetenzzentrum für Soziale Arbeit und Sozialpolitik der Freien Universität Bozen-Bolzano, Italien. Das vorliegende, aus dem Italienischen von Katia Raineri übersetzte Buch basiert auf ihrer Promotion an dieser Universität.
Aufbau
Das Buch beginnt mit einer komplexen Einleitung zu ihrem feministisch engagierten ethnografischen Ansatz in der anthropologischen Disziplin: Beginnend mit der Entwicklung und Kontextualisierung von Frauenhausarbeit sowie der wissenschaftlichen Einordnung geschlechtsspezifischer Gewalt, über die Vorstellung der untersuchten Einrichtung bis zur Entfaltung ihres Forschungsverständnisses. Es folgen ein Überblick über das Thema Gewalt an Frauen und Migration, einschließlich der rechtlichen Lage von Migrantinnen in Italien und eine Auseinandersetzung mit strukturellen Barrieren der Unterstützung unter Einbeziehung der Erfahrungen von Migrantinnen. Diese strukturellen Barrieren werden im nächsten Schritt konkretisiert anhand von Aufnahmepraktiken in der untersuchten Einrichtung, die deutlich machen, wie rechtliche, gesellschaftliche und sprachliche Barrieren die Unterstützungsarbeit beeinflussen und Machtfragen zwischen Frauen auch in feministischen Kontexten verschärfen. Die Rolle dieser Barrieren führt die Autorin anschließend anhand des institutionellen Umgangs mit migrierten Frauen in ihrer Mutterrolle aus, der zu vielfältigen Erschwernissen Anlass gibt. Den Schluss bilden zwei kürzere auswertende Kapitel mit den Schwerpunkten Agency, d.h. von den Frauen entwickelter (Über)lebensstrategien auch gegenüber sozialen Einrichtungen und Empowerment, d.h. der Auseinandersetzung mit professionellen und politischen Strategien zur Stärkung von Migrantinnen.
Inhalt
Die Einleitung beginnt mit dem Satz „das größte Problem für Migrantinnen, die Gewalt erleben, ist der Einwanderungsstatus“ (S. 17) und macht Della Roccas intersektionalen Ansatz mit seiner Verschränkung von Gender, Rassismus und Klassismus deutlich. Sie will aufzeigen, wie strukturelle Barrieren zu Widersprüchen und Ambiguitäten in der Unterstützungspraxis führen und die Vulnerabilität von Migrantinnen selbst in einer feministischen Einrichtung verstärken können. Für ihre Untersuchung stützt sie sich theoretisch auf vorliegende Forschung zu Macht in Institutionen sowie auf feministische Diskurse zu geschlechtsspezifischer Gewalt. Empirisch nutzt sie die ethnografische Methode (teilnehmende Beobachtung und Führung eines Feldtagebuches, ergänzt durch Interviews mit 8 ehemaligen Frauenhausbewohnerinnen und einer Analyse eigener früherer Dokumentationen von 10 weiteren ehemaligen Bewohnerinnen aus der Zeit ihrer früheren Mitarbeit in der Einrichtung), um die praktischen Auswirkungen struktureller Barrieren aufzudecken.
Das erste Kapitel vermittelt einen Überblick über Erkenntnisse zu häuslicher Gewalt gegen Frauen auch anhand eigener Interviewausschnitte und über die Entwicklung der nationalen und internationalen Bekämpfung dieser Gewalt, wobei der Frauenbewegung besondere Bedeutung zugemessen wird. Abschließend geht es um die Einschätzung der Situation von Migrantinnen in Italien, vor allem in Südtirol. Im zweiten Kapitel werden die Erfahrungen von Migrantinnen, die häusliche Gewalt erlitten haben, unter besonderer Berücksichtigung struktureller Barrieren dargestellt, ergänzt durch die Auswirkungen oftmals tiefer Verunsicherung durch das Leben in einem fremden Land und damit einhergehender Unkenntnis institutioneller Unterstützungsmöglichkeiten. Besonders hervorstechend ist neben Aufenthalts- und Sprachproblemen die Schwierigkeit eine Wohnung und Arbeit zu finden, die zur Macht des Mannes über die Frau beitragen und Trennungshindernisse bewirken. Das dritte Kapitel ist – theoretisch durch den Habitus-Ansatz von Bourdieu und das Gewaltmosaik von Speed unterfüttert – den Auswirkungen dieser strukturellen Gewaltverhältnisse auf die Unterstützungspraxis in dem untersuchten Frauenhaus gewidmet, die das Ziel umfassenden Empowerments der Frauen hat. Dafür werden wieder sowohl Interviewausschnitte mit betroffenen Frauen als auch Feldtagebucheinträge und Gesprächsauszüge mit Mitarbeiterinnen herangezogen. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit einer Reifizierung von Machtverhältnissen durch Sozialdienste, mit denen das Frauenhaus z.B. als Geldgeber kooperieren muss, sowie daraus erwachsende Formen der Machtausübung von Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern, wenn diese rechtliche und sozialpolitische Grenzziehungen weitergeben. Im vierten Kapitel werden diese strukturellen Dynamiken bei häuslicher Gewalt bezogen auf die Frauen in ihrer Mutterrolle – wiederum anhand von Interviewauszügen – untersucht. Ein wichtiger Aspekt ist die Angst der Mütter, dass ihnen das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wird, da sie als Migrantinnen in einer besonders prekären Lage sind. Im fünften Kapitel geht es anhand der Interviews um Agency als theoretisch untermauerte Kategorie der Selbststärkung der Frauen durch ihre Trennungsschritte vom gewalttätigen Mann und auch durch die erfahrene Unterstützung im Frauenhaus. So wird gezeigt, dass die Frauen aktive Subjekte sind, deren Aktivitäten und Haltungen nicht zuletzt „den Gap zwischen ihrer Perspektive und der der Mitarbeiterinnen“ (S. 192) sichtbar machen (wie z.B. Opposition gegen eine Umsetzung des zeitlich vorgegebenen Auszugs aus dem Frauenhaus). Nach Della Rocca kann die Reflexion dieses Gaps zum Überdenken der Unterstützungspraktiken anregen, indem eine kritische Haltung zu den strukturellen Bedingungen entwickelt und umgesetzt wird. Dieser Gedanke wird im sechsten Schlusskapitel durch Überlegungen zum Ausbau des Empowerment-Ansatzes weitergeführt. Zusammen mit den Mitgliedern der Einrichtung wurden Veränderungen der eigenen Praktiken beschlossen, sowohl auf praktischer wie auf strategischer Ebene, z.B. durch Verhandlung mit zuständigen Behörden, um die Wohnungssuche für die Frauen zu erleichtern und durch Supervision, um die Gefahr der Reproduktion gesellschaftlich vorhandener Stereotype in der Arbeit zu mindern.
Diskussion
Neben der überzeugenden Analyse der Wirkmacht struktureller Barrieren für die Unterstützungsarbeit mit Migrantinnen in Gewaltsituationen anhand von Literaturrecherche und eigenem empirischen Material, sollen drei Punkte hervorgehoben werden.
Bemerkenswert sind die immer wieder eingeflochtenen Überlegungen zu methodischen Fragen. Sie reichen von Reflexionen zur eigenen Positionierung (als ehemalige Mitarbeiterin) einschließlich eigener Emotionen (wie Ängsten) angesichts der komplexen Beziehungen zu den Mitarbeiterinnen. Die besonderen Herausforderungen ihres „kollaborative(n) Forschungsansatz(es)“ (S. 41) werden zum einen deutlich bei ihren Überlegungen zur Einbeziehung der Einrichtung in die Forschung und zum anderen bei Fragen der Einbeziehung der interviewten Frauen.
Hervorzuheben ist auch die differenzierte Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Kultur, da „man leicht in reifizierende Interpretationen verfallen kann“ (S. 105). Gleichwohl verweisen die interviewten Frauen selbst auf kulturelle Zusammenhänge und Differenzen, die es zu verstehen gilt, ohne „ihre Erfahrungen auf kulturelle Aspekte zu reduzieren, die dem Herkunftskontext zugeschrieben werden“ (S. 130).
Ebenfalls von besonderer Bedeutung ist Della Roccas Auseinandersetzung mit der Differenz von Solidarität, wie sie die feministische Bewegung hervorgehoben hat und professionellem Handeln, das anderen Rahmungen unterliegt – auch bezogen auf die Umsetzung des feministischen Prinzips der Parteilichkeit und des Empowerment-Ansatzes unter Frauen.
Fazit
Diese Publikation stellt eine bereichernde Untersuchung zum Thema Migrantinnen in Gewaltsituationen und bestmögliche Unterstützungsprozesse angesichts struktureller Barrieren dar. Es werden sowohl theoretische Ansätze und methodische Fragen erörtert, die gewinnbringend für wissenschaftlich Interessierte sind, als auch praxisbezogene Untersuchungsergebnisse zu professionellen Ansätzen und deren rechtliche, ökonomische und soziale Rahmungen vorgestellt, die sozial Engagierte und Professionelle ansprechen.
Rezension von
Prof. (i.R.) Dr. Margrit Brückner
Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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