Jörg M. Fegert, Franz Resch et al. (Hrsg.): Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 15.08.2025
Jörg M. Fegert, Franz Resch, Paul L. Plener, Michael Kaess, Manfred Döpfner u.a. (Hrsg.):Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Band 1. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2024. 3. Auflage. 1514 Seiten. ISBN 978-3-662-66743-9. D: 467,28 EUR, A: 514,01 EUR, CH: 551,00 sFr.
Konrad, Kerstin (Hrsg.), Legenbauer, Tanja (Hrsg.)
Reihe: Springer Reference Medizin.
Thema
Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie haben in den letzten Jahren in der Forschung und Versorgung eine enorme Entwicklung gemacht. Durch die Einführung des Grundständigen Psychotherapiestudiums und der damit verbundenen Einführung einer fachspezifischen Weiterbildung in Kinder- und Jugendpsychotherapie, wird es zukünftig zwei heilberufliche Weiterbildungsgänge im Bereich der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geben. Die Neuauflage der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit zahlreichen neuen Themen und fast komplett neuen Texten, spiegelt diese Entwicklung wider, was eine deutlich breitere Palette an Autor:innen zur Folge hat. Ausgewiesene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind gleichberechtigte Mitherausgeber – was dazu führt, dass hier kooperativ und interdisziplinär das Fachgebiet der Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters präsentiert wird. Das Buch beschreibt Schulen übergreifend die am besten geeigneten Therapieverfahren und bietet einen evidenzbasierten Handlungsleitfaden für alle, die in ihrem beruflichen Leben mit Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen zu tun haben. Ein allgemeiner Teil und ein spezieller störungsspezifischer Teil wird in zwei Bänden präsentiert, die durch die gleiche Struktur und didaktische Merkmale alle Leser*innen bei der Orientierung im Text unterstützen.
Herausgeber:innen
Jörg M. Fegert leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie/​Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Franz Resch wirkt am Zentrum für Psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg, Michael Kaess an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Universitäre Psychiatrische Dienste, in Bern. Manfred Döpfner leitet das Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie der Universität Köln. Kerstin Konrad ist an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Aachen. Tanja Legenbauer leitet die Forschungsabteilung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der LWL-Universitätsklinik Hamm der Ruhr-Universität Bochum. Paul Plener ist Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinische Universität Wien. Dazu kommen rund 50 weitere Autor:innen, die einzelne Kapitel beigesteuert haben – alle profunde Expert:innen ihres Fachgebietes.
Aufbau und Inhalt
Beide Bände bestehen aus 27 Teilen mit jeweils einer Reihe Unterkapiteln sowie einem äußerst umfangreichen Stichwortverzeichnis. Alle Kapitel sind mit einem eigenen Inhaltsverzeichnis, Kontaktdaten der Autor:innen sowie Literaturangaben versehen. Zahlreiche Fallbeispiele verdeutlichen die theoretischen Einordnungen in nahezu allen Kapiteln. Auch Tabellen und Grafiken werden eingesetzt, um den Leser:innen einen Überblick über das jeweilige Thema zu geben.
Im ersten Teil steht das Thema Entwicklung im Kindes- und Jugendalter im Fokus beispielsweise im Bereich Bindung oder aber bei der Rolle der Schule in der kindlichen und jugendlichen Entwicklung. Teil II ist mit Prägende Umweltbedingungen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen betitelt. Hier geht es zum Beispiel um die Kinderbetreuung als prägender Einflussfaktor für die kindliche Psyche oder Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien. Risiko und Vulnerabilität ist der dritte Teil überschrieben, der sich unter anderem mit Armut als Risikofaktor im Kindes- und Jugendalter beschäftigt. Ein weiteres Kapitel, an dem Herausgeber Fegert mitgeschrieben hat, hat Adverse Childhood Experiences (ACE) – belastende Kindheitserlebnisse zum Thema. Teil IV widmet sich dem Oberthema Klassifikation und Diagnostik – Psychopathologie und Familiendiagnostik sind hier zwei der Themen, um die es geht. Prävention und Therapie sind thematisch im fünften Teil angesiedelt. So geht es zum Beispiel um die Frühintervention psychischer Störungen oder Tiefenpsychologische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Im sechsten Teil widmen sich die Autor:innen dem Themenblock Recht und Begutachtung zum Beispiel im Hinblick auf das im SGB XIV verankerte Soziale Entschädigungsrecht oder Zwangsmaßnahmen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mit dem siebten Teil über Ethik und Geschichte endet in der Druckversion der erste Band des Buches: Studien bei Kindern und Jugendlichen und die Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland sind an dieser Stelle Themen.
Der zweite Band widmet sich überwiegend konkreten Störungs- und Krankheitsbildern und lag für diese Rezension ebenso wie der erste Band als Form eines gesamten E-Books vor. Teil VIII beschäftigt sich mit Epilepsie im Kindes- und Jugendalter, der neunte Teil mit akuten und chronischen organische Psychosyndromen im Kindes- und Jugendalter. Missbrauch und Abhängigkeit stehen im Mittelpunkt des zehnten Teils, wobei es neben dem substanzgebundenen Bereich auch ein Kapitel zur Internet- und Computersucht bei Kindern und Jugendlichen gibt. Teil Xi hat die Psychosen zum Thema, während es anschließend um Affektive Störungen geht. Näher betrachtet werden dabei zum Beispiel die Depressiven Störungen aber auch Bipolare Störungen. Teil XIII widmet sich den Zwangs- und Angststörungen, wobei ein Kapitel dem wichtigen Thema Schulvermeidung gewidmet ist. Um Anpassungs- und Belastungsstörungen geht es danach im vierzehnten Teil, in Teil XV um Selbstschädigung. Teil XVI behandelt Dissoziative, somatoforme Störungen, bevor es in Teil XVI um Essstörungen, Adipositas und Ausscheidungsstörungen geht. Darauf folgt ein Teil über Persönlichkeitsstörungen sowie Geschlechtsidentität, Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter, bevor sich Teil XX dem Thema Intelligenzminderung nähert. Teil XXI hat dann Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten im Blick, bevor Tourette- und Tic-Störungen in den Fokus rücken sowie das Autismusspektrum und die Hyperkinetische Störungen. Die Störungen des Sozialverhaltens werden in Teil XXV eingeführt. Es folgen die Bindungsstörungen sowie ein Teil über Suizidalität und Notfälle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Bei dieser unfassbaren Menge an Wissen uns Informationen sei ein Kapitel – es hätte prinzipiell jedes Andere auch sein können – exemplarisch herausgehoben, um die Qualität der Beiträge zu verdeutlichen. Daher ist Kapitel XIII Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen als Beispiel schon fast willkürlich gewählt. Verfasst haben diesen Beitrag Manfred Döpfner und Susanne Walitza von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Wie in diesem Standardwerk üblich ist auch dieses Kapitel in kleine Schritte untergliedert und mit zahlreichen erklärenden Tabellen beziehungsweise Abbildungen gespickt, die den Fließtext ergänzen. Deutlich wird, dass die Wahrscheinlichkeit bei einer in Kindheit oder Jugend vorliegenden Zwangsstörung diese auch im Erwachsenenalter zu haben, bei 50 bis 80 Prozent liegt. Grundsätzlich gilt: „Im Kindes- und Jugendalter werden für Zwangsstörungen Prävalenzraten von 0,1 bis 3,6 % angegeben“ (S. 991), wobei es den Eindruck macht, dass in der Kindheit mehr Jungen als Mädchen betroffen sind. Dieses Verhältnis verändert sich dann im Jugend- und Erwachsenenalter auf eine etwa paritätische Verteilung beziehungsweise leichten Überhang bei Frauen. Zur Entstehung von Zwangsstörungen liegt bisher kein abschließendes Bild vor, nur so viel ist klar: „Die Heterogenität dieser Störung legt multifaktorielle Ursachen nahe, in denen neurobiologische, genetische, neuroanatomische und neurophysiologische, neuroim munologische, neuropsychologische und psychosoziale Faktoren Berücksichtigung finden“ (S. 992). Einer der Erklärungsansätze ist das bio-psycho-soziale Modell, das mehrere Faktoren berücksichtigt. Manfred Döpfner hat dieses entwickelt und geht davon aus, dass Zwangsstörungen quasi das Ergebnis der Summe biologischer Vulnerabilität, psychosozialer Belastungen und prämorbider Auffälligkeiten zu sein scheinen, woraus sich „häufig durch spezifische Auslöser angestoßen, Zwangsstörungen [entwickeln]. Zwangsgedanken werden durch Angst-, Scham-, Ekel- oder ein Unvollständigkeits- und Nicht-genau-richtig-Erleben reduzierende Zwangshandlungen (einschließlich mentaler Zwangshandlungen) negativ verstärkt und somit aufrechterhalten“ (S. 995). Es kommt dabei vor, dass die gesamte Familie häufig entlastend unterstützen durch ein Mehr an Zuwendung, was wiederum als positiver Verstärker wirken kann. Die Kinder und Jugendlichen binden die Eltern und ihre Geschwister zunehmend in ihre Zwänge ein und kontrollieren damit in steigendem Maße das Verhalten der Familienmitglieder. „Zu aggressiven Auseinandersetzungen innerhalb der Familie kann es insbesondere dann kommen, wenn sich Elternteile oder Geschwister nicht in die Zwangssymptomatik einbinden lassen“ (S. 995 f.). Umfangreiche Darstellungen möglicher Therapieansätze, die auch immer das Familiensystem einbeziehen sollten, und deren wissenschaftlich untersuchte Wirksamkeit runden dieses Kapitel ab. Klar ist, dass Zwangsstörungen großen Leidensdruck bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen, aber auch den Familien auslösen. Teilweise kommt es zu massiver Reduzierung des psychosozialen Funktionsniveaus der jungen Patient:innen, wobei die Chronifizierung der Zwänge eine wirksame Behandlung umso schwieriger macht.
Diskussion
Die Fülle an Information und Wissen – fast 1600 Seiten – ist ein unerlässliches Werkzeug für die tägliche Arbeit von Assistenzärzt*innen, Fachärzt*innen, Assistenzpsychotherapeut*innen in Fachweiterbildung Kinder- und Jugendpsychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen in Ausbildung, Psychotherapeut*innen und Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen, auch in angrenzenden Fachgebieten. Umfassend, praxisnah, vorbildlich in der Präsentation – ein Werk dieser Güteklasse hat seinen Preis, völlig zurecht im Übrigen. Mehr Kompetenz und Inhalt gehen wahrscheinlich wirklich nicht als bei diesem Standardwerk, das auf der aktuellsten Version des in Deutschland gültigen Diagnosemanuals, der ICD-11, basiert, aber auch immer wieder die Brücke zur noch in Verwendung befindlichen ICD-10 und dem in den USA verwendeten DSM-5 schlägt. Die Darstellungsweise sorgt dafür, dass sich aus den Kapiteln gut lernen lässt, auch wenn es natürlich alles andere als ein Lehrbuch ist. Aber auf für diese Reihe gewohnt hohem Niveau werden optische Marker gesetzt, die weitergehend informieren und dafür sorgen, bei den Leser:innen nicht das Gefühl entsteht, von der wahren Masse an Informationen förmlich erschlagen zu werden. Dass alleine das Stichwortverzeichnis fast 100 Seiten hat, spricht Bände, ist aber auch ein Beweis für die herausragende Qualität des Buches: Ein tiefergehendes Stichwortverzeichnis dürfte so schnell in der Fachliteratur nicht wiederzufinden sein. Auf den ersten Blick etwas undurchschaubar wirkt eine Einteilung in zwei Bände in der Druckversion. Wo ist denn der zweite Band? Für die Rezension spielte das aber keine Rolle wegen der vorliegenden elektronischen Version.
Fazit
Ob als Buch oder als E-Book: Wer dieses Werk sein Eigen nennt, ist auf der Höhe der Zeit auf fachlich höchstem Niveau rund um das Thema Kinder- und Jugendpsychiatrie bzw. -psychotherapie informiert. Mehr Wissen geht nicht!
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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