Manfred Baumann: Sterben und Tod in der Palliativ- und Intensivpflege
Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Rensinghoff, 18.03.2025
Manfred Baumann: Sterben und Tod in der Palliativ- und Intensivpflege. Woran Fachkräfte ihr Handeln orientieren. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2024. 568 Seiten. ISBN 978-3-86321-736-5. D: 70,00 EUR, A: 72,00 EUR, CH: 69,21 sFr.
Reihe: Ethik - Pflege - Politik - 8.
Thema
Die zu besprechende Publikation hat zum Ziel, „Erkenntnisse darüber zu gewinnen, woran Pflegende […] der spezialisierten Palliativpflege und Intensivpflege ihre Praxis des Umgangs mit Sterbenden und Verstorbenen orientieren“ (S. 15).
Autor
Manfred Baumann ist evangelischer Theologe, Pflegewissenschaftler, Ethikberater im Gesundheitswesen, Gesundheits- und Krankenpfleger, Palliative Care-Fachkraft und Hospizleiter. Er verfügt demnach über die erforderliche Expertise für das Thema, welchem sich das Buch widmet.
Entstehungshintergrund
Unter dem Titel – „Was ich nie vergessen werde.“ Handlungsleitende Orientierungen im Übergang mit Sterbenden und Verstorbenen in der spezialisierten Palliativpflege und Intensivpflege – wurde diese Arbeit von der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Fakultät Vallendar als Dissertation angenommen.
Aufbau
- Theoretische Einbettung und aktueller Forschungsstand
- Forschungsmethoden
- Untersuchungsergebnisse – Das Erschreckende und Schöne als handlungsleitende Orientierungen mit Sterbenden und Verstorbenen
- Diskussion – Handlungsleitende Orientierungen im Umgang mit Sterbenden und Verstorbenen
Inhalt
Der Autor widmet sich in seinen Forschungsbemühungen der Frage, was für Pflegende im Umgang mit Sterbenden und Verstorbenen bedeutsam ist, welche Erfahrungen und Deutungen hier zum Tragen kommen und dem Handeln der Pflegenden Orientierung geben.
Um die Forschungsfrage zu beantworten führte Baumann biografisch-narrative Interviews durch. InterviewpartnerInnen waren Pflegende, die in der stationären Intensiv- und spezialisierten Palliativpflege tätig sind.
Beim Sprechen über Sterben und Tod erkennt Baumann eine disziplinäre Bedeutungsvielfalt: So werden „Eckpunkte des Sterbeprozesses wie der Beginn des Sterbens und das Kriterium des Todeszeitpunktes […] ‚durch medizinisch-biologische Modelle, aber auch durch religiöse und ethische, gesellschaftliche und kulturelle, historische und rechtliche Konstruktionen […] (mit)bestimmt‘“ (S. 32). Sterben findet in – für diesen Anlass – produzierten Sterbewelten statt, d.h. Sterben und Tod werden sowohl privatisiert als auch institutionalisiert. Institutionalisierte Sterbewelten sind u.a. Intensivstationen oder die spezialisierte Palliativabteilungen.
Sterben und Tod werden ab den 1970er Jahren sichtbar. Es kommt hier zu einer bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod und dem eigenen Sterben. Das Aufkommen der Hospizbewegung und der Aidsbewegung machen Sterben und Tod öffentlich.
Als letztes planbares Projekt widmet sich der Autor dem selbstbestimmten Sterben. Es ist ein Sterben, bei dem der betroffene Mensch darüber bestimmt, was am Lebensende wichtig ist.
Forschungsmethodologisch hat Manfred Baumann 20 biografisch-narrative Interviews durchgeführt. Bei den interviewten Personen handelt es sich um erfahrene Pflegende, die in der stationären Intensiv- und spezialisierten Palliativpflege tätig sind. Über das Instrument der dokumentarischen Methode erfolgte die Interviewauswertung.
Im Ergebnis stellt der Autor fest, dass die Pflege von Schwerstkranken und Sterbenden eine zentrale Aufgabe von beruflich Pflegenden ist. „Angesichts sehr dichter Sterbeerfahrungen ist nur wenig bekannt, was für erfahrene Pflegende aus den Feldern der Spezialisierten Palliativversorgung und Intensivpflege im Umgang mit Sterbenden und Verstorbenen bedeutsam ist, welche Deutungen für sie im Umgang mit Sterbenden und Verstorbenen relevant sind und welche Orientierungen in ihrem Handeln in Situationen der Sterbebegleitung zum Tragen kommen“ (S. 403).
Diskussion
Manfred Baumanns Forschung liefert wertvolle Mosaiksteine für die Pflege von Sterbenden und den Umgang mit dem Tod an den Sterbeorten Intensiv- und Palliativstation. Die Pflege und der Umgang mit diesem Unausweichlichen weicht ab von der üblichen Gesundheits- und Krankenpflege und wird beim Sterben und dem Tod von jeder Person, die an diesen speziellen Orten tätig ist, anders erlebt. Das Sterben und schließlich den Tod eines Anderen erleben ist eine Herausforderung und wird von jeder Person anders verarbeitet oder eben erlebt.
Der theologische Hintergrund des Autors erklärt für den Rezensenten die ethische Herangehensweise an dieses brisante pflegewissenschaftliche Thema. Im Gegensatz dazu betrachtet der Palliativmediziner Matthias Thöns (2016) den wirtschaftlichen Aspekt am Lebensende. Nach Thöns steckt der Fehler im deutschen „Gesundheitssystem, das Fehlanreize schafft, um Apparatemedizin anzuwenden, immer neue Chemotherapien einzusetzen und große Eingriffe durchzuführen. Es liegt in der Logik des Systems, wenn Ärzte und die unter hohem Kostendruck arbeitenden Kliniken und Pflegedienste diese Rahmenbedingungen gezielt ausschöpfen. Übertherapie wird hierzulande honoriert und Lebensminderung bestraft – zumindest finanziell“ (ders., 17). Teure Hightechtherapien ermöglich den Menschen am Lebensende somit keine Lebensqualität. Ganz im Gegenteil „quält die moderne Medizin sie teilweise sogar gegen ihren Willen mit sündhaft teuren, oft überflüssigen und äußerst belastenden Therapien“ (ders., 16)
Fazit
Intensivstationen und spezialisierte Palliativpflegestationen sind besondere Sterbeorte. Es sind Orte, an denen Sterben und Tod in der Regel auf der Tagesordnung stehen. Über diese besonderen Orte und das Erleben der hierin beruflich Tätigen schreibt Manfred Baumann in seiner Veröffentlichung.
Literatur
Thöns, Matthias (2016): Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende. München/Berlin: Piper Verlag.
Rezension von
Prof. Dr. Carsten Rensinghoff
Hochschullehrer für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der DIPLOMA Hochschule
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