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Peter F. Schlottke u.a. (Hrsg.): Störungen im Kindes- und Jugendalter

Cover Peter F. Schlottke u.a. (Hrsg.): Störungen im Kindes- und Jugendalter - Grundlagen und Störungen im Entwicklungsverlauf. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 1112 Seiten. ISBN 978-3-8017-0542-8. 179,00 EUR, CH: 283,00 sFr.

Reihe: Enzyklopädie der Psychologie : Themenbereich D, Praxisgebiete : Ser. 2, Klinische Psychologie - Band 5.
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Einführung in die Themenstellung

Die Entwicklung der sozio-emotionalen und kognitiven Fähigkeiten eines jungen Menschen ist ein hochkomplexer Prozess, in dem körperlich angelegte Entwicklungsmöglichkeiten mit mehr oder weniger förderlichen Umwelten in Interaktion stehen. Die Identifizierung von Störungen oder Störungsrisiken des Entwicklungsprozesses setzt ausreichende Kenntnisse  über die Varianten regelrechter Verläufe voraus. Entsprechendes Wissen erfordert zum einen den querschnittlichen Vergleich verschiedener Entwicklungen. Notwendig, um eine Störung zu identifizieren, ist aber auch der längsschnittliche Vergleich über die Zeit.

Gibt es Merkmale (Risiken), die mit der Wahrscheinlichkeit einer psychischen Störung im Entwicklungsverlauf in Zusammenhang stehen? Wie spezifisch sind Risikomerkmale hinsichtlich verschiedener Störungen? Woran sind Risikogruppen früh zu erkennen? Unter welchen Bedingungen ist zu erwarten, dass die sich entwickelnde Person und die Umgebung ein Risiko im Entwicklungsverlauf ausgleichen können? Welche Bedingungen erhöhen ein bereits bestehendes Risiko in Richtung einer störungswertigen Entwicklung? Vermögen professionelle Interventionen ein Entwicklungsrisiko zu senken? Wie stabil entwickeln sich einmal eingetretene Störungen im natürlichen, unbehandelten Verlauf? Welches Wissen liegt über die Effekte verschiedener Versuche therapeutischer Einflussnahmen vor?

Fragen dieser Art stellt und bearbeitet die entwicklungspsychopathologische Forschung. Diese Forschungsrichtung erfordert zum einen viel Geduld und Kontinuität, denn erst die längssschnittliche Beobachtung ausreichend kontrollierter Stichproben gibt Hinweise auf differentielle Entwicklungsverläufe. Zum anderen ist Behutsamkeit und Geschick bei der Interpretation gefragt. Denn nicht nur in korrelativen Querschnittserhebungen, auch in den entwicklungspsychopathologisch geforderten prospektiven Untersuchungsdesigns müssen Prädiktoren, die eine manifeste Störung statistisch voraussagen, nicht in einem pathogenetischen Wirkzusammenhang mit den gestörten Prozessen stehen. Die Interpretation der Daten hinsichtlich möglicher Entstehungsbedingungen erfordert den Bezug auf psychologische Funktionsmodelle, die theoretisch nachvollziehbar und mit der Befundlage kompatibel sein sollten.

Die entwicklungspsychopathologische Forschung wurde in den zurückliegenden drei Jahrzehnten zunehmend systematisiert, wobei die verschiedenen Studien im Regelfall unabhängig voneinander durchgeführt werden und in unterschiedlichen theoretischen Kontexten stehen. Offenbar ist im deutschen Sprachraum die Zeit mittlerweile reif für eine erste zusammenfassende Auswertungswelle dieser Forschungsrichtung. Einer so exponierten Veröffentlichung wie dem hier besprochenen Band der Enzyklopädie der Psychologie des Hogrefe Verlags kommt dabei besondere Verantwortung zu. Erfahrungswissen im Bereich der psychopathologischen Risikoforschung braucht nicht nur Jahre, bis es entsteht. Es braucht auch Pflege und Achtsamkeit, um Bedeutung zu entfalten und nicht in Vergessenheit zu geraten.

Aufbau

  1. Teil I: "Konzepte, Theorien und Methoden", der acht Kapitel umfasst, enthält störungsübergreifend konzipierte Beiträge. Zwei davon gehen der Frage nach, wie Entwicklungsrisiken methodisch identifiziert werden (entwicklungspsycho­pathologische Perspektive; Forschungsstrategien). In zwei weiteren Beiträgen werden zwei zentrale Klassen von Einflussfaktoren diskutiert: neurobiologische Faktoren und familienbezogene Stressoren. In weiteren Kapiteln werden die beiden aktuell gültigen Klassifikationssysteme psychischer Störungen, sowie ausgewählte Ansätze der Prävention und der familienbezogenen Interventionvorgestellt. Ein Beitrag beschäftigt sich mit lerntheoretischen Grundlagen.
  2. Teil II: "Störungen im Entwicklungsverlauf" enthält 16 Kapitel, die jeweils auf ein Cluster ausgewählter Störungen des Kindes- und Jugendalters eingehen. Die Auswahl ist an den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV orientiert, aber hinsichtlich der diagnostischen Kategorien verständlicherweise nicht erschöpfend. Die Auswahl der Störungsbilder repräsentiert nach Einschätzung der Herausgeber, "die gesamte Bandbreite klinisch-psychologisch bedeutsamer Beeinträchtigungen von Geburt an (…) bis hin zum jungen Erwachsenenalter". Die Herausgeber weisen darauf hin, dass "Verhaltensauffälligkeiten" bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen, mit Behinderungen und in besonderen Lebenslagen in Band 6 der Reihe besprochen werden. Die sinnvolle, aber auch aufwändige Abgrenzung zwischen "Verhaltensaufälligkeit" und "Störung" wird an dieser Stelle nicht vorgenommen. Nützlich wäre für den Leser daher eine Übersicht, welche Störungen in Band 6 aufgegriffen werden. Nicht eingehend diskutiert werden in Band 5 Dissoziative Störungen des Kindes- und Jugendalters, Posttraumatische Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen und Zwangsstörungen. Auch wurde  kein Beitrag zur Kategorie F 94 des ICD-10 ("Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend") aufgnommen, diese umfasst u.a. die Diagnosen Elektiver Mutismus, Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters sowie Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung.

Beiträge des ersten Teils

  • Der erste Beitrag in Teil I des Buches Die entwicklungspsychopathologische Perspektive stammt von Rainer K. Silbereisen & Martin Piquart. Die beiden Jenaer Entwicklungspsychologen führen unverkrampft und gut nachvollziehbar in die entwicklungspsychopathologische Methodik ein. Erläutert werden die Schlüsselbegriffe Risiko, Protektion und Resilienz. Als Ergebnisbeispiele des Forschungsansatzes werden Studien zur Bindungsorganisation, zur Entwicklung jugendlichen Problemverhaltens und zum Depressionsrisiko in der Adoleszenz genannt. Erstaunlich ist, dass in diesem Zusammenhang weder die Regensburger Verlaufsstudien zur Bindungsentwicklung noch der Konstanzer Längsschnitt erwähnt werden und man die Namen Grossmann und Fend im Literaturverzeichnis vergeblich sucht.
  • Der Kinder- und Jugendpsychiater Aribert Rothenberger und sein Team aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätsklinik Göttingen steuern das Kapitel Neurobiologische Ansätze bei psychischen Störungen bei. Ausgangspunkt der Darlegungen ist die hohe Störanfälligkeit des zentralen Nervensystems in den ersten Lebensjahren. Außergewöhnliche Anforderungen an den Organismus, die als unkontrollierbar erlebt werden, können im Sinne resilienter Verarbeitung zu erfolgreicher Neuanpassung führen. Im Fall extremer und anhaltender Belastungen oder in Kombination mit anderen Risikofaktoren kann sich aber auch eine tief greifende Destabilisierung der neuronalen Verschaltungen entwickeln. Rothenberger, Gunther H. Moll, Tobias Banaschewski und Michael Siniatchkin gehen in ihrem Beitrag auf neurobiologische Hypothesen zur Entstehung und Aufrechterhaltung von insgesamt 13 Störungsbildern ein, die im Kindes- und Jugendalter relevant sind. Die Betrachtung konkreter störungsbezogener Zusammenhänge ist angesichts der teilweise noch recht uneindeutigen Befundlage mutig; die Darlegungen erfolgen aber sehr differenziert und in der Regel ausreichend zurückhaltend, so dass die Zusammenstellung, die in dieser konzentrierten Form sonst kaum zu finden sein wird, ein großer Gewinn für den Leser ist.
  • Eine andere Klasse von Stressoren und Resilienzfaktoren wird von Meinrad Perrez behandelt, nämlich Stressoren in der Familie und Familie als Stressor. Der im schweizerischen Fribourg lehrende Psychologe charakterisiert Risikofamilien durch eine chronisch unangemessene Passung von Umweltbedingungen und kindspezifischen Bedürfnissen. Perrez diskutiert den Zusammenhang psychischer Entwicklungstörungen des Kindes- und Jugendalters mit verschiedenen Klassen familienbezogener Risiken. Diskutiert werden unter anderem die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit der Eltern, von Scheidung, Depressivität eines Elternteils, Paarstörungen und dysfunktionalen Erziehungsstilen. Aus störungsspezifischer Perspektive wird die Befundlage exemplarisch für Angststörungen, depressive Störungen und oppositionelles Verhalten dargestellt. Abgeleitet werden geeignete Ansätze familienbezogener Prävention.
  • Die in den USA lehrenden Professoren Alexander von Eye und Christof Schuster steuern den methodologischen Beitrag Forschungsstrategien bei.
  • Der Mannheimer Kinder- und Jugendpsychiater Martin H. Schmidt, Mitherausgeber des in Deutschland angewandten Diagnoseinventars für Kinder und Jugendliche, und Marianne Klein aus der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Remscheid erläutern in ihrem Beitrag den Aufbau der gängigen diagnostischen Klassifikationssysteme. Behandelt wird der von der WHO herausgegebene International Code of Disease ICD-10, das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM-IV der American Psychiatric Association und das "Zero-to-Three", das als Diagnosesystem für Säuglinge und Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren dient. Methodologische Fragen zur kategorialen Klassifikation werden in dem Artikel angesprochen. Nützlich ist eine Übersicht über deutschsprachige diagnostische Erhebungsverfahren zum Screening psychischer Auffälligkeiten und Störungen.
  • Der Beitrag des Marburger Psychologen Bernd Röhrle zu Präventionsansätzen im Kindes- und Jugendalter weist eine außergewöhnliche Strukturiertheit auf, die aus den schon oft gehörten Schlüsselbegriffen ein Gefühl von Tiefenverstehen für das Anliegen der Prävention hervorbringt. Auf diesem Boden werden spezifische Programme zur Suizidprävention, zur Prävention von Depression, antisozialem Verhalten, Drogenmissbrauch und Essstörungen vorgestellt. Röhrle fasst vorliegende Metaanalysen verschiedener Effektstudien zusammen, hieraus ergeben sich Hinweise auf die selektive Indikation unterschiedlicher Präventionsmethoden. Die detaillierte Diskussion der Analyseergebnisse gibt Hinweise auf günstige Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Methoden und verschiedenen Alters- oder Problemgruppen.
  • Im Schlusskapitel des ersten Buchteils Familienintervention und Prävention bei Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter stellen die Australischen Psychologen Matthew R. Sander und Alan Ralph das von Sanders Arbeitsgruppe entwickelte Triple-P-Positive Parenting Program vor. Als eine zu klärende Frage wird diskutiert, ob für familienbasierte Interventionsprogramme quasi sensible Phasen im Entwicklungsverlauf bestehen, oder die langfristige Familienbegleitung der zeitlich begrenzten Intervention überlegen ist.

Beiträge des zweiten Teils

  • Die störungsbezogenen Beiträge des Teil II weisen eine einheitliche Grundstruktur auf. Das klinische Erscheinungsbild und die Klassifikation der Störung werden beschrieben, sowie Angaben zur Epidemiologie gemacht. Modelle der Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung werden dargelegt und Interventionsansätze bewertet. Auf der Grundlage der diskutierten Befunde erfolgt schließlich in der Regel eine Empfehlung für die Behandlung.
  • Der in Zürich tätige Entwicklungspsychologe Dieter Wolke geht auf Fütter- und Essstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter ein. Essen als primäres organismisches Bedürfnis ist im Säuglingsalter zugleich "der erste Test der Kompetenzen der Bezugperson die Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen", betont Wolke einleitend. Es folgt eine sehr detaillierte und nützliche Beschreibung des klinischen Erscheinungsbildes in verschiedenen Altersphasen. Die diskutierten entwicklungspsychopathologischen Befunde identifizieren Fütterstörungen nicht nur als ernsthafte Belastung der körperlichen Entwicklung, auch als Indikator einer problematischen sozio-emotionalen Mutter-Kind-Abstimmung, deren Störung im Entwicklungsverlauf auf andere Interaktionsbereiche generalisieren kann. In Form einer Leitlinie stellt der Artikel konkrete Anhaltspunkte für Diagnostik und Therapie zur Verfügung.
  • Die Münchner Entwicklungspsychologin Beate Sodian geht auf die Tiefgreifende Entwicklungsstörung Autismus ein. Der Schwerpunkt des Kapitels liegt auf Defiziten in der Theory of Mind-Kompetenz, die für das autistische Syndrom aufgezeigt wurden. Die Fähigkeit zur prinzipiellen Differenzierung zwischen einem realen Sachverhalt und verschiedenen Überzeugungen über diesen Sachverhalt ist essenziell für gelingende soziale Interaktion und Kommunikation. Für autistische Probanden wurden wiederholt Defizite dieser Kompetenz aufgezeigt. Sodian diskutiert detailliert die störungsbezogene Spezifität dieser Befunde und setzt sich mit generalisierenden Erklärungsmodellen auseinander.
  • Das Kapitel Verhaltensstörungen bei intellektueller (geistiger) Behinderung wurde von Germain Weber (Wien) und Johannes Rojahn (Ohio) verfasst. Die Diagnose einer Intellektuellen Behinderung setzt die gleichzeitige Beeinträchtigung von Intelligenzleistung und des sozial-adaptiven Verhaltens voraus. Der Unterstützungsbedarf im Sozialbereich wird im Klassifikationssystem der American Association on Mental Retardation - AAMR besonders berücksichtigt. Die Autoren gehen auf die Klassifikationskriterien der AAMR ein. Deutschsprachige Verfahren zur Erfassung adaptiver Verhaltensleistungen werden nicht besprochen. Recht knapp fällt auch die Darlegung testpsychologischer Leistungsverfahren aus. Die Diskussion psychologischer Interventionen erfolgt eingehend, unterschieden nach primär verhaltensfördernden und primär verhaltensreduzierenden Verfahren.
  • Das Kapitel Umschriebene Entwicklungsstörungen der Sprache von Sabine Weinert gehört zu den herausragenden Beiträgen des Buches. Die in Bamberg lehrende Psychologin setzt sich mit der Klassifikationsstruktur des Störungsspektrums auseinander und diskutiert diese hinsichtlich der vorliegenden empirischen Befunde. Dabei werden zahlreiche Untersuchungen herangezogen, die in ihrer früheren Arbeitsgruppe um Hannelore Grimm durchgeführt wurden, und in eine entwicklungspsychopathologische Betrachtung integriert. Studien zeigen häufige Folgeprobleme von Sprachstörungen, die sich langfristig im schulischen, sozio-emotionalen und kognitiven Bereich auswirken können. Der Beitrag beschreibt Indikatoren, die eine frühe Identifizierung von Risikokindern ermöglichen, und gibt einen umfassenden Überblick über vorliegende Fördermethoden.
  • Umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen wirken sich auf die Partizipation an sozialen Aktivitäten und auf die Selbstentwicklung aus. Heinz Krombholz, Mitarbeiter des Bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik, gibt einen detaillierten Überblick über das Störungsspektrum. Hilfreich ist auch eine Zusammenstellung von Testverfahren zur Ermittlung des motorischen Entwicklungsstandes. Krombholz weist darauf hin, dass Leistungsrückstände in der motorischen Entwicklung "durchaus therapierbar" sind und diskutiert verschiedene Interventionsansätze.
  • Das Kapitel Störungen der Ausscheidungen wurde von Gabriele Haug-Schnabelaus der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie verfasst. Störungen der Blasenkontrolle und Störungen der Darmkontrolle gehören zu einem Störungsspektrum, in dem körperlich und psychisch bedingte Dysfunktionen sehr genau voneinander abgegrenzt werden müssen. Der Artikel geht sehr klar auf differenzialdiagnostische Klärungsstrategien ein. Entstehungsmodelle werden diskutiert und vorliegende Therapieansätze kritisch gewürdigt. Abschließend erfolgen gut nachvollziehbare Empfehlungen für die Therapieplanung.
  • Manfred Döpfner und Gerd Lehmkuhl setzen sich in ihrem Beitrag mit Störungen der Aufmerksamkeit und Hyperaktivität auseinander. Aus der Kölner kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätsklinik sind von beiden Autoren bereits zahlreiche Beiträge zu diesem Syndrom veröffentlicht worden. Entsprechend souverän wird die Thematik behandelt. In der Praxis wirft das Störungsbild komplizierte Fragen auf, insbesondere hinsichtlich der Unterscheidung situationsübergreifender und situationsspezifischer ADHS. Das Kapitel benennt diese Kontroverse, die weitreichende diagnostische und ätiopathogenetische Implikationen hat, sehr klar. Eine eingehende Diskussion dieses für das gesamte Störungskonzept entscheidenden Problems nehmen die Autoren jedoch nicht vor. Gründlich diskutiert wird das Spektrum therapeutischer Interventionsansätze einschließlich der pharmakotherapeutischen. Den Abschluss bilden die orientierenden Hinweise der Autoren zur Indikation verschiedener Interventionsformen.
  • Lesestörungen und Störungen des schriftlichen Ausdrucks gefährden die schulische Entwicklung der Betroffenen und müssen als Risiko für die emotionale und soziale Entwicklung eines jungen Menschen betrachtet werden. Christian Klicpera (Wien) und Barbara Gasteiger-Klicpera (Weingarten) widmen sich diesem Thema. Das klinische Bild ist gekennzeichnet durch langsameren Erwerb der Leserfertigkeit und erhöhte Störanfälligkeit der Leseleistung. Als zentrales Risiko für die Störungsentstehung werden genetische Faktoren diskutiert. Als zentralen Faktor der Störungsentwicklung beschreiben die Autoren die verringerte Lesepraxis, die sich im natürlichen Verlauf aus der primären Störung entwickelt und zu immer größerer Diskrepanz der Lesefertigkeit der Betroffenen im Vergleich zu den Mitschülern führt. Der störungsstabilisierenden Vermeidung des Lesens sollen die empfohlenen Fördermaßnahmen gezielt und mit der richtigen Anforderungsdosierung entgegenwirken.
  • Annemarie Fritz (Duisburg), Gabi Ricken (Erfurt) und Peter F. Schlottke (Tübingen und Stuttgart) gehen auf Rechenstörungen ein. Die Autoren diskutieren Validitätsprobleme der sogenannten Diskrepanzdiagnose, die eine statistisch überzufällige Differenz zwischen der Intelligenzausprägung und der Rechenleistung eines Probanden als notwendiges Störungskriterium fordert. Diagnostische Strategien und Testverfahren zur Erfassung mathematischer Kompetenzen werden detailliert besprochen und Förderprogramme vorgestellt.
  • Der Beitrag des Würzburger Kinder- und Jugendpsychiaters Andreas Warnke ist auf die ICD-10 Kategorie Störungen der Impulskontrolle und abnorme Gewohnheiten bezogen, die eine ziemlich heterogene Störungsgruppe versammelt. Die für Kinder und Jugendliche besonders relevanten Störungen dieser Kategorie "pathologische Brandstiftung" und "Trichotillomanie", zu denen in den einschlägigen Lehrbüchern recht wenig zu finden ist, werden vergleichsweise ausführlich dargelegt. Das Pathologische Glücksspiel als nicht-stoffgebundene Form süchtigen Verhaltens, um das es in den letzten Jahren in der Literatur etwas ruhiger geworden ist, wird ebenfalls diskutiert. Ergänzend wäre in diesem Kontext eine Auseinandersetzung mit Befunden zum exzessiven Gebrauch von PC-Spielen und Internet wünschenswert gewesen.
  • Tic-Störungen weisen im Grundschulalter hohe Prävalenzraten auf. Aribert Rothenberger und Tobias Banaschewski nehmen eine sehr konkrete Beschreibung des klinischen Erscheinungsbildes und des symptomatischen Erlebens durch die Betroffenen vor. Die häufige Komorbidität mit anderen psychischen Störungen, insbesondere dem Hyperkinetischen Syndrom und Zwangsstörungen wird eingehend diskutiert. Etwas ärgerlich ist, dass als Fremdbeurteilungsinstrumente nur angloamerikanische Verfahren aufgeführt werden und im deutschen Sprachraum verfügbare Instrumente unerwähnt bleiben.
  • Störungen des Sozialverhaltens stellen ein Schwergewicht in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Versorgung dar, das nicht leicht zu managen ist. Den sehr hohen Vorstellungsraten in Praxen und Versorgungseinrichtungen stehen hohe Abbruchraten und komplizierte Prognosen gegenüber. Franz und Ulrike Petermann (Bremen, Dortmund) setzen sich in ihrem Beitrag sehr eingehend mit entwicklungspsychopathologischen Risiko- und Verlaufsfaktoren dieser kostenintensiven Störung auseinander. Die empfohlenen Interventionsprogramme setzen an den aufrechterhaltenden Störungsfaktoren an und konnten als prinzipiell effektiv aufgezeigt werden, sofern die Therapien durchgehalten wurden. Eine der wesentlichen Aufgaben der Klinischen Kinderpsychologie und Pädagogik, so die Autoren, ist die hohen Drop-out-Raten in den Therapien gestörten Sozialverhaltens zu senken und deren Qualität zu sichern.
  • Die in Basel lehrende Psychologin Silvia Schneider geht in ihrem Beitrag auf Angststörungen ein. Vertieft behandelt werden die Emotionale Störung mit Trennungsangst, Phobien des Kindesalters und die Generalisierte Angststörung des Kindesalters. Die Störungsbilder werden mit Fallvignetten veranschaulicht und die Leitsymptome alltagsnah beschrieben. Die Autorin geht detailliert auf die epidemiologische Befundlage zu den verschiedenen Angststörungen im Kindes- und Jugendalter ein. Schneider gibt einen guten Überblick über standardisierte Diagnoseinstrumente und diskutiert differentialdiagnostische Abgrenzungen. Die in der Praxis nicht einfache Differenzierung der Generalisierten Angststörung und anhaltender depressiver Verstimmungen hätte dabei allerdings eingehender aufgegriffen werden können. Die Autorin bewertet die jüngere entwicklungspsychopathologische Befundlage zu Angststörungen und diskutiert, inwieweit vorliegende Erklärungsansätze mit den empirischen Daten vereinbar sind. Als Interventionsmethoden werden nur in "kontrollierten" Therapiestudien bewertete Verfahren diskutiert, so dass die kognitive Verhaltenstherapie in Kombination mit Familienangstmanagement-Training konkurrenzlos auf dem Feld zu stehen scheint. Aufgrund des hohen Versorgungsanteils der spieltherapeutischen Verfahren bei der Behandlung von Angststörungen im Kindesalter wäre es wünschenswert gewesen, auf die - etwas unterhalb der "RCT"-Schwelle - doch sehr reichhaltige Datenlage zu dieser Therapiemethode einzugehen.
  • Affektive Störungen behandeln Hannelore Reicher und Peter Rossmann (Graz). Als Grundlage der aktuellen Klassifikation wird die Einschätzung herausgestellt, dass affektive Störungen sich bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf ähnliche Weise äußern. Spezifische Depressionskriterien im Kindesalters werden vor diesem Hintergrund von den Autoren nicht diskutiert, auch bleibt die im Jugendalters bedeutsame diagnostische Kategorie "Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung" unerwähnt. Gründlich dargelegt werden die epidemiologischen Daten zur Prävalenz und dem Verlauf affektiver Störungen im Kindes- und Jugendalter. Die Studien zur Langzeitprognose juveniler affektiver Störungen weisen auf den hohen fachlichen Bedarf hin, die Entwicklung und Etablierung langfristig wirksamer psychotherapeutischer Behandlungs- und Präventionsverfahren voranzubringen.
  • Der in Zürich tätige Kinder- und Jugendpsychiater Hans-Christoph Steinhausen steuert das Kapitel Essstörungen bei; behandelt werden die Störungsbilder Anorexia und Bulimia nervosa. Steinhausen diskutiert die Störungen mit gewohnter Sicherheit. Die Darlegungen zur Intervention sind gut nachvollziehbar und materialreich begründet.
  • Rainer Thomasius aus dem Psychiatrischen Universitätsklinikum Hamburg nutzt seinen Beitrag Störungen durch psychotrope Substanzen für eine Auseinandersetzung mit dem Problem Suchtmittel konsumierender junger Menschen, die in dieser verdichteten Form bislang kaum zu finden ist. Die typischen Wirkungen und Konsumfolgen verschiedener Substanzgruppen werden sehr klar beschrieben und entwicklungsbezogene Diagnosekriterien werden diskutiert. Thomasius geht methodenübergreifend auf vorliegende suchttherapeutische Behandlungsrichtungen ein und gibt überzeugende Orientierungshinweise für die Intervention.
  • Das Schlusskapitel bildet der Beitrag Schizophrene Störungen von Helmut Remschmidt. Der in Marburg lehrende Kinder- und Jugendpsychiater leitet das Kapitel mit einer interessanten begriffsgeschichtlichen Übersicht zur Entwicklung des Störungskonzepts ein. Das klinische Erscheinungsbild wird gut nachvollziehbar beschrieben. Die Angaben zur Auftrittshäufigkeit und zum Verlauf weisen auf einen - im Vergleich zur Schizophrenie des Erwachsenenalters - noch sehr hohen epidemiologischen Forschungsbedarf zu den juvenilen Psychosen hin.

Fazit

Die Enzyklopädie der Psychologie wird in Verbindung mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie herausgegeben und ist eines der bedeutendsten psychologischen Nachschlagewerke im deutschen Sprachraum. Die Veröffentlichung des vorliegenden Bandes "Störungen im Kindes- und Jugendalter" kann einen wichtigen Anstoß geben, die vorrangig im psychiatrischen Diskurs entwickelte Störungsklassifikation mit psychologisch fundierten Funktionsmodellen einerseits und empirisch gewonnenem, entwicklungspsychopathologischen Wissen andererseits in Kontakt zu bringen. Einem Teil der Beiträge gelingt diese außerordentlich anspruchsvolle Aufgabe bereits jetzt sehr gut. Bei manchen Störungen ist das vorliegende Wissen für umfassende Modelle noch zu begrenzt. Alle Autoren geben wichtige Hinweise für die weitere Forschung. Die therapeutischen Empfehlungen sind in der Regel konkret, was zu begrüßen ist, teilweise aber zu starr auf verhaltenstherapeutische Ansätze ausgerichtet. Insbesondere ist die fehlende Auseinandersetzung mit spieltherapeutischen Methoden zu kritisieren. Schwer nachvollziehbar ist vor dem Hintergrund der entwicklungspsychopathologischen Erkenntnisse zum Einfluss der Bindungsorganisation auf die psychische Gesundheit, dass die Bindungsforschung nicht mit einem gesonderten Beitrag präsentiert wird.

Die Aufteilung in einen allgemeinen und einen störungsbezogenen Buchteil erleichtert dem Leser die Orientierung. Ein dem zweiten Teil vorgeschalteter Vergleich störungsbezogener Prävalenz- und Inanspruchnahmeraten hätte dabei als Klammer zwischen den beiden Abschnitten eine nützliche Ergänzung dargestellt.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 13.06.2006 zu: Peter F. Schlottke u.a. (Hrsg.): Störungen im Kindes- und Jugendalter - Grundlagen und Störungen im Entwicklungsverlauf. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-8017-0542-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3303.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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