Marvin Jansen: Paarbeziehungen schwuler Männer
Rezensiert von Simeon David Jäkh, 14.08.2025
Marvin Jansen:Paarbeziehungen schwuler Männer im 21. Jahrhundert. Eine rekonstruktive Studie zu partnerschaftlichen Herausforderungen, Bewältigungsstrategien und Bildungsprozessen. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 293 Seiten. ISBN 978-3-8474-3106-0. D: 38,90 EUR, A: 40,00 EUR.
Reihe: Studien zu Differenz, Bildung und Kultur - 19.
Thema
In seiner Dissertation analysiert Marvin Jansen partnerschaftliche Herausforderungen schwuler cis* Männer im 21. Jahrhundert und fragt danach, wie diese Herausforderungen bewältigt werden und welche Bildungsprozesse dabei in Gang kommen können. Damit nimmt Jansen ein Forschungsfeld in den Blick, das lange vernachlässigt wurde. Zwar gibt es seit den 2010er Jahren eine zunehmende Sichtbarkeit gleichgeschlechtlicher Paare in der Forschung, doch meist werden sie lediglich im Vergleich zu verschiedengeschlechtlichen Paaren behandelt und auf ihre Sexualität reduziert (S. 13–15). Jansen widersetzt sich dieser Forschungstradition mit einer konsequent heteronormativitätskritischen Perspektive. Anhand biografischer Interviews analysiert Jansen partnerschaftliche Bewältigungsprozesse als potenzielle Bildungsprozesse, die sowohl transformativ als auch stabilisierend wirken können (S. 15, 243–253). Gerade der bildungstheoretische Zugang hebt das Buch von bisherigen Studien ab: Die Arbeit ist ein gewinnbringender Beitrag zur empirischen Bildungsforschung, zur Geschlechter- und Männlichkeitsforschung sowie zur Analyse von Intimität und Partnerschaft.
Autor
Dr. Marvin Jansen, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Erziehungswissenschaften, Europa-Universität Flensburg
Entstehungshintergrund
Der Entstehungshintergrund der Arbeit ist eng mit der Biografie des Autors verknüpft. Im Vorwort verweist Jansen auf die Relevanz eigener Erfahrungen als schwuler Mann für die Themenwahl (S. 11–12). Dieser Zugang folgt der Tradition einer „analytischen Selbstverortung“, wie sie etwa bei Bourdieu, Eribon oder Louis zu finden ist (S. 11), ohne dass das Projekt in subjektive Erfahrungsbeschreibungen abgleitet. Jansen reflektiert auf mehreren Ebenen die Verbindung von Subjektposition, Forschungsperspektive und wissenschaftlicher Praxis (S. 11–12, 133).
Aufbau und Inhalt
Die Dissertation von Marvin Jansen gliedert sich in sieben Hauptkapitel. Die Struktur folgt einem klassischen Aufbau, der von der begrifflichen und thematischen Klärung über die theoretische Fundierung und empirische Durchführung zur Ergebnisdarstellung und praxisorientierten Auswertung führt.
In der Einleitung (Kap. 1, S. 13–34) führt Jansen in die Thematik ein, grenzt die Zielgruppe – schwule cis* Männer – von anderen (queeren) Gruppen ab und reflektiert ausführlich die verwendete Sprache (z.B. homosexuell vs. homoromantisch vs. schwul) sowie zentrale Begriffe wie Homonegativität, Partnerschaft und Geschlecht.
Kapitel 2 (S. 35–64) liefert die thematische Herleitung. Hier entwickelt Jansen seine beiden Forschungsfragen:
- Mit welchen möglichen partnerschaftlichen Herausforderungen sind schwule Männer im 21. Jahrhundert konfrontiert?
- Welche Bewältigungs- und Bildungsprozesse sind zu erkennen?
Er zeigt das Forschungsdesiderat ausführlich auf (S. 13–15, 37–55) und plausibilisiert seine heteronormativitätskritische Perspektive (S. 58–63).
Kapitel 3 (S. 65–123) bietet die theoretische Rahmung. Jansen verknüpft unterschiedliche Perspektiven: die historische Entwicklung homosexuellen Lebens in Deutschland, Sozialisationserfahrungen schwuler Jugendlicher (z.B. Coming-out, Schule, Männlichkeitskonstruktionen) sowie Paarforschung zu schwulen Beziehungen. Besonders hervorzuheben ist die bildungstheoretische Fundierung: Jansen diskutiert Bildung als Transformation (S. 115–117) und als Stabilisierung im Kontext sozialer Ungleichheit (S. 117–120).
Kapitel 4 (S. 125–180) beschreibt die empirische Rahmung. Grundlage sind zehn biografisch-narrative Interviews, analysiert mithilfe der biografischen Fallrekonstruktion nach Dausien. Ein Fall wird vollständig rekonstruiert, die übrigen werden in verdichteter Form dargestellt (S. 138–173). Die anschließende Typenbildung (S. 174–179) unterscheidet drei Grundtypen der Bewältigung: selbst-, partner- und umweltfokussiert.
Im Kapitel 5 (S. 181–254) werden die Ergebnisse dargestellt:
In Abschnitt 5.1 beschreibt Jansen zentrale Herausforderungen innerhalb schwuler Paarbeziehungen, etwa Anerkennungsdefizite (S. 191–195), die Interaktion mit der sozialen Umwelt (S. 195–202), Umgang mit Intimität (S. 203–215) sowie Aspekte der psychischen und physischen Gesundheit (S. 216–221).
Abschnitt 5.2 stellt Bewältigungsstrategien vor, gegliedert in:
- Selbstfokussierte Strategien wie Rückzug oder Selbstreflexion (S. 224–228),
- Partnerfokussierte Strategien wie Kommunikation oder Aushandlung (S. 228–234),
- Umweltfokussierte Strategien, etwa durch Communitys oder Freund*innen (S. 234–240).
Diese Strategien werden auch mit der Ressourcensituation der Paare in Verbindung gebracht (S. 240–242).
In Abschnitt 5.3 wird die Bewältigung partnerschaftlicher Herausforderungen mit dem Bildungsbegriff verknüpft. Bildung erscheint hier nicht als formaler Prozess, sondern als biografisch eingebettete Reaktion auf Differenzerfahrung – teils stabilisierend, teils transformativ (S. 243–254).
Kapitel 6 (S. 255–262) formuliert Implikationen für Forschung und Praxis. Besonders betont wird die Notwendigkeit, queere Perspektiven in erziehungswissenschaftliche Diskurse zu integrieren (S. 258–260). Jansen plädiert für eine differenzsensible, reflexive Forschung, die nicht bei struktureller Diskriminierung stehen bleibt, sondern Bildungsprozesse sichtbar macht.
Das abschließende Kapitel 7 (S. 263–270) bündelt die zentralen Erkenntnisse: Schwule Paarbeziehungen im 21. Jahrhundert sind nicht automatisch „normalisiert“. Sie bleiben in vielen Bereichen durch Heteronormativität strukturiert und herausgefordert. Gleichzeitig zeigt Jansen, dass in diesen Herausforderungen auch Potenziale für biografische Bildung liegen – ein Punkt, den bisher kaum ein Forschungsansatz in dieser Form systematisch verfolgt hat.
Diskussion
Jansens Studie ist in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger Beitrag zur qualitativen Bildungsforschung, zur Paarforschung und zur kritischen Männlichkeits- und Geschlechterforschung. Inhaltlich überzeugt das Buch durch seine konsequent heteronormativitätskritische Perspektive, die sich nicht nur in der Forschungshaltung, sondern in jedem methodischen und theoretischen Schritt der Arbeit niederschlägt. Besonders hervorzuheben ist, dass Jansen die Beziehungserfahrungen schwuler Männer nicht nur im Licht von Diskriminierung und Defizit, sondern auch als Ausgangspunkt von Bildungsprozessen analysiert. Damit wird ein spannender, produktiver Zugang zu einem Forschungsthema geschaffen, das sonst häufig auf normverletzendes Verhalten oder gesellschaftliche Problemzuschreibungen reduziert wurde. Dabei nimmt Jansen die Perspektiven der Interviewten ernst und arbeitet entlang ihrer Biografien differenziert heraus, wie Beziehungen gelingen, scheitern oder neu verhandelt werden.
Weitere Stärken der Arbeit sind die differenzierte und feinfühlige Sprachverwendung, die sorgfältige theoretische Fundierung sowie die methodische Reflexion. Die begriffliche Klarheit, etwa bei der Abgrenzung zwischen Homonegativität, Homophobie und Homofeindlichkeit (S. 27–29), zeigt, dass es Jansen nicht um bloße Benennungen geht, sondern um die analytische und politische Reichweite von Sprache.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Fallnähe der Analyse: Die empirischen Rekonstruktionen werden mit großer Sorgfalt entwickelt, die Typenbildung bleibt verständlich und nachvollziehbar, ohne die Vielschichtigkeit der Fälle zu verlieren. Zugleich ist der Transfer zurück in die Theorie gelungen. Die Verbindung von Einzelfall und bildungstheoretischer Rahmung überzeugt.
Kritisch anmerken lässt sich, dass sich die theoretischen Passagen teils stark auf etablierte Denkfiguren (Butler, Foucault, Degele) stützen, ohne neue theoretische Impulse zu entwickeln. Auch die Diskussion der Ergebnisse hätte an manchen Stellen prägnanter und analytisch zugespitzter ausfallen können. Zudem wäre es hilfreich gewesen, mögliche Anknüpfungspunkte an neuere oder angrenzende Forschungsarbeiten deutlicher zu benennen.
Der Gesamteindruck bleibt sehr positiv: Die Dissertation ist ein eigenständiger, theoretisch fundierter und empirisch durchdachter Beitrag, der schwule Perspektiven in die Bildungsforschung einbringt, ohne sie zu vereinfachen oder zu vereindeutigen. Die Arbeit bietet das Potenzial, ein Referenzpunkt für Forschende zu werden, die sich mit queeren Biografien, partnerschaftlichen Bildungsprozessen und der Kritik an der heteronormativen Strukturierung von Intimität beschäftigen.
Fazit
Marvin Jansens Dissertation liefert einen sorgfältig konzipierten, theoriefundierten und empirisch sensiblen Beitrag zur Erforschung schwuler Paarbeziehungen. Sie beleuchtet partnerschaftliche Herausforderungen als biografisch eingebettete Bildungsprozesse und überzeugt durch differenzierte Sprache, methodische Transparenz und eine konsequent heteronormativitätskritische Perspektive. Die Analyse schließt eine Forschungslücke, eröffnet neue theoretische Verknüpfungen zwischen Intimität, Differenzerfahrungen und Bildung und bildet eine wichtige Grundlage für zukünftige queere Bildungs- und Beziehungsforschung.
Rezension von
Simeon David Jäkh
M.A., Akademische*r Mitarbeiter*in
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Fakultät für Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften
Institut für Sozialwissenschaften
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