Kirsten Teren, Gisela Fux Wolf et al.: Psychotherapie mit trans* und nichtbinären Personen
Rezensiert von Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch, 09.09.2026
Kirsten Teren, Gisela Fux Wolf, Mari Günther: Psychotherapie mit trans* und nichtbinären Personen. Praxisleitfaden für komplexe Behandlungsbedarfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 336 Seiten. ISBN 978-3-497-03301-0. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
Thema
Das Buch ist eine Folgepublikation des Buches, das die drei Autor:innen 2019 unter dem Titel „Psychotherapeutische Arbeit mit trans* Personen. Handbuch für die Gesundheitsversorgung“ publiziert haben. Sie wollen mit dem Buch das nötige Wissen und die einer konstruktiven therapeutischen Beziehung zugrundeliegende Haltung für die Arbeit mit trans* und nichtbinären Personen vermitteln und zu einer menschenrechtsorientierten, affirmativen Gesundheitsversorgung beitragen. Dabei soll insbesondere auch der Situation nichtbinärer Personen, die sonst in der Fachliteratur wenig berücksichtigt werden, Rechnung getragen werden. Wie der Untertitel „Praxisleitfaden für komplexe Behandlungsbedarfe“ ausdrückt, ist es ein Buch für Psychotherapeut:innen, die trans* und nichtbinäre Personen begleiten und behandeln. Die Autor:innen möchten damit, wie Jean Thierschmidt in einem Geleitwort schreibt, den Leser:innen wertvolle Orientierung und Handlungsoptionen bei Fragen bieten wie: „Welche Bedarfe haben Menschen, die von Mehrfachmarginalisierung betroffen sind? Wie können nichtbinäre trans* Personen optimal unterstützt werden? Wie kann psychotherapeutische Hilfe bei Diskriminierungs‑ und Gewalterfahrungen aussehen? Was tun bei post-OP-Komplikationen? Wie gestaltet sich leitliniengerechte Arbeit mit de-transitionierenden Menschen in der Praxis?“ (S. 12).
Autor:innen
Kirsten Teren, Dr. phil. Dipl.-Psych, Berlin, ist als Psycholog. Psychotherapeutin in eigener Praxis mit den Schwerpunkten Geschlechtsidentität, Spezielle Schmerztherapie und Psychoonkologie sowie als Supervisorin und Dozentin tätig.
Gisela Fux Wolf, Dr.phil. Dipl.-Psych., arbeitet als Psycholog. Psychotherapeut_in in freier Praxisgemeinschaft in Berlin, v.a. mit Klient*innen, die sexuellen und geschlechtlichen Minoritäten angehören, sowie mit Menschen mit Traumata.
Mari Günther, Berlin, arbeitet als Systemische Therapeutin in eigener Praxis, ist für den „Bundesverband Trans* e.V.“ als Fachreferentin für Gesundheitsversorgung und Beratungsarbeit sowie für den Verein TransInterQueer für die Beratung von Familien und Jugendlichen tätig.
Entstehungshintergrund
Das Buch stellt eine Fortsetzung des 2019 von den Autor:innen publizierten Werkes „Psychotherapeutische Arbeit mit trans* Personen. Handbuch für die Gesundheitsversorgung“ dar und fokussiert insbesondere auf komplexe Behandlungsbedarfe, die in der früheren Publikation und in anderen einführenden Büchern nicht oder nur wenig zur Sprache kommen (z.B. Traumatisierungen, schwierige Kontexte, Substanzgebrauch, postoperative Komplikationen und De-Transition).
Aufbau und Inhalt
Das Buch besteht aus einem Verzeichnis der Schlüsselelemente und Dilemmata, einem Geleitwort von Jean Thierschmidt, einem Vorwort und 10 Hautkapiteln mit Unterkapiteln, in denen die geschilderten Sachverhalte jeweils durch Fallvignetten veranschaulicht werden, einem Literatur‑ und einem Sachregister sowie einem Bildnachweis.
Im Vorwort formulieren die Autor:innen noch einmal das Ziel ihres psychotherapeutischen Praxisbandes, mit dem sie „einen weiteren, nun stark anwendungsorientierten Beitrag hinzufügen“ möchten. „Dieser baut auf den Inhalten des ersten Bandes zur psychotherapeutischen Arbeit mit trans* Personen auf und erweitert diese um Einblicke in die evidenzbasierte Behandlungskonzeption und ‑durchführung mit vielen konkreten Fallkonstellationen“ (S. 16). Nach der Beschreibung des Konzepts der „trans*affirmativen Psychotherapie“ (S. 17) stellen sie den Aufbau und Inhalt des vorliegenden Praxisbandes vor (S. 17 – 20) und gehen auf die „Trans*gesundheitsversorgung im Kontext und in Bewegung“ (S. 20 – 23) ein.
Das 1. Hauptkapitel ist dem Thema „In Kontakt kommen: Psychotherapeutische Beziehungsgestaltung und kontextsensible Therapiekonzeption“ gewidmet. In fünf Unterkapiteln beschreiben die Autor:innen die Wege, die trans* und nichtbinäre Personen in die Therapie führen, gehen auf die Anliegen der Ratsuchenden ein, schildern die therapeutische Beziehungsaufnahme, die Erarbeitung einer trans*sensiblen psychotherapeutischen Haltung, das kontextsensible therapeutische Handeln und die trans*respektvolle und kontextsensible Psychotherapie in den verschiedenen Richtlinienverfahren (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Systemische Therapie), die jedoch jeweils „trans*kompetent“ erweitert werden müssen (S. 46).
Im 2. Hauptkapitel „Nichtbinäre Personen in der psychotherapeutischen Versorgung“ stellen die Autor:innen zunächst an einem kasuistischen Beispiel nichtbinäre Lebenswelten dar, gehen auf das Konzept „Nichtbinarität“ ein und weisen auf die oft schwierige Situation hin, in der nichtbinäre Personen in unserer cisnormativen Welt leben. Diese „Negativkonstruktionen können sich durch Internalisierungsprozesse leidvoll in das Selbstbild der Person einschreiben. Die chronischen Erfahrungen der Ortlosigkeit und Ausgrenzung führen dazu, dass nichtbinäre Personen immer wieder vor der existenziellen Frage stehen, wie sie in einem binärgeschlechtlich konstruierten Kontext soziale Zugehörigkeit und Anerkennung erreichen können und wieviel von ihrem eigenen Sein sie dafür kaschieren müssen“ (S. 52). Zugleich betonen die Autor:innen aber auch, dass nichtbinäre Personen sich einen „queeren Schatz“ schaffen (S. 52) und dadurch Freiheiten in Bezug auf geschlechtliche Normen und Begrenzungen entwickeln können und dass es ihnen oft gelingt, konfliktfreier „Sexualitäten nicht heterosexuell und jenseits üblicher Penetrationsvorstellungen zu leben“ S. 52).
In einem weiteren Unterkapitel behandeln die Autor:innen „Therapeutische Themen in der Arbeit mit nichtbinbären Personen“ wie „Umgang mit spezifischen Diskriminierungen und Gewalt“, „Nichtbinäre Transitionsanliegen“ und „Nichtbinäre Lebenszeit, Bewältigungs‑ und Explorationsprozesse“. Kasuistische Vignetten veranschaulichen jeweils die behandelten Themen.
Das 3. Hauptkapitel ist dem Thema „Trans*maskuline und trans*feminine Personen in der Psychotherapie“ gewidmet. Anhand von kasuistischen Vignetten werden die Lebenswelten dieser beiden Gruppen dargestellt, es wird auf Schwerpunkte in der therapeutischen Begleitung von trans* Personen eingegangen (verschiedene Transitionsanliegen wie soziale, rechtliche, medizinische), Fragen zur Identität, zur Genderdysphorie, zu Sexualität und Kinderwunsch, zu Beziehungen, zu Diskriminierungen und Gewalterfahrungen, zur internalisierten Trans*negativität und zu Bewältigungsprozessen und Ressourcen diskutiert
Im 4. Hauptkapitel „Prozesse von Selbstverständnis und Mitteilung der geschlechtlichen Identität“ werden die Prozesse vom Coming-out und „Inviting-in (die Einladung an bestimmte Personen des Vertrauens, „um ihnen von der marginalisierten sexuellen Orientierung oder Genderidentität zu erzählen“, S. 101) beschrieben. Es werden die Lebenswelten von trans* und nichtbinären Personen ohne Coming-out diskutiert, ein kontextsensibles therapeutisches Arbeiten in einer ubiquitären Cis‑ und Heteronormativität sowie die Auswirkungen von Verstecktleben und von Stealthleben auf trans*spezifische Behandlungsanliegen dargestellt. Weitere Themen dieses Kapitels sind die therapeutische Begleitung von Coming-out‑ und Inviting-in-Prozessen und die nicht geoutete Lebenszeit und Bewältigungsprozesse.
Das Kapitel 5 ist dem „Umgang mit Traumatisierungen gewidmet. Dieses Thema ist für die Begleitung und Behandlung von trans* und nichtbinären Personen angesichts Diskriminierungen, Gewalt, Mikroaggression und Traumata von besonderer Bedeutung. Es wird dargestellt, wie über diese Diskriminierungen und Traumatisierungen zu sprechen ist und welche Kontexte trans*feindlicher Gewalt es gibt. Weiter geht es um die verschiedenen Dynamiken der Gewalt, die Prävalenzen von trans*feindlichen Diskriminierungen und trans*feindlicher Gewalt, die Auswirkungen von Gewalt und Diskriminierungen auf trans* und nichtbinäre Personen sowie um psychotherapeutische Interventionen bei Gewalt und Diskriminierungen. Das letztere Unterkapitel enthält Beispiele und Akutinterventionsmöglichkeiten bei Diskriminierungen und Gewalt, therapeutische Strategien bei der Arbeit zu Communitykonflikten innerhalb eines trans*feindlichen gesellschaftlichen Kontextes , Ausführungen zum therapeutischen Umgang mit Dissoziationen sowie Interventionen bei traumatischen Erfahrungen in der Lebensgeschichte.
Kapitel 6 thematisiert „Trans* und nichtbinäre Personen in schwierigen Kontexten“, wie sozioökonomische Marginalisierung und Haft.
Das Kapitel 7 widmet sich den Themen „Substanzgebrauch, Sucht und Ess/stress bei trans* und nichtbinären Personen“ und stellt als Strukturierungshilfe das „Modell zur Konzeptualisierung von Substanzgebrauch bei queeren Personen von Greenwood undGruskin“ (S. 216 ff.) vor.
Das 8. Kapitel behandelt „Postoperative Komplikationen nach körpermodifizierenden Maßnahmen“. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, mit den Klient:innen vor körpermodifizierenden Maßnahmen Wirkungen und Nebenwirkungen der Interventionen zu besprechen, die daran geknüpften Erwartungen zu klären, auf die Möglichkeiten und Grenzen solcher Maßnahmen einzugehen, Informationen zu irreversiblen und reversiblen Veränderungen zu geben, den Umgang mit allfälligen Komplikationen und Funktionseinschränkungen zu diskutieren, persönliche und soziale Ressourcen anzusprechen sowie über den Umgang mit dem veränderten Körperbild und Körpererleben und über die Möglichkeit eines eventuell später auftretenden De-Transitionswunsches zu sprechen (S. 233 – 234).
Trans* und nichtbinäre Personen sind oft lebenslang an das Gesundheitssystem gebunden. Diesen Fragen widmet sich das 9. Kapitel „Trans* und nichtbinäre Personen mit chronischen somatischen Erkrankungen“, wobei es nicht nur um chronische somatische Erkrankungen, sondern auch um die Folgen von Diskriminierungen auf die Gesundheit und um die Anbindung an das Gesundheitssystem wegen der hormonellen Behandlung geht. Weitere Themen sind die Notwendigkeit einer queersensiblen Haltung der im Gesundheitssystem Arbeitenden, die Schaffung bedarfsgerechter Angebote, Schmerztherapien und therapeutische Interventionen in einer palliativen Situation.
Das wichtige Thema „De-Transiton im psychotherapeutischen Kontext“ behandelt das Kapitel 10. Die Autor:innen verweisen darauf, dass es in solchen Situationen gilt, „De-Transitionsentscheidungen und vorangegangene Transitionsentscheidungen dahingehend zu betrachten, unter welchen gesellschaftlichen und medizinhistorischen Rahmenbedingungen diese getroffen wurden und werden. So können diese Entscheidungen in biografischen wie auch strukturellen Zusammenhängen betrachtet und dementsprechend kontextualisiert werden“ (S. 283). Der wichtigste Faktor bei De-Transitionsentscheidungen sind die Diskriminierungen, denen trans* und nichtbinäre Personen in unserer Gesellschaft nach wie vor ausgesetzt sind. Häufig ist die Mitteilung des De-Transitonswunsches mit „starken Emotionen wie Scham, Schulderleben, Misstrauen und Angst verbunden“ (S. 290). In dieser Situation kommt es darauf an, diesen trans* und nichtbinären Personen mit „Respekt und Wertschätzung gegenüber selbstbestimmten Entscheidungen“ (S. 294) zu begegnen. „Wenn wir Geschlecht und Identität als etwas Veränderliches verstehen, wird es uns gelingen, das Thema De-Transition zu entmystifizieren und zu entdämonisieren. De-Transitionen können als eine ganz individuelle gesunde Entwicklung betrachtet werden, ohne daraus per se einen ‚Fehler’ zu konstruieren“ (S. 295).
Diskussion
Dieser zweite Band der Autor:innen zur Psychotherapie mit trans* und nichtbinären Personen stellt eine hervorragende Bereicherung unserer Kenntnisse über den Umgang mit diesen Ratsuchenden dar. Das umfangreiche Literaturverzeichnis, das breite Spektrum der behandelten Themen, die vielen anschaulichen kasuistischen Vignetten und die Berücksichtigung von Themen, die sonst in der Fachliteratur wenig bis gar nicht beachtet werden, macht den besonderen Wert dieses Buches aus. Dazu gehört etwa die ausführliche Schilderung der Situation, in der sich nichtbinäre Personen in unserer Gesellschaft befinden, aber auch der Umgang mit Traumatisierungen, postoperativen Komplikationen und De-Transitionen. Gerade dieses letzte Kapitel ist von besonderer Bedeutung angesichts der oft vorwurfshaft gegenüber den De-Transitionierenden, aber auch gegenüber den Fachpersonen geführten Diskussion, die De-Transition weise auf einen Fehlentscheid der de-transitionierenden Person und eine falsche Indikationsstellung der Fachpersonen hin. Wie die Autor:innen am Ende ihres Werkes mit Recht betonen, wird eine solche negative Einschätzung den – ohnehin seltenen – De-Transitionen nicht gerecht. Es gilt vielmehr, De-Transitionen als eine ganz individuelle gesunde Entwicklung zu betrachten.
Das Buch liefert einen fundierten Überblick über die in der Begleitung und Behandlung von trans* und nichtbinären Personen wichtigen Themen und ist sowohl Fachpersonen, die sich in diese Themen einarbeiten, als auch erfahrenen Kolleg:innen unbedingt zu empfehlen.
Fazit
Ein höchst informatives, durch die Breite der behandelten Themen beeindruckendes Werk, das den sich in die Thematik Trans*identität und Nichtbinarität einarbeitenden Fachpersonen ebenso wie den erfahrenen Kolleg:innen unbedingt zu empfehlen ist. Es ist ihm zu wünschen, dass es in den Ausbildungsinstituten der verschiedenen Therapieschulen zur Pflichtlektüre wird.
Rezension von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Klinische Psychologie Universität Basel, Psychoanalytiker (DPG, DGPT)/psychologischer Psychotherapeut in privater Praxis in Basel.
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