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Sigrun von Hasseln-Grindel (Hrsg.): Demenz Rechtsratgeber

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 04.06.2026

Cover Sigrun von Hasseln-Grindel (Hrsg.): Demenz Rechtsratgeber ISBN 978-3-415-07668-6

Sigrun von Hasseln-Grindel (Hrsg.):Demenz Rechtsratgeber. Praxisleitfaden mit Handlungsempfehlungen und Fallbeispielen. Richard Boorberg Verlag (Stuttgart) 2025. 380 Seiten. ISBN 978-3-415-07668-6. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

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Thema

Demenz und Recht sind aus verschiedenen Gründen recht eng miteinander verknüpft. Primäre neurodegenerative Demenzen wie z.B. die Alzheimer-Krankheit sind mit einem fortschreitenden Abbau verbunden, der die Betroffenen im schweren Stadium hilflos und damit zugleich auch schutzbedürftig werden lässt. Das Recht bietet für dieses Krankheitsstadium den notwendigen normativen Rahmen für die Gewährleistung der erforderlichen Leistungen u.a. in Gestalt des Sozialgesetzbuches XI (Pflegeversicherungsgesetz). Darüber hinaus enthält das Recht eine Reihe von Schutzrechten wie z.B. das Betreuungsrecht und das Heimgesetz, die den juristischen Gestaltungsraum mit den entsprechenden Garantien für eine angemessene Lebensführung bilden. Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit diesen Themenfeldern.

Herausgeberin und Autoren und Autorinnen

Sigrun von Hasseln-Grindel als Herausgeberin ist Rechtsanwältin und Publizistin. Weitere Mitwirkende sind überwiegend Juristen, Mediziner und Pflegende: Prof. Dr. med. Karl-Jürgen Bär, Cornelia Bartelt, Ruth Chudaska-Clemens, Regina Czarnikau, Dr. Yvonne Ferrant, Helene-Monika Filiz, Frank Freudenberg, Prof. Dr. phil. habil. Hans Friesen, Claudia Graef, Prof. Dr. med. Julian Grosskreutz, Christel Henk, Sylvia Henning, Dr. Jessica Jacobi, Margret Kersten, Silke-Steffi Koschollek, Anne Linden, Hildegard Macke, Dr. phil. Silke Morche, Dr. med. Sabine Müller, Dr. med. Angelika Otto, Heike Rehfeldt und Christian Wagner.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in dreizehn Kapitel nebst Geleitwort, Vorwort und Sachregister unterteilt. Die Darstellungsweise besteht überwiegend aus einer Kombination aus erläuternden Gesetzestexten, fiktiven Fallbeispielen, Gerichtsentscheidungen und eingestreuten Interviews mit Sachverständigen.

Kapitel 1 (Schlaglichter Demenz. O-Töne aus dem Alltag beim Leben und Arbeiten mit Demenzkranken) besteht aus elf Berichten von Personen, die aus beruflichen und auch familiären Gründen ihre Erfahrungen u.a. im täglichen Umgang mit Demenzkranken darlegen. Es handelt sich dabei u.a. um beruflich Pflegende, pflegende Angehörige, eine Seelsorgerin, eine Fachärztin, Alltagsbetreuer und eine Hauswirtschaftsmitarbeiterin.

Kapitel 2 (Medizinische Fakten zur Demenzerkrankung) enthält das wesentliche Grundlagenwissen über Demenz: 1. Auftretenshäufigkeit (Epidemiologie): bei den 65-69jährigen sind ca. 1,7 Prozent erkrankt, bei den 95jährigen hingegen bereits 42,1 Prozent. 2. Risikofaktoren: Es wird vermutet, dass 40 Prozent der Erkrankungen durch den beeinflussbaren Lebenswandel verursacht werden, während die restlichen 60 Prozent eine genetische Ursache besitzen. 3. Diagnostische Kriterien. 4. Wesentliche Krankheitsbilder (u.a. Alzheimerdemenz, vaskuläre Demenz, Frontallappendemenz und sekundäre Demenzen). 5. Behandlungsstandards (pharmakologische und nicht-pharmakologische Behandlungsformen).

In Kapitel 3 (Grundrechtsschutz bei Demenz für Pflegebedürftige, pflegende Angehörige und professionelle Pflegekräfte) wird der gesamtgesellschaftliche rechtliche Rahmen hinsichtlich der Teilnahme am sozialen Leben expliziert. Hierbei steht das Grundgesetz u.a. mit dem Grundrecht auf Selbstbestimmung und dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit im Zentrum. Anhand von Fallbeispielen werden diese Rahmenbedingungen alltagsnah erläutert: u.a. das Recht auf Verwahrlosung, Bettgitter und Fixierungen im Stuhl und des Weiteren die Teilnahme an Wahlen.

Kapitel 4 (Rechtliche Folgen durch den sukzessiven Verlust von Geschäfts-, Schuld‑ und Deliktsfähigkeit bei Demenz – Aufsichtspflichten, Vollmachten zur Vorsorge und Betreuungsverfahren) zeigt auf, welche rechtlichen Instrumentarien zur Verfügung stehen, wenn Demenzkranke nicht mehr das geistige Vermögen zur Erfassung und Bewertung ihres Handelns im Alltag besitzen. Hierbei steht dann das Betreuungsrecht im Mittelpunkt (u.a. Vorsorgevollmacht und Generalvollmacht). In diesem Kontext wird auch die Thematik Aufsichtspflicht im stationären Bereich der Altenpflege anhand von Fallbeispielen dargestellt: unterlassene Dekubitusprophylaxe und Sturz beim Toilettengang.

In Kapitel 5 (Die Auswirkungen einer Demenzerkrankung im Recht der familiären Bezüge und im Erbrecht) werden u.a. sehr spezielle Fragen des Familienrechts erörtert. So ist zum Beispiel für Demenzkranke aufgrund der Geschäftsunfähigkeit in der Regel eine Eheschließung nicht möglich. Eine Scheidung kann hingegen auch im schweren Stadium der Erkrankung vollzogen werden.

Kapitel 6 (Besonderheiten im Medizin-, Pflege‑ und Heimrecht bei Demenz) beschreibt im Kontext Demenz das Patientenrecht, das Arzt und Arzthaftungsrecht, das Krankenversicherungsrecht und das Pflege‑ und Heimrecht. Hierbei werden u.a. teils neuere Regelungen kurz aufgeführt: u.a. das Pflegestärkungsgesetz, das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz und das Pflegezeitgesetz.

Kapitel 7 (Rechtliche Fragen bei Demenz im bürgerlichen Schuld‑ und Schadensrecht) thematisiert u.a. alltagsgemäße Handlungen wie Käufe und Verkäufe, Schenkungen und Geschäfte mit Banken und Sparkassen auf dem Hintergrund der fehlenden Geschäftsfähigkeit Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium.

Kapitel 8 (Spezielle Fragen im Miet-, Pacht‑ und Sachenrecht bei Demenz (einschließlich beim Betreuten Wohnen und Senioren-Wohngemeinschaften) behandelt u.a. Aspekte des Wohnens Demenzkranker hinsichtlich mietrechtlicher Aspekte einschließlich spezieller Fragen beim Wohnen im „Betreuten Wohnen“. Darüber hinaus werden auch Bereiche des WEG-Rechts (Wohneigentümergemeinschaft) erörtert.

Kapitel 9 (Rechtliche Auswirkungen von Demenz im Erwerbsleben) zeigt die vielen Facetten auf, die entstehen, wenn jemand bereits noch im Erwerbsleben an einer Demenz erkrankt. Auch hier gelten die üblichen arbeitsrechtlichen Bestimmungen bis hin zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Perspektiven sind dann hierbei u.a. Erwerbsminderungsrente und vorgezogene Altersrente als Schwerbehinderter.

In Kapitel 10 (Rechtliche Fragen bei Demenz im Verkehrsrecht) wird anhand vieler Fallbeispiele und Rechtsentscheidungen der Spagat zwischen dem Recht auf Mobilität einerseits und dem Straßenverkehrsrecht andererseits aufgezeigt. Im Mittelpunkt stehen hierbei vor allem die Verkehrstüchtigkeit und die Fahreignung der Erkrankten.

Kapitel 11 (Rechtliche Fragen bei Demenz im Sozialrecht (Gesetzliche Leistungen)) listet die verschiedenen Dimensionen des Sozialrechts bezüglich des Vorliegens einer demenziellen Erkrankung auf: u.a. Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V), Schwerbehinderung (SGB IX), Soziale Pflegeversicherung (SGB XI) und Soziales Entschädigungsrecht (SGB XIV).

In Kapitel 12 (In welchem Umfang wird der Persönlichkeitsschutz von Menschen mit Demenz in der Ausbildung von Pflegefachkräften berücksichtigt?) wird auf den Sachverhalt eingegangen, dass Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium abbaubedingt pflegebedürftig sind. Auf diesem Hintergrund werden u.a. einige Pflege‑ und Betreuungskonzepte aus dem Bereich der Demenzpflege übersichtsartig aufgelistet: Biografiearbeit, Realitätsorientierungstraining (ROT), Milieutherapie, der person-zentriete Ansatz nach Tom Kitwood, Validation nach Naomi Feil und die integrative Validation nach Nicole Richard. Erwähnung findet auch der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP).

Kapitel 13 (Ausblick: Serviceroboter in der Altenpflege und Demenzbetreuung? – Könnten sie ein Beitrag zu einer menschenwürdigen Pflege im ethisch-moralischen Sinn und im Sinne der UN-Behindertenrechtkonvention sein bzw. werden?) enthält einige Perspektiven zukünftiger Trends bezogen auf die Pflege und Betreuung Demenzkranker: Künstliche Intelligenz (u.a. Einsatz von Pflegerobotern), die demographische Entwicklung und das Problem der Altenpflege, der Einsatz von Servicerobotern in der Demenz‑ und Altenpflege verbunden mit ethischen Fragestellungen.

Diskussion

Der vorliegende Rechtsradgeber entfaltet ein weites Spektrum an Themen aus allen Alltagsbereichen Demenzkranker auf vielfältige Weise. Es werden nicht nur die klassischen juristischen Arbeitsfelder wie Gesetzestexte, Kommentierungen und einschlägige Rechtsprechung aufbereitet, sondern es wird zusätzlich das gesamte Umfeld in vielen Facetten dargestellt und eingehend erläutert. Das Ziel ist es, Angehörigen und beruflich Betroffenen aus dem weiten Feld der Demenz ein umfassendes und zugleich alltagspraktisches Rüstzeug an die Hand zu geben.

Kritisch anzumerken gilt es aus der Sicht des Rezensenten, dass im nichtjuristischen Bereich der Publikation Mängel zu konstatieren sind. So werden im Abschnitt „Betreuungs‑ und Pflegekonzepte bei Demenz“ (Seite 333ff) Modelle und Konzepte der „person-zentrierten Pflege“ (Validation u.a.) angeführt, die in der Pflege Demenzkranker in der Regel aufgrund fehlender Praxistauglichkeit nicht angewendet werden und die teilweise von Pflegenden als nicht angemessen eingeschätzt werden (Boggatz et al. 2022, Brandenburg 2023, Dammert et al. 2016, Kotsch et al. 2013). Des Weiteren wird das Modell der „Realitätsorientierungstherapie“ (ROT) angeführt, obwohl der Nachweis der Kontraindikation bei Desorientierungsphänomenen erbracht wurde (Schwenk 1979, Dietch et al. 1989).

Fazit

Der Anspruch des Buches, alle wesentlichen Aspekte des Rechts im Falle einer Demenzerkrankung darzustellen, ist vollauf eingelöst worden. Dieser Rechtsratgeberband kann daher Angehörigen und beruflich Involvierten (u.a. Medizin und Pflege) als juristischen Orientierungsrahmen empfohlen werden.

Literatur

Boggatz, T. et al. (2022): Demenz. Ein kritischer Blick auf Deutungen, Pflegekonzepte und Settings. Verlag W. Kohlhammer. https://www.socialnet.de/rezensionen/​29548.php

Brandenburg, H. (Hrsg.) (2023). Pflegehabitus in der stationären Langzeitpflege von Menschen mit Demenz. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart). https://www.socialnet.de/rezensionen/​30522.php

Dammert, M. et al. (2016): Person-Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Beltz Juventa Verlag (Weinheim und Basel).

Dietch, J.T. et al. (1989) Adverse effects of reality orientation. Journal of the American Geriatrics Society, 37, 10, 974 - 976.

Kotsch, L. et al. (2013): Selbstbestimmung trotz Demenz? Ein Gebot und seine praktische Relevanz im Pflegealltag, Verlag Beltz Juventa, Weinheim und Basel.

Schwenk, M. A. (1979). Reality orientation for the institutionalized aged: Does it help? The Gerontologist, 19, 373 - 377.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Es gibt 236 Rezensionen von Sven Lind.

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ISSN 2190-9245