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Heinrich Bollinger, Anke Gerlach u.a. (Hrsg.): Gesundheitsberufe im Wandel

Rezensiert von Prof. Dr. Anton Hahne, 16.05.2006

Cover Heinrich Bollinger, Anke Gerlach u.a. (Hrsg.): Gesundheitsberufe im Wandel ISBN 978-3-935964-93-7

Heinrich Bollinger, Anke Gerlach, Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Gesundheitsberufe im Wandel. Soziologische Beobachtungen und Interpretationen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2005. 266 Seiten. ISBN 978-3-935964-93-7. 25,00 EUR.
Reihe Wissenschaft Bd.95
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Thema und Entstehungshintergrund

"The Professionalization of everyone?" fragte vor Jahren der amerikanische Soziologe Harold Wilensky. Professionalisieren, d.h. meist: akademisieren sich medizinnahe Gesundheitsberufe? fragen die Autoren und Herausgeber dieses Sammelbandes, der aus berufssoziologischer Perspektive thematisiert, wie sich seit ca. 15 Jahren Gesundheits-, Pflege- und Therapie­berufsbilder verändern. Aus Helferinnen im traditionellen "Dienst" am Mitmenschen werden Pflegende mit differenzierten Qualifikationen. Auch die bildungsbürgerlich geprägte Profession der Ärzte wird entzaubert zum Arbeitskraftmuster analog gewöhnlicher Berufe. "Normalisierung", "Neustrukturierung", in gewisser Hinsicht sogar "Deprofessionalisierung" konstatieren der Organisationssoziologe Heinrich Bollinger, die Pflegewirtin Anke Gerlach (beide FH Fulda) und Michaela Pfadenhauer, Politologin und Soziologin an der Universität Dortmund. Ihre und die meisten der anderen Beiträge fußen auf einem Workshop, der 2004 vom Arbeitskreis "Professionelles Handeln" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und der Fachhochschule Fulda veranstaltet wurde.

Inhalte

  • Ausgangsfragen sind: "Inwieweit spiegeln sich in den Realprozessen tatsächlich Resultate professionstheoretischer Analysen?" und umgekehrt: "Was bedeuten diese Veränderungs­prozesse für eine Theorie der Profession oder der Berufe?" Bollinger zeichnet dazu die Entwicklung der Heilberufe in Deutschland nach und führt in den Interpretationsrahmen der Subjektorientierten Berufssoziologie ein.
  • Karl Kälble untersucht die Entwicklung an den Hoch­schulen, wo inzwischen zahlreiche neue Studiengänge (Pflegemanagement, - pädagogik, -wissenschaft) aufgebaut wurden. Er konstatiert, dass die Akademisierung auf Fachhochschulebene keineswegs ausreichend sei, denn es bedürfe einer universitären Fachdisziplin und es bedürfe mehr Durchsetzungsmacht der Berufsverbände.
  • Annette Greve und Sigrid Stahl zeichnen die Einrichtung eines primärqualifizierenden Studiengangs Pflege nach, der einen Ausbildungssonderweg darstellt aufgrund der Modellklausel des reformierten Krankenpflegegesetzes (KrPflG). Dort ergibt sich die paradoxe Situation, dass nach 8 Semestern Diplom- bzw. 6 Semestern Bachelorstudium ein zusätzlicher einjähriger Fachschulbesuch erforderlich ist, um den Anforderungen des KrPflG Genüge zu tun. Gerlach berichtet über die Berufswelt der ersten Pflegeakademikerinnen: "Vorsicht, das kommt die Studierte!" ist eine der Reaktionen traditionell ausgebildeter Pflegender. Tatsächlich zeigt sich, dass diese ersten neuen Akade­mikerinnen eher auf Distanz zur direkten Pflege gehen und in Stabs- und Führungspositionen Verwendung finden.
  • Erfrischend soziologisch wirkt der Beitrag von Johann Behrens, der Pflege als die tägliche Arbeit ansieht, die "die Verrottung aufschiebt" (um nicht zu stinken und nicht zu gammeln etc.). Damit wird eigentlich ein Habitus gepflegt und die Aufrechterhaltung dieses Habitus bedarf der Pflege. Der Bogen zu Foucaults Bio-Politik ist gezogen, alltägliche Situationen der Pflege werden daraufhin analysiert, ob sie die Autonomie der individuellen Lebenspraxis der Pflegebedürftigen berücksichtigen. Bei Pflegestandards, Patientenedukation und compliance-Pflege sind Zweifel angebracht. Behrens bezweifelt grundsätzlich, dass Akademisierung allein den professionstypischen Respekt vor der Autonomie der Lebenswelt des Klienten sichert. Allgemein gesprochen heißt das: Die Fähigkeit, externe Evidence für den Aufbau interner Evidence zu nutzen, bedarf einer reflektierenden klinischen Praxis. Wo ist sie?
  • Monika Hutwelker wendet sich gegen die "Verfachhochschulung", denn das Problem der Professionalisierungsbedürftigkeit des Pflegeberufs werde dadurch nicht gelöst.
  • Wolfgang Dunkel beschäftigt sich mit Erfahrungswissen, das seiner Ansicht nach zertifiziert werden sollte.
  • Beate Stiller stellt ihre Studie zum Leistungs- und Erfolgsverständnis von Krankenpflegenden vor.
  • Werner Vogd zeichnet den fortschreitenden Bedeutungsverlust der ärztlichen Profession zu Gunsten moderner Organisationsformen anhand von Beobachtungen  auf  einer internistischen Station nach.
  • Pfadenhauer zeigt auf, dass generell Traditions­professionen im "wuchernden Lernkulturwesen" - damit meint sie das Life Long Learning - an Bedeutung verlieren.
  • Schließlich widmen sich Jochen Schäfers und Gerd Göckenjan / Stefan Dreßke der Professionalität der Geburtshilfe und der Krankenhausseelsorge.

Diskussion

Zusammenfassend ergibt sich ein buntes Puzzle unterschiedlicher Beobachtungen und Interpretationen, das dem Leser keinen stringenten Argumentationsfaden bietet, aber viele neue Einsichten ermöglicht: Das Berufsfeld Gesundheit ist in Bewegung, eine Bewegung, die eher zentrifugal als zentripetal gerichtet ist. Teilweise finden sich Phänomene, die übergreifend auch in anderen Berufsfeldern anzutreffen sind: Emanzipation der Semiprofessionalität, Empowerment von Leistungsempfängern, gleichzeitig neue Ent­mündigung durch Verlust autonomen Handelns und Bedeutungsverlust traditioneller Rollen. Spezialeffekte kommen dazu: Die Körperlichkeit der pflegerischen Dienstleistungen, die haut­nahe oder sogar subkutane Produktion von Gesundheit und Krankheit und - damit einher­gehend - die hohe emotionale Aufladung des Berufsfeldes. Eine Spezialität ist auch der deutsche Sonderweg stark voneinander abgeschotteter und doch nah verwandter Berufe.

Fazit

Die Versuche der Neujustierung dieses Feldes sind in dem Sammelband sehr gut nachgezeichnet. Er ist als berufssoziologische Lektüre uneingeschränkt zu empfehlen, auch wenn er keine klaren Antworten auf aktuelle Probleme der Gesundheitsberufe bieten will und kann.

Rezension von
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
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Es gibt 16 Rezensionen von Anton Hahne.

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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 16.05.2006 zu: Heinrich Bollinger, Anke Gerlach, Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Gesundheitsberufe im Wandel. Soziologische Beobachtungen und Interpretationen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2005. ISBN 978-3-935964-93-7. Reihe Wissenschaft Bd.95. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3307.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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