Simone Wurth: Systemisch heißt
Rezensiert von Delia Godehardt, 06.08.2026
Simone Wurth: Systemisch heißt .... EinFach-Arbeitsbuch. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2025. 98 Seiten. ISBN 978-3-8497-0576-3. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.
Reihe: Soziale Arbeit.
Thema
Systemisches Denken und Handeln ist aus der Sozialen Arbeit, der Jugendhilfe, Beratung, Coaching, Supervision und Organisationsentwicklung kaum mehr wegzudenken. Systemisch zu arbeiten heißt, Menschen in ihren Beziehungen, Kontexten, Wechselwirkungen und Wirklichkeitskonstruktionen zu betrachten. Es heißt, Zusammenhänge wahrzunehmen, Unterschiede zu nutzen, Ressourcen zu aktivieren, Nichtwissen auszuhalten und Perspektivwechsel zu ermöglichen.
Gleichzeitig bleibt die Vermittlung systemischer Grundgedanken anspruchsvoll. Was in der Theorie einleuchtend klingt, kann in Ausbildung, Fortbildung und Praxis schnell abstrakt werden. Begriffe wie Selbstorganisation, Kontext, Resonanz, Wirklichkeitskonstruktion oder zirkuläres Fragen sind fachlich anschlussfähig, aber nicht immer leicht zugänglich.
Das von Simone Wurth vorgelegte EinFach-Arbeitsbuch setzt an dieser Stelle an. Es will systemische Grundgedanken nicht umfassend theoretisch entfalten, sondern mit kurzen Texten, eingängigen Sätzen, Illustrationen und Reflexionsfeldern erfahrbar machen. Es handelt sich um ein Arbeitsbuch aus der Praxis für die Praxis, das systemisches Denken niedrigschwellig, visuell und anwendungsbezogen vermitteln möchte.
Autorin
Simone Wurth ist Erzieherin, Sozialpädagogin und systemische Familientherapeutin. Im Vorwort beschreibt sie als Ausgangspunkte des Buches einerseits ihre langjährige Arbeit als Sozialpädagogin in der Jugendhilfe und andererseits ihre freiberufliche Tätigkeit als systemische Familientherapeutin. Darüber hinaus verweist sie auf Erfahrungen in Organisationsentwicklung, Coaching und Supervision sowie auf ihre Tätigkeit als Lehrende in pädagogischen Kontexten. Das Buch ist damit erkennbar aus der Verbindung von sozialpädagogischer Praxis, systemischer Beratung und didaktischer Vermittlung entstanden.
Entstehungshintergrund
Im Vorwort wird der Entstehungszusammenhang des Buches nachvollziehbar beschrieben. Wurth formuliert den Wunsch, psychosoziale Inhalte didaktisch eingängig zu vermitteln. Die vielen „wunderbaren und erhellenden Erfahrungen“ (S. 5), die sie in ihrer Arbeit habe sammeln können, hätten sie dazu bewegt, ein Begleitbuch zur Praxis sowie zur Vermittlung systemischer Inhalte zu schreiben und zu gestalten.
Hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit 20 Fachschüler:innen der Fachrichtung Grafik. Diese setzten theoretische Inhalte bildlich um. In der Zusammenarbeit entstanden intuitive Illustrationen zu kurzen, prägnanten Aussagen des systemischen Denkens. Die Illustrationen entstanden ausdrücklich ohne systemisches Vorwissen. Sie sollen dazu anregen, mit den Aussagen in Resonanz zu gehen, sich irritieren zu lassen und eigene Gedanken, Bilder, Fragen und Antworten zu entwickeln.
Damit ist ein zentrales systemisches Moment bereits in der Entstehung des Buches angelegt: Fachliche Aussagen werden nicht nur erklärt, sondern in einen offenen Deutungsraum gestellt. Bild und Text erzeugen keine eindeutige Belehrung, sondern laden zur Auseinandersetzung ein.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist als Arbeitsbuch gestaltet und folgt einem klar wiederkehrenden Aufbau. Nach Vorwort, Einladung und Hinweisen zur Nutzung beginnt es mit einem kurzen theoretischen Einblick in die Wurzeln des systemischen Ansatzes (S. 13–15). Vorgestellt werden unter anderem zentrale Entwicklungslinien systemischer Familientherapie und systemischen Denkens. Genannt werden etwa Virginia Satir, die Mailänder Gruppe um Mara Selvini Palazzoli, das Heidelberger Modell um Helm Stierlin, konstruktivistische Überlegungen unter anderem mit Bezug auf Humberto Maturana und Francisco Varela, lösungsfokussierte Impulse durch Steve de Shazer sowie hypnosystemische Ansätze nach Gunther Schmidt.
Auf diese Einführung folgt der eigentliche Arbeitsteil. Seite für Seite wird der Satzbeginn ‚Systemisch heißt …‘ mit einem systemischen Grundgedanken vollendet. Beispiele sind: „Systemisch heißt … anzunehmen, dass alles miteinander verbunden ist und in Resonanz geht“ (S. 16), „Systemisch heißt … zu verstehen, dass sich Systeme selbst organisieren“ (S. 18), „Systemisch heißt … eine Haltung des Nichtwissens einzunehmen, Wirklichkeitskonstruktionen anzuerkennen und zu würdigen“ (S. 34–35) und „Systemisch heißt … Fokus“ (S. 56).
Die Gestaltung folgt dabei einer wiedererkennbaren Logik: Eine farbige Doppelseite enthält jeweils eine zentrale Aussage, eine intuitive Illustration sowie freie Felder und Fragen zur eigenen Bearbeitung. Die Leser:innen werden eingeladen, Begriffe wie Resonanz, Selbstorganisation, Kontext oder Nichtwissen auf die eigene berufliche oder persönliche Erfahrung zu beziehen. Fragen wie „Was bedeutet für mich Resonanz? Mit wem oder was bin ich heute in Resonanz?“ (S. 17), „Was bedeutet für mich Selbstorganisation?“ (S. 19) oder „Worauf fokussiere ich meine Aufmerksamkeit?“ (S. 57) regen zur Selbstreflexion der zuvor benannten systemischen Grundgedanken an und bieten dafür grafisch gestaltete Felder auf den jeweiligen Seiten.
Das Buch arbeitet deutlich mit Reduktion. Die theoretischen Aussagen werden knapp gehalten, die Illustrationen sind einfach, teils spielerisch, teils symbolisch. Die Seiten bieten viel freien Raum für eigene Notizen, Zeichnungen und Gedanken. Die Gestaltung ist bunt und auffällig und könnte als nicht akademisch bezeichnet werden. Sie erinnert eher an ein persönliches Lern‑ und Reflexionsheft als an ein klassisches Fachbuch.
Adressiert werden laut Buch interessierte Leser:innen, die den systemischen Ansatz kennenlernen wollen, Fachschüler:innen der Sozialpädagogik, Fortbildungsteilnehmer:innen in pädagogischen Kontexten, systemische Berater:innen, die ihre Arbeitsweise und Grundhaltung Adressat:innen einfach und verständlich erklären möchten, sowie Adressat:innen, die sich für eine systemische Beratung interessieren und Grundgedanken einer systemischen Arbeitsweise nachvollziehen wollen.
Diskussion
Noch ein Buch dazu, was systemisch heißt? – Ja, noch ein Buch. Und zugleich eines, das gar nicht versucht, in Konkurrenz zu systemischen Lehrbüchern, Methodenkompendien oder Theorieeinführungen zu treten. Was macht an diesem Buch den Unterschied, der einen Unterschied machen kann? Es ist die konsequente Entscheidung für Einfachheit, Bildlichkeit und eigene Aneignung.
Das EinFach-Arbeitsbuch will systemisches Denken nicht vollständig erklären. Es will öffnen. Es will neugierig machen. Es will einladen, sich mit Grundgedanken systemischer Arbeit in Beziehung zu setzen. In diesem Sinne ist das Buch weniger ein Lehrbuch als ein Resonanzraum. Leser:innen sollen weniger verstehen als etwas mit sich und der eigenen Praxis in Verbindung bringen.
Gerade für sozialpädagogische Ausbildungs‑ und Fortbildungskontexte kann dies ein Gewinn sein, da Systemtheorie häufig als wichtig, gleichwohl als sehr voraussetzungsvoll erlebt wird. Wenn Begriffe wie Kontext, Resonanz, Selbstorganisation oder Nichtwissen nicht nur definiert, sondern über Bilder, Fragen und eigene Notizen erschlossen werden, kann ein anderer Zugang entstehen. Das Buch bietet damit eine Möglichkeit, fachliche Inhalte niedrigschwellig in Lernprozesse, Teamtage, Supervisionen oder Selbstreflexion einzubringen.
Gelungen ist der Mut zur Reduktion. Die kurzen Aussagen sind prägnant und verständlich. Die visuelle Gestaltung bricht mit der Erwartung an ein klassisches Fachbuch und kann dadurch gerade jüngere Lernende oder Menschen mit stärker bildlich-assoziativem Zugang ansprechen. Auch die Einbindung der Illustrationen von Fachschüler:innen der Grafik ist mehr als ein gestalterisches Detail. Sie entspricht dem systemischen Anliegen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und nicht nur fachlich vorgeformte Deutungen gelten zu lassen.
Im besten Falle positiv irritieren kann die Einfachheit der Darstellung. Wo systemische Fachliteratur mit komplexer Theorie, differenzierten Begriffen und umfangreichen Literaturbezügen arbeitet, setzt dieses Buch auf kurze Sätze, große Flächen und offene Fragen. Das kann erleichtern, aktivieren und eigene Gedanken in Bewegung bringen. Es kann aber auch irritieren, wenn Leser:innen eine systematische Einführung erwarten.
Es könnte gefragt werden, wie tragfähig die Reduktion komplexer systemischer Konzepte auf kurze Leitsätze ist. Selbstorganisation, Nichtwissen, Wirklichkeitskonstruktion oder Kontextorientierung sind fachlich anspruchsvolle Begriffe. Ihre starke Verdichtung macht sie zugänglich, birgt aber zugleich das Risiko, dass sie verkürzt oder alltagssprachlich vereinfacht verstanden werden. Für eine erste Annäherung ist dies hilfreich, für eine fundierte Auseinandersetzung jedoch nicht ausreichend.
Auch die Gestaltung selbst kann unterschiedlich wirken. Die bunten Seiten, die typografische Gestaltung und die kindlich-leicht anmutenden Illustrationen können Lust machen, sich spielerisch zu nähern. Sie könnten aber auch als zu verspielt wahrgenommen werden. Gerade hierin liegt eine produktive Ambivalenz des Buches: Es nimmt die Gefahr in Kauf, nicht allen zu gefallen, um bestimmten Zielgruppen einen leichteren Zugang zu ermöglichen.
Für die Arbeit mit Adressat:innen erscheint das Buch dort anschlussfähig, wo es darum geht, systemisches Arbeiten transparent zu machen. Einzelne Seiten können genutzt werden, um Grundhaltungen zu erklären, Gespräche vorzubereiten oder Reflexion anzuregen. Das Buch bietet Beratenden und Lehrenden grafische Impulse, die auf‑ und mitgenommen werden können in die jeweiligen beruflichen Kontexte.
Insgesamt überzeugt das Buch dort, wo es als Begleit‑ und Arbeitsmaterial verstanden wird. Es ersetzt keine systemische Ausbildung, kein Lehrbuch und keine methodische Vertiefung. Es kann Übergänge schaffen zwischen Theorie und Praxis, zwischen Fachsprache und Alltagssprache, zwischen Lehre und eigener Erfahrung. Wer es genau dafür nutzt, wird ein kleines, eigenwilliges und liebevoll gestaltetes Arbeitsbuch nicht nur vorfinden, sondern selbst weiter gestalten, sodass es im besten Fall zu einem sehr persönlichen ‚MEinFach-Arbeitsbuch‘ werden kann.
Fazit
Simone Wurth legt mit Systemisch heißt … EinFach-Arbeitsbuch ein niedrigschwelliges, visuell gestaltetes und praxisnahes Arbeitsbuch zur Vermittlung systemischer Grundgedanken vor. Es eignet sich besonders für Ausbildung, Fortbildung, Selbstreflexion, Teamarbeit und als ergänzendes Material in psychosozialen Kontexten. Wer eine fundierte theoretische Einführung sucht, wird ergänzende Literatur benötigen, aber wer einen anregenden Zugang zu systemischem Denken sucht, kann hier gut ins Fragen, Denken und eigene Arbeiten kommen.
Rezension von
Delia Godehardt
Dipl.-Sozialpädagogin, systemische Beraterin, systemische Supervisorin, Geschäftsführerin Transform Sozial
Website
Mailformular
Es gibt 6 Rezensionen von Delia Godehardt.




