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Martin Schweighofer: Die Kultivierung des Wandels

Rezensiert von Prof. Dr. Paul Brandl, 27.02.2025

Cover Martin Schweighofer: Die Kultivierung des Wandels ISBN 978-3-8325-5873-4

Martin Schweighofer: Die Kultivierung des Wandels. Zur praxis- und gemeinschaftsbasierten Transformation nicht nachhaltiger Lebensweisen. Logos Verlag (Berlin) 2024. 293 Seiten. ISBN 978-3-8325-5873-4. D: 46,50 EUR, A: 47,80 EUR.

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Der Autor

Martin Schweighofer hat an der Zeppelin Universität in Berlin promoviert und legt hier seine Dissertation als Publikation vor.

Thema

Dieses Buch geht der Frage nach, wie ein radikaler Wandel nicht nachhaltiger Lebensweisen gelingen kann. Am Beispiel der Ökodorfbewegung werden Ansätze untersucht, die eine Transformation etablierter gesellschaftlicher Praktiken fördern können. Dabei zeigt sich: Nicht nur die neuen Lebensweisen, auch der Wandel selbst muss kultiviert werden. Dazu gehört das Entwickeln von Gemeinschaft, die Herstellung von Bedingungen, die praxisbasiertes Erproben ermöglichen und Gestaltbarkeit fördern, das Machen von Atmosphären des Wandels sowie ein konstruktiver Umgang mit Gefühlen. Welche Rolle Wissen in diesem Wandel spielt, wird im Detail untersucht und dabei aufgezeigt, dass implizite Wissensbestände wesentlich für die Transformation sind und besondere Anforderungen hinsichtlich ihrer Neuverhandlung und eines möglichen Transfers mit sich bringen. Anhand der ökodorfspezifischen Transformationsarbeit wird veranschaulicht, wie derartige praxis- und gemeinschaftsbasierte Transformationskulturen gemacht und gepflegt werden können. Zudem wird ein generalisierter Transformationsansatz skizziert, dessen Elemente auch mit Praktiken aus anderen Kontexten realisiert werden könnten. Damit wird in diesem Buch eine Perspektive vorgeschlagen, welche die Kultivierung des Wandels konsequent in den Mittelpunkt rückt.

Inhalt

In der Einleitung geht der Autor auf die Problemstellung des radikalen Wandels ein. Im zweiten Abschnitt werden die Ökodörfer als Untersuchungsfeld beschrieben und im dritten Teil wird der Aufbau des Buches dargestellt und die Ergebnisse zusammengefasst. Anschließend wird auf die Methodik genauer eingegangen. Das Erkenntnisinteresse der Arbeit ist maßgeblich durch die Nachhaltigkeit geprägt und greift auch auf die Gemeinschafts- und Transformationsforschung sowie der Wissens- undUmweltsoziologie zurück. Maßgebend für den Forschungsansatz und die Auswahl der Methoden ist für den Autor die zentrale Stellung sozialer Praktiken. Für die Fragestellung der Untersuchung ist ein Ansatz angezeigt, der nicht nur durch Befragung und Beobachtung Daten sammelt, sondern auch durch die Beteiligung des Forschenden. Das Ergebnis der Feldforschung lebt somit von der Person des Forschers, der als Beteiligter in einem Ökodorf auch Betroffener war. Die Kultur des Wandels hat hier besondere Bedeutung.

Teil 1: Die Arbeit an neuen Lebensweisen Im ersten Kapitel wird der Ursprung und Kern der Ökodorfbewegung sowie ihre Ideen und zivilgesellschaftliche Forschungsergebnisse vorgestellt. Das zweite Kapitel widmet sich den praxisbasierten Keimzellen des Wandels und stellt modellhafte Lösungen für die großen Fragen unserer Zeit, gefolgt von in der Praxis gelebten Praktiken sowie deren Vollzug. Im dritten Kapitel geht’s um die Idee der Nachhaltigkeit sowie der praktischen Umsetzung gefolgt von Hintergrundwissen und Ordnungsideen. Im vierten Kapitel wird das Leben in Gemeinschaft vorgestellt: Ökodörfer als Leben in Gemeinschaften sowie die gemeinsame Arbeit im Wandel. Das fünfte Kapitel widmet sich der Neugestaltung des Alltäglichen mit den überschaubaren Zusammenhängen, ganzheitlichen Ansätzen und dem Alltäglichen. Im sechsten Kapitel finden sich die Konturen einer Kultur des Wandels sowie Transformationspraktiken. Anschließend werden die Atmosphären des Wandels besprochen. Die affektive Dimension, Gemeinschaften und Praktiken sowie das Machen von Atmosphären inclusive der Transformationsarbeit sind weitere Inhalte. Den Abschluss des Teil 1 bildet das Thema Gemeinschaftsmenschen als Träger:innen von Wissen.

Im Teil 2 beschreibt der Autor im ersten Kapitel das Thema „Stillschweigendes Wissen“ – Ökodörfer als Wissensgemeinschaften mit implizitem und kollektivem Wissen vom Kochen bis zum Essen. Das zweite Kapitel trägt die Überschrift “Emotionen und Körperwissen“, Schlagwörter dazu sind Gefühle, Stimmungen, Emotionen in der Transformationsarbeit sowie das Wissen durch den Körper. Die Transformation als Lernprozess umfasst folgende vier Abschnitte: Neuverhandlung impliziter Wissensbestände, Konfiguration von Wissen im praktischen Tun, die Verschränkung von Wissen und Gemeinschaft und das Hineinwachsen in die Wissensgemeinschaft. Abschließend geht es um den Wissenstransfer durch Teilhabe, Ökodörfer als „Durchlauferhitzer“ sowie Wissen für die großen Fragen unserer Zeit.

Teil 3 ist das Resümee mit praxis- und gemeinschaftsbasierten Transformationskulturen, ein Abschnitt zu Bedeutung und Potenzial sowie offenen Fragen und Ausblick.

Diskussion

Ein interessanter Titel, der zur intellektuellen Durchdringung der Durchschaubarkeit einlädt. Die Überschriften dieser Publikation verführen – weil vielversprechend und nichtssagend formuliert – nicht gerade zum weiteren Schmökern auf den rund 290 Seiten. Gemeinschaftsbasierte Transformation stellt aber in der Folge ein außergewöhnliches Thema dar, das zum intensiveren Studium verführen kann. Wichtig für Themeneinsteiger ist auch die Einführung in die Ökodörfer, die ja nicht überall bekannt sind. Auch das Einbeziehen der persönlichen Ebene ist unbedingt notwendig. Das Thema Nachhaltigkeit wird auf den weiteren Seiten sehr detailliert und differenziert dargestellt. Schwieriger wird dabei der Begriff einer nicht nachhaltigen Lebensweise angesichts der differenzierten Darstellung der Nachhaltigkeit. Das Betonen der Gemeinschaft setzt einen Kontrapunkt zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation des Gegeneinanders. Ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis zeugt nicht nur von gründlicher Recherche, sondern ermöglicht den Leser:innen ein weiteres noch intensiveres Stöbern und Vertiefen in die Materie

Wenn schon das Thema nicht ganz einfach zu verdauen ist, so werden die Leser:innen immer wieder mit zahlreichen Facetten einbezogen. Ein Organisationsentwickler darf sich die Frage stellen, ob denn die Veränderungsgeschwindigkeit in diesem Projekt eine etwas zu hohe war. Es braucht das Umdenken der betroffenen Gruppen ein gerüttelt Maß an Zeit – ein wesentlicher Faktor in derartigen Projekten. Die Veränderungsgeschwindigkeit wird vom beteiligten Berater schnell als „zu langsam“ eingeschätzt.

Fazit

Ein sehr ambitioniertes Projekt in Richtung Nachhaltigkeit und der Theorie U. Man erkennt, dass der Autor ein hohes Maß an eigener Betroffenheit hat und möglicherweise damit sehr viel – vielleicht zu viel – will. Bleibt die Frage: Muss es ein radikaler Wandel sein oder ein Wandel in vielen iterativem Schleifen?

Rezension von
Prof. Dr. Paul Brandl
war Professor für Organisationsentwicklung und Prozessmanagement an der FH Oberösterreich, Department für Sozial- und Verwaltungsmanagement und ist Berater insbesondere für die prozessbasierte Optimierung und Neugestaltung von sozialen Dienstleistern
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Es gibt 129 Rezensionen von Paul Brandl.

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ISSN 2190-9245