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Jana Binder: Globality. Eine Ethnographie über Backpacker

Cover Jana Binder: Globality. Eine Ethnographie über Backpacker. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2005. 248 Seiten. ISBN 978-3-8258-8686-8. 29,90 EUR.

Reihe: Forum Europäische Ethnologie.
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Das Thema

Jedes Jahr brechen Tausende junger Menschen, so genannte "Backpacker", mit ihren Rucksäcken auf, um die Welt zu sehen. Sie verbringen Monate in Neuseeland und Australien oder in Südost-Asien und wenden sich im Anschluss an ihre Reise in der Regel wieder Studium oder Beruf zu. Was motiviert diese jungen Menschen? In welchen Netzwerken bewegen sie sich, wie gestalten sie ihre Tage und ihre Reisezeit? An welchen Orten fühlen sie sich wohl? Wie ändert sich ihr Bild der Menschen, die sie in anderen Ländern kennen lernen? Was sind ihre Maßstäbe für eine erfolgreiche Reise? Welche Kontakte pflegen sie wie und wie und was kommunizieren sie mit ihrer Heimat?

Antwort auf Fragen wie diese erhofft sich Jana Binder durch eine Feldforschung unter Backpackern in Südost-Asien. 

Die Autorin

Jana Binder ist eine kulturanthropologische Forscherin aus dem Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Frankfurt. Ihre Schwerpunkte sind Transnationalismus, Globalisierung, Mobile Ethnographie sowie kritische Medien-Kulturanthropologie. Sie hat bereits eine Forschung zur Jugendkultur veröffentlicht, nämlich im Jahre 2001 die Forschungsarbeit: "Is“ ja net jeder der vom Kaff kommt gleich e„n Bauer. Jugendkulturelle Praxen in ländlichen Regionen".

Der Inhalt

Zunächst bettet Jana Binder ihr Thema in den Kontext zeitgenössischer kulturanthropologischer Forschung zu Tourismus, Globalisierung und Transnationalisierung, Netzwerke und Medialität ein, berücksichtigt auch den heutigen Stand der kulturanthropologischen Backpacker-Forschung  und schildert dann Planung und Durchführung ihres Forschungsprojektes:

Da die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von Backpackern an einem Ort drei Tage beträgt, ist Jana Binders Forschungsgegenstand mit den klassischen Methoden einer stationär arbeitenden Ethnografie nicht zu recherchieren. Die Autorin plant statt dessen im Anschluss an Marcus""multi-sited ethnography" eine "Reisegraphie":

Dreimal sechs Wochen hält sich die Autorin für ihre Forschungen in Südostasien auf. In diesem geografischen Raum finden sich viele der beliebtesten traditionellen (Thailand) und neuen (Kambodscha) Ziele von Backpackern. Jana Binder reist in Vietnam, Malaysia, Thailand und Kambodscha. Bei ihrer ersten Reise besucht Jana Binder selbst alle von Backpackern und der entsprechenden Literatur vorgeschlagenen "High-Lights". Bei der zweiten Reise schließt sich Jana Binder fünf Wochen lang einer kanadischen Backpackerin an. Bei der dritten Reise verweilt Jana Binder jeweils 3 Wochen an einem Ort in Thailand und Kambodscha und beobachtet die "vorbeiziehenden" Backpacker. Auf diese Weise gewinnen die Beobachtungen Jana Binders unterschiedliche Tiefe und Dichte. Die Autorin reist gemeinsam mit Backpackern, notiert ihre Beobachtungen, führt zahlreiche Interviews, sammelt Fotos, die Backpacker angefertigt haben, lässt sich in email-Verteiler aufnehmen, liest Homepages, kontaktiert Backpacker-Seiten im Internet. Zusätzlich untersucht sie die "Reiseräume" vor der Reise - Ausstatter-Geschäfte, Diashows, Literatur, Filme.

Die sorgfältige Feldforschung von Jana Binder führt zu einer Fülle faszinierender Erkenntnisse. Für die Kürze einer Rezension sei hier eine kleine Auswahl aufgezeigt: Auf den ersten Blick unterscheiden sich Philosophie und Reisealltag der Backpacker vom Alltag des durchschnittlichen Erholungsreisen. Diese Reise-Philosophie fasst Jana Binder unter den gängigen englischen (als lingua franca des internationalen Tourismus) Kürzeln so zusammen:

  • Go wherever you want. Hier wird der räumlichen Fixiertheit der daheim Gebliebenen oder der Touristen, die an nur einen Ort reisen, die Flexibilität und Spontaneität der Backpacker entgegen gesetzt, die möglichst große Entfernungen und möglichst viele Grenzen hinter sich lassen wollen.
  • Take your time. Die Zeit daheim wird als routinehaft, unspontan und eng strukturiert betrachtet, die Zeit auf der Reise dagegen als frei und spontan gestaltet, dabei aber stets dicht in Erlebnismenge und -qualität.
  • Go with the flow. Spontaneität und impulsives Handeln ersetzen das zweckbestimmte Handeln daheim, das als eine Aneinanderreihung stereotypisierter Routinen erscheint.
  • Feel it, Show it. Der körperlich widerstandsfähige und braun gebrannte Körper des Backpackers in stark beanspruchter Reise-Kleidung, oft verziert durch Schmuck, Tatoos und Piercings aus aller Welt, soll Zeugnis geben von dem abenteuerlichen Leben, das Backpacker führen. In Backpacker-Berichten wird Körperlichkeit ebenfalls als intensiv erlebt beschrieben.
  • Be less materialistic. Die beanspruchte Kleidung sowie das Feilschen um billige Unterkünfte und Transporte unterstreicht eine Abkehr vom westlich-materialistischen Lebensstil. Bei näherer Betrachtung sind aber Backpacker als Touristen ebenso konsumfreudig wie ihre geschmähten Gegenbilder aus dem "Massentourismus" - sie leben keineswegs durchweg preiswert und unterhalten eine blühende Backpacker-Tourismus-Industrie mit hohen Steigerungsquoten.
  • No commitments. Beziehungen auf Reisen werden meist mit anderen Backpackern geknüpft - innerhalb kürzester Zeit entstehen Bekanntschaft und Nähe, die ebenso schnell wieder aufgekündigt und vergessen werden können.

Wie entwickelt nun eines monatelange Reise das Verhältnis der Backpacker zu den vor Ort lebenden Menschen? Der Kontakt zu ortsansässigen Menschen beschränkt sich anscheinend häufig auf Transaktionen bei Dienstleistungen und Einkauf. In der Backpacker-Gastronomie und -Hotelbranche Tätige stellen oft den einzigen "einheimischen" intensiveren Kontakt dar.

Unter diesen Umständen wundert es nicht, wenn Gesellschaft in den bereisten Ländern durch die Reisenden, die viel unter sich sind und vor allem andere Backpacker kennen lernen, kaum differenziert wahrgenommen wird, sondern entlang tradierter stereotyper Kulturkonzepte, die von (vermeintlich) homogenen Nationalkulturen ausgehen. Insofern betonen Backpacker mehr die Differenz als das Gemeinsame und beschreiben in ihren Emails eher statische und geschlossene Kulturen. Als flexibel und modern erleben die Backpacker sich selbst und ihresgleichen, die jeweilige einheimische Bevölkerung erleben die Backpacker als statisch und in ihren Nationalgrenzen befangen. Ganz im Gegensatz dazu konstruieren sich die Backpacker als zahlreiche Grenzen überschreitend, frei, unabhängig und mobil.

So bleiben viele Begegnungen mit dem Fremden imaginär: Während des Reisens suchen Backpacker den Anschluss ans Bekannte - also den Kontakt zu anderen Backpackern, die Unterkunft in Backpacker-Hostels und das Essen in Restaurants, in denen man andere Backpacker trifft. Erst bei der Umsetzung der Erlebnisse in Mails und (z.T. elektronische) Reisetagebücher steht die Begegnung mit dem Andersartigen, Fremden im Mittelpunkt der Schilderung, denn erst die Begegnung mit dem Fremden, dem Besonderen, macht einen deutlichen Unterschied zum "Massentourismus" aus, von dem sich Backpacker absetzen müssen, um sich von ihm zu unterscheiden und ihren Reisen eine besondere Qualität zu verleihen. So sollen sich Orte, die besucht werden, möglichst durch wenig Modernität, Wildheit und Fremdheit auszeichnen. 

Backpacker pflegen ihre sozialen Netzwerke durch Telefon, Flugzeug, Internet und es entstehen sog. "de-territorialisierte Zusammengehörigkeiten" (216). Die angestrebte "Re-Territorialisierung", d.h. die Rückkehr an den Ort des Aufbruchs und die Schilderung der Abenteuer dort wird immer mitgedacht und schon vorbereitet durch Mails und Fotos, die an die Daheimgebliebenen geschickt werden.

Den Identitätsentwurf und die durch die Reise angestrebte Schlüsselkompetenz der von ihr untersuchten Backpacker bezeichnet Jana Binder als "Globality" (s. Titel). "Globality" fügt sich gut in die heute von der Wirtschaft propagierten Ausbildungsanforderungen für die neue globalisierte Ökonomie. Laut Jana Binder kann man deshalb getrost von einem "Qualifizierungstourismus" oder "Globalisierungstourismus" sprechen (139). Eingesetzt als "Distinktionskapital" (140) fördert es die Chance unter globalisierten Bedingungen Karriere zu machen, also "flexibel, mobil, teamfähig, interkulturell kompetent und  selbständig" (215) zu sein.

Es gibt mittlerweile einige ethnografische Forschungen über Backpacker, die diese Tourismus-Form sehr kritisch bewerten. Jana Binder scheint mir hier einen wissenschaftlich günstigen Weg zu gehen: Sie dekonstruiert zwar so manche liebgewonnene Illusion der Backpacker-Szene, dies jedoch mit einem freundlichen-ironischen Abstand und ohne missionarischen Eifer.

Fazit und Zielgruppe

Eine wunderbare ethnografische Feldforschung, nicht nur spannend und unterhaltsam zu lesen, sondern exzellent vorbereitet, gut durchgeführt und vorbildlich dokumentiert. Ich möchte das Buch für alle empfehlen, die ihren ethnografischen Blick schulen wollen. Wo ethnografisches Forschen und Schreiben gelehrt wird, sollte diese Veröffentlichung als Lehrbuch verwendet werden.


Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 08.10.2006 zu: Jana Binder: Globality. Eine Ethnographie über Backpacker. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2005. ISBN 978-3-8258-8686-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3309.php, Datum des Zugriffs 18.01.2020.


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