Nadine Wagner: Mediale Berichterstattung bei Kindeswohlgefährdung
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 02.09.2025
Nadine Wagner: Mediale Berichterstattung bei Kindeswohlgefährdung. Wege erfolgreicher Krisenkommunikation im Jugendamt.
Tectum
(Baden-Baden) 2024.
119 Seiten.
ISBN 978-3-689-00142-1.
D: 34,00 EUR,
A: 35,00 EUR.
Reihe: Young academics - Frühe Hilfen und Kinderschutz - Band 3.
Thema
Fälle von Kindeswohlgefährdung, die ein großes mediales Interesse hervorrufen, machen deutlich, dass Jugendämter Strategien und Maßnahmen entwickeln müssen, um angemessen auf Krisen zu reagieren und gleichzeitig den Schutz der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten. Unter Bezugnahme auf den Fall Kevin aus dem Jahr 2006 verdeutlicht die Autorin, vor welchen Herausforderungen Jugendämter in Fällen besonders schwerer Kindeswohlgefährdung stehen. Sie zeigt Wege auf, wie die Fachbehörden auf negative Berichterstattung reagieren können, ohne ihr Vertrauen einzubüßen, und entwirft einen Handlungsleitfaden für die Kommunikation zwischen Jugendamt und Medien bei öffentlich gewordenen dramatischen und/oder fehlerhaften Fallverläufen.
Autorin
Über die Autorin Nadine Wagner lassen sich weder im Buch noch über die Verlagshomepage Informationen finden, lediglich die Absolvierung des Masterstudiengangs Dialogische Qualitätsentwicklung in den Frühen Hilfen und im Kinderschutz, aus dem die Beiträge dieser Buchreihe entstammen, ist bekannt. Im Text wird erwähnt, dass sie Mitarbeiterin einer Berliner Kinderschutzbehörde sei (S. 3).
Aufbau und Inhalt
Wie wichtig dieses Buch ist, wird gleich auf der ersten Seite deutlich: „Jugendämter sind (…) mit einzigartigen Herausforderungen und Verantwortlichkeiten konfrontiert“ (S. 1) heißt es dort. Die rechtlichen Rahmenbedingungen des Grundgesetztes und des SGB VIII, aus denen eben jene Herausforderungen im Kinderschutz entstehen, werden zunächst in der Folge beschrieben. Dass es immer wieder zu massiven Schädigungen und sogar Tötungen von Kindern durch Eltern kommt, ist bekannt und wird sich wahrscheinlich auch nie verhindern lassen – ganz einfach, weil manche Familien, in denen so etwas passiert, dem Jugendamt überhaupt nicht bekannt sind. Trotz interessiert sich die Öffentlichkeit – zurecht – für solche Fälle. Die bisherigen Erfahrungen – speziell der hier näher betrachtete Fall Kevin aus Bremen – zeigen aber, dass es Jugendämter sich dann mit Verweis auf den Datenschutz nahezu ‚verbarrikadieren‘ und dem Mob der Boulevardmedien und der sozialen Netzwerke die Deutungshoheit überlassen. Das hat dann oft fatale Folgen und führt dazu, dass das Vertrauen in ‚das Jugendamt‘ verloren gehen kann. Und so geht Nadine Wagner der Frage nach, wie Jugendämter auf negative mediale Berichterstattungen vertrauenswürdig reagieren können, wenn es um Fälle von besonders schwerer Kindeswohlgefährdung geht – und zwar sowohl inner- als auch außerhalb des Amtes.
Neben der theoretischen Rahmung erfolgt die Zusammenfassung des besagten Bremer Falls, der 2006 den Anlass gab, § 8a ins SGB VIII zu ergänzen. Was sind eigentlich Krisen grundsätzlich, losgelöst von der Arbeit des Jugendamtes? Und was sind sie eben speziell dort? In der Folge referenziert die Autorin auf Erkenntnisse des Kommunikationswissenschaftlers Coombs, der Krisenkommunikation in Phasen und Managementaufgaben unterteilt hat. Anhand seines Modells wird der Fall Kevin dann dezidiert analysiert. So entsteht am Ende ein Handlungsleitfaden für Kommunikation im Fall der Fälle. Denn, und man mag es kaum glauben, trotz der Brisanz dieser Fälle gibt es bisher keinerlei Leitfaden oder Ratgeber, wie sich vor allem Leitungskräfte kommunikativ nach innen und außen aufstellen sollen oder müssen.
Wagners beispielhaftes Konzept untergliedert sich in vier Punkte. Zunächst geht es darum zu verstehen, dass vier ganz verschiedene Perspektiven mit unterschiedlichen, aber individuell berechtigten Interessen gibt: das Jugendamt selbst, die Öffentlichkeit, die Medien aber auch die Wissenschaft. Klar werden muss den Beteiligten in den Jugendämtern in einem zweiten Schritt, dass Krisen zum Alltag gehören (können) und es insofern Sinn macht, ein Verständnis von Krisen zu schaffen, zu etablieren und auch fortlaufend zu erweitern. In der Krise will und soll Kommunikation entsprechend der Rollenerwartung erfolgen. Dazu sei es, so die Autorin, wichtig, Krisen grundsätzlich prospektiv entgegenzutrete. Und Prävention durch konsequenten Dialog zu versuchen. Das gilt sowohl nach innen als auch nach außen. Dafür macht zum Beispiel die Aufstellung eines Krisenteams Sinn, das zusammentritt, wenn es gebraucht wird. Für diesen Zeitpunkt müssen Vorbereitungen getroffen sein, „Klarheit über seine Funktion und Zielstellungen“ (S. 88) muss im Krisenteam herrschen. So etwas erst zu definieren, wenn die Krise schon da ist, wäre fatal, würde dafür sorgen, dass sich das Amt eher mit sich selbst als mit den Fakten des Einzelfalls beschäftigt. Wichtig ist auch, eine Krise als solche zu erkennen. Denn manchmal gehen Wahrnehmungen im Amt und ‚der Welt da draußen‘ vielleicht auseinander. Die Königsdisziplin an sich sind dann die Krisenkommunikation und die dazugehörigen Maßnahmen: Wie kann man offensiv kommunizieren, dabei aber den Sozialdatenschutz gewährleisten? Und – ganz wichtig – mit dem Ende der (medialen) Aufmerksamkeit ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Dann geht es darum, die vorhergehende Situation und das Vorgehen genau und vor allem ehrlich zu reflektieren und aus möglichen Fehlern zu lernen.
Diskussion
Die Veröffentlichung ist informativ, gut recherchiert und bietet mit Checklisten für das Vorgehen im Fall der Fälle im Anhang eine tolle Ergänzung. Kritikwürdig ist aber die Tatsache, dass es weder Informationen über die Autorin gibt noch darüber, was dieser Text eigentlich ist: Ist es eine Masterarbeit? Eine Seminararbeit? Oder nur für die Veröffentlichung als Buch geschrieben worden? Der inhaltlichen Qualität tut das keinen Abbruch, denn es wird deutlich, wie Jugendämter in Krisensituationen sinnvoll kommunizieren können und dadurch nicht dafür sorgen, dass das Vertrauen in diese Institution (noch mehr?) schwindet. Der Spruch von der Krise als Chance mag zwar abgedroschen klingen, im vorliegenden Buch zeigt sich aber deutlich, dass gerade für die Jugendämter etwas dran sein kann. Es wäre wünschenswert, wenn das hier vorgelegte Konzept in der Praxis Anwendung finden würde.
Fazit
Aus der Theorie für die Praxis – wer eine Idee davon bekommen möchte, wie Krisenmanagement im Jugendamt funktionieren kann, dem sei dieses Büchlein ans Herz gelegt.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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