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Jeffrey D. Sachs: Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm [...]

Cover Jeffrey D. Sachs: Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt. Siedler Verlag (München) 2005. 480 Seiten. ISBN 978-3-88680-830-4. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

Originaltitel: The end of poverty. Aus dem Amerikan. von Udo Rennert und Thorsten Schmidt.
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Das Thema

Die Bekämpfung extremer Armut stellt eine der zentralen Aufgaben der globalen Gemeinschaft dar und hierfür stellt die Analyse der Ursachen eine der Grundvoraussetzungen dar. Deren Komplexität soweit zu reduzieren, dass diese in ein umsetzbares Programm münden kann, stellt das zentrale Anliegen von Jeffrey D. Sachs dar. Als Direktor des UN Millennium-Projekts zur globalen Armutsbekämpfung und in den neunziger Jahren bekannt gewordener Entwicklungsökonom versucht Sachshier neben einer Bestandsaufnahme und historischen Rekonstruktion der Entwicklung globaler Armut ein Lösungsprogramm zu entwickeln, das aus seiner Sicht realisierbar ist.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt 18 Kapiteln aufgebaut und enthält zusätzlich noch eine Einleitung sowie ein Vorwort von Bono, dem Sänger der Popband U2, der sich seit den 90er Jahren sehr im Kampf gegen globale Armut engagiert hat und Jeffrey D. Sachs bei einigen Reisen als "Botschafter im Kampf gegen Armut" begleitet hat. Hier ein Überblick über die ersten zehn Kapitel:

  • Im ersten Kapitel nimmt der Autor zunächst eine Bestandsaufnahme unter Zuhilfenahme von Daten der Weltbank vor, die für die in den folgenden länderspezifischen Analysen als Grundlage dienen soll. Dabei verdeutlicht er auch knapp die Millenniumsziele der Vereinten Nationen (UN), die u.a. bis zum Jahr 2025 eine Beseitigung der extremen Armut vorsehen.

Die nächsten drei Kapitel beleuchten übergreifende Aspekte, bevor Sachs sich dann der Darstellung von Armutsursachen in einzelnen Ländern widmet.

  • So steht im zweiten Kapiteldie historische Darstellung des modernen Wirtschaftswachstums im Zentrum. Dabei wird deutlich, dass es sich hierbei mit 200 Jahren um eine sehr kurze Zeitspanne handelt, vor der mehr oder weniger globale Armut in allen Regionen der Welt die Regel war. Dies verdeutlicht Sachs - wie auch in den anderen Kapiteln - anhand grafisch aufbereiteten statistischen Materials. Trotz der Fokussierung auf die wirtschaftshistorische Entwicklung nimmt der Autor immer wieder sozialgeschichtliche Aspekte in seine Betrachtung auf, die insbesondere für seine Länderanalysen von großer Bedeutung sind. Dabei stellt er mit der Aussage, dass es für "so gut wie alle ihre [der armen Länder] Probleme praktische Lösungen gibt" gleich zu Beginn eine das gesamte Buch durchziehende optimistische Position dar.
  • Im dritten Kapitel versucht Sachs unter der Überschrift "Warum manche Länder arm bleiben" einige zentrale Ursachen zu benennen, die er in seinem im letzten Teil des Buches als Hauptpunkte seines Armutsbekämpfungsprogramms diskutiert. Um Erklärungen für die Tatsache zu finden, dass es einige Länder nicht schaffen, aus eigener Kraft extreme Armut zu bekämpfen, holt der Autor weit aus und kommt schließlich zur Beschreibung eines umfassenden Ursachenbündels, das er als "Armutsfalle" bezeichnet. Einen wesentlichen Bestandteil dieser Armutsfalle sieht er in der physikalischen Geographie eines Landes, d.h. Klima, Bodenschätze, Wasserwege, Zugang zum Meer, um nur einige hierzu gehörender Aspekte zu nennen. Weitere Gründe für lang andauernde Armut sieht er in der Überschuldung von armen Ländern, schlechter Regierungsführung und kulturelle Schranken, wobei er hier insbesondere die Geschlechterungleichheit als tief greifendes Hindernis zur Beseitigung von Armut sieht.
  • Das vierte Kapitel steht dann ganz im Zeichen der Darstellung des eigenen Ansatzes des Autors zur Diagnostik der Situation in von Armut betroffenen Ländern. Dabei wählt Sachs mit der Bezeichnung seiner Methode als "klinische Ökonomie" bewusst die Parallele zur Medizin, um auszudrücken, dass arme Länder als "Wirtschaftspatienten" zu betrachten seien und hier spezifische Therapien erarbeitet und umgesetzt werden müssen. Dabei stellt er auch eine Checkliste einer aus sieben Teilen bestehenden Diagnose auf, die neben der Bestandsaufnahme wirtschaftlicher Eckdaten eben auch die Analyse der bereits erwähnten physikalischen Geographie, der Regierungsführung, der kulturellen Schranken aber auch der geopolitischen Einordnung des jeweiligen Landes enthält.

Die Kapitel 5 bis 10 widmen sich der Armut und deren Bekämpfung in so unterschiedlichen Ländern wie Bolivien, Polen, Russland, China, Indien sowie den Regionen Afrikas südlich der Sahel-Zone. In diesen Kapiteln wird besonders deutlich, dass es sich bei diesem Buch erklärtermaßen nicht um ein wissenschaftliches Werk im strengen Sinne handelt, sondern der Autor durchaus auch seine eigene (welt)politische Einflussnahme deutlich machen möchte.

  • Dabei stellen das Kapitel 5 sowie das Kapitel 6, die sich der Situation in Bolivien und in Polen widmen, wahre Erfolgsstories dar, denn hier gelang die Eindämmung von Faktoren wie Hyperinflation bzw. der Transformation vom Realsozialismus zur Marktwirtschaft.
  • Anders stellt es sich in dem im siebten Kapitel geschilderten Beispiel Russlands dar, dem es trotz viel versprechender Entwicklungen zu Beginn der neunziger Jahre nicht gelungen ist, dauerhaft der Armut zu entkommen. Hierfür macht Sachs aber auch in nicht unerheblichem Ausmaß die westliche Welt, namentlich die G 7 -Staaten verantwortlich, die weder eine Entschuldung Russlands noch Aufbauhilfen politisch gewollt hätten. So sieht Sachsin Russland zwar schon die Entwicklung zu einer Marktwirtschaft als positives Signal, die allerdings um den hohen Preis eines eklatanten Demokratiedefizits erkauft worden sei.
  • Hier schätzt er die Entwicklung Chinas, die im achten Kapitel dargestellt wird, wesentlich positiver ein. Dabei hatte China aus seiner Sicht auch bessere Startchancen wie beispielsweise eine kaum vorhandene Auslandsverschuldung, eine bessere physische Geographie durch die lange Küstenlinie und eine große Zahl investitionswilliger Auslandschinesen. Allerdings sieht Sachs in den innerchinesischen Ungleichheiten sowie den Problemen der Transformation, wie dem Demokratiedefizit und dem massiven Umweltschutzproblem.
  • Das neunte Kapitel widmet Sachsder Darstellung der Situation in Indien, wobei er hier einen weiten historischen Bogen spannt, um die Bedeutung des Kastensystems für die gesellschaftliche Entwicklung - und damit auch für den Ausweg aus der Armut - darstellen zu können. Dabei geht er auch auf den Kolonialismus, dessen Erbe in Indien immer noch Folgen zeitigt. Dennoch sieht er in Indien ein Beispiel für eine positive Entwicklung, konnte hier doch die Armutsquote von 42 Prozent im Jahre 1990 bis auf 35 Prozent im Jahre 2001 gesenkt werden.
  • Demgegenüber sieht er in der Situation Afrikas, namentlich des südlichen Afrikas, das er im zehnten Kapitel ins Zentrum rückt, eine mächtige Armutsfalle am Wirken, deren Bestandteile neben den Folgen des Kolonialismus und der Korruption vornehmlich die HIV/ Aids Pandemie darstellen, wobei sich die Malaria hier noch als verschärfender Faktor hinzugesellt. Hier ist eine Dramatisierung der Lage insofern zu konstatieren, als die Lebenserwartung in den Ländern südlich der Sahelzone in den vergangenen Jahren durch Aids um 20 Jahre auf nunmehr 47 Jahre gesunken ist. Dennoch sieht Sachs hier mögliche Handlungsstrategien, angefangen von ursächlicher Malaria-Bekämpfung, wirkungsvollen Aids-Medikamenten bis hin zu Infrastrukturprojekten.

Der Darstellung eines globalen Armutsbekämpfungsprogramms sind dann die restlichen acht Kapitel des Buches gewidmet, das sich vor allem durch eines auszeichnet: seine ungeheure Schlichtheit.

Diskussion

Sachs zeigt an diversen Beispielen, wie sein an den UN- Millenniumszielen ausgerichteter "globaler Pakt zur Überwindung der Armut" aussieht. So bedarf es jeweils fünf Elemente, bestehend aus einer Differenzialdiagnose zur Feststellung des landesspezifischen Bedarfs, eines Investitionsplans, eines Finanzplans, eines Geberplans, in dem die mehrjährigen Finanzierungszusagen der Geberländer aufgeführt sind und schließlich eines verwaltungspolitischen Rahmenplans, der die Gestaltung einer verantwortungsvollen Regierungs- und Verwaltungspraxis darstellt, damit die anderen Elemente umsetzbar sind. Die vermeintliche Einfachheit dieses Armutsbekämpfungsprogramms speist sich aus Sachs Hintergrund als Volkswirt, wodurch es gerade deswegen so überzeugend wirkt. Obwohl Sachs soziale, politische und kulturelle Konflikte benennt, nehmen diese in seinem Programm einen sehr untergeordneten Platz aus. Nichtsdestotrotz stellt das Buch vor allem wegen seiner Analysen in den ersten Kapiteln einen lesenswerten und lehrreichen Beitrag zum Thema globale Armut und ihre Bekämpfung dar.

Das Buch ist vom Schreibstil her als gefällig und leicht lesbar zu bewerten, wobei gelegentliche Sperrigkeiten der Sprache ein wenig störend wirken, den Wert des Buches aber insgesamt nicht schmälern.

Zielgruppe

Das Buch ist als populärwissenschaftliches Sachbuch für eine sehr breite Zielgruppe geschrieben, stellt aber insbesondere für den Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die mittelbar oder unmittelbar mit von Armut betroffenen Personen zu tun haben, eine interessante Hintergrundlektüre dar.

Nutzen für die Zielgruppe

Einen unmittelbaren Praxisbezug hat das Buch von seiner Intention nicht, bietet aber neben der Einsicht in globale wirtschaftliche und politische Zusammenhänge eine wertvolle Horizonterweiterung und kann insofern empfohlen werden.

Fazit

Das Buch ist gerade wegen seiner guten Lesbarkeit ein wichtiges Grundlagenwerk, das die komplexen Zusammenhänge extremer Armut transparent macht - wobei die volkswirtschaftliche "Brille" des Autors soziokulturelle und politische Zusammenhänge etwas zu sehr vereinfacht.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 02.05.2006 zu: Jeffrey D. Sachs: Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt. Siedler Verlag (München) 2005. ISBN 978-3-88680-830-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3312.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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