Manfred Pretis, Aleksandra Dimova: Frühförderung mit Kindern psychisch kranker Eltern
Rezensiert von Prof. i.R. Manfred Baberg, 27.01.2026
Manfred Pretis, Aleksandra Dimova: Frühförderung mit Kindern psychisch kranker Eltern.
Ernst Reinhardt Verlag
(München) 2025.
5., aktualisierte Auflage.
192 Seiten.
ISBN 978-3-497-03310-2.
D: 39,90 EUR,
A: 41,10 EUR.
Reihe: Beiträge zur Frühförderung interdisziplinär - 12.
Autor:innen
Manfred Pretis ist Klinischer Psychologe und Integrationspädagoge. Er ist Professor für Transdisziplinäre Frühförderung an der Medical School Hamburg. Aleksandra Dimova ist habilitiert in biologischer Psychiatrie und arbeitet als Fachärztin für Psychiatrie in freier Praxis in Graz.
Die Verfasser*innen verfügen über 20-jährige Erfahrung im Dialog zwischen den Fachdisziplinen Psychiatrie, Psychologie und Heilpädagogik.
Entstehungshintergrund
Hintergrund der 5. Auflage ist unter anderem eine Veränderung des Arbeitsstils. So wurde in der Kommunikation mit den Eltern der Begriff „Krankheit“ durch „psychische Verletzlichkeit“ ersetzt, um weniger zu stigmatisieren.
Ein weiterer Hintergrund für die neue Auflage ist die Internationalisierung des Themas verbunden mit dem Austausch in Europa über die Bedürfnisse „vergessener Kinder“, der eine Fülle neuer Ideen gebracht hat.
„Im Zentrum des Buches steht die Wahrnehmung von Bedürfnissen von Kleinkindern, die aufgrund psychischer Verletzlichkeit der Eltern Gefahr laufen, vergessen zu werden“ (11).
Aufbau und Inhalt
Der Band ist in sieben Kapitel gegliedert, die nach der Einleitung zunächst die Problematik vergessener Kinder darstellen, ihre Hintergründe in Familien psychisch verletzlicher Eltern analysieren und Möglichkeiten zur Stärkung der Kinder behandeln. Vertieft werden diese mit der Förderung von Kleinkindern depressiver und schizophrener Eltern. Im abschließenden Ausblick werden auch Handlungsmöglichkeiten bei Eltern mit Persönlichkeitsstörungen erörtert und präventive Maßnahmen evaluiert.
Kapitel 2 Vergessene Kinder
Das Kapitel beginnt mit dem Fallbeispiel eines zehn Monate alten Jungen, dessen Eltern beide psychische Beeinträchtigungen hatten, die der Förderung des Jungen im Wege standen. Der Aufbau einer Vertrauensbasis zu den Eltern ermöglichte jedoch eine gezielte Frühförderung, durch welche eine Entwicklungsstörung des Jungen vermieden werden konnte.
Im nächsten Absatz wird über den Anstieg psychischer Verletzlichkeit als Ursache kindlicher Störungen diskutiert. Es gibt zwar keine genauen Zahlen über Kinder, die mit einem oder zwei psychisch erkrankten Eltern aufwachsen. In Australien wurde jedoch ermittelt, dass deren Anteil dort zwischen 20–23 % liegt.
In Deutschland kann man davon ausgehen, dass statistisch gesehen sich in jeder Schulklasse oder Kita-Gruppe ein behandlungsbedürftiges Kind befindet. Von diesen Kindern haben im Erwachsenenalter 25 % selbst psychische Probleme.
Die Partnerschaften der Eltern zerbrechen häufig bei psychischen Störungen und mehr als die Hälfte der Psychiatriepatient*innen leben dauerhaft getrennt von ihren Kindern.
Im Unterschied zu anderen Erkrankungen wie zum Beispiel Fieber haftet den psychischen Erkrankungen meist etwas Unverständliches und Angst Machendes an.
Um psychischen Störungen bei Kindern entgegenwirken zu können, ist eine Steigerung von Resilienz erforderlich, die von den Verfasser*innen auch als „Bewältigungskapital“ bezeichnet wird. Die Förderung des Bewältigungkapitals ist deswegen die zentrale Aufgabe von Frühförderung bei Kindern psychisch erkrankter Eltern.
Aus den Verhaltensweisen der Kinder kann nicht eindeutig auf das psychische Problem der Eltern geschlossen werden. Auch die Reaktionsweisen der Kinder auf psychische Probleme der Eltern und die damit verbundenen Belastungen sind nicht homogen. Dies enthält jedoch auch eine Chance für die Entwicklung der Kinder, weil sie sich zum Teil selbstständig verhalten können und dadurch Schutz vor den Störungen erhalten. Ihre diesbezüglichen Fähigkeiten müssen frühzeitig gefördert werden.
Kapitel 3 Leben mit psychisch verletzlichen Eltern – wie geht es den Kindern?
Da psychische Erkrankungen häufig nicht die gesamte Person betreffen, kann auch die Erziehungsfähigkeit zum Teil erhalten bleiben. Eine Studie der Verfasser*innen hat ergeben, dass nur bei jedem vierten betroffenen Kind eine Entwicklungsverzögerung vorlag. Ängstliches und hilfloses Fehlverhalten kann jedoch Bindungsstörungen hervorrufen.
Im Kleinkindalter (0-3 Jahre) reagieren Kinder psychisch belasteter Eltern mit internalisierten Störungen wie Rückzugsverhalten, unsicherer Bindung, geringerem Explorationsverhalten und Sprachentwicklungsverzögerungen. Bei Kindergartenkindern (4-6 Jahre) steigt dagegen das Risiko externalisierter Störungen wie Hyperaktivität und Aggression.
Da depressive Personen weniger ansprechbar für Signale der Kinder sind, können schon bei drei Monate alten Kindern Entwicklungsverzögerungen festgestellt werden. Sie sind passiver und weniger neugierig als ihre Altersgenossen.
Kinder schizophrener Eltern werden meist als emotional instabil geschildert. Sie sind ängstlich und unglücklich und verfügen häufig über geringere soziale Kompetenzen.
Aus der Retroperspektive im Erwachsenenalter berichten betroffene Personen, dass sie massive Schuldgefühle entwickelt haben, weil sie sich für das Leiden und die psychische Instabilität der Eltern verantwortlich fühlten.
Eine wichtige Ursache für mangelnde Selbstentwicklung kann auch die Übernahme elterlicher Aufgaben sein: Ein zwölfjähriger Junge versorgte seinen sechsjährigen Bruder, wickelte den zweijährigen Bruder und übernahm Haushaltsaufgaben.
Als Erwachsene haben die betroffenen Kinder häufig Angst, selbst psychisch krank zu werden.
Auf der sozialen Ebene kann die Trennung von Elternteilen zu Isolation führen. Die psychische Erkrankung kann auch zu einem Verlust des Arbeitsplatzes führen, wodurch ökonomische Probleme entstehen.
Kapitel 4 Was die Kinder psychologisch verletzlicher Eltern stärkt
Wichtig ist die Aufklärung der Kinder über die Erkrankung der Eltern. Diese sollte kindgerecht zum Beispiel über Bilderbücher, bekannte Geschichten oder Filme erfolgen. Notwendig ist auch die Darstellung positiver Aspekte, die dem Kind verdeutlichen, dass es geliebt wird.
Selbstwert und Selbstwirksamkeit können ebenfalls gefördert werden. Letztere zum Beispiel durch die Überzeugung, dass ein gewünschtes Ziel durch eigenes Handeln erreicht werden kann. Ein wichtiger Resilienzfaktor ist auch das Durchhaltevermögen, das durch Förderung der Frustrationstoleranz erreicht werden kann. Wichtig ist die Verfügbarkeit einer gesunden und stabilen Bezugsperson: der andere Elternteil, eine Tagesmutter oder (Ganztags-) Kita-Betreuung.
Besonders notwendig ist die adäquate medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung erkrankter Eltern, die meist zeitnah zu einer Verbesserung der gesamten psychischen Situation führt.
Ebenso wichtig ist der Kontakt zu nicht auffälligen Peers durch gemeinsame Interessen wie Sport und Spiele. Dies kann auch durch Einrichtungen innerhalb der Community wie Sportvereine oder kirchliche Gruppen geschehen.
Auch positive Rückmeldungen über schulische und außerschulische Leistungen des Kindes sind wichtig, weil sie das Selbstwertgefühl steigern.
Kapitel 5 Frühe Förderung mit Kleinkindern depressiver Eltern
Eltern, die an Depression erkrankten, wissen zwar häufig, was Kinder an sozialer Aufmerksamkeit, Zuwendung und gemeinsamen Aktivitäten benötigen, es fehlt ihnen jedoch oft die Lebensenergie zur Umsetzung, zum Beispiel das Kind in die Arme zu nehmen. Dies führt zur Gefahr der Vernachlässigung, die sozialarbeiterische Unterstützung notwendig macht.
Eine Früherkennung der depressiven Erkrankung durch Helfer*innen ist wichtig, weil nicht nur Verhaltensstörungen entstehen, sondern auch das Risiko zu Selbstmord besteht, bei welchem auch Kinder mitgenommen werden können.
Neben der Behandlung der Depression durch Medikamente und Psychotherapie sind auch konkrete Fördermaßnahmen für die Kinder erforderlich. Es gibt drei Ebenen für Interventionen:
- kindzentrierte Förderung
- gemeinsame Arbeit mit den Eltern oder dem erweiterten Familiensystem
- transdisziplinärer Austausch.
Gemeinsam sind den drei Ebenen die Förderung von Resilienz zum Beispiel durch Sprach- und Leistungsverstärkung, Stärkung des Selbstwertgefühls durch positive Rückmeldungen und Förderung der sozialen Kompetenz durch Ausdrücken von Bedürfnissen und Gefühlen.
Kapitel 6 Frühe Fördermaßnahmen für Kinder mit an Schizophrenie erkrankten Eltern
Trotz der mit Schizophrenie meist verbundenen schweren Störungen gibt es auch Ressourcen, die von Kindern genutzt werden können. Als Beispiel wird eine Mutter angeführt, die mit ihrer Tochter sehr kreative Bastelarbeiten durchführen konnte. In der Regel ist ein Verbleib der Kinder in der Familie aber nur möglich, wenn Familienmitglieder wie die Großeltern in die Betreuung einbezogen werden.
Aus der Sicht des Kindes ist Schizophrenie in der Regel mit Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Aggression verbunden. Optische Halluzinationen wie Anwesenheit von Tieren und Personen und Verfolgung durch sie gefährden die psychische Stabilität des Kindes, wenn sie nicht behandelt werden. Die Bedürfnisse der Kinder verlieren in solchen Situationen ihre Bedeutung. Ihre Versuche, Aufmerksamkeit zu erlangen, werden nicht beachtet.
Helfer*innen können Schizophrenie durch Absinken der Leistungsfähigkeit, sozialen Rückzug und Vernachlässigung der Körperhygiene erkennen. In der Progressionsphase entwickeln sich Halluzinationen oder Wahnideen. Durch medikamentöse Unterstützung können diese Symptome in 10–15 Minuten beruhigt, aber nicht dauerhaft geheilt werden.
Bei Katatonie (Unbeweglichkeit), die oft stundenlang dauert, können Kinder Angst bekommen, dass die Mutter gestorben sei. In einer solchen Situation sollte sofort der Hausarzt verständigt werden.
Pädagogische Fachkräfte zum Beispiel in der Frühförderung können betroffene Eltern nicht psychotherapeutisch behandeln. Sie haben nur die Möglichkeit, die Kinder für eine angemessene emotionale und kognitive Entwicklung zu unterstützen, zum Beispiel durch Gespräche über die kindlichen Ängste.
Kapitel 7 Ausblick
7.1 Der Lebenszusammenhang „Eltern mit Persönlichkeitsstörungen“
Für die Entwicklung der Kinder sind auch Suchterkrankungen der Eltern von Bedeutung, die im vorliegenden Band von den Verfasse*rinnen ausgespart wurden. Im Mittelpunkt der Planungen für die Erweiterung kindlicher Unterstützung stehen für sie Persönlichkeitsstörungen, die „sich in wesentlichen Beeinträchtigungen in der sozialen Anpassung, der beruflichen Leistungsfähigkeit bzw. aufgrund des Leidensdrucks (für andere) oder eigener subjektiver Beschwerden“ (172) manifestieren.
In der Literatur werden unterschiedliche Störungen unterschieden: schizotypische Störung im Sinne ausgeprägten Einzelgängertums, narzisstische Störung mit launischem Verhalten und selbstunsichere Persönlichkeit mit ängstlich-vermeidendem Verhalten.
Für Kinder bedeuten diese Störungen mangelnde Berechenbarkeit des elterlichen Verhaltens, das mit Beziehungsabbrüchen und Ortswechsel verbunden sein kann.
7.2 Evaluation früherer präventiver Maßnahmen
Durch die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen: Psychiatrie, Psychologie und Heilpädagogik wurden nach der Analyse der Verfasser*innen wesentliche Fortschritte erreicht, die ihrer Zielsetzung: „Besser früher fördern als später behandeln“ (175) entsprechen. Als besonders effektiv hat sich eine Mischung aus mobilen Maßnahmen im häuslichen Kontext mit ambulanten Hilfen zum Beispiel in Frühförderzentren erwiesen.
Früh geförderte Kinder aus psychisch kranken Familien zeigen als Jugendliche weniger Symptome als Kinder aus nicht geförderten Kontrollgruppen. Als erfolgreich haben sich auch spezifische Elterntrainingsprogramme erwiesen, die auf die psychische Situation der Eltern eingehen. Forschungsergebnisse für das Feld der Arbeit mit Kindern psychisch kranker Eltern sind noch nicht sehr umfangreich, haben aber in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Für die Problemfelder Eltern mit Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen sollen sie in Zukunft erheblich zunehmen.
Diskussion
Die Verfasser*innen haben wichtige Beiträge zur Förderung von Kindern mit psychisch verletzlichen Eltern entwickelt, die nicht nur die Frühförderung verbessern, sondern auch die Inklusion als wichtige Zielsetzung für die pädagogische Arbeit in Kindertagesstätten und Schulen unterstützen können. Inklusion erfordert, auf die Entwicklung psychologischer Voraussetzungen der Kinder angemessen einzugehen. Für Kinder mit Behinderungen und Migrationshintergrund sind hierfür zahlreiche angemessene Handlungsmöglichkeiten entwickelt worden. Die Berücksichtigung psychischer Belastungen durch problematisches Elternverhalten stellt eine wichtige Ergänzung dar, weil hierdurch angemessenes pädagogisches Verhalten im Sinne der Resilienzförderung entwickelt werden kann.
Fazit
Die Arbeit enthält nicht nur wichtige Informationen für die Fachkräfte der Sozialen Arbeit mit Kindern und der Frühförderung. Sie kann auch auf das pädagogische Verhalten von Erzieher*innen und Lehrer*innen verbessern und ist deswegen als Lektüre geeignet.
Rezension von
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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