Walter Straßmeier: Frühförderung konkret
Rezensiert von Ulrike Ziemer, 01.07.2026
Walter Straßmeier:Frühförderung konkret. 260 lebenspraktische Übungen für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 10., aktualisierte Auflage. 290 Seiten. ISBN 978-3-497-03302-7. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR.
Thema
Frühförderung konkret 260 lebenspraktische Übungen für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen
Das vorliegende Werk ist die 10., aktualisierte Ausgabe.
Autor
Prof. em. Dr. Walter Straßmeier ist langjähriger Dozent am Institut für Sonderpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in 7 Kapitel untergliedert. Zu Beginn finden die Leserinnen und Leser eine alphabetische Übersicht der Übungen und Anregungen. Es folgt ein Geleitwort von Otto Speck von 2019 und eine Vorbemerkung. Die Vorbemerkung ist in 5 Punkte unterteilt und beinhaltet den theoretischen Hintergrund und Anwendungshinweise.
Wesentlich sind die Hinweise auf die Veränderungen und Weiterentwicklungen, die sich seit der Ersterscheinung ergeben haben. Die Defizitorientierung ist einer Fokussierung auf Fähigkeiten und individuelle Entwicklungsverläufe gewichen.
Die 7 Kapitel strukturieren das Werk.
1. Kapitel: Das ist beabsichtigt
Das Buch möchte bei der Einschätzung von Entwicklungsverläufen Unterstützung anbieten. Gleichzeitig werden Förderansätze praxisnah aufgezeigt.
2. Kapitel: So ist das ganze Programm aufgebaut
Es wird ein Screening-Test angeboten, bei dem durch gezielte Beobachtung Fähigkeiten und Ausfälle in einzelnen Entwicklungsbereichen bestimmt werden können. Es werden 5 Funktionsbündel erfasst:
A.: Selbstversorgung
B: Feinmotorik
C: Grobmotorik
D: Sprache
E: Denken und Wahrnehmung
Die einzelnen Fertigkeiten sind gleichzeitig auch Förderziele.
3. Kapitel: Davon gehen wir aus
Das Programm umfasst Meilensteine der Entwicklung.
4. Kapitel: Das kann das Programm leisten
Das Förderprogramm bietet Anregung und Orientierung. Es ersetzt weder einen individuellen Förderplan, noch eine gezielte Diagnostik.
5. Kapitel: So gehen Sie vor
Nachdem der Entwicklungsstand eingeschätzt wurde werden Förderziele festgelegt. Die genaue Vorgehensweise wird im Buch beschrieben.
Mit der Förderung beginnt man in einem Bereich, in dem das Kind sicher ist. Anfangs werden Aufgaben ausgewählt die das Kind bereits beherrscht.
6. Kapitel: Fördervorschläge
Den jeweiligen Fördervorschlägen ist pro Funktionsbereich eine Tabelle zugeordnet. Sie ist unterteilt in 5 Lebensjahre und 60 Monate. Pro Lebensmonat ist eine Fähigkeit beschrieben. In den folgenden Übungsvorschlägen sind die Fähigkeiten und die Unterstützungsmöglichkeiten gezielt beschrieben.
- A: Selbstversorgung – Sozialentwicklung
Beispiel:
Tabelle 1. Lebensjahr,– Kann saugen und schluckt.
Beschreibung der Übung:
Absicht: Neue Eindrücke im Mundraum annehmen, künstlicher Ernährung vorbeugen.
Material: Eiswürfel, kalter Stoff, Saughütchen, Schnuller
Vorgehen: Beschreibung wie Saugen und Schlucken stimuliert werden können. Hinweis auf Absprache/Rücksprache mit einer Logopädin. Hinweis auf förderliche Kopfhaltung.
Infos für Kinder mit körperlicher Behinderung.
Zusätzliches Material: Kausäckchen.
Endziel: Das Kind saugt, wenn es dazu angeregt wird.
Weiterführung: Hinweis auf weiterführende Übungen.
- B: Feinmotorik
Beispiel:
2. Lebensjahr – Öffnet Behälter
Beschreibung der Übung:
Absicht: Kind öffnet einen Behälter und entwickelt die Vorstellung das der Behälter einen Inhalt haben könnte.
Material. Schuhschachtel, Plastikdose mit Deckel, große Streichholzschachtel, Matroschka
Vorgehen: Kind in eine Art Versteckspiel einbeziehen. Was ist unter dem Deckel. Eventuell die Hand des Kindes führen und den Erfolg verstärken.
Endziel: Das Kind versucht das Öffnen von verschiedenen Behältern und entdeckt Gegenstände unter dem Deckel.
Vorübung: Hinweis auf Übungen die dieser vorausgehen sollten.
Weiterführung: Hinweis auf weiterführende Übungen.
- C: Grobmotorik
Beispiel:
3. Lebensjahr – Einen Ball fangen
Absicht: Einen Ball mit den Augen verfolgen und ihn fangen.
Material: einen großen Plastikball
Vorgehen: Dem Kind in einem Abstand von 1m gegenüberstehen und es auffordern die Arme entsprechend zu beugen und den Ball zu fangen. Auch Versuch loben. Bei Bedarf sich hinter das Kind stellen und die Arme führen. Dritte Person auffordern den Ball zu werfen.
Endziel: Ein großer Ball kann ohne Hilfe gefangen werden.
Vorübung: Hinweis auf Übungen die dieser vorausgehen sollten.
Querverbindung: Hinweis auf Übungen die sich auf das Thema Ball beziehen.
- D: Sprache
4. Lebensjahr – Einfache Erfahrungen berichten
Absicht: Kind anregen spontan zu sprechen.
Vorgehen: Mit dem Kind über Dinge und Erlebnisse aus seinem Umfeld sprechen.
Zusätzliche Aufgaben: Ein Bild zeigen und gezielt fragen.
Zusätzliches Material: Bilder, Puppen, Puppenhaus.
Endziel. Das Kind kann auf Aufforderung über Ereignisse sprechen.
Weiterführung: Hinweis auf weiterführende Übungen.
- E: Denken/Wahrnehmung
5. Lebensjahr – Materialien unterscheiden
Absicht: Eigenschaften von verschiedenen Materialien wahrnehmen.
Material: verschiedene Dinge aus unterschiedlichen Materialien: Metall, Holz oder Leder.
Vorgehen: Begriffe erklären, Dinge zeigen und sortieren nach Material. Im Umfeld nach Gegenständen suchen.
Endziel: Das Kind kann 10 Gegenstände nach den Eigenschaften Holz oder Metall sortieren.
Querverbindung: Hinweis auf Übungen die sich auf das Thema beziehen.
7. Kapitel: Wenn Sie noch genauer nachlesen wollen
Hier finden die Leserinnen und Leser Buch‑ und Materialempfehlungen.
Diskussion
Das Werk von Walter Straßmeier liegt in der 10. aktualisiert Auflage vor. Die erste Auflage erschien 1981.
Es umfasst neben einer kurzen Einführung 260 praxisnahe Aufgaben für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen. Die Beliebtheit des Buches liegt sicher auch an der lebenspraktischen Orientierung der Übungen. Ohne besonderes Therapiematerial ist es möglich direkt zu beginnen. Die Beobachtung der Kinder bietet eine Chance, Fähigkeiten zu entdecken und Perspektiven zu entwickeln.
Zu Zeitpunkt der Erstveröffentlichung hatte das Training von Fähigkeiten im Bereich der Frühförderung von entwicklungsverzögerten und behinderten Kindern eine große Bedeutung. Mittlerweile steht nicht mehr die Orientierung an Defiziten im Vordergrund, sondern die individuelle Stärkung von Kompetenzen. Wesentlich ist hierbei die Interaktion zwischen Eltern und Kind. In diesem Punkt liegt die Gefahr und zugleich eine Chance durch das vorliegende Übungsprogramm. Der Blick auf das was nicht ist, kann die Kommunikation beeinträchtigen und Entwicklung hemmen. In der Praxis entsteht sowohl im Elternhaus als auch bei der pädagogischen Förderung eine große Unsicherheit, wenn sich Kinder nicht altersgerecht entwickeln. Hier liegt die Chance des Übungsprogramms. Das Entdecken von Fähigkeiten macht Freude und gibt Hoffnung. Die Aufgaben sind sehr genau beschrieben und können Orientierung bieten, wie spielerisch geübt werden kann.
Eine fachliche heilpädagogische Begleitung, zum Beispiel durch eine Frühförderstelle, ist unbedingt erforderlich. Der liebevolle Blick auf das Kind, das so wie es ist wunderbar ist, sowie die Unterstützung des Elternhauses sind wesentliche Punkte. Hauptbestandteil jeglicher Förderung sollten immer Interaktion, Spiel und die liebevolle Begleitung bleiben.
Fazit
Das Werk von Walter Straßmeier bietet Unterstützung bei der Beobachtung von Entwicklungsverläufen. Förderansätze werden in kleinteiligen lebenspraktischen Übungen aufgelistet. Otto Speck beschreibt in seinem Gleitwort zum Buch, die Bedeutsamkeit der interdisziplinären Kooperation und die Zusammenarbeit mit den Eltern bei der Frühförderung entwicklungsgefährdeter Kinder. Er weist darauf hin, dass nicht alles was erzieherisch wirkt sich in Pläne einfügen lässt. Das vorliegende Werk kann ein Baustein in der vielfältigen Förderung von entwicklungsverzögerten und behinderten Kindern sein.
Rezension von
Ulrike Ziemer
Dipl. Heilpädagogin (FH)
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