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Andreas Eis, Christian Grabau et al. (Hrsg.): Jahrbuch für Pädagogik 2024

Rezensiert von Daniel Lieb, 24.12.2025

Cover Andreas Eis, Christian Grabau et al. (Hrsg.): Jahrbuch für Pädagogik 2024 ISBN 978-3-7799-8633-1

Andreas Eis, Christian Grabau, David Salomon (Hrsg.): Jahrbuch für Pädagogik 2024. Deglobalisierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-8633-1. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
Reihe: Jahrbuch für Pädagogik.

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Thema

Ein Rückblick in das Jahr 2004: Die erste PISA-Studie und der sie begleitende ‚Schock‘ waren breit diskutierte Themen innerhalb der deutschen Bildungslandschaft. Spätestens mit dieser internationalen Vergleichsstudie standen auch pädagogische Fragen als weltgesellschaftliche Fragen auf der Tagesordnung. Globalisierung lautete das Schlagwort jener Zeit – eine scheinbar unaufhaltsame, zwangsläufige Entwicklung der Gegenwart. Entsprechend titelte das Jahrbuch für Pädagogik, das damals noch im Peter Lang Verlag erschien: ‚Globalisierung und Bildung‘. Nun, 20 Jahre später und im Verlag Beltz Juventa, erscheint eine (selbst)kritische Bestandsaufnahme unter dem Titel ‚Deglobalisierung‘.

Herausgeber

Herausgeber des Bandes sind Andreas Eis (Professor für Didaktik der politischen Bildung an der Universität Kassel), Christian Grabau (Professor für das Lehrgebiet Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität Hagen) sowie David Salomon (Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft an der TU Darmstadt).

Entstehungshintergrund

Nach dem Ende der Globalisierungs-‚Euphorie‘ zu Beginn der 2000er Jahre sowie im Kontext neuer Nationalismen und transnationaler Blockbildungen, soll das Jahrbuch einen „Assoziationsraum eröffnen, in dem Globalisierung selbst nicht mehr alternativlos erscheint“ (S. 10). Damit verbunden sind vor allem zwei Anliegen: Einerseits gilt es zu zeigen, dass globalen Transformationsprozessen kein Charakter des Zwangsläufigen eignet, sondern dass sie gestalt- und damit veränderbar sind; andererseits, dass es sich bei Globalisierung und Deglobalisierung mitnichten um einmalige Entwicklungen in eine vorbestimmte Richtung handelt, sondern ihr Zusammenspiel eher als dynamische Bewegung innerhalb der longue durée der Entwicklung der Weltgesellschaft seit dem 16. Jahrhundert zu verstehen ist. In der Tradition eines kritisch-materialistischen Bildungsbegriffs stehend, versammelt das vorliegende Jahrbuch eine Reihe von Beiträgen aus der (Allgemeinen) Erziehungswissenschaft sowie angrenzender Disziplinen.

Aufbau

Nach einer rahmenden, Begriffe definierenden Einleitung durch die Herausgeber teilt sich der Band in drei inhaltliche Themenfelder, unter denen die einzelnen Beiträge subsumiert werden: Am Anfang stehen (I) Vielfachkrisen der Globalisierung, es folgen (II) Analyse und Kritik von Bildungsverhältnissen sowie (III) Nachhaltigkeitsbildung und Globales Lernen. Dabei differieren die einzelnen Beiträge inhaltlich zum Teil stark und reichen von (bildungs)theoretischen Reflexionen über die Ergebnisse qualitativer Interviewstudien bis hin zu Einblicken in die Diskurse nicht-pädagogischer Disziplinen.

Abgerundet wird der Band durch ein Historisches Stichwort von Ingrid Lohmann zum Begriff des Entrepreneurs, einem Jahresrückblick auf den 7. Oktober 2023 und die Frage, inwiefern dieses Datum einen Wendepunkt auch für die Pädagogik markiert, sowie eine Reihe an Rezensionen. Anstatt im Folgenden die einzelnen Beiträge en détail durchzugehen und je inhaltlich zu rekonstruieren, liegt der Schwerpunkt dieser Rezension auf systematischen Einsatzpunkten von Deglobalisierung für den erziehungswissenschaftlichen Diskurs. Daher werde ich einige Beiträge intensiver diskutieren, während andere großteils abgeblendet bleiben.

Inhalt

Unter dem Titel ‚Deglobalisierung – Leerformel, Kampfbegriff oder Analysekonzept?‘ formulieren die Herausgeber das titelgebende Stichwort aus und skizzieren dabei sechs Dimensionen und Themenfelder von Deglobalisierungsprozessen: Die aktuelle Krise neoliberaler Globalisierung offenbare den Irrtum des Fortschrittsoptimismus der Globalisierungsphase nach 1990 (1); anstelle von nachhaltiger Entwicklung rücke nun die nachhaltige Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen in den Blick (2); die Gegenwart konfrontiere die Menschen mit der Realität neuer geopolitischer Machtblöcke (3) und einer damit einhergehenden Krise transnationaler Governancestrukturen (4) sowie demokratischer Legitimationsdefizite (5); schließlich fänden sich in den teilweise unkritisch umjubelten Neuen sozialen Bewegungen jüngst autoritär-regressive Strukturen, mithin erscheinen rechtspopulistische Bewegungen selbst als die erfolgreicheren Massenbewegungen der Jetzt-Zeit (6). Diese Transformationen innerhalb der weltgesellschaftlichen Rahmenbedingungen verschieben aus Sicht der Autoren wiederum Möglichkeiten und Grenzen des Pädagogischen. Für Prozesse von Erziehung und Bildung halten sie insgesamt fünf solcher Verschiebungen fest: Zum einen (1) stehe die normative Dimension von Bildung, Subjektivität und Demokratie neu zur Debatte; dann (2) verändere die Deglobalisierung die strukturellen Voraussetzungen von Lehr- und Lernverhältnissen, was wiederum (3) neue epochaltypische Schlüsselprobleme produziere, an denen Unterricht ansetzen könne. Darüber hinaus werde das, was in einer globalisierten Welt Bildung genannt wird, (4) auf seine normativen Implikationen hin befragbar, etwa wenn Bildung vor allem standardisierte und messbare Leistung meint. Schließlich müssten (5) aktuelle Konzepte von Erziehung und Bildung auf ihren friedens- und kosmopolitischen Gehalt hin geprüft werden. Die nachfolgenden Beiträge orientieren sich mehr oder weniger lose an diesem gesetzten Rahmen.

Den (I) Abschnitt zu ‚Vielfachkrisen der Globalisierung‘ eröffnet der Beitrag von Gerd Steffens, der das Globalisierungs-Jahrbuch 2004 mit herausgegeben hat, und der das damalige Editorial einer kritischen Relektüre unterzieht. Er fasst die pädagogischen Globalisierungsdebatten jener Zeit dahingehend zusammen, dass den Herausforderungen einer sich zunehmend verzahnenden Weltgesellschaft durch Prozesse globalen Lernens begegnet werden sollte. Grundlage dessen sei die Überzeugung gewesen, dass die Weltgesellschaft divergierende Perspektiven auf die Realität trägt und ein friedliches Zusammenleben auch auf der Anerkennung dieser Pluralität beruht.

Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Frühjahr 2022 und der damit einhergehenden ‚Zeitenwende‘ in der (deutschen und europäischen) Außenpolitik sei dieser Grundsatz aufgehoben. Stattdessen habe seitdem ‚das Böse‘ seinen Wiedereinzug in den politischen wie pädagogischen Diskurs gehalten. In der sich deglobalisierenden Geopolitik komme es so zu einer Delegitimierung der Perspektive der jeweils ‚Anderen‘: „Mit dem ‚Bösen‘ kann man nicht den Blick auf ein Handlungsfeld teilen, das gemeinsam zu gestalten wäre“ (S. 36). An die Stelle einer (finanzpolitischen) Integration aller Teile der Welt unter das ‚westliche‘ Modell sei nun eine antagonistische Logik getreten, innerhalb derer stellvertretend China und die USA um die Hegemonie in den restlichen Teilen der Welt ringen. Dieser „Hegemonialkonflikt“ (S. 37) bildet nach Steffens die Hintergrundfolie gegenwärtiger deglobaler Lehr-Lernprozesse. Gerade in einer solchen Zeit könne pädagogisches Handeln jedoch Hoffnung spenden: Im gemeinsamen Lernen, in der Verschränkung von Perspektiven stecke „ein widerständiges Potenzial von Bildung“ (S. 44), das dem antagonistischen Zeitgeist ein Moment der Kooperation entgegenhalten könne.

Kooperation ist auch das Stichwort zu den nächsten beiden Beiträgen: Zunächst arbeitet Christian Grabau ‚das Planetarische‘ als Gegenbegriff zu Globalisierung und Deglobalisierung heraus. Im Anschluss an Definitionen des Planetaren bei Spivak, Bretton und Chakrabarty und vor dem Hintergrund von Heydorns Textfragment ‚Überleben durch Bildung‘ skizziert Grabau ein planetarisches Bewusstsein, das gerade nicht auf die Erde als Besitz des Menschen, sondern auf ein Bewusstsein von Alterität zielt: Menschen müssten mit dem Planeten leben, mit ihm zusammenarbeiten, ohne ihn je in Besitz nehmen oder auch nur gänzlich verstehen zu können. Eine stärker anthropologische Perspektive entfaltet Mando Gloger, der auch das Motiv der Zeitenwende aufgreift, dieses aber positiv wendet: Diese beinhalte ein Moment der Reflexion, in dem der bislang unterstellte lineare Fortschrittoptimismus hinterfragbar wird.

Die Politik der Zeitenwende biete so die Chance, all diejenigen wieder in die politische Debatte hineinzuholen, die in dieser bislang keine Rolle hatten. Ohne eine scheinbar unverrückbare Zukunftserwartung werde ebendiese Zukunft wieder gestaltbar und zeigt sich als „der Ko-Autorschaft ihrer Bürgerinnen“ (S. 75) bedürftig. Dass eine solche Wiederbelebung des Demos keinesfalls politisch beliebig ist, zeigt der Beitrag von Lukas Hofmann: Im Vergleich der Begriffe des Politischen bei Alain de Benoist und Chantal Mouffe kann Hofmann eindrücklich zeigen, dass beide zwar das Demokratiedefizit liberaler Demokratie kritisieren und dem eine stärkere Betonung der widerstreitenden Dimension von Politik entgegensetzen; anders als Benoist gehe es Mouffe jedoch darum, den Demos nicht an den Ethnos zu binden, demokratische Politik also nicht von der Biologie, sondern von der Artikulation gemeinsamer Interessen aus zu denken. In deglobalen Gesellschaften, die ihre Zukunft nun neu aushandeln müssen, sei die dadurch geforderte Bereitschaft des „gegenseitigen Aushaltens“ (S. 91) überlebensnotwendig.

Den (II) Abschnitt zur ‚Analyse und Kritik von Bildungsverhältnissen‘ eröffnet Anke Wischmanns Beitrag, in dem sie das Konzept transformatorischer Bildung am Begriff der Deglobalisierung spiegelt und so Grenzen und Leerstellen dieser Theorie markiert. Ihre Kritik richtet sich insbesondere an den Weltbegriff in der Transformation von Welt-Selbst-Verhältnissen, der bislang strukturell unterbestimmt sei. Ähnlich zu Steffens Analyse offenbart die Deglobalisierung nach Wischmann, „dass die Welt sich weniger angleicht als vielmehr, dass differente Weltsichten und -entwürfe unvereinbar erscheinen“ (S. 100). Anhand von Auszügen aus biografischen Interviews kann die Autorin zeigen, dass die gegenwärtige Welt in zum Teil antagonistische Perspektiven zerfällt. Während bei Wischmann das individuelle Erleben im Mittelpunkt steht, beleuchten die nächsten beiden Beiträge eine Makro-Ebene: Zunächst skizziert Frederick Heussner aus der Sicht des Netzwerks Plurale Ökonomik strukturelle ökonomische Desintegrationsprozesse, die auch auf Renationalisierungsstrategien in der Wirtschaftspolitik einzelner Staaten verweisen, während Verena Freitag und Dirk Stederoth anhand der von der OECD durchgeführten PISA-Studie zeigen, dass die „Weichen der globalen Bildungssysteme“ nach wie vor „auf einen Globalisierungstrend eingeschworen“ (S. 133) seien. Auf den ersten Blick scheint, im Gegensatz zu deglobalen Trends in anderen Sektoren der Weltgesellschaft, die globale Isomorphie von Bildungssystemen also ungebremst ihren Gang zu gehen. Ein zweiter Blick offenbart jedoch, dass insbesondere transnational agierende Tech-Konzerne mittlerweile modulare Systemlösungen digitaler Bildungsangebote lancieren, die langfristig zu einer Entkopplung von Bildungssystemen in mehrere konkurrierende Makro-Systeme führen könnten. Die Autor:innen nennen hier ein je abgeschlossenes System für OECD-Staaten, das einem System der BRICS-Länder gegenübersteht. Hierhin erkennen sie die Gefahr, dass sich neue „Blockbildungen in den Bildungsbereich verlängern“ (S. 136).

Der (III) Teil zu ‚Nachhaltigkeitsbildung und Globales Lernen‘ beginnt mit einem historischen Beitrag von Jasmin Bentele und Anne Rohstock zu Umwelterziehungsdiskursen in den 1970er Jahren. Hier zeigen die Autorinnen eindrücklich, dass der Diskurs um Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) als Teil des Globalen Lernens „erstaunlich geschichtsvergessen“ (S. 161) ist. Gegen dieses Vergessen gelte es in Erinnerung zu rufen, dass bedeutende Umweltschutzkonzepte jener Zeit aus der Logik des Kalten Krieges stammen und mit kolonialen und kapitalistischen Normativitätserwartungen operieren. Eine solche Betrachtung sensibilisiere für den kybernetischen Charakter vieler Umweltschutzkonzepte, die den Planeten primär als ein der menschlichen Steuerung unterworfenes und durch ausgefeilte Technologie handhabbares Objekt darstellen.

Eine explizite Arbeit am Begriff des Globalen Lernens im Kontext der Deglobalisierung bietet der Beitrag von Nilda Inkermann. Aufbauend auf ihrer Dissertation ‚Globale Bildung in der Transformation‘ zeichnet die Autorin unterschiedlich radikale Transformationsverständnisse in Konzepten Globalen Lernens nach. So gibt sie Einblicke in eine enorme Spannbreite von zum Teil stark affirmativen und unkritischen Ideen Globalen Lernens bis hin zu solchen, die hegemonietheoretisch inspiriert an einer Infragestellung des status quo ansetzen und Strukturen globaler Herrschaft überwinden wollen. In globalen wie deglobalen Verhältnissen sind solche Lernangebote stets auf die ihnen zugrundeliegenden theoretischen Setzungen zu befragen. Einen solchen Einblick in die Theoriearchitektur Globalen Lernens bietet auch der Beitrag von Andreas Eis, der den liberalen Völkerrechtsdiskurs aufgrund impliziter Ausbeutungslogiken kritisiert. Eine Deglobalisierung dieses Diskurses bedeute umgekehrt jedoch nicht dessen Verabschiedung, sondern seine „Umkämpftheit, historische Gewordenheit und Veränderbarkeit in konkreten historischen, geografischen, (trans-)kulturellen und translokalen Kontexten verstehbar und gestaltbar [zu] machen“ (S. 205). Unter Rückgriff auf das Konzept des buon vivir, des guten Lebens für alle Lebewesen, plädiert Eis dafür, universelle Rechte auf den Planeten als Gesamtsystem auszuweiten, um eine rechtliche Grundlage jeden Lebens zu schaffen. Die hier bereits antizipierte „Überwindung des Mensch-Natur-Dualismus“ (S. 225) ist es auch, die Doris Gödls, Tanja Obex‘ und Madeleine Scherrers Beitrag leitet, die am Beispiel von Eco-Commoning verschiedene Möglichkeiten durchspielen, Mensch und Natur als zusammengehörig zu denken. Die so eröffneten „Inklusionsräume zwischen Menschen und mehr-als-Menschlichem“ (S. 229) irritieren das kapitalistische Wachstumsparadigma im besten Sinne und lassen eine andere, ökofeministisch inspirierte Bildung für nachhaltige Entwicklung denkbar werden.

Inwiefern solche Ansätze keine alternative Globalisierung, sondern eine „Alternative zu Globalisierung“ (S. 235) darstellen, illustriert Jasmin Goldhausen in ihrem, den III. Thementeil abschließenden Beitrag. Ihr Plädoyer für eine Welt, in der „pluriversal[e] Weltvorstellungen“ (S: 238) miteinander koexistieren, führt die im Jahrbuch abgebildete Debatte schließlich zu Vorstellungen einer multilateralen Welt, in der verschiedene ‚Modernen‘ nebeneinanderstehen und aufhören, miteinander um eine unilaterale Ordnung zu ringen. Grundlegend dafür ist das Eingeständnis, die, den oder das jeweils Andere(n) potenziell nicht verstehen zu können.

Auch das Historische Stichwort zum Entrepreneur sowie der Rückblick auf den 7. Oktober 2023 bieten wichtige Einsichten zum aktuellen gesellschaftlichen Kontext von Erziehung und Bildung; da sie jedoch nur mittelbar mit dem Thema Deglobalisierung zusammenhängen, bleiben sie an dieser Stelle ausgespart.

Diskussion

Als Oberthema des Jahrbuchs für Pädagogik 2024 könnte statt ‚Deglobalisierung‘ auch ‚Der Umgang mit dem Anderen‘ stehen, denn die Frage danach, wie Erziehung und Bildung in einer Welt, die nicht vollständig verstanden werden kann, zu arrangieren sind, vereint die hier versammelten Beiträge. Dieses Eingeständnis der Grenze der Verfügbarkeit sowohl des menschlichen als auch des nicht-menschlichen Gegenübers ist denn auch der entscheidende Unterschied zum Globalisierungsdiskurs, den das Jahrbuch 2004 zum Thema machte. (De-)Globalisierung ist heute nicht mehr alternativlos, sondern gestalt- und veränderbar – das ist die zentrale Botschaft, die das Jahrbuch seinen Leser:innen vermitteln will. Der unipolare Moment mit den USA als globalem Hegemon ist vorbei, Menschen mit divergierenden Interessen sowie Akteure, deren Interessen und Bedürfnisse wir (Menschen) gar nicht kennen können, fordern Anerkennung ein – abzulesen an neuen Kriegen sowie dem Klimawandel. Dieses Jahrbuch ist auch deshalb so spannend, weil es sich traut, Entwicklungen zu kommentieren, deren Richtung noch nicht vollkommen abschätzbar ist.

Es kann sein, dass die Welt sich hin zu einer Koexistenz neuer transnationaler Machtblöcke bewegt; es kann sein, dass Globalisierung und Deglobalisierung dynamische Bewegungen sind und das weltgesellschaftliche Pendel mal eher zur einen, mal mehr zur anderen Seite ausschlägt. Gerade weil diese Entwicklung jedoch eine laufende und ihr Ende bislang nur zu antizipieren ist, wäre (mindestens) eine weitere Deutung der aktuellen Entwicklung der Weltgesellschaft noch der Rede wert gewesen: Denn neben der Deglobalisierung findet sich innerhalb des erziehungswissenschaftlichen Diskurses und darüber hinaus auch eine Debatte um die Möglichkeit einer Post-Globalisierung. Hier geht es um die Option, dass die aktuelle Entwicklung kein ‚Normalfall‘ einer langfristigen Dynamik ist, sondern tatsächlich eine signifikante Veränderung innerhalb der Weltgesellschaft markiert. Gemeint ist eine neue Zweiteilung, vielleicht zwischen OECD- und BRICS-Staaten, die – anders als die Kontrahenten des Kalten Krieges – keine Systemalternativen mehr bilden, sondern kapitalistische Vergesellschaftung in eher liberaler oder eher autoritärer Form betreiben.

Die Frage ist also, wie hinterfragbar globale Dynamiken im Zuge der Deglobalisierung tatsächlich werden – oder, ob es sich bloß um eine Welt der Alternativlosigkeit zweiter Ordnung handelt, in der neben die omnipräsente Verwertungslogik nun auch noch der Gefahrenhorizont des ‚Anderen‘ tritt. So oder so, die im Jahrbuch für Pädagogik 2024 versammelten Beiträge bieten wichtige Orientierungshilfen in dieser Welt der neuen Unübersichtlichkeit.

Das Jahrbuch für Pädagogik 2024 versammelt Beiträge zum Thema ‚Deglobalisierung‘, die Orientierung bieten wollen in einer multipolaren Welt. Aus verschiedenen Perspektiven werden die Konsequenzen deglobaler Dynamiken für Prozesse der Erziehung und Bildung beleuchtet und diskutiert. Unterm Strich stehen stark analytische neben stark aktivistischen Perspektiven, die sich wechselseitig bereichern. Leser:innen, die sowohl eine theoretische Fundierung neuer Nationalismen und Machtblöcke sowie zum Verhältnis von Mensch und Natur suchen als auch solche, die auf praktische Verwirklichungen alternativer Daseinsentwürfe hoffen, werden in diesem Band fündig. Auch wenn sich das Jahrbuch traditionell an einem kritisch-materialistischen Bildungsbegriff orientiert, wird hier doch angenehm undogmatisch argumentiert.

Fazit

Der Band empfiehlt sich sowohl für Theoriediskurse innerhalb der Allgemeinen Erziehungswissenschaft als auch als Grundlage für anregende Seminardiskussionen. Abschließend ist dem Jahrbuch für Pädagogik zu wünschen, dass es sich seine zeitdiagnostische Spitze bewahrt, die hier mit Mut und der Bereitschaft zur Antizipation auftritt.

Rezension von
Daniel Lieb
M.A., Institut für Bildung und Kultur, Friedrich-Schiller-Universität Jena. Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen historische und systematische Reformpädagogik, Erziehung und Bildung im Welt-System sowie Qualitativer Sozialforschung mit Schwerpunkt Grounded Theory. Daniel Lieb ist Redakteur der Erziehungswissenschaftlichen Revue im Ressort Vergleichende Erziehungswissenschaft und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Jenaplanpädagogik in Deutschland e. V. (GJP)
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Es gibt 3 Rezensionen von Daniel Lieb.

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ISSN 2190-9245