Andreas Oehme: Auf dem Weg zu inklusiven Arbeitsmärkten
Rezensiert von Prof. Dr. Claudia Muche, 29.07.2026
Andreas Oehme: Auf dem Weg zu inklusiven Arbeitsmärkten. Integrierte Hilfen für teilhabeorientierte Übergangs- und Beschäftigungsstrukturen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 270 Seiten. ISBN 978-3-7799-8745-1. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.
Reihe: Übergangs- und Bewältigungsforschung.
Thema
Die Förderung beim Übergang in Arbeit und Beschäftigung ist noch immer in zwei getrennte Bereiche aufgeteilt: Einerseits gibt es Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration für sozial benachteiligte Jugendliche, andererseits ein eigenes Unterstützungssystem für Menschen mit Behinderungen. Beide werden als Sonderstrukturen betrachtet, die neben dem allgemein üblichen Ausbildungssystem und dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt bestehen. Im vorliegenden Buch werden die bestehenden Übergangs‑ und Beschäftigungsangebote in ihrer Gesamtheit kritisch untersucht und ein konzeptionelles Modell für deren teilhabeorientierte Weiterentwicklung vorgelegt. Es wird analysiert, wie Unterstützungsleistungen stärker in reguläre Strukturen eingebunden werden können und auf welche Weise inklusive Arbeitsmärkte auf lokaler Ebene aufgebaut werden können.
Autor
Der Autor Andreas Oehme ist Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der HAWK in Hildesheim. Seine zentralen Interessen in Forschung und Lehre konzentrieren sich seit vielen Jahren vor allem auf den Übergang in Erwerbsarbeit, auf Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung sowie auf unterschiedliche Bereiche der Jugendhilfe. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den organisationalen Herausforderungen von Inklusion im Kontext von Jugendhilfe, Schule und Beschäftigungshilfen.
Aufbau und Inhalt
Das Buch „Auf dem Weg zu inklusiven Arbeitsmärkten. Integrierte Hilfen für teilhabeorientierte Übergangs‑ und Beschäftigungsstrukturen“ ist klar strukturiert und verbindet in 6 Kapiteln auf insgesamt 260 Seiten theoretische Grundlagen, empirische Befunde sowie konzeptionelle Überlegungen.
Zu Beginn entwickelt Oehme einen differenzierten Begriff von Inklusion im Kontext von Arbeit, wobei Inklusion nicht „nur“ als gesellschaftliche Zielvorstellung, sondern als konflikthafter und organisationsbezogener Prozess beschrieben wird. Ein zentraler Schwerpunkt der Analyse liegt auf Übergängen, etwa von der Schule in den Beruf oder aus Maßnahmestrukturen in reguläre Beschäftigung. Oehme arbeitet heraus, dass diese Übergänge häufig durch institutionelle Zergliederung und mangelnde Abstimmung zwischen Hilfesystemen erschwert werden. Hier setzt sein Konzept integrierter Hilfen für inklusive Übergangs‑ und Beschäftigungsstrukturen an: Er plädiert für eine stärkere Verzahnung von Bildungs-, Sozial‑ und Arbeitsmarktpolitik sowie für individuell zugeschnittene Unterstützungsarrangements und insgesamt für eine grundlegende, teilhabeorientierte Neuausrichtung der Beschäftigungs‑ und Übergangshilfen.
Kapitel 1 „Worum es geht“…
Im ersten Kapitel macht der Autor deutlich, dass das bestehende Hilfesystem an seine strukturellen Grenzen geraten ist. Die Versäulung der Zuständigkeiten, die Fragmentierung der Angebote und die Orientierung an alten industriegesellschaftlichen Logiken führen dazu, dass viele Menschen nicht die Unterstützung erhalten, die sie tatsächlich benötigen. Die bestehenden Angebotsstrukturen sind mittlerweile zu komplex und verlieren an Legitimität, weil sie den realen Lebenslagen nicht mehr gerecht wird. Daraus leitet der Autor die Notwendigkeit eines inklusiven Ansatzes ab: „Wir müssen, so die These, Arbeit aus den Übergängen heraus so gestaltbar machen, dass sie den konkreten Bedürfnissen der Menschen entsprechen kann. Dazu braucht es einen Bereich an Beschäftigungen, der prinzipiell die menschlichen Bedürfnisse zum Ausgangspunkt für Arbeit macht und darüber soziale Teilhabe herstellen kann“ (S. 12).
Kapitel 2 „Kurzer Überblick über das Feld der Beschäftigungshilfen“
Im zweiten Kapitel zeichnet der Autor die historische Entwicklung des Feldes nach und zeigt, wie sich zwei getrennte Linien – die Behindertenhilfe und die Benachteiligtenförderung – über Jahrzehnte hinweg parallel ausgebildet haben. Unterschiedliche Rechtskreise, Finanzierungslogiken und Institutionen haben ein Nebeneinander geschaffen, das kaum noch zu überblicken ist. Deutlich wird, dass dieses System längst kein zeitlich begrenztes Auffangnetz mehr ist, sondern zu einer dauerhaften Struktur geworden ist, die paradoxerweise selbst Exklusion erzeugen kann. Zugleich bietet es enormes Potenzial und den Ausgangspunkt zur Gestaltung inklusiver Arbeitsmärkte: „Bei allen Schwierigkeiten, das Feld insgesamt im Blick zu haben und darin systematische Strukturen herauszuarbeiten, muss man jedoch sehen, dass hiermit eine ungeheure Vielfalt von fachlichen Ansätzen, professionellem Wissen und ganz unterschiedlichen Erfahrungen vorliegt, die quasi den Fundus des Feldes darstellen, mit dem man arbeiten kann“ (S. 20).
Kapitel 3 „Die Idee der Inklusion“
Kapitel 3 bildet die argumentative Grundlage für das sich anschließende Modell der integrierten Hilfen für inklusive Übergangsstrukturen. Der Autor argumentiert, Inklusion bedeute auch, sich von defizitorientierten und kategorialen Denkweisen zu lösen. Behinderung, Benachteiligung oder „Förderbedarf“ sind in dieser Perspektive keine Eigenschaften von Individuen, sondern z.B. Resultate institutioneller Routinen. Damit verschiebt sich die Blickrichtung: Nicht Menschen müssen sich an Systeme anpassen, sondern Systeme müssen sich so verändern, dass sie Verschiedenheit als Normalität anerkennen. Inklusion wird dabei nicht als Zustand beschrieben, sondern als Prozess, der immer wieder neu hergestellt werden muss. Menschen sollen dabei aktiv an der Gestaltung der Strukturen mitwirken, die ihre Teilhabe ermöglichen: „Inklusion heißt die gesellschaftliche Organisation von Bildung, Arbeit und Leben so zu gestalten, dass sie bei aller Verschiedenheit der Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe an diesen Prozessen in regulären Strukturen ermöglicht“ (S. 69). Oehme argumentiert weiter, dass Inklusion nur dann gelingen kann, wenn Organisationen reflexiv werden, also bereit sind, ihre eigenen Verfahren, Machtverhältnisse und Ausschlussmechanismen kritisch zu hinterfragen.
Kapitel 4 „Integrierte Hilfen für inklusive Übergangsstrukturen“
Im vierten Kapitel entwickelt der Autor das Konzept der „integrierten Hilfen“ im Kontext von Übergangs‑ und Beschäftigungsstrukturen als organisatorische Antwort auf die zuvor beschriebenen Herausforderungen. Angeknüpft wird hiermit an Diskussionen um flexible und intergierte Hilfen im Bereich Erziehungshilfen aus den 1990er Jahren. Die neu gedachten „integrierten Hilfen für inklusive Übergangsstrukturen“ sollen rechtskreisübergreifend arbeiten, niedrigschwellige Zugänge schaffen und Übergänge nicht als Brüche, sondern als gestaltbare Prozesse verstehen. Oehme beschreibt u.a., wie regionale Planung, Assistenzsysteme und multiprofessionelle Teams gestaltet werden können, um inklusive Übergangsstrukturen zu ermöglichen. Insgesamt zeigt das Kapitel verschiedene konzeptionelle Elemente eines künftigen Systems auf, das nicht getrennt vom „regulären Arbeitsmarkt“ existiert, sondern dessen inklusive Ausgestaltung unterstützt.
Kapitel 5 „Teilhabeorientierte Beschäftigung für inklusive regionale Arbeitsmärkte“
Das fünfte Kapitel erweitert den Blick auf die Ebene der Arbeitsmärkte selbst. Der Autor argumentiert, dass ein inklusiver Arbeitsmarkt nicht allein durch verbesserte Hilfen und Übergangsunterstützung entsteht, sondern durch neue Formen von Arbeit. Er verweist u.a. auf solidarische Ökonomien, Gemeinwesenorientierung und nachhaltige Beschäftigungsformen, die sich an regionalen Bedarfen orientieren. Arbeit wird hier bei weitem nicht nur ökonomisch verstanden: „Die äußerst vielfältigen und kreativen Ideen zu einer humanen und ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsweise gilt es mit einer öffentlich geförderten teilhabeorientierten Beschäftigungsstruktur aufzugreifen und die lokalen Projekte und ‚Szenen‘, die man dem Begriff einer solidarischen Ökonomie zuordnen kann, gezielt zu stärken. Denn hier wird eine Ökonomie entworfen, die explizit auf das Gemeinwohl der Menschen ausgerichtet ist und damit von Grund auf einem sozialen Gedanken folgt. Die Akteure fühlen sich nicht nur vorrangig sozialen Aspekten und einer ökologischen Nachhaltigkeit verpflichtet, sondern sie haben sich auch der Bearbeitung globaler Problemlagen auf lokaler Ebene verschrieben. Kein Ansatz könnte derzeit besser zur Idee inklusiver Arbeitsmärkte passen als dieser“ (S. 193).
Schluss bzw. Kapitel 6: Inklusive Arbeitsmärkte im globalen Kapitalismus
Im sechsten Kapitel werden die Bedingungen des globalen Kapitalismus reflektiert und die zuvor entwickelten Überlegungen in größere gesellschaftliche und ökonomische Zusammenhänge eingeordnet. Auch hier wird eine weiter gedachte Entwicklungsperspektive eingenommen. Der Autor betont, dass inklusive Arbeitsmärkte nur entstehen können, wenn sozialstaatliche Steuerung den ausgrenzenden Marktmechanismen entgegentritt. Inklusive Arbeitsmärkte erscheinen als langfristige Transformationsaufgabe und entstehen nicht zuletzt durch die Möglichkeiten, Arbeit seinen Bedürfnissen entsprechend mitzugestalten: „In dem Maße, in dem wir grundsätzlich teilhabeorientiert wirtschaften und arbeiten, wird die komplizierte staatliche Förderung und Anspruchsverwaltung obsolet werden“ (S. 253).
Diskussion
Mit seiner Monografie leistet Andreas Oehme einen interessanten Beitrag zur Debatte um inklusive Arbeitsmärkte. Das Buch zeigt vielfältige Anknüpfungspunkte für die Weiterentwicklung von Unterstützungsstrukturen für Menschen mit erschwertem Zugang zur Erwerbsarbeit auf. Für die Soziale Arbeit liefert die Publikation wertvolle Impulse insbesondere im Kontext von Übergangshilfen, Beschäftigungsförderung und Arbeitsmarktteilhabe.
Offen und fraglich bleibt natürlich, wie die vorgeschlagenen integrierten Systeme unter gegenwärtigen politischen und finanziellen Rahmenbedingungen konkret implementiert werden können. So hält auch der Autor entsprechend fest: „Eine Veränderung dieser Verhältnisse ist sicherlich nicht durch eine fachliche Diskussion herbeizuführen, sondern nur durch politischen Willen und politische Machtkonstellationen“ (S. 17). Sollten hier neue Voraussetzungen und Bedingungen eintreten, „dann wären doch Modelle zur fachlichen Strukturierung des Feldes nötig. Dafür gilt es die Diskussion in dieser Richtung wach und lebendig zu halten“ (ebd.). Es lässt sich auch anmerken, dass die gegenwärtig stattfindende digitale Transformation als eigenständige Dimension (noch) weitgehend unberücksichtigt bleibt. Die beschriebenen Reformgedanken sind nachvollziehbar, doch sie sollten künftig noch um eine digitale Perspektive ergänzt werden. Inklusive Arbeitsmärkte der Zukunft werden auch durch die Frage geprägt sein, wie KI, Automatisierung, Assistenzsysteme und digitale Infrastrukturen genutzt und gestaltet werden können, um Teilhabe zu ermöglichen.
Dies schmälert den Gesamteindruck jeodch kaum. Vielmehr liefert das Werk einen weitreichenden konzeptionellen Beitrag und Modellentwurf, der Denkanstöße liefert und weitere Forschung anregen kann.
Fazit
Andreas Oehme legt mit diesem Band eine umfangreiche Analyse und Konzeptionalisierung inklusiver Arbeitsmärkte vor. Das Buch ist eine klare Empfehlung für all diejenigen, die sich mit Fragen der Teilhabe am Arbeitsleben sowie der Ausgestaltung von Übergangs‑ und Unterstützungsstrukturen in Arbeit beschäftigen.
Rezension von
Prof. Dr. Claudia Muche
Professorin für Soziale Arbeit
IU Internationale Hochschule - Fernstudium
Arbeitsschwerpunkte: Organisation(en) Sozialer Arbeit, Inklusion in der Sozialen Arbeit, Soziale Dienste am Arbeitsmarkt, Teilhabe am Arbeitsleben, Übergange im Bildungs- und Beschäftigungssystem, Übergangsforschung
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