Armin Bernhard: Die inneren Besatzungsmächte
Rezensiert von Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer, 05.09.2025
Armin Bernhard:Die inneren Besatzungsmächte. Fragmente einer Theorie der Knechtschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 348 Seiten. ISBN 978-3-7799-6531-2. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Pädagogik und Gesellschaftskritik.
Thema
Das Buch geht der Frage nach, wie Individuen dazu gebracht werden, sich Herrschaft zu unterwerfen, also äußere in innere Herrschaft zu übersetzen und jene damit aufrechtzuerhalten. Der Akzent liegt dabei auf der bürgerlich-kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft, deren Freiheit in Bernhards Augen nur eine scheinhafte ist. Das Erkenntnisinteresse resultiert aus einer kritisch-materialistischen Pädagogik und deren Bestreben, den Menschen zu „kollektiver Mündigkeit“ (19) und damit zur Emanzipation von undurchschauten und überflüssigen Zwänge zu verhelfen.
Zum Autor
Armin Bernhard (* 1957) war von 2003 bis 2023 Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Duisburg-Essen. Seine breit gefächerte Forschung steht in der Tradition der kritischen Pädagogik (H. J. Heydorn, H.- J. Gamm), deren Eingriffsmöglichkeiten er mit Blick auf sich wandelnde gesellschaftliche und politische Herausforderungen theoretisch wie praktisch immer wieder neu ausgelotet hat.
Aufbau
Das Werk ist in fünf Kapitel unterteilt, deren erstes das „vernachlässigte“ Thema der Knechtschaft in unterschiedlichen Sozialisationstheorien behandelt. Das zweite Kapitel untersucht, wie unter bürgerlich-kapitalistischen Bedingungen Herrschaft strategisch gesichert und das Individuum der Gesellschaft angepasst wird. Die Überlegungen münden in die Skizze einer „kritisch-materialistischen Theorie der Sozialisation“. Im 3. und zentralen Kapitel geht Bernhard im Detail den „Arealen und Mechanismen der Formierung innerer Besatzungsmächte“ nach. Nach einer Beschreibung der sozialen Bereiche, in denen diese Formierung primär sattfindet (Alltag, Kulturindustrie und Konsum) wendet er sich ausführlich der Psychodynamik des „gesellschaftlichen Unbewussten“ und Erziehung und Bildung als „Transmissionsmittel innerer Knechtschaft“ zu – all dies mit Fokus auf aktuelle neoliberale Herrschaftsverhältnisse. Den Ergebnissen dieser Analyse werden im 4. Kapitel Perspektiven der Emanzipation ausgehend von „Einbruchstellen kultureller Hegemonie“ gegenübergestellt. Die knappen Schlussbemerkungen (5. Kapitel) zur „Theorie der Knechtschaft“ runden das Buch ab.
Inhalt
In der Einleitung geht Bernhard zunächst auf sein Leitmotiv ein: Warum unterwerfen sich Menschen enthumanisierenden Herrschaftsverhältnissen und lassen sich willig durch Konsum und kulturindustrielle Angebote von Reflexion und ihren genuinen Interessen ablenken? Dass dieses Phänomen nicht neu ist, beweist Bernhard mit der Schrift des Renaissance-Philosophen Étienne de La Boétie über die „freiwillige Knechtschaft“ (1574), die darlegt, welchen Anteil die Menschen selbst an der Verstetigung von Tyrannei haben. Der zweite Teil der Einleitung ist methodischen Vorüberlegungen sowie der Klärung zentraler Begriffe („Strukturen“, „Gesetzmäßigkeiten“, „Mechanismen“, „Techniken“) gewidmet und endet mit einer Selbstreflexion des Wissenschaftlers, der notwendig in die Gesellschaft eingebunden ist, die er zugleich kritisiert; gefordert wird hier „begrifflich gezügelte Empathie“ (29).
Im 1. Kapitel mit dem Titel „Knechtschaft als Thema der Sozialisationstheorie – ein vernachlässigter Gegenstand“ befragt Bernhard eine Auswahl von Theorieansätzen zur Sozialisation daraufhin, welchen Beitrag sie zur Erhellung der Genese freiwilliger Knechtschaft und ihrer möglichen Überwindung leisten können. Die Theorien werden mit ihren elementaren Thesen zu dem Thema mehr oder weniger knapp dargestellt, wobei sich herausstellt, dass Bernhards Fragestellung bestenfalls indirekt behandelt wird, weswegen er von einem „vernachlässigten Gegenstand“ spricht.
Wenig anschlussfähig erscheinen ihm der Strukturfunktionalismus (Parsons), das ökologische Sozialisationsmodell (Bronfenbrenner/Gabarino) und der Sozialkonstruktivismus (Mead und Berger/Luckmann), da sie, bei allen theoretischen Unterschieden, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft harmonistisch und widerspruchsfrei konstruierten und es ihnen im Wesentlichen um die Arten und Weisen gelingender Anpassung gehe.
Mehr abgewinnen kann Bernhard Freuds Theorie, da hier mit der Kategorie des „Über-Ich“ erste Ansätze zur Erklärung gesellschaftlicher Anpassungsmechanismen wie auch deren Folgen für das Individuum zu finden seien. Elias‘ Zivilisationstheorie erscheint ihm insofern fruchtbar, als sie im Begriff der „Figuration“ die Dialektik von Individuum und Gesellschaft erfasse und sich dabei auch mit der Entstehung verinnerlichten Fremdzwangs beschäftige, ohne jedoch deren Mechanismen genauer zu beschreiben.
Die meisten Anknüpfungspunkte findet Bernhard in Bourdieus Habitustheorie und in der Kritischen Theorie, was wenig verwundert, da sie ihm von der theoretischen Grundlage her am nächsten stehen. Bourdieus Konzept des „Habitus‘“ erlaube es, den wechselseitigen Zusammenhang von individuellen Verhaltensweisen und Einstellungen einerseits und gesellschaftlichen Einflüssen andererseits genauer zu beschreiben und damit einen „tiefergehenden Zugang zur Frage der Vergesellschaftung von Herrschaft“ (62) zu eröffnen. Ähnlich verhält es sich mit der Kritischen Theorie, die durch ihre Verknüpfung von Marxismus und Psychoanalyse theoretisch und empirisch fundiert einschlägige Erkenntnisse zur Verinnerlichung von Herrschaft und den sie bedingenden Strategien hervorgebracht habe. Ein weiterer Vorzug sei darin zu sehen, dass sie sich, ähnlich wie Bourdieu, konkret auf die spätkapitalistische Gesellschaft beziehe.
Das 2. Kapitel mit dem Titel „Die inneren Besatzungsmächte – politisches Legitimationsproblem und sozialisationstheoretischer Ausgangspunkt“ ist als weitere theoretische Hinführung zur Analyse der „inneren Besatzungsmächte“ zu lesen.
Bernhard bestimmt das Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft dialektisch, geht also, wie Hegel, davon aus, dass Herr und Knecht durch gegenseitige Abhängigkeit verbunden seien. In der bürgerlichen Gesellschaft stelle sich dieses Verhältnis allerdings nicht als bloße Notwendigkeit dar, sondern die Herrschaft bedürfe zusätzlich der aktiven freiwilligen Zustimmung der Individuen. Bernhard unterscheidet hier, Marx folgend, zwischen ökonomischer Herrschaft, die sich aus den Produktionsverhältnissen ergibt, und der davon im Wesentlichen abhängigen Regierung. Da Erstere nicht zur Disposition, aber in Widerspruch zu den Idealen der bürgerlichen Gesellschaft stünden, müsse sich die Herrschaft um die Loyalität der Massen bemühen, was in erster Linie durch Propaganda geschehe, wie Bernhard mit Verweis auf die Propagandatheorie Lippmanns (1922) und Bernays (1928) sowie jüngst die von Bertelsmann entwickelte Strategie zur Durchsetzung von Reformen zeigt. Damit werden faktisch demokratische Entscheidungsprozesse unterlaufen, womit die Frage virulent wird, warum dieser Widerspruch nicht zu Protest führt.
In den beiden darauffolgenden Unterkapiteln entwirft Bernhard die Konturen einer kritisch-marxistischen Sozialisationstheorie, deren Besonderheit sein soll, dass sie, auf materialistischer und tiefenpsychologischer Grundlage, Sozialisation als einen widersprüchlichen Prozess der Vermittlung von Individuum und Gesellschaft analysiert und die dabei entstehenden psychischen Verwerfungen aufdeckt, also das, was bisher einer „humanen Verflechtung von Sozialisierung und Person“ (103) entgegensteht.
Zu Beginn des zentralen 3. Kapitels: „Wie innere Knechtschaft erzeugt wird: Areale und Mechanismen der Formierung innerer Besatzungsmächte“ hebt Bernhard hervor, dass für die Erforschung der inneren Knechtschaft ein „multifaktorielles Erklärungsmodell“ (109) und damit ein interdisziplinäres Vorgehen notwendig sei.
Als Schlüsselbegriff wird in 3.1 die „Entfremdung“ eingeführt und im Sinne Marx‘ zunächst anthropologisch entfaltet und dann bezogen auf die kapitalistische Gesellschaft als ein Prozess dargestellt, der alle Fähigkeiten des Menschen beeinträchtige, da er sich auf das Verhältnis des Individuums zu sich selbst, den Gegenständen und die Beziehung zu anderen Menschen auswirke.
Das Kapitel 3.2. ist den begriffen „Alltag“, „Alltagsverstand“ und „Alltagsbewusstsein“ gewidmet. Der Alltag, hier verstanden als Ablauf von Routinen, führe zu einer Schwächung der Reflexion, die mit Gramscis Begriff des „Alltagsverstandes“ genauer gefasst wird. Der Alltasverstand speise sich mehr oder minder bewusst aus vielen Quellen und manifestiere sich vor allem im Festhalten an schlichten Gewissheiten. Der Begriff „Alltagsbewusstsein“ geht auf Henri Lefebvre (1947) zurück und wurde später von Leithäuser (1976 ff.) aufgenommen. Er bezeichnet eine durch die spätkapitalistische Gesellschaft einsozialisierte Form der Kolonialisierung des Bewusstseins durch den „normierenden Zugriff des Wirtschaftssektors“ (125). Der „Rohstoff Psyche“ werde so bearbeitet, dass sich die Analyse- und Erfahrungsfähigkeit der Individuen reduziere und das zerstreute Bewusstsein auf stereotypes, dichotomisches und pragmatisches Denken reduziert werde. Sobald dieser Prozess völlig ins Unbewusste verdrängt sei, könne er von der Herrschaft mit den Mitteln der „Bewusstseinsindustrie“ (s. 3.3) verfestigt werden.
In Kapitel 3.3 beschäftigt sich Bernhard mit den Begriffen „Kulturindustrie“, „Bewusstseinsindustrie“ und „Illusionsindustrie“ sowie deren Einfluss auf die Sozialisation. Gemeinsamer Fokus der Begriffe ist die kognitive, ästhetische und emotionale Verstümmlung des Bewusstseins zu Herrschaftszwecken durch industriell hergestellte immaterielle Güter; „industriell“ deswegen, weil es auch hier um standardisierte Massenproduktion geht und dabei ökonomische Motive treibend sind. Im Zentrum stehen hier die „Bewusstseinsindustrie“, wie Enzensberger (2010) die „immaterielle Ausbeutung“ menschlicher Bedürfnisse nennt, und die „Kulturindustrie“. Auch dieser von Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ (1947) geprägte Begriff bezieht sich auf „immaterielle Ausbeutung“, legt den Akzent aber auf die technische (Re-)Produktion kultureller Güter, die sich nach dem 1. Weltkrieg entfaltete, und auf deren Folgen für Rezeptionsweisen des Publikums. Horkheimer und Adorno decken die Wechselwirkung zwischen Inhalt und Form der standardisierten Produkte einerseits und der Nachfrage generierenden Gewöhnung der Rezipienten andererseits auf und zeigen, wie dadurch deren Triebökonomie und Bewusstsein im Sinne von Herrschaftsinteressen geformt werden.
Bernhard führt diese Kritik, u.a. unter Berufung auf Postman (1985), bezogen auf die digitalen Medien weiter, deren manipulatives Potenzial das der früheren Kulturindustrie weit übersteige, nicht nur wegen der Fülle der Angebote und deren beliebiger Produzierbarkeit, sondern auch, weil sie den „Technik-Fetischismus“ (Adorno) nährten und die Rezipienten einbänden, in dem sie ihre Aktivitäten herausfordern und den Schein von Wahlfreiheit und Partizipation erweckten, deren algorithmische Steuerung den Nutzern aber verborgen bleibe.
Das Kapitel 3.4 handelt von einer direkt die ökonomische Sphäre betreffenden Spielart der herrschaftskonformen Beeinflussung, der „Warenästhetik“, die, so Bernhard, zur permanenten Stimulierung des Konsums für den Kapitalismus unverzichtbar sei. Bernhard untermauert dies mit Ausführungen zu Marx‘ Phänomenologie der Ware, beruft sich aber bei seinen Ausführungen in erster Linie auf Haug, der seit den 1980er-Jahren die Warenästhetik genauer analysiert hat. Sie diene dazu, ein anziehendes „Gebrauchsversprechen“ (163) zu machen, nicht nur um Kaufanreize zu schaffen, sondern damit auch die Erfüllung gesellschaftlich erstrebenswerter Normen zu suggerieren. Auch hier werde der Mensch in seinen Grundbedürfnissen angesprochen und seine Sinnlichkeit unterschwellig von der Warenästhetik geprägt, sodass er, meist unbewusst, seine Kaufentscheidungen fälle.
Nach den äußeren Rahmenbedingungen und Strategien der Sicherung verinnerlichter Herrschaft legt Bernhard in den folgenden Kapiteln den Schwerpunkt auf deren Mechanismen, wobei zunächst Erkenntnisse der frühen Massenpsychologie (Le Bon und Freud) im Vordergrund stehen (3.5.1), die zeigen, wie das individuelle Bewusstsein im Kollektiv regrediert und stattdessen seine Triebe angestachelt werden, sodass es zu neuen libidinösen Bindungen komme, die von „Führern“ für Herrschaftszwecke instrumentalisiert werden könnten. Größere Aufmerksamkeit schenkt Bernhard Marcuse (3.5.2 und 3.5.4), der, anders als die genannten Klassiker, den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Herrschaft im Spätkapitalismus und individueller Triebstruktur darstellt, der für ihn durch „repressive Entsublimierung“ gekennzeichnet ist. Die, nach Freud, für die Entstehung von Kultur und Subjektivität notwendige Sublimierung, also Verfeinerung der Triebe, werde unter den Bedingungen der spätkapitalistischen Überflussgesellschaft systematisch geschwächt, um künstliche Bedürfnisse zu wecken, mit denen die wahren Bedürfnisse der Individuen unterdrückt würden. Wichtig ist diese gesellschaftliche Konkretisierung für Bernhard insofern, als hier das Verhältnis von Natur und Kultur, anders als bei Freud, als ein historisch dynamisches und damit veränderbares aufgefasst und unterschieden wird zwischen für die Subjektbildung notwendiger und gesellschaftlich künstlich produzierter Triebunterdrückung.
Genereller als Marcuse geht Erdheim (3.5.3) in seinem ethnopsychoanalytischen Ansatz davon aus, dass kollektives Verdrängen von Tabus und Widersprüchen für jede Gesellschaft konstitutiv sei und sich mit der Bearbeitung individueller Grundkonflikte vermische, woraus sich wiederum Möglichkeiten einer herrschaftskonformen Instrumentalisierung ergäben.
Wie gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse konkret in der Psyche verankert werden, ist Thema von Brückners politischer Sozialpsychologie, die sich vornehmlich mit der Entstehung von Angst, Gehorsam und Konformität in der Kindheit befasst. Sie resultiere vor allem aus der Vermeidung von sozialem Ausschluss und produziere ein „Gewissensgehorsam“, das später den Herrschaftsnormen reflexionslos folge. Ergänzend zu den dargestellten Ansätzen präzisiert Bernhard in 3.5.6 einige der Humantechniken, mit denen innere Knechtschaft erzeugt wird, nämlich, neben dem Schüren von Ängsten, die Internalisierung von Vorurteilen, die Übernahme von Freund-Feind-Bildern und die Identifizierung mit der stärksten Realitätsmacht.
Aus Bernhards kritisch-materialistischer Orientierung ergibt sich, dass er auf Erziehung und Bildung erst nach gründlicher Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Produktion von Knechtschaft zu sprechen kommt und dass auch hier das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft als zentrales soziologisches Problem im Vordergrund steht (3.6). Pädagogisch impliziert dies, dass nachwachsende Generationen sowohl den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen angepasst, zugleich aber auch in ihrer individuellen Persönlichkeit gefördert werden müssen. Bernhard fordert, dass sich Erziehende dieser Ambivalenz reflexiv stellen und damit die Notwendigkeit erzieherischen Zwangs für die Subjektwerdung erkennen, statt in ein pseudo-liberales Laisser-faire zu verfallen, das die Kinder und Jugendlichen umso schutzloser der Knechtschaft ausliefere, da sie so nie lernen würden, an einer personalen Autorität Widerständigkeit zu entwickeln. Kritisch rechnet Bernhard in diesem Zusammenhang auch mit den gegenwärtigen Tendenzen im Bildungssystem ab, das mit seinem einseitigen Akzent auf brauchbare Kompetenzen und (lebenslanges) Lernen zur „Verschließung von Welt- und Selbsterkenntnis“ (249) führe, da dadurch das für die traditionelle bürgerliche Bildung charakteristische Wissen und Gedächtnis wie auch das Sprachvermögen marginalisiert werde. Insofern gehe es darum, dem „kulturellen Analphabetismus“ und der „verlärmten Kommunikation“ (260) mit der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten entgegenzutreten (3.7).
Abschließend porträtiert Bernhard in stark verdichteter Form die neoliberalen Verhältnisse der Gegenwart, in denen die absolute Dominanz der Ökonomie die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Knechtschaft immer schwieriger mache. Gründe dafür seien prekären Arbeitsverhältnisse und die damit einhergehende Angst, die Modularisierung der Arbeit und der Arbeitskraft, die verdichtete Zeitökonomie sowie die allgegenwärtige Forderung nach Flexibilität. Diese Entwicklungen nötigten die Individuen dazu, ihre Subjektwerdung auf Selbstoptimierung zu beschränken, um „am Markt bleiben“ zu können. Verstärkt durch die Ideologie der Individualisierung, die sich schulisch im u.a. „selbstgesteuerten Lernen“ manifestiert, sorgten so die Individuen aus eigenem (pervertierten) Antrieb heraus für ihre innere Knechtschaft.
Nach der breiten Bestandaufnahme der Strategien von Verknechtung und deren Folgen denkt Bernhard im 4. Kapitel unter der Überschrift „Die inneren Besatzungsmächte vertreiben – Einbruchstellen kultureller Hegemonie“ über Möglichkeiten einer intellektuellen und emotionalen „Schutzimpfung“ (324) nach. Hier wird noch einmal betont, dass die Trennung von zivilisatorisch notwendigem und gesellschaftlich kontingent erzeugtem Zwang essenziell für Entwicklung einer „human-rationalen inneren Naturbeherrschung“ (281) und insofern zentrale Aufgabe einer kritisch-materialistischen Sozialisationstheorie sei (4.1). Auch wenn Bernhards Einschätzung nach die gegenwärtigen Herrschaftstechniken an die „Grenze der vollständigen Determinierung“ (284) vorgedrungen seien, leitet er aus seinem marxistischen Geschichtsverständnis die Möglichkeit von Veränderungen ab, da die Herrschaft über das Individuum historisch veränderbar und niemals total sein könne. Daher müsse nach „Ansätzen zur Erosion von Knechtschaft“ (4.2.) durch „emanzipative Kulturarbeit“ (288 ff.) gesucht werden, auch wenn deren Reichweite nie überschätzt werden dürfe. Sie bestünde zum einen in ideologiekritischer Aufklärung und Reflexion der eigenen Rolle in der Gesellschaft. Da es aber auch darum gehe, verhärtete Abwehrmechanismen aufzubrechen, müssten zum anderen die verschüttete Subjektivität angesprochen und Irritationen provoziert werden, um die Individuen auch emotional herauszufordern. Dies sei auch deswegen wichtig, weil im Unbewussten nicht nur verdrängte Erfahrungen der Vergangenheit sedimentiert seien, sondern, wie Bernhard mit Verweis auf Bloch unterstreicht, auch die verschüttete Ahnung anderer Möglichkeiten des Menschseins. Zu Bewusstsein gebracht werden könnten diese durch eine „kritisch-humanistische Anthropoanalyse“ (4.2.4), die die Differenz zwischen den grundsätzlichen Möglichkeiten des Menschseins und deren Reduktion durch historisch bedingte gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zutage fördern könnte.
In den sehr knappen Schlussbemerkungen (5) fasst Bernhard noch einmal die wesentlichen Befunde seiner Analyse und die Aufgaben einer kritisch-materialistischen Sozialisationstheorie zusammen.
Diskussion
Wenn der Erziehungswissenschaft heute bisweilen (nicht zu Unrecht) ein „sozialtheoretisches Defizit“ vorgeworfen wird, so gilt dies für Armin Bernhard mit Sicherheit nicht, wie dieses Buch zeigt, in dem die sozialkritische Analyse (nicht nur) der Gegenwartsgesellschaft einen weitaus größeren Raum einnimmt als die Ausführungen zu der Disziplin, die Bernhard vertritt.
Auch wenn alle Ansätze, vor allem die marxistischen Grundlagen, hinlänglich dargestellt werden, um sie nachvollziehen zu können, stellt der mit Fachtermini gespickte Text hohe Ansprüche an den Leser und Leserin, sofern sie nicht an die Lektüre theoretischer Texte gewöhnt sind. Dafür bekommen sie aber einen einmalig breiten und guten Einblick (nur Erich Fromms Sozialpsychologie erscheint mir vernachlässigt) in ein sozialtheoretisch unterbelichtetes, aber für das Verständnis gesellschaftlicher Integration entscheidendes Gebiet, nämlich die psychische Verinnerlichung von Herrschaft, die Strategien, mit der sie hervorgebracht wird und deren Wirkung auf das Subjekt. Bernhard füllt damit nicht nur eine Forschungslücke, sondern räumt gängige Irrtümer beiseite, wie z.B. die Überschätzung rein rationaler Aufklärung, den Irrglauben, gezielte Strategien der Beeinflussung, um Individuen gefügig zu machen, gäbe es nur in autoritären Staaten, oder die kurzschlüssige Identifikation von Erziehung und Zwang, die vergisst, dass die Erfahrung (und Überwindung) von Grenzen unerlässlich für die Entstehung einer starken Subjektivität ist.
Aus Bernhards theoretischer Heimat im Marxismus ergibt sich, dass er ein engagierter Wissenschaftler mit einem über dieses Tätigkeitsfeld hinausgehenden politischen und moralischen Standpunkt ist, aus dem er kein Hehl macht, wie seine bisweilen polemische Begriffswahl zeigt. Die klare Positionierung dürfte auch verantwortlich für manche Pauschalisierungen sein, wie beispielsweise die Subsumierung von Zeitschriften, Zeitungen und Fernsehsendungen unter „Kulturindustrie“, auf gleicher Ebene mit Werbung (143).
Die theoretische Haltung bringt aber, kaum vermeidbar, auch grundlegende Ambivalenzen mit sich. Einerseits wendet sich Bernhard mit seiner historisch-materialistischen Position gegen jeglichen gesellschaftlichen Determinismus, was eindeutig zu begrüßen ist, da so die Möglichkeit von Wandel offengehalten wird; andererseits mag man sich angesichts seiner Deutung der nahezu totalitären Herrschaftsstrategien, die seinen eigenen Aussagen nach nur wenig Hoffnung auf Veränderung lassen, fragen, woher er ebendiese Hoffnung nimmt. Begründungen dafür finden sich zwar im 4. Kapitel, sie bleiben aber ebenso theoretisch konstruiert, wie die behaupteten Wirkungen kritischer Interventionen, die von der sprachlichen Darstellung her häufig als faktische ausgegeben werden. Hier wären Beispiele für eine durch „emanzipative Kulturarbeit“ erfolgreiche Infragestellung der Herrschaftsstrategien hilfreich gewesen, deren Fehlen auf ein grundsätzliches Problem kritischer Sozialisationsforschung hinweist, nämlich den Mangel an Empirie, die sowohl die Wirkung der Herrschaftsstrategien als auch die des Widerstands belegen würde. Der in den sogenannten sozialen Medien und in manchen Privatsendern kursierende Irrsinn mag hier auf den ersten Blick einige Evidenz liefern, ein empirisch fundierter Nachweis wäre aber überzeugender, auch wenn er – hier ist Bernhard sicher Recht zu geben – angesichts der Komplexität der Materie schwierig zu führen ist.
Fazit
Auch wenn das Buch manche Fragen offenlässt, handelt es sich um eine gründlich aufgearbeitete, theoretisch konsistente und politisch engagierte Darstellung einer gesellschaftlichen Problematik, die jeder und jede, die verstehen wollen, was die gesellschaftliche Welt „im Innersten zusammenhält“ und die mit den gegenwärtigen Herrschaftsverhältnissen hadern, mit Gewinn lesen werden.
Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer
Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.
Arbeitsschwerpunkte: Erziehungs- und Bildungsphilosophie, Geschichte der Schule, Bildung und Erziehung im gesellschaftlichen Kontext, Bildungsreformen.
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