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Gerhard Hess, Wolfgang Ilg u.a.: Kompetenzprofile (Jugendarbeit)

Cover Gerhard Hess, Wolfgang Ilg, Martin Weingardt: Kompetenzprofile. Was Professionelle in der Jugendarbeit können sollen und wie sie es lernen. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 172 Seiten. ISBN 978-3-7799-2121-9. 15,00 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Edition ProjektArbeit.
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Thema

Beruflich in der Kinder- und Jugendarbeit tätige Fachkräfte (sie es Erzieher/innen, Dipl.-Sozialarbeiter/innen bzw. -pädagog/inn/en oder Dipl.-Pädagog/inn/en) sehen sich einer Fülle von Anforderungen gegenüber: Oft sind sie Bezugspersonen, Resourcenmanager/innen, Berater/innen, Animateure oder Experten für Politik und Verwaltung in einer Person. Eine (Kern-) Frage, der Gerhard Hess, Wolfgang Ilg und Martin Weingardt in ihrer vorliegenden Untersuchung "Kompetenzprofile" nachspüren, lautet: Was müssen dieses Profis können, kennen und wissen, um ihre Aufgabe gut zu erfüllen? Und dies vor dem Hintergrund, dass "Jugend selbst eine ungeheuer dynamische Entwicklungsphase" ist und Jugendarbeit, wenn sie solch dynamischen Veränderungsprozessen unterliegt, sich in Bezug auf die Ausbildung ihrer Nachwuchskräfte den damit verbundenen "neuen Herausforderungen stellen und immer wieder eine kritische Bestandsaufnahme darüber vornehmen (muss), ob die Lerninhalte und Curricula der Ausbildungsstätten den heutigen Anforderungen noch entsprechen" (S. 31). Übersetzt geht es zum Beispiel um folgende Fragen:

  • Was können Jugendarbeitsprofis?
  • Was sollen sie können?
  • Was lernen sie in der Ausbildung, was in der Praxis?
  • Ist Jugendarbeit als Thema der Ausbildung überhaupt noch relevant bzw. interessant?
  • Wie sieht ein zeitgemäßes Anforderungsprofil in diesem Arbeitsfeld aus?

Autoren

Die drei Autoren des vorliegenden Bandes verfügen über vielfältige Praxiserfahrungen aus Handlungsbereichen der (verbandlichen, kirchlichen) Kinder- und Jugendarbeit: Gerhard Hess (Diakon) ist seit 1989 hauptamtlicher Dozent für Theorie und Praxis der Kinder- und Jugendarbeit im Fachbereich Religionspädagogik der Evangelischen Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg und seit 2005 Dekan des dortigen Fachbereichs Religionspädagogik; von 1978 bis 1989 war er Jugendreferent in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Wolfgang Ilg (Dipl.-Theologe und -Psychologe, Pfarrer zur Anstellung) ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Evang.-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen; er nahm langjährig ehrenamtliche Aufgaben in der Kinder- und Jugendarbeit wahr und ist in der Ausbildung von Jugendarbeiterinnen und –arbeitern tätig; unter anderem entwickelte er ein Evaluationssystem für Freizeiten in der (kirchlichen) Jugendarbeit (LINK setzen: www.freizeitenevaluation.de). Dr. Martin Weingardt (Dipl.-Pädagoge und Lehrer) ist Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und ist seit 1977 ehren- und zeitweise hauptamtlich tätig in der Kinder- und Jugendarbeit; Arbeitsschwerpunkte sind Übergänge zwischen Schule, Freizeitbereich, Arbeitswelt; Schülermentorenausbildung; Fehlerforschung; Hauptschulforschung und die Kooperation Schule-Jugendarbeit. Interdisziplinär blicken die drei aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Professions- und Profilierungsthema: was müssen Profis können, was wissen?

Inhalt

150 in der Kinder- und Jugendarbeit der evangelischen Kirche Württembergs beruflich tätige Fachkräfte und deren Vorgesetze wurden durch Hess, Ilg und Weingardt darauf befragt, welche berufspraktischen Kompetenzen für sie eine besondere Relevanz besitzen. Begleitend erfolgte eine Erhebung der erworbenen Fähigkeiten unter Studierenden an fünf Ausbildungsstellen, die in der Qualifizierung von gemeinde- und jugendpädagogischen Nachwuchskräften tätig sind. Die Erhebung wurde seitens der Evangelischen Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg in Kooperation mit dem Evangelischen Jugendwerk in Württemberg (als Zusammenschluss von 51 Bezirksjugendwerken sowie zahlreichen Stadtjugendwerken und dem CVJM) im Frühjahr 2003 durchgeführt. Obgleich damit schon fünf Jahre alt, dürfen die Daten immer noch Gültigkeit beanspruchen und die Schlussfolgerungen nach wie vor relevant für die Entfaltung einer zeitgemäßen Praxis der Kinder- und Jugendarbeit in kirchlicher Trägerschaft sein.

  • Zunächst suchen Hess, Ilg und Weingardt Anschluss an die seit einiger Zeit in der Kinder- und Jugendarbeit geführte Professionalitätsdebatte (S. 11 – 30), um dann – nach einer kurzen Einführung in die methodischen Grundlagen der Studie (S. 31 – 39) –
  • die Befunde zu den Kompetenzanforderungen in der Praxis kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit darzulegen (S. 39 – 72),
  • die Resultate in Bezug auf die Kompetenz(aus)bildung in der Qualifizierung von in der Kinder- und Jugendarbeit tätigen Fachkräften zu präsentieren (S. 73 – 86), was
  • am so genannten "Unterweissacher Modell Explorativen Lernens" spezifiziert wird, wobei dieses (Aus-) Bildungsmodul aufzeigt, wie durch explorative Lernformen die Kompetenzbildung sowohl praxisbezogen und als auch komplexitätsorientiert erfolgen kann (S. 87 – 110),
  • schließen Thesen zur künftigen "Kompetenzbildung" die Erörterung ab (S. 111 – 123).
  • Sodann kommentieren Ulrich Deinet (Professor für Didaktik und Methodik der Sozialpädagogik an der Fachhochschule Düsseldorf), Hermann Hörtling (Fachlicher Leiter des ejw), Benedikt Sturzenhecker (Professor für Erziehung und Bildung an der Fachhochschule Kiel mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit) und Wolf Rainer Wendt (Studienleiter an der Berufsakademie Stuttgart/Bereich Sozialwesen und Vorsitzender Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit) kurz die Untersuchungsergebnisse (S. 125 – 142), bevor
  • eine Replik der Autoren die Darlegung abschließt (S. 143 – 146).

Im Anhang finden sich unter anderem das Berufsbild "Jugendreferent/in" des ejw und Datentabellen zur Untersuchung.

Die vorliegenden Ergebnisse der Studie betonen den herausragenden Stellenwert sozialer und personaler Kompetenzen. "Die normative Kraft des Faktischen der Jugendarbeitspraxis", bilanzieren die drei Autoren, "scheint deutlich stärker zu sein als theoretische Prägungen, Bezüge und der Wissenserwerb der Vor- und Ausbildung" (S. 114). Damit reihen sich Hess, Ilg und Weingardt durchaus in den Tenor ähnlich gelagerter Untersuchungen ein (z. B. Ackermann, F., und Seeck, D.: Der steinige Weg zur Fachlichkeit. Handlungskompetenz in der Sozialen Arbeit, Hildesheim 1999; Thole, W., und Küster-Schapfl, U.: Sozialpädagogische Profis. Beruflicher Habitus, Wissen und Können von PädagogInnen in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit, Opladen 1997; Wendt, P.-U.: Selbstorganisation Jugendlicher und ihre Förderung durch kommunale Jugendarbeit. Zur Rekonstruktion professionellen Handelns, vgl. die Rezension), die – je für sich aus unterschiedlicher Perspektive – die Annahme von handlungsfeldtypischen Könnens- und Wissensressourcen außerhalb des etablierten Ausbildungssystems betonen und diesem (im Kern) lediglich formal-qualifizierende Bedeutung beimessen. Andererseits sind soziale und personale Kompetenzen von zentraler Relevanz für eine gelingende berufliche Praxis; "Jugendarbeit erweist sich als ein komplexes Arbeitsfeld, das sehr viele und sehr unterschiedliche Kompetenzen in hohem Maße abverlangt", der Kompetenzerwerb aber "scheint durchgehend – und in vielen Fällen sogar sehr deutlich – hinter den Kompetenzerfordernissen der Praxis zurückzubleiben" (S. 115). Damit charakterisieren Hess, Ilg und Weingardt das spezifische Dilemma des durch seine rabiate Offenheit gekennzeichneten Handlungsfeldes Kinder- und Jugendarbeit: "Der Erwerb der entscheidenden sozialen und personalen Kompetenzen scheint weitgehend außerhalb des offiziellen Ausbildungsprogramms abzulaufen und damit eher des Ergebnis informellen Lernens als formeller Lehrveranstaltungen zu sein" (S. 116) – ein Befund, den Praktiker/innen in der Regel ohne den Vorbehalt des "Scheinens" und stattdessen eher unter Betonung des "So-Seins" formulieren. In eine ähnliche Richtung argumentieren auch die Experten, insbesondere Ulrich Deinet. Schlussendlich lautet die Konsequenz, die die Autoren ziehen: "Die Jugendarbeit muss die Frage einer professionellen Ausbildung selbst in die Hand nehmen" (S. 119).

An dieser Stelle bringen die Autoren das "Unterweissacher Modell Explorativen Lernens" ins Spiel, das seit 1998 an der der Evangelischen Missionsschule Unterweissach viersemestrig realisiert wird und eine ganzheitlich-komplexe Kompetenzausbildung für die Ausbildung kirchlicher Jugendreferentinnen und –referenten umzusetzen versucht. Wesenhaft für dieses Ausbildungssystem ist die Integration meist ehrenamtlich gesammelter Vorerfahrungen der angehenden Fachkräfte in die Ausbildung, die Betonung einer aktivierenden Grundhaltung, jahrgangsgemischte Teamarbeit und eine ausgeprägte Feldorientierung, die sich durch stabile Praxiskontakte an jeweils einem Ort, Konzeptionsarbeit, Sozialraumanalysen, eigenständige Explorationen und (systematische) reflexive Rückkoppelungsschleifen auszeichnet. Hess, Ilg und Weingardt, die zum Teil selbst in die Entwicklung des Systems eingebunden waren, schildern sowohl die Chancen als auch die Grenzen dieses Modells.

Zielgruppen

Ohne jeden Zweifel unterstützt die vorliegende Veröffentlichung alle Bemühungen einer Professionalisierung von Kinder- und Jugendarbeit durch eine anforderungsgerechte Aktualisierung der Aus- und Weiterbildung der in diesem Handlungsfeld tätigen Fachkräfte. Insoweit dient sie einerseits sowohl angehenden als auch bereits tätigen Praktikerinnen und Praktikern, sich ihrer biografisch angelegten sozialen Kompetenzen und personalen Ressourcen optimistisch zu vergewissern und selbstbewusst in die Praxis einzubringen, wie sie andererseits in Fachhochschulen und außerakademischen Aus- und Weiterbildungsprozessen angelegte Bemühungen stützen kann, die dort betriebene Aus- und Weiterbildung zeitgemäß anzupassen (wobei fachhochschulisch freilich erst einmal selbstkritisch darauf geschaut werden muss, was relevant überhaupt noch an Aus- und Weiterbildung in Bezug auf Kinder- und Jugendarbeit – abgesehen von wenigen Leuchttürmen –angeboten wird). Freilich muss die fachhochschulische wie außerakademische Aus- und Weiterbildung dabei erhebliche Übersetzungsarbeit leisten, um die vordergründig ausschließlich für den kirchlichen Kontext gedachten Überlegungen auf außerkirchliche Kontexte – bei nichtkirchlichen freien Träger oder im Blick auf die spezifischen Bedingungen der Kinder- und Jugendarbeit in kommunaler Trägerschaft – anzupassen.

Fazit

Mit den "Kompetenzprofilen" liegt eine Untersuchung auf dem Tisch, die ausgesprochen hilfreich für die Entwicklung und Entfaltung einer zeitgemäßen Kinder- und Jugendarbeit insgesamt ist. Die Fokussierung auf den kirchlichen Bereich stellt keine Einschränkung dar. Die profunde und sachgerechte Analyse mit ihren schlüssigen Empfehlungen hat vielmehr Aufforderungscharakter, eine vergleichbare Untersuchung für den kommunalen Kontext zu konzipieren und zu realisieren, denn Vergleichbares steht dort noch aus. Als methodisch außerordentlich geschickt gewählt erweisen sich auch die vier animativen Kommentare von Deinet, Hörtling, Sturzenhecker und Wendt.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 18.07.2008 zu: Gerhard Hess, Wolfgang Ilg, Martin Weingardt: Kompetenzprofile. Was Professionelle in der Jugendarbeit können sollen und wie sie es lernen. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-2121-9. Reihe: Edition ProjektArbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3314.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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