Aladin el- Mafaalani, Sebastian Kurtenbach et al.: Kinder – Minderheit ohne Schutz
Rezensiert von Dr. Viviane Vidot, 10.12.2025
Aladin el- Mafaalani, Sebastian Kurtenbach, Klaus Peter Strohmeier: Kinder – Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2025. 288 Seiten. ISBN 978-3-462-00752-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Thema
Das Buch untersucht die Bedingungen des Aufwachsens in Deutschland aus soziologischer Perspektive. Im Mittelpunkt stehen strukturelle Entwicklungen, die durch demografische Veränderungen, sozialräumliche Unterschiede und Verschiebungen institutioneller Aufgaben geprägt sind.
Autor:innen
Aladin El-Mafaalani forscht zu Bildungsungleichheiten und Diversität, Sebastian Kurtenbach zu sozialräumlichen Entwicklungen und Quartiersstrukturen, Klaus Peter Strohmeier zu Generationen, Wohlfahrtsstaat und gesellschaftlichem Wandel. Die Kombination dieser Perspektiven bildet den analytischen Rahmen des Buches.
Aufbau und Inhalt
Die Autoren benennen eingangs drei strukturelle Schieflagen – demografisch, demokratisch und sozialstaatlich (S. 40–41). Diese bilden den Hintergrund für die Position von Kindern in einer alternden Gesellschaft. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von „prekäre[n] Kindheiten“ und von einer strukturellen Rücksichtslosigkeit, die sich aus gesellschaftlichen Routinen ergibt (S. 42–45). Ein Schwerpunkt liegt auf sozialräumlichen Analysen. Kurtenbach wertet Langzeitdaten aus 41 Städten aus und zeigt stabile Muster räumlicher Armutsverdichtung und unterschiedlicher Alltagswelten (S. 133–156). Der Satz „Auf die Adresse kommt es an“ fasst diese Befunde zusammen (S. 146–150). Kindheiten verlaufen nicht polarisiert, sondern in vielen parallelen Kontexten. Im Abschnitt zu Strukturen moderner Gesellschaften wird die Position von Kindern als „diverse Minderheit“ beschrieben. Begriffe wie Humanvermögen und Humankapital dienen dazu, unterschiedliche Formen sozialer Teilhabe analytisch zu erfassen. El-Mafaalani beschreibt „institutionelle Dysfunktionen“ im Bildungsbereich (S. 232). Kitas und Schulen übernehmen Aufgaben, die früher in anderen Bereichen lagen. Mindeststandards werden als notwendige Stabilisierung überlasteter Systeme dargestellt (S. 250–254).
Der Abschnitt zu Superdiversität zeigt die Breite heutiger kindlicher Lebenslagen: soziale Lage, Sprache, Migrationserfahrungen und Familienformen (S. 112–116). Diese Vielfalt erzeugt diagnostische und kommunikative Anforderungen, die in Einrichtungen alltäglich geworden sind. Zugleich treffen sie auf Verwaltungsroutinen, die an homogene Zielgruppen angepasst sind. Strohmeier ergänzt eine generationensoziologische Perspektive. Die demografische Verschiebung zugunsten älterer Bevölkerungsgruppen führt zu politischer Asymmetrie (S. 40–41). Grundlagen gelingenden Aufwachsens – Beziehungen, Orientierung, Anerkennung – werden wohlfahrtsstaatlich eingeordnet (S. 196–199).
Der Sozialraum zieht sich als Querschnittsthema durch das Buch. Kurtenbach beschreibt lokale Milieus und Nachbarschaften als Faktoren, die Handlungsspielräume und Routinen von Kindern prägen (S. 133–150). Ein kurzer Abschnitt thematisiert Potenziale der Babyboomer-Generation (S. 327–331). Im Schlußkapitel wird „Minderheitenschutz“ demokratietheoretisch diskutiert (S. 334–337). Zukunftsräte werden als institutionelle Möglichkeit genannt, Interessen politisch schwacher Gruppen stärker zu berücksichtigen.
Diskussion
Das Buch bietet eine dichte empirische Grundlage zur Analyse kindlicher Lebenslagen. Es kombiniert Sozialraumperspektiven, institutionelle Befunde und generationensoziologische Analysen. Einige Bereiche bleiben knapp, etwa behinderungsbezogene Perspektiven oder lokale Umsetzungspfade.
Zielgruppen
Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, kommunale Verwaltung, Bildungs- und Sozialpolitik sowie wissenschaftliche Akteur:innen.
Fazit
Die Autoren zeigen, welche Strukturen die Kindheiten prägen. Das Aufwachsen von Kindern ist allerdings kein wissenschaftlicher blinder Fleck mehr. Vielmehr gibt es eine Diskrepanz zwischen Wissen und politischer Umsetzung in Bezug auf das Aufwachsen in Deutschland. Auch wenn es nicht Anliegen des vorliegenden Werkes ist, ist es doch enttäuschend, dass es keine Antworten auf das politische Handlungsdefizit im Bereich Kinderpolitiken in Deutschland gibt.
Rezension von
Dr. Viviane Vidot
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