Katharina Eggers: Angst im Kinderschutz
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 28.08.2025
Katharina Eggers: Angst im Kinderschutz. Risiken und Chancen handlungsleitender Ängste von Eltern und Fachkräften.
Tectum
(Baden-Baden) 2024.
143 Seiten.
ISBN 978-3-689-00018-9.
39,00 EUR.
Reihe: Young academics - Frühe Hilfen und Kinderschutz - 2.
Thema
Eine kooperative Beziehung zwischen Eltern und Fachkräften ist für das Gelingen von Hilfs- und Schutzmaßnahmen essenziell. Allerdings können Ängste, Unsicherheiten, Schuld- und Schamgefühle der Eltern sowie Ängste der Fachkräfte, die denen der Eltern zum Teil sehr ähnlich sind, die Kommunikation und Zusammenarbeit erschweren. Inwieweit beeinträchtigen Ängste einen gelingenden Kinderschutz? Wie können bestehende Ängste abgebaut und eine kooperative Beziehung aufgebaut werden? Und welche Rolle spielt die Qualität der Kommunikation? Katharina Eggers geht diesen Fragen nach und zeigt anhand von Interviews, dass Ängste in einer vertrauensvollen Beziehung auch konstruktiv genutzt werden können, um positive Veränderungen anzustoßen.
Autorin
Katharina Eggers ist Sozialarbeiterin und hat den Masterstudiengang Dialogische Qualitätsentwicklung in den Frühen Hilfen und im Kinderschutz an der Alice Salomon-Hochschule Berlin absolviert. Weitere Informationen zur Autorin werden im Buch und auch auf der Homepage des Verlages nicht angegeben.
Aufbau und Inhalt
Zunächst steht die theoretische Rahmung der Studie, die diesem Buch zugrunde liegt, im Fokus: Die Angst an sich aber auch der gesellschaftspolitische Kontext modernen Kinderschutzes sind erste Themen, bevor Eggers die Ergebnisse einer Studie aus Bremen zu Angst im Kinderschutz auf Seiten der Fachkräfte vorstellt, an die ihre eigene Arbeit anschließt. Als letzter wichtiger Faktor werden Beziehung und Dialog als Gelingensfaktoren im Kinderschutz beschrieben – Punkte, die im Erleben des jugendamtlichen Handelns vieler Eltern trotz ihrer Bedeutung für den ‚Erfolg‘ des Prozesses nicht vorzukommen scheinen.
Die Forschung selbst, das wird im zweiten Teil deutlich, hatte zunächst Startschwierigkeiten. Denn eigentlich war es die Idee der Autorin, eine Gruppendiskussion von Eltern als Basis für ihre Untersuchung zu nehmen. Das musste sie aber schnell verwerfen, da sich nur eine einzige Mutter dazu bereit erklärte, sodass letztlich narrative Einzelinterviews geführt wurden. Vier Mütter konnten letztlich gefunden werden, um sich dem Ziel der Forschung zu nähern, nämlich Hinweise zu finden, wie der Kontakt von Eltern und Fachkräften trotz bestehender Ängste gelingen könnte.
Und die Ergebnisse sind deutlich: Im Rahmen von Kinderschutzverfahren spielt Angst – ob jetzt berechtigt oder Klischees über das ‚böse Jugendamt‘ entstammende – eine gewichtige Rolle, die von Seiten der Fachkräfte anerkannt werden sollte. Denn daraus entsteht nach Erkenntnissen der Forscherin oft der Versuch von Eltern, alles zu tun, um die Kontaktaufnahme seitens des Jugendamtes zu erschweren oder zu verhindern. Was es am Ende bekanntlich insofern schlimmer machen kann, weil das Familiengericht als zusätzliche Instanz ins Spiel kommt, wenn es dem Jugendamt nicht gelingt, mit den Eltern zwecks Abklärung einer eventuellen Kindeswohlgefährdung in Kontakt zu kommen. Diese Ängste aufzunehmen und auch sensibel anzusprechen, scheint wichtig, um auch in dieser potenziell bedrohlichen Situation für die Eltern in Kontakt zu kommen. Denn es zeigt sich, dass durchaus die Möglichkeit bestehen, auch in Kinderschutzverfahren in einen vertrauensvollen Kontakt zu gehen. Dafür ist es aber wichtig, dass die Fachkräfte offen und transparent mit den Eltern umgehen, deren Verhaltensweisen auf die (vermeintliche) Bedrohung durch das Jugendamt akzeptieren und nicht in den Kampf gehen – die große Kunst des Handelns im Kinderschutz. Die wiederum nur gelingen kann, wenn die Fachkräfte (rechts)sicher sind und nicht selbst von Ängsten geleitet sind. Denn wenn zwei Seiten aufeinandertreffen, die von Angst gehandelt diametral zueinander agieren, kann das in der Regel nicht gutgehen.
Diskussion
Natürlich lässt sich aus vier Interviews keine allgemeingültige Erkenntnis gewinnen, was die Autorin immer wieder deutlich macht. Aber trotzdem ist diese Veröffentlichung enorm wertvoll, um zum einen zu zeigen, dass Kinderschutz im besten Fall nur gelingen kann, wenn Eltern und Fachkräfte – zumindest teilweise – im gleichen Boot sitzen und eine Arbeitsbeziehung eingehen können, und zum anderen auch zu verdeutlichen, welche Macht Eltern den Fachkräften im Kinderschutz zuschreiben. Eine Macht, auf der die wenigsten Berufseinsteiger:innen – und leider auch erfahrene Kräfte – weder vorbereitet noch mit ihr umgehen können.
Umso wichtiger ist es, die Erkenntnisse aus dieser Forschungsarbeit zu verinnerlichen und alles daran zu setzen, Eltern offen zu begegnen, um ihnen ihre Ängste zu nehmen. Nein, das wird nicht immer gelingen. Und nein, es geht auch nicht darum, Gefährdungen schönzureden. Es geht darum, mit Respekt darauf zu reagieren, dass sich diese Eltern in ihren Grundfesten bedroht sehen, wenn das Jugendamt unerwartet vor der Tür steht. Und gleichzeitig geht es darum, als Fachkräfte präsent zu haben, dass Jugendhilfe in der Regel nur erfolgreich sein kann, wenn die Eltern sich ernst- und mitgenommen fühlen. Gehen die Fachkräfte in den Kampf, wird es auch für die Kinder schwierig, eine Hilfe als solche überhaupt zu erkennen und anzunehmen. Insofern gebührt Katharina Eggers großer Dank für ihre Forschung und Anerkennung dafür, dass es ihr gelungen ist, das Vertrauen der Mütter zu gewinnen, sodass diese an den Interviews teilgenommen haben.
Fazit
Diese Forschungsarbeit zeigt, wie wichtig es ist, als Fachkräfte im Kinderschutzverfahren in Beziehung zu Eltern zu gehen. Denn Kooperation ist der Schlüssel, dass es auch bei Gefährdungen des Kindeswohls zu ‚erfolgreichen‘ Interventionen kommt.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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