Stephan Schicker, Muhammed Akbulut et al. (Hrsg.): Zusammen:gedacht
Rezensiert von Dr. Torsten Mergen, 08.09.2025
Stephan Schicker, Muhammed Akbulut, Victoria Reinsperger, Melanie Hendler (Hrsg.):Zusammen:gedacht. Transdisziplinäre Perspektiven auf Literalität und Schreiben in Deutsch im Kontext von Mehrsprachigkeit. Festschrift für Sabine Schmölzer-Eibinger. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 239 Seiten. ISBN 978-3-7799-8231-9. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.
Thema
Als wissenschaftliche Festschrift zu Ehren des 60. Geburtstages der Grazer Deutschdidaktikerin Sabine Schmölzer-Eibinger im Jahre 2024 konzipiert, widmen sich die mehr als 30 Kurzbeiträge von 37 Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern dem weiten Forschungsfeld von Literalität und Schreiben im Kontext von Mehrsprachigkeit. Die Aufsätze würdigen damit den Beitrag der Grazer Forscherin mit wissenschaftlichen Texten aus den Fachrichtungen Linguistik, Psychologie und Sprachdidaktik, ferner Lehrkräftebildung und Schulpädagogik. Dadurch werden transdisziplinäre Perspektiven auf die Geschichte, Gegenwart und mögliche Zukunft der Forschungsfelder der Geehrten eröffnet, die um die Leitbereiche Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache und deren Didaktik, Textkompetenz(en) und textprozedurenorientierte Didaktik, sprachliche Bildung bzw. Mehrsprachigkeit angeordnet sind.
Herausgeber:innen
Mag. Dr. phil. Muhammed Akbulut ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Postdoc-Universitätsassistent am Fachdidaktik-Zentrum Deutsch als Zweitsprache und Sprachliche Bildung der Karl-Franzens-Universität Graz. Er promovierte 2021 zum Thema Mehrsprachigkeit und Sprachbewusstheit und arbeitet seit 2023 an einem kumulativen Habilitationsprojekt zur Förderung wissenschaftlicher Textkompetenz in der Sekundarstufe 2.
Melanie Hendler, Bakk. MA. PhD, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Postdoc-Universitätsassistentin am Fachdidaktik-Zentrum Deutsch als Zweitsprache und Sprachliche Bildung der Karl-Franzens-Universität Graz.
Victoria Reinsperger ist als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Fachdidaktik-Zentrum für Deutsch als Zweitsprache und Sprachliche Bildung der Karl-Franzens-Universität Graz tätig. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen in der empirischen Schreibforschung, der Förderung von Textkompetenz, der Didaktik von Deutsch als Zweit- und Fremdsprache und der Argumentationsdidaktik.
Stephan Schicker, Mag. phil. PhD, ist Senior Scientist am und stellvertretender Leiter des Fachdidaktik-Zentrums Deutsch als Zweitsprache und Sprachliche Bildung an der Karl-Franzens-Universität Graz sowie Lehrer am Bundesgymnasium/Bundesrealgymnasium Dreihackengasse in Graz. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Schreib-, Lese- und Mediendidaktik sowie das Argumentieren bzw. Textfeedback. 2019 hat er eine Dissertation zum Thema Textbeurteilungskompetenz von Lernenden erstellt und untersucht gegenwärtig im Rahmen einer Habilitation, wie didaktische Aufgabenarrangements gestaltet sein können, um die Fähigkeit von Lernenden zum Umgang mit Fake News zu fördern.
Entstehungshintergrund
Bei dem Sammelband handelt es sich um eine Festschrift zum 60. Geburtstag der Grazer Deutschdidaktikerin Sabine Schmölzer-Eibinger, die seit 2014 an der Karl-Franzens-Universität Graz als Universitätsprofessorin für Deutsch als Zweitsprache und Sprachdidaktik lehrt und forscht. Als Leiterin des Fachdidaktik-Zentrums Deutsch als Zweitsprache und Sprachliche Bildung, des Habilitationsforums Fachdidaktik und Unterrichtsforschung sowie des Universitätslehrgangs Deutsch als Fremd- und Zweitsprache der Universität Graz hat die Forscherin wesentliche wissenschaftliche Beiträge und Forschungsarbeiten zur Entwicklung und Förderung von Sprach- und Textkompetenz in der Erst-, Zweit- und Fremdsprache Deutsch, zur Literalität und sprachlichen Bildung in sprachlich heterogenen Klassen, ferner zur empirischem Schreibentwicklungsforschung und Schreibdidaktik geleistet.
Aufbau und Inhalt
Nach einer kompakten Einleitung durch das Herausgeberinnen- und Herausgeberteam ist der Sammelband in acht Themenbereiche gegliedert:
- Didaktik Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache
- Textkompetenz
- Textprozeduren und Prozedurenorientierte Didaktik
- Sprache im Fach
- Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit
- Sprachbewusstheit, Sprachaufmerksamkeit und Formfokussierung
- Schreiben im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz
- Entwicklung und Institutionalisierung des Forschungsfeldes
Abgerundet wird er durch eine umfangreiche Tabula gratulatoria und ein Autorinnen- und Autorenverzeichnis.
In der Einleitung hebt das Herausgeberteam hervor, dass die Festschrift „Sabine Schmölzer-Eibingers Werk sowohl in seiner horizontalen als auch in seiner vertikalen, historischen Dimension bestmöglich zu erfassen vermag“ (S. 9). Durch die hohe Anzahl an Weggefährtinnen und Weggefährten sowie wissenschaftlichen Bezugspersonen der Geehrten als Autorinnen bzw. Autoren der Kurzbeiträge werde „aus unterschiedlichen Perspektiven die Entwicklung eines Forschungsfeldes von den kleinen Anfängen über die ersten Schritte zur Institutionalisierung bis hin zu seiner heutigen etablierten Form“ (S. 10) deutlich.
Die Festschrift wird sodann eröffnet durch vier Aufsätze zur Didaktik des Deutschen als Fremdsprache bzw. als Zweitsprache. Es handelt sich somit um den Lehr-, Lern- und Forschungskontext, der einen wichtigen Part des wissenschaftlichen Werdegangs der Grazer Professorin Sabine Schmölzer-Eibinger ausmacht. Thematisiert werden die Genese der Zweitsprachenforschung, die didaktische Lernersprach- und Unterrichtsforschung, psychosoziale Aspekte des Zweitspracherwerbs der deutschen Sprache und die „Zielsetzung bei der Entwicklung von Schreibaufgaben“ (S. 33).
Der zweite Themenbereich fokussiert den Begriff der Textkompetenz und beleuchtet facettenreich mögliche Gelingensbedingungen für die Förderung von Textkompetenz bei Lernenden: Herausgearbeitet werden in vier Beiträgen Aspekte wie „ressourcenorientiert und kollaborativ“ (S. 40), Grundzüge einer „Literalen Didaktik“ (S. 45) zur Förderung der „spezifischen Anforderungen des Lernens mit Texten in der Zweitsprache Deutsch“ (S. 46), Kontroversen als Diskussions- und Argumentationstrainingssettings im Unterricht sowie der Stellenwert des schriftlichen Zusammenfassens im Schulunterricht als „strategiegeleiteter Problemlösevorgang“ (S. 58).
Gleichfalls vier Beiträge finden sich im dritten Teil des Sammelbands mit Fokus auf Textprozeduren und die Prozedurenorientierte Didaktik: Ausführlich wird auf Textprozeduren im Allgemeinen sowie im Besonderen auf metatextuelle Textprozeduren wie Gliedern und Zusammenfassen in expositorischen Texten eingegangen. Ferner geht es um Facetten der Aneignung entsprechender Prozeduren durch die Nutzung sprachlicher Formulierungsmöglichkeiten, auch mittels gemeinsamer Textarbeit im Schreibunterricht.
Die vier Beiträge des vierten Themenbereiches stellen Aspekte der Sprache im Fach als Forschungsfeld dar. Dabei wird Sprache konsequent als Werkzeug und Medium des Lernens im Fachunterricht gesehen und reflektiert, wie didaktische Modelle zum Sprach- und Fachlernen gestaltet sein müssen, wie fachspezifische Vorgehensweisen und daraus sich ergebende (fach-)sprachliche Routinen entwickelt werden können. Darüber hinaus beleuchten die Beiträge bestimmte Sprachhandlungen, etwa das Erklären und Argumentieren, auf der Basis aktueller Forschungsprojekte, ergänzt um fächerübergreifende Perspektiven, u.a. des historischen Lernens.
Der Bereich Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit ist mit sechs Beiträgen stark vertreten. Die Aufsätze eruieren aktuelle Desiderate der Mehrsprachigkeitsforschung, sie reflektieren Konzepte einer wertschätzenden, die Lernenden holistisch ins Zentrum rückenden Sprachlichen Bildung, ferner werden aktuelle sprachpolitische Entwicklungen und gesellschaftliche Diskurse kritisch und problemzentriert diskutiert. Am Beispiel von Österreich wird etwa die diskursive „Konstruktion österreichischer Identitäten“ (S. 138) für verschiedene Zeitperioden (1995 bis 2018) beleuchtet und die Frage behandelt, welche Rolle „Sprachnationalismus und Deutschzwang“ (S. 141) jeweils spiel(t)en.
Der sechste Bereich der Festschrift nähert sich mit drei Beiträgen den Begriffen Sprachbewusstheit, Sprachaufmerksamkeit und Formfokussierung forschungsgestützt an. Die Texte gehen auf relevante Aspekte wie metasprachliches und metatextuelles Lernen für das Schreiben und für den Fremdsprachenunterricht ein, zudem wird die Bedeutung der genrebasierten Schreibförderung intensiv diskutiert.
Ganz aktuelle Bezüge bietet der siebte Teil der Festschrift zum Themenfeld Schreiben im Zeitalter Künstlicher Intelligenz: Vier Fachaufsätze behandeln – durchaus von konträren Standpunkten ausgehend – die Rolle und Folgen generativer KI-Tools, ihr Potenzial für Schreibprozesse und den Einfluss von KI-basierten Schreibtools auf den Kompetenzerwerb von Lernenden.
Abgerundet wird die Festschrift durch eine umfangreiche Betrachtung des Forschungsfeldes („Entwicklung und Institutionalisierung“, S. 197), das die Sprachdidaktikerin Sabine Schmölzer-Eibinger maßgeblich im deutschsprachigen Raum mitgeprägt und konturiert hat. Sieben Beiträge beschreiben – teils sehr persönlich und anekdotisch, teils perspektivenorientiert, teils aus Sicht von Nachwuchswissenschaftlern – die Entstehung, die institutionelle Verankerung an Hochschulen sowie aktuelle, auch forschungsspezifische Herausforderungen des Forschungsfeldes.
Diskussion
Festschriften im wissenschaftlichen Kontext folgen gewissen Konventionen, die auch die vorliegende Festschrift, die der österreichischen Sprachdidaktikerin Sabine Schmölzer-Eibinger gewidmet ist, prägen: Die Beiträge der Festschrift sind von akademischen Schülerinnen und Schülern sowie Fachkolleginnen und Fachkollegen zum runden Geburtstag der Geehrten verfasst. Hervorzuheben ist, dass die vorliegende Festschrift dies in sehr abwechslungsreicher und thematisch sehr plausibler Strukturierung unternimmt. Fast alle Beiträge nehmen auf Schlüsselpublikationen Schmölzer-Eibingers Bezug, zeigen die konzeptionellen Schwerpunkte ihrer Tätigkeit, ferner gewähren sie jeweils Einblicke in die Persönlichkeit der Geehrten, dabei bringen sie Wertschätzung und Respekt vor einem Lebenswerk zum Ausdruck.
Fernab dieser genretypischen Eigenschaften des Sammelbandes gelingt es den 36 Beiträgen in der Regel aber auch, einen Einblick in die Perspektiven von Deutschdidaktik in der Migrationsgesellschaft zu gewähren. Was für Österreich gilt, gilt mutatis mutandis auch für Deutschland: Demografie und Sozialstruktur der Gesellschaft ändern sich sukzessive, auf Schule im Generellen und sprachlich-kulturelles Lernen im Speziellen sind bereits Herausforderungen zugekommen bzw. kommen zukünftig Herausforderungen zu, auf die neue didaktische Werkzeuge, Diagnoseinstrumente und akademische Forschungsverbünde im transdisziplinären Sinne antworten müssen, um weiterhin die Zielgruppen, Anwendungs- und Vermittlungsgebiete sowie die Sprachkompetenz künftiger Generationen im Blick zu behalten. Hierfür liefern die Beiträge vielfältige Anknüpfungspunkte, was nicht das geringste Verdienst der Festschrift ist. Sei es ein zeitgemäßer Textkompetenzbegriff, sei es eine nachhaltige Förderung der literalen Entwicklung von Lernenden, sei es der Umgang mit Bildungssprache in Lehrwerken und Unterricht – der Band bietet durch die kompakten und lesenswert geschriebenen Texte einen profunden Einblick in aktuelle Problemkonstellationen und Forschungsansätze zu deren Bewältigung.
Fazit
Die Spracherwerbsbereiche Literalität und Schreiben im Kontext von Mehrsprachigkeit stehen im Zentrum einer Festschrift, die für Forschende und Lehrende im Bereich Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache besonders interessant ist. Der Sammelband würdigt festschrifttypisch die vielfältigen wissenschaftlichen Beiträge von Sabine Schmölzer-Eibinger, Universitätsprofessorin an der Karl-Franzens-Universität Graz für Deutsch als Zweitsprache und Sprachdidaktik, indem insgesamt 36 Kurzbeiträge auf Forschungsleistungen und Forschungsperspektiven für lernerrelevante Aspekte wie Textkompetenz, Textprozeduren, Bildungssprache, Mehrsprachigkeit, Sprachbewusstheit, Sprachaufmerksamkeit und Formfokussierung sowie Schreiben im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz in sachlich versierter Form eingehen.
Rezension von
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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