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Michael Corsten, Hartmut Rosa u.a. (Hrsg.): Die Gerechtigkeit der Gesellschaft

Cover Michael Corsten, Hartmut Rosa, Ralph Schrader (Hrsg.): Die Gerechtigkeit der Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 348 Seiten. ISBN 978-3-531-14401-6. 32,90 EUR.
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Hintergrund

Der vorliegende Sammelband ist Hans-Joachim Giegel zum 65.Geburtstag gewidmet. Giegel ist Soziologe und Gesellschaftstheoretiker und Anfang der siebziger Jahre als Koautor einer berühmten Diskussion über Hermeneutik und Ideologiekritik bekannt geworden, an der auch Apel und Habermas, Gadamer, Bubner und v.Borman beteiligt waren. Nach Auskunft der Herausgeber des hier rezensierten Bandes verfolgt Giegel seit Jahrzehnten die Intention, "aus der kritischen Theorie stammende Gerechtigkeitsintuitionen diskursethischer Provenienz in einen systemtheoretischen Theorierahmen zu integrieren." (S.13f.) Diese Intention sei als der gemeinsame Bezugspunkt der versammelten Aufsätze zu verstehen.

Inhalt

Es handelt sich um 11 durchweg interessante Beiträge, die sich grob in zwei Gruppen einteilen lassen. Die eine beschäftigt sich mit konkreten empirischen Gegenständen, die manche Autoren recht kunstvoll mit der Terminologie der Luhmannschen Systemtheorie überziehen,  während die andere Gruppe von Aufsätzen gesellschaftstheoretische Fragen allgemeinerer Natur behandelt.

  1. Zur erste Gruppe zählen Marina Steindors Überlegungen zur Gerechtigkeit der Gesundheitschancen, Stephan Elkins "Soziale Gerechtigkeit als umweltpolitisches Steuerungsproblem" sowie Bruno Hildebrands Untersuchung über das Spannungsverhältnis von Hoftradition und individueller Gerechtigkeit in landwirtschaftlichen Familienbetrieben.  In diese Gruppe gehört auch der Aufsatz von Klaus Bendel, der die Soziale Arbeit dem binären Code von "hilfsbedürftig/ nicht hilfsbedürftig" unterworfen sieht, aber auch zu dem Ergebnis kommt, dass die "Aufgaben und Funktionen Sozialer Arbeit" sich "nicht hinreichend mit Bezug auf die sachlichen Differenzierungsformen der modernen Gesellschaft beschreiben" lassen (S.145). Hinzuzählt ferner der Aufsatz von Jörg Lamla zu "Zivilität und Konsum", der sich mit der Politisierung des Konsums innerhalb der Marktsphäre beschäftigt und dem gängig gewordenen Lob des Konsumismus etwas Wind aus den Segeln nimmt. Eine gewisse Sonderrolle nimmt die Untersuchung zu Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" ein, da ihr Autor, Michael Kauppert, zum einen die Literatur als soziologische Erkenntnisquelle Ernst nimmt, zum anderen die Systemtheorie auf vormoderne gesellschaftliche Verhältnisse anzuwenden unternimmt.
  2. Auch der erste Aufsatz, den man der zweiten Gruppe zuordnen kann, überschreitet die der funktionalistischen Systemtheorie gesetzten epochalen Grenzen: Franz Adloff versucht im Anschluss an Marcel Mauss, die Gabe als universalistisches fait social jenseits der Dichotomie von Pflicht und individualistischem Interesse auszuweisen. Roswita Pioch stellt prominente Theorien (Durkheim, Weber, Rawls, Walzer) im Spannungsfeld von Moral und funktioneller Differenzierung vor und verortet die Unternehmungen von Habermas, Luhmann und anderen. Etwas spezieller, aber von basaler Bedeutung ist Ralph Schraders Argumentation gegen das Leistungsprinzip als Gerechtigkeitskriterium in der Ökonomie, wobei er sich an Konzepten von David Müller und Axel Honneth abarbeitet. Nach Schrader, der die Effizienz des Marktes unbesehen voraussetzt und nicht zwischen einfachen und kapitalistischen Warenmärkten unterscheidet, sollte der Marktmechanismus zwar durch soziale Bürgerrechte eingehegt werden, aber der "Marktwert" nicht an Gerechtigkeitskriterien gemessen werden. Dass es unwahrscheinlich ist, über Gerechtigkeitsfragen einen durch Gründe erzwungenen Konsens zu erzielen, ist der Ausgangspunkt von Michael Grevens Ausführungen zur "Gerechtigkeitspolitik in der politischen Gesellschaft". Sie bestehen überwiegend aus einer Kritik am diskursethischen Ideal der Politik und enden mit der These, dass Gerechtigkeit "in der säkularisierten Politik moderner Gesellschaft nur fehladressiert" sei. Den Band beschließt ein Aufsatz von Uwe Schimank über "Gerechtigkeitslücken und Inklusionsdynamiken". Unter dem spröden Titel entfalten sich interessante Ausführungen zum "Anspruchsindividualismus" und zum Widerspruch von quantitativer Ausdehnung von Teilsystemen (Kunst, Religion, Bildung, Sport u.a.) und Verwässerung ihrer Qualitätskriterien, des systemspezifischen Codes.

Beurteilung

Der Band ist selten eine einfache Lektüre, was nicht nur an den behandelten Gegenständen, sondern auch am internen Schulzusammenhang und der Sperrigkeit seiner Terminologie liegen mag.  Misst man das Buch an den von den Herausgebern genannten Intentionen, so ist das Ergebnis zwiespältig, wenn nicht unbefriedigend. Zwar gelingt es einer Reihe von Autoren, die gesellschaftlich wirkenden (geltenden) Gerechtigkeitsvorstellungen ins Licht zu setzen, zur eigentlichen Fragestellung einer normativen oder philosophischen Ethik , die es mit begründbarer Gültigkeit zu tun hat, stößt man doch nur gelegentlich oder ablehnend vor. Eine Horizonterweiterung wäre insofern nicht so schwierig, als die philosophische Ethik seit der Antike - und übrigens auch bei Kant - mit einer Analyse alltäglicher, gesellschaftlich objektiver Moralvorstellungen ansetzt und  deren Grundbegriffe wie Glück, Tugend oder eben Gerechtigkeit argumentativ zu entfalten sucht. Ein solches Verfahren wäre überflüssig, wenn das Verständnis der grundlegenden Moralbegriffe nicht antagonistisch wäre, ihre Konkretisierung nicht mit Widersprüchen und Schwierigkeiten behaftet. Es wäre aber auch vergebens, wenn man, wie dies Greven zum Ausdruck bringt, an eine ethische Argumentation den Anspruch stellt, einen Konsens mit deduktiver Gewissheit erzwingen zu können. Bei den wirklich wichtigen Fragen der Philosophie gibt es, wie schon Platon und mutatis mutandis Aristoteles wussten, nur eine "zweitbeste Fahrt". Wer dies zum Anlass nimmt, begründende Rede für überflüssig zu halten, setzt sich dem Argwohn aus, den schon der spiritus rector der meisten Autoren, Niklas Luhmann, zu Recht auf sich zog: dass die Gesellschaftstheorie eigensinnig funktionierender Teilsysteme darauf hinaus läuft, sie vor Kritik zu immunisieren.


Rezensent
Prof.em. Dr. Hans-Ernst Schiller
Vormals Professor für Sozialphilosophie und -ethik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.philosophie-schiller.de
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Zitiervorschlag
Hans-Ernst Schiller. Rezension vom 09.10.2006 zu: Michael Corsten, Hartmut Rosa, Ralph Schrader (Hrsg.): Die Gerechtigkeit der Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14401-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3317.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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