Raingard Knauer, Frauke Hildebrandt et al. (Hrsg.): Von Anfang an dabei!
Rezensiert von Jutta Daum, 16.02.2026
Raingard Knauer, Frauke Hildebrandt, Bianka Pergande, Xenia Roth (Hrsg.): Von Anfang an dabei! Partizipation und Demokratiebildung in der KiTa. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2025. 160 Seiten. ISBN 978-3-451-39682-3. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 30,30 sFr.
Thema
Kindertagesstätten sind der erste außerfamiliäre Bildungsort, der von 95 % aller Kinder im Alter von 3- 6 Jahren und von 37 % der Unterdreijährigen besucht wird (www.destatis.de). Es gehört daher zu einer zentralen Aufgabe von Kindertagesstätten Kindern von Anfang an mit einer demokratischen Grundhaltung zu erziehen und ihnen einen Erfahrungsraum für demokratische Aushandlungsprozesse zu ermöglichen: der Umgang mit Vielfalt und Heterogenität, die Anerkennung auf das Selbstbestimmungsrecht sowie die gegenseitige Akzeptanz, unterschiedliche Meinungen und Konflikte wertschätzend auszuhandeln. Kinder haben ein Recht gehört zu werden und sie an allen sie betreffenden Angelegenheiten zu beteiligen (Art. 12 UN-Kinderrechtskonvention). Mit diesem Recht des Kindes auf Beteiligung und Berücksichtigung seiner Meinung sind für die pädagogische Praxis in den letzten Jahren Demokratiebildung und Partizipation zentrale Handlungslinien geworden.
Aufbau und Inhalt
In drei übergeordneten inhaltlichen Abschnitten finden sich 12 Beiträge von Fachleuten aus Praxis, Aus-, Fort‑ und Weiterbildung
I. Einleitung und Grundlagen
Karsten Herrmann (7-15) spannt in seinem einleitenden Beitrag den Bogen von der aktuellen politischen Gefährdung der Demokratie über den reformpädagogischen Ansatz von John Dewey zu den UN-Kinderrechtskonventionen, dem pädagogischen Leitbild des kompetenten Kindes zur Ausrichtung eines demokratischen und partizipativen KiTa-Alltags.
Raingard Knauer (16-30) führt im Kapitel „Demokratische Partizipation unter inklusiver Perspektive in Kindertageseinrichtungen“ konkrete Umsetzungsleitlinien auf struktureller Ebene wie auch im pädagogischen Alltagshandeln aus. Hierfür werden konkret 8 Aspekte des konkreten Handelns beschrieben. Fachkräfte müssen sich in ihrem alltäglichen Handeln gegenseitig Ideen und Anregungen reflexiv unterstützen, um Partizipation als ein zentrales Qualitätsmerkmal alltäglich zu leben.
Bianka Pergande & Frauke Hildebrandt (31-45) führen zunächst sprachliche, kognitive, emotionale, soziale und motivationale Entwicklungsprozesse aus, um auf dieser Grundlage Befunde der BIKA-Studie zu Schlüsselsituationen Spielen, dialogische Buchbetrachtung und Essen vorzustellen.
Bettina Lamm (46-61) legt den Fokus auf eine „kulturbewusste Demokratiebildung“, die in Teams mit der Auseinandersetzung von Alltagssituationen beginnen sollte. Hierfür legt die Autorin Fragen zum Reflexionsanstoß vor. Interkulturelle Demokratiebildung nimmt das Prinzip von Autonomie und Verbundenheit gleichermaßen in den Blick und findet in der Balance zwischen Freiheit und Solidarität eine gemeinsame Handlungsebene. „Neugier und Interesse für die kulturellen und sozialen Hintergründe der Kinder“(54) sind notwendige Voraussetzung für die Offenheit einer kulturell vielfältigen Gesellschaft.
II. Perspektiven der Demokratiebildung und Partizipation in Kitas
Mit 6 Beiträgen werden für den Kitaalltag zentrale Themenschwerpunkte vorgestellt:
- Inklusive Haltung als Ausgangspunkt für Demokratiebildung und Partizipation von Michaela Kruse & Meike Sauerhering (57-61)
- Themen für Beteiligungsprojekte finden, planen, strukturieren und umsetzen von Rüdiger Hansen und Raingard Knauer (62-72)
- Beschwerdeverfahren als diskriminationssensible Gesprächskultur mit Kindern für ein soziales Miteinander entwickeln von Anne Backhaus & Berit Wolter (73-87)
- Ergebnisse einer Qualitätsinitiative zur Umsetzung von Beteiligung im Alltag, Schlüsselsituationen, Beschwerde‑ und Mitwirkungsrechte von Kassandra Klumpe, Anna Dintdioudi, Meike Sauerhering & Fiona Martzy (86-108)
- Fachkräfte, Kinder und Eltern als Akteure im Partizipatorischen Eingewöhnungskonzept von Marjan Alemzadeh (109 -120)
- Die Beteiligung von Eltern als Basis einer guten Zusammenarbeit von Xenia Roth (121-135)
III. Demokratiebildung in Weiterbildung und Fachschulen
Partizipation muss im pädagogischen Alltag gelebt werden. Pädagogische Fachkräfte haben im Erziehungsprozess eine Vorbildfunktion und nehmen bei der Umsetzung partizipativer Prozesse eine bedeutende Schlüsselrolle ein. In Fortbildungsangeboten sind sie sowohl mit theoretischem Wissen als auch durch Reflexionsphasen der eigenen pädagogischen Praxis für ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten zu sensibilisieren. Hierfür beschreibt Martina de Vries (137-143) ein Weiterbildungskonzept mit Themenschwerpunkten, methodischen Zugangswegen wie auch Anhaltspunkten für einen Transfer in den eigenen Teamprozess. Ihre Ausführungen werden mit Material‑ und Literaturtipps ergänzt.
Peter Keßel, Kassandra Klumpe& Meike Sauerhering (145-150) stellen für die Umsetzung keiner kinderrechtsbasierten Demokratiebildung in Fachschulen Lernfelder und Handlungssituationen vor, die sie gemeinsam mit Fachkräften aus Thüringen und Niedersachsen als Orientierungsrahmen erarbeitet und in der Praxis bereits erfolgreich getestet haben.
Diskussion
Seit vielen Jahren werden auf Bundesebene Projekte zur Frühen Demokratiebildung gefördert. Wege der Beteiligung und Beschwerde in Tageseinrichtungen werden durch zahlreiche Anschauungsmaterialien und Fortbildungen den Fachkräften zur Verfügung gestellt (siehe www.der-paritaetische.de/themen/soziale-arbeit/fruehe-demokratiebildung-kinder-beteiligen-vielfalt-gestalten/).
Der vorliegende Band greift mit seinen Beiträgen die vielfältigen Facetten einer Demokratiebildung in Kitas auf und bietet einen sehr differenzierten thematischen Zugang. Verschiedene theoretische Hintergründe werden von einem sehr renommierten Autorenteam vorgestellt. Damit hat der Band eine fachliche Tiefe, die mit konkreten Anregungen für die Umsetzung im alltäglichen Handeln gleichermaßen zum Nachdenken und neuen Impulsen anregt.
Fazit
Die vorliegende Publikation erweitert das Verständnis eines zentralen Themas in der Professionalisierung und Qualitätsentwicklung von pädagogischen Fachkräften und ist Trägervertretern, Aus‑ und Fortbildungsstätten sowie der Fachpraxis für den eigenen Diskussionsprozess zu empfehlen.
Rezension von
Jutta Daum
Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), Gießen
Mailformular
Es gibt 22 Rezensionen von Jutta Daum.





