Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Sabine Achour, Philip Eberhard et al. (Hrsg.): Handbuch Demokratiebildung und Fachdidaktik

Rezensiert von Prof. Dr. Ulf Gebken, 23.01.2026

Cover Sabine Achour, Philip Eberhard et al. (Hrsg.): Handbuch Demokratiebildung und Fachdidaktik ISBN 978-3-7344-1675-0

Sabine Achour, Philip Eberhard, Detlef Pech, Matthias Sieberkrob, Johanna Zelck (Hrsg.): Handbuch Demokratiebildung und Fachdidaktik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2025. 296 Seiten. ISBN 978-3-7344-1675-0. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
Reihe: Politik und Bildung; Band 1: Grundlagen und Querschnittsaufgaben.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Mit diesem Handbuch Demokratiebildung und Fachdidaktik wollen sich die Herausgeber:innen und Autor:innen von dem scheinbar zu abstrakten Begriff des „politischen Lernens“ (Edelstein & Fauser 2001) sowie der erziehungswissenschaftlichen „Demokratiepädagogik“ (Beutel, Gloe, Reinhardt 2022) abgrenzen. Während Demokratie-Lernen sich stärker an Moral ausrichtet, orientiert sich politische Bildung eher an den strittigen Dingen in Politik und Gesellschaft, an der konflikthaften Aushandlung von machtvollen und kontroversen Interessen sowie der Fähigkeit zur kritischen Intervention.

In Zeiten sichtbarer Demokratie- und Menschenfeindlichkeit darf schulische Bildung zur Demokratie nicht auf Extremismusprävention reduziert werden, sondern sollte, so die Mitherausgeberin Sabine Achour (19), „als subjektorientierte Förderung von politischer Mündigkeit, die die kritische Analyse-, Urteils- und dauerhaft Handlungsfähigkeit umfasst und auf der Grundlage von Menschenrechten sowie demokratischen Grundwerten basiert“, verstanden werden. Für sie bedeutet politische Bildung drei Prinzipien:

  1. Die curriculare Verankerung in allen Unterrichtsfächern
  2. Eine demokratische (d.h. wertschätzende und diversitätsbewusste) Unterrichts- und Kommunikationskultur
  3. Die Mitbestimmung und Partizipation im Schulleben

Autor:in oder Herausgeber:in

Die Herausgeber:innen wirken als Wissenschaftler:innen an der Freien Universität Berlin, der Humboldt Universität zu Berlin sowie der Universität Halle-Wittenberg. Die an diesem Handbuch insgesamt beteiligten 36 Autor:innen forschen, lehren bzw. unterrichten an unterschiedlichen Universitäten bzw. allgemeinbildenden Schulen.

Entstehungshintergrund

Im Jahr 2018 startete an der Freien Universität Berlin und der Humboldt Universität zu Berlin unter der Beteiligung der Politik-, Geschichtsdidaktik sowie der Didaktik des Sachunterrichts das Projekt „Demos Leben“. Mit dem Projektende 2024 wird der vorliegende Sammelband als ein zentrales Projektergebnis veröffentlicht. Ziel war die (Re-)Implementierung von Demokratiebildung in die Lehrer:innenbildung als Querschnittsaufgabe. In 22 Beiträgen erkunden die Autor:innen sowohl grundlegende Fragen als auch die konzeptionellen und praktischen Perspektiven der einzelnen Fachdidaktiken auf die Querschnittsaufgabe Demokratiebildung.

Aufbau

Der 296-seitige erste Band des zweibändigen Handbuches ist wie folgt aufgebaut:

In der Einführung in den Band erläutern Sabine Achour und Matthias Seiberkrob die Entstehung und den Aufbau der Publikation. Im Mittelpunkt des folgenden ersten Teils steht die Fragestellung „Was heißt Demokratiebildung?“. Die drei Beiträge von Sabine Achour, Toni Simon/​Johanna Zelck sowie Thomas Coelen/​Alexander Wohnig fokussieren theoretische und normative Grundlagen von Demokratiebildung.

Der zweite Teil orientiert sich an den spezifischen Herausforderungen der Demokratiebildung in den ausgewählten Schulformen Grund-, Förder- und Berufsschule. Iris Baumgardt (Grundschule), Bettina Zurstrassen (Berufsbildende Schulen) sowie Dietlind Gloystein und Grit Wachtel (Förderschule) untersuchen die Gestaltung der Demokratiebildung in den drei Schulformen.

Der dritte Teil behandelt die Verknüpfung von Demokratiebildung mit anderen pädagogischen Ansätzen und Querschnittsaufgaben von Schule und Lehrer:innenbildung. Er gliedert sich in den Abschnitt „Ideologien der Ungleichwertigkeit und Demokratiebildung“, den Abschnitt „Sprache“ sowie den Abschnitt „Querschnittausaufgaben und Demokratiebildung“.

Der vierte Teil des Handbuches, ausgegliedert in einen zweiten 256-seitigen Band, widmet sich dezidiert der Demokratiebildung aus fachdidaktischer Perspektive im Fachunterricht und soll hier nicht vorgestellt bzw. besprochen werden.

Inhalt

Der Titel kündigt ein Handbuch zur Demokratiebildung und Fachdidaktik an. Der erste Band erfüllt diese Erwartungen nur zum Teil. Sabine Achour gelingt es in ihrem Beitrag „Gesellschaftspolitische, didaktische und pädagogische Perspektiven auf Demokratiebildung – Ein Überblick über Kontroversen, Synergien, Chancen und Desiderate“ (S. 19–43) zentrale Begriffe der Diskussion wie Demokratieförderung, Demokratieerziehung, Erfahrungslernen, Lernen durch Demokratie und Menschenrechte als Basis zu schärfen und die mangelnden Strukturen des Fachunterrichts sowie in der Lehrer:innenbildung zu kritisieren. Sie entwickelt ein Konzept mit einem Lernen auf drei Ebenen: politische Bildung über, durch und für Demokratie. Dabei betrachtet sie auch die Unterrichtsebene, erwartet, dass „Entscheidungsmacht“ an Lernende abgegeben wird und zeigt strukturelle und rechtliche Grenzen für Mitbestimmung und Gestaltung durch Schüler:innen auf. Einer Scheinpartizipation und daraus möglicherweise resultierende Frustrationsgefühle ist entgegenzutreten.

Toni Simon und Johana Zelck fokussieren sich in ihrem Beitrag „Demokratiebildung, Partizipation, Inklusion“ (S. 44–64) auf den Partizipations- und Inklusionsbegriff. Für sie verknüpft der Begriff der Demokratiebildung „den Ansatz der Demokratiepädagogik mit der Anforderung das Politische im demokratischen Erfahrungslernen zu beachten, um so u.a. die notwendige Balance zwischen Lernen über und durch Demokratie herzustellen“ (45). In Anlehnung an Fatke und Schneider (2008) übersetzen sie Partizipation mit den Begriffen Beteiligung und Mitwirkung, welches ein aktives Mitplanen und Mitentscheiden impliziert. Partizipation steht in seiner höchsten Stufe für gleichberechtigte Einflussnahme, das Beteiligen am Diskurs, das Teilen von Verantwortung und Macht sowie der Mitgestaltung bei lebensweltlich bedeutsamen Aspekten (vgl. auch Eikel 2006). Partizipation kann einerseits zur Erhöhung von Selbstbestimmung und Autonomie beitragen, andererseits System und Institutionen durch Akteur:innen verändern, diese aber auch aufrechterhalten und stabilisieren. Dieses Spannungsfeld bezeichnen die Autor:innen als „Doppelcharakter von Partizipation“ und warnen vor pseudo-partizipativen Praktiken, die zu Exklusion und Diskriminierung führen.

Inklusion, in Anlehnung an Biewer (2009), versteht sich als „Theorien zur Bildung, Erziehung und Entwicklung, die Etikettierungen und Klassifizierungen ablehnen und darauf zielen, die (Re-)Produktion von Ungleichheiten sowie Prozesse der Diskriminierungen zu verhindern“. Die Autor:innen unterscheiden ein sogenanntes enges von einem breiten Inklusionsverständnis. Dem engen Inklusionsverständnis wird eine Fokussierung auf sonderpädagogische Fragen/​Kategorien attestiert, dem breiten Inklusionsverständnis die Beachtung vielfältiger Differenzkategorien (Geschlecht, Alter, Migrationsgeschichte, soziale Lage) und ihrer Verschränkung (Intersektionalität) zugeordnet. Inklusion lässt sich für sie nicht ohne Partizipation realisieren. Für Simon und Zeick (49) stellt sich abschließend die Frage nach der Veränderung von Systemen (insbesondere der Schule), wenn diese den normativen Ansprüchen nicht gerecht werden, da sie hierarchisch geprägt sind und Inklusion Empowerments-Prozesse bzw.-Dynamiken eröffnet.

Thomas Colen und Alexander Wohning beklagen in ihrem Beitrag „Spanungsverhältnis von Schule und Demokratiebildung. Aktueller Diskurs um Demokratiebildung – Demokratiebildung als Leerformel“ (65- 75) das Fehlen „ausbuchstabierter Konzepte für Demokratiebildung aus der Schulpädagogik“. Für sie ist das Konzept der Demokratiebildung theoretisch und empirisch in der Sozialpädagogik beheimatet, in deren Lesensart eine Erziehung aus Mündigkeit in Mündigkeit aller Teilnehmenden zugrunde gelegt wird. Jugendliche sind in diesen Institutionen und Räumen mündig und müssen nicht mündig gemacht werden. In der Schule kollidiert Demokratiebildung mit Notengebung und der Sicherung von wünschenswerten Herrschaftsverhältnissen über die Vermittlung von Normen, Werten und Interpretationsmustern. Schüler:innen, die sich, so die Autoren, besser an die Vorstellungen und Erwartungen der herrschenden sozialen Klasse anpassen und ein angemessenes Verhalten in der Schule zeigen, haben größere Erfolgschancen. Potenziale für gelingende Demokratiebildung bieten eher Angebote außerhalb der Schule, die in Kooperation mit der Schule stattfinden und sich an den Prinzipien der offenen Jugendarbeit wie Offenheit und einem erweitertem Bildungsverständnis orientieren. Besondere Chancen bietet die Ganztagsschule mit notenfreien Räumen und Zeiten.

Im zweiten Teil rücken ausgewählte Schulformen in den Fokus der Betrachtungen. In der Grundschule wird, so Iris Baumgardt (S. 78- 87), Demokratiebildung durch Partizipation erfahren und hängt davon ab, inwieweit einzelne Lehrkräfte ihren Schüler:innen Partizipationschancen ermöglichen. Chancen bestehen, wenn Schüler:innen eine politische Situation und ihre Interessenlage analysieren oder Konflikte der Kinder aus der Lebenswelt thematisieren. Formale Partizipation besteht durch den Klassenrat oder Schüler:innenvollversammlungen, die sich durch die Mitsprache bei der Gestaltung des Schulhofes oder der Auswahl des Schulcaterer zeigt.

Von zentraler Bedeutung ist für Bettina Zurstrassen (88-97) die Demokratiebildung in der beruflichen Bildung besonders in der sensiblen und fordernden Übergangsphase von der Schule in den Beruf. Lernende sollen zu politischer Mündigkeit geführt bzw. gefördert werden, indem ihre Erfahrungen aus der Arbeits- und Betriebswelt analysiert, eingeordnet und beurteilt werden und sie sich kritisch-reflexiv mit den Strukturen, Ansprüchen und Herangehensweisen auseinandersetzen. Zurstrassen verweist auf aktuelle arbeitssoziologische Studien, die verdeutlichen, dass negative partizipative Strukturen in der Arbeitswelt antidemokratische, abwertende und gruppenfeindliche Einstellungen fördern.

Dietlind Gloystein und Grit Wachtel (98-109) stellen in einem weiteren Beitrag einen Mangel an Konzeptualisierung und zielgruppenspezifischen Angeboten zur Demokratiebildung in der Förderschule sowie einem Mangel an entsprechender evidenzbasierter empirischer Forschung fest. Sie fordern Demokratiebildung in der Förderschule vom Subjekt aus zu denken, zu verstehen und zu unterstützen.

Die weiteren Artikel setzen sich mit einer rassismus- und antisemitismuskritischen Demokratiebildung (Sabine Achour & Hagen Schmitz; Karim Fereidon), Rechtsextremismus (Carsten Koschmieder & Julia Koschmieder), Genderfragen (Luisa Girnus & Julia Grün-Heuhof), Anti-Klassismus (Joanna Bedersdörfer & Sabine Achour), Kritischer Gedenkstättenarbeit (Cornelia Chmiel u.a.), Sprachbildung (Matthias Sieberkrob), Deutsch als Zweitsprache aus Demokratieperspektive (Diana Maak), Bildung als nachhaltige Entwicklung (Steve Kenner), Digitale Partizipation (Dennis Hauk & Michael May), Europäische Bürgerschaftlichkeit (Szukala), Bildung für Frieden (Dominique Miething), Prävention von Mobbing (Herbert Scheithauer & Viola Lechner) und Beteiligungsprozessen in der Schule (Marian Weisband & Lisa Wulf) auseinander.

Diskussion

Demokratie genießt bei Erwachsenen und Jugendlichen trotz aller Politikverdrossenheit nach wie vor einen enormen Zuspruch. Aber ihre Existenz ist in Gefahr. Demokratiebildung hat das Ziel, menschenrechtebasierte oder demokratische Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen zu fördern und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung, Hass und Hetze entgegenzuwirken. Das von Sabine Achour, Matthias Sieberkrob, Detlef Pech, Johanna Zelck und Philip Eberhard herausgegebene Handbuch „Demokratiebildung und Fachdidaktik, Band 1: Grundlagen und Querschnittsaufgaben“ bündelt gemeinsame Bemühungen, Fragen und Forschungsansätze und fokussiert diese auf die spezifischen Herausforderungen der Demokratiebildung in den ausgewählten Schulformen, die zu wenig in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Ein klassisches Handbuch, welches traditionell das Wissen über die Demokratiebildung der Fachdidaktik in systematischer, lexikalischer Form behandelt, liegt hier nicht vor. Es dominieren wissenschaftsbezogene Abhandlungen zu einzelnen Facetten, die u.a. Partizipation, Inklusion, Rassismuskritik, Intersektionalität, Anti-Klassismus oder Prävention von Mobbing in der Schule und deren Begriffsverwendung präzisieren. Die alltäglichen Herausforderungen in Schule und Unterricht bleiben unerwähnt. Dabei stellt sich für viele Lehrer:innen die Frage, wie ein erweiterter und intensiverer schulischer Blick auf Demokratiebildung bei zunehmender De-Professionalisierung (Mangel an Fachlehrer:innen) und zunehmender heterogener Schüler:innenschaft zu bewältigen sei.

Dem vorgelegten Handbuch gelingt es mithilfe zahlreicher ausgewiesener Fachexpert:innen, die für die Demokratiebildung in der Schule bedeutenden Facetten aufzuzeigen, umso gespannter bin ich auf den auch bereits erschienenen Band 2, in dem die Fachperspektiven auf die Demokratiebildung im Mittelpunkt stehen.

Fazit

Das vorgelegte Handbuch wirft eindrucksvoll einen theoriebezogenen Blick auf die Facetten der Demokratiebildung in der Schule und bietet einen überzeugenden Überblick über die vielfältige Diskussion sowie mögliche Anknüpfungspunkte in ausgewählten, eher vernachlässigten Schulformen wie der Grund-, Berufs- und Förderschule.

Rezension von
Prof. Dr. Ulf Gebken
Mailformular

Es gibt 5 Rezensionen von Ulf Gebken.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245