Sabine Achour, Matthias Sieberkrob et al. (Hrsg.): Demokratiebildung und Fachdidaktik
Rezensiert von Prof. Dr. Ulf Gebken, 19.02.2026
Sabine Achour, Matthias Sieberkrob, Detlef Pech, Johanna Zelck, Philip Eberhard (Hrsg.): Handbuch Demokratiebildung und Fachdidaktik.
Wochenschau Verlag
(Frankfurt am Main) 2025.
264 Seiten.
ISBN 978-3-7344-1681-1.
Band 2: Fachperspektiven.
Thema
Die Zunahme des Rechtspopulismus, die Verbreitung von menschenfeindlichen Einstellungen und Haltungen wie Antisemitismus, Rassismus, Antifeminismus/​-genderismus prägen die gesellschaftliche Entwicklung. Umso dringlicher erscheint es, die Demokratiebildung in der Schule bzw. in den Unterrichtsfächern zu stärken.
Nach dem Band 1 (Grundlagen und Querschnittsaufgaben), der den Begriff der Demokratiebildung schärft und die Herausforderungen der Demokratiebildung in der Schule und in der Lehrer:innenbildung benennt, bündelt der nun auch erschienene Band 2 (Fachperspektiven) die „Bemühungen, Fragen und Forschungsansätze“ der einzelnen Fachdidaktiken zur Querschnittsaufgabe Demokratiebildung.
Autor:innen und Herausgeber:innen
Die fünf Herausgeber:innen wirken als Wissenschaftler:innen an der Freien Universität Berlin, der Humboldt Universität zu Berlin sowie der Universität Halle-Wittenberg.
Die an diesem Handbuch insgesamt beteiligten 41 Autor:innen forschen, lehren bzw. unterrichten an unterschiedlichen Universitäten bzw. allgemeinbildenden Schulen.
Entstehungshintergrund
Im Jahr 2018 startete an der Freien Universität Berlin und der Humboldt Universität zu Berlin unter der Beteiligung der Politik-, Geschichtsdidaktik sowie der Didaktik des Sachunterrichts das Projekt „Demos Leben“. Mit dem Projektende 2024 wird der vorliegende Sammelband als ein zentrales Projektergebnis veröffentlicht. Ziel war die (Re-)Implementierung von Demokratiebildung in die Lehrer:innenbildung als Querschnittsaufgabe. In den 22 Beiträgen dieses zweiten Bandes rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Demokratiebildung aus fachdidaktischer Perspektive im Fachunterricht gestaltet werden kann und welchen Beitrag die einzelnen Fächer zur Querschnittausgabe Demokratiebildung leisten können. Die Herausgeber:innen waren bemüht, alle Fachdidaktiken in diesen Band mit aufzunehmen. Bis auf die Musikpädagogik und das Darstellende Spiel ist dies auch gelungen.
Aufbau
Der 264-seitige zweite Band des zweibändigen Handbuches ist wie folgt aufgebaut:
In der Einführung in den Band erläutern Sabine Achour und Matthias Seiberkrob die Entstehung und den Aufbau der Publikation. Es folgt ein erstes Kapitel „Grundschulbezogene Didaktiken“ mit Beiträgen zur Demokratiebildung als Querschnittsthema in der Deutschdidaktik (Sandra Mossner, Fabriba Schulz, Anna-Lena Demi, Petra Anders), zur Sachunterrichtsdidaktik und Demokratiebildung (Johanna Zelck) sowie der Demokratiebildung im naturwissenschaftlichen Sach‑ und Anfangsunterricht,
Der zweite Teil greift die Didaktiken der MINT-Fächer auf. Die Beiträge reichen von der naturwissenschaftlichen Allgemeinbildung als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe (Claus Bolte, Dennis Dietz, Sabine Streller), der Informatikdidaktik und Demokratiebildung (Bernhard Strangl, Sebastian Engelmann), der Relevanz informeller Bildung zur Demokratiebildung (Sylvia Blum-Barkmin, Benedikt Roth, Matthias), der Demokratiebildung im Physikunterricht (Philipp Straube), dem Biologieunterricht (Arne Dittmer), der Perspektive auf Lithium (Dennis Dietz, Sabine Streller, Claus Bolte) bis zu der Mathematik und Demokratiebildung (Brigitte Lutz, Felix Winter).
Im Fokus des dritten Teils stehen die Didaktiken der Gesellschaftswissenschaften mit Beiträgen zur Demokratiebildung im Geschichtsunterricht (Matthias Siederkrob, Cornelia Chmiel), zur Demokratiebildung in der geographischen Bildung (Inga Gryl), zu den Merkmalen der Demokratiebildung im Politikunterricht (Katrin Hahn-Laudenberg, Susan Beatrice Müller), zum Integrationsfach Gesellschaftswissenschaften (Matthias Busch, Leif Mönter), zum Religionsunterricht und Demokratiebildung (Jan-Hendrik Herbst, Veit Strasner), zur Philosophiedidaktik (Dominik Balg) sowie zu der Wirtschaftsdidaktik an Berufsschulen (Harald Hantke).
Es folgen weitere Kapitel zur Didaktik der Sprachen, die den erstsprachlichen Deutschunterricht (Alexander Horn, Diana Nacarli) sowie den Fremdsprachenunterricht am Beispiel des Englischunterrichtes (Katrin Schultze, Anne Mihan) betreffen. Der Band schließt mit dem Fokus auf den Sportunterricht (David Jaitner, Nicola Böhlke, Daniel Rode) und den Kunstunterricht (Stefanie Johns) ab.
Inhalt
Das Handbuch greift mithilfe von Expert:innen aus unterschiedlichen Fachdidaktiken verschiedene Facetten der Demokratiebildung auf. Eine umfassende Rezension ist deshalb, auch aufgrund meines eher allgemein-didaktischen bzw. sportdidaktischen Wissens, nur eingeschränkt möglich. So werde ich, nicht nur aus Platzgründen, lediglich auf einzelne Beiträge eingehen können.
Mein erster Blick richtet sich auf den Beitrag „Sachunterrichtsdidaktik und Demokratiebildung“, den die Mitherausgeberin Johanna Zelck (31-42) verfasst hat. Die Autorin stellt die Tradition der Demokratiebildung im Schulfach Sachunterricht heraus. Sie sichtet unter Bezugnahme auf grundlegende Beiträge von Kahlert (2018) und den Sammelschriften von Simon (2021) sowie Kahlert u.a. (2022) eine Vielzahl an Vorschlägen zur Umsetzung von Demokratiebildung im Sachunterricht, in denen die Mitbestimmung der Schüler:innen auch zu einer Teilung von Macht in der Schule führt. Johanna Zelck erkennt im Empowerment sowie in einer Förderung der Diskriminierungssensibilität die Chance, Kinder als Akteure an der Re(-Produktion) von der Gesellschaft zu beteiligen. Für sie „kommt man bildungstheoretisch nicht umhin, eine Bildung durch Demokratie mit einer Bildung über Demokratie zu verknüpfen“ (37).
Aus den didaktisch ambitionierten Beiträgen zur Demokratiebildung in den MINT-Fächern möchte ich auf die Beiträge von Philipp Straube zum Physikunterricht (85-95), von Arne Dittmer zur Biologie (96-106) sowie von Brigitte Lutz-Westpfahl und Felix Winter zur Mathematik (118-128) eingehen.
Phillip Straube stellt u.a. das Format Talkshow im Rahmen eines Unterrichtsvorhabens zur Atomkraft im Rahmen der Energiewende vor. Ein kontroverses Thema wird dabei von verschiedenen Protagonist:innen diskutiert. „Die Talkshow emotionalisiert, personalisiert und inszeniert politische Positionen“ (90). Die Schüler:innen übernehmen im Physikunterricht die typischen Rollen einer Talkshow (Moderator:in, Expert:in, Bürger:in, Vertreter:in der Wirtschaft). Sie erarbeiten Rollenkarten, die ein Eingangsstatement und Pro‑ bzw. Contra-Meinungen umfassen, auch mit dem Blick darauf, die Position der Gegenseite zu entkräften.
Arne Dittmer betont die Bedeutung der Kommunikationskompetenz für die Demokratiebildung im Biologieunterricht. Mit Blick auf die „Eskalationslogik“ wird Kommunikationskompetenz zum Kristallisationspunkt einer fachintegrierten Demokratiebildung. Das bedeutet, nicht durch Überzeugen und Machtstruktur, sondern durch ein gemeinsames Interesse komplexe Probleme zu verstehen, Verständnisgrenzen auszuloten, neue Perspektiven einzunehmen und Lösungswege zu finden. Erforderlich ist es, Gespräche so zu moderieren, dass Schüler:innen sich als Person respektiert fühlen und ihre Vorstellungen und Gefühle ernstgenommen werden. Als erfolgreich bewertet er die Moderationsmethode „Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen“. Lehrkräfte nehmen dabei eine offene und nicht belehrende Haltung ein. Schüler:innen wählen das Diskussionsthema und gestalten den Diskussionsverlauf. Nur so lässt sich bei den Heranwachsenden das Interesse an Erkenntnissen, an der Sichtweise ihres Gegenübers und auch Demut vor der Komplexität fördern.
Brigitte Lutz-Westpfahl und Felix Winter zeigen am Beispiel des von Ruf/Gallin (1999) entwickelten Dialogischen Lernens, wie Mathematikunterricht zur Demokratiebildung beitragen kann. Sie stellen heraus, dass es vor allem darum gehen muss, die Qualitäten in den Arbeiten der Schüler:innen zu entdecken und herauszuheben. Kinder und Jugendliche sollen wertschätzend auf die Lösungen der anderen blicken. Dies kann mit Satzanfängen wie „Mir gefällt…, Beeindruckt hat mich…, Ich frage mich…, Das sehe ich anders…“ (122) gefördert werden. Lutz-Westpfahl erläutert auch den „Sesseltanz“: „Dazu legen die Lernenden neben die eigenen Produkte jeweils ein leeres Blatt und stehen auf. Nun können sich andere Kinder dort hinsetzen, die Arbeit lesen und eine Rückmeldung hinterlassen“ (122). Dies kann Schüler:innen zu Kommentaren ermutigen. Die Verfasser:innen fordern ein Überwinden einer „obrigkeitsstaatlichen Lehre“ (Günther 2019) oder einer „Überredungsmathematik“. Stattdessen soll es um das gezielte und fachlich informierte Moderieren des gemeinsamen Lernprozesses gehen: „Impulse geben (Auftrag und Kernidee), Auswählen und Autografen zusammenstellen, Austausch und Rückmeldung“ (126).
Im dritten Teil, der sich an den Didaktiken der Gesellschaftswissenschaften orientiert, möchte ich mich auf den Beitrag „Merkmale der Demokratiebildung als Aufgabe aller Fächer und ihre Relevanz für den Politikunterricht“ von Katrin-Laudenberg und Susan Beatrice Müller beziehen. Die Autorinnen verweisen auf die empirisch belegte Bedeutung von schulischen Partizipationserfahrungen für die politische Partizipationsbereitschaft insgesamt (Deinel 2023, Hahn-Laudenberg 2022) und thematisieren die unzureichende Stellung des Politikunterrichts in der Stundentafel. In etlichen Bundesländern beginnt er erst in den höheren Klassen und wird häufig als Integrationsfach mit Geschichte, Geografie und Wirtschaft unterrichtet. „Nicht zuletzt dadurch – und verstärkt durch allgemeinen Mangel an Lehrkräften – wird politische Bildung nicht selten fachfremd unterrichtet. Das Problem zeigt sich vielfach an nicht gymnasialen Schulformen“ (Gökbudak/​Hedtke/​Hagedorn 2022). In den Schulen liegt die Realisierung der Säule Demokratiebildung häufig in der Hand engagierter Lehrkräfte des politischen Fachunterrichts, die auch die Kontroversität bzw. das Aufeinandertreffen und Verhandeln unterschiedlicher Positionen thematisieren und durch die Gestaltung des Unterrichts erfahrbar machen. Darüber hinaus prägen die Begriffe Partizipation und Anerkennung die Demokratiebildung für den Politikunterricht.
Abschließend möchte ich noch einen Blick auf den Beitrag „Fachdidaktik und Demokratiebildung“ von David Jaitner, Nicola Böhlke und Daniel Rode werfen, die die Demokratiebildung im Horizont der aktuellen bzw. gängigen sportdidaktischen Konzepte erläutern. Sie stellen das Grundlagenmodell zur didaktischen Umsetzung von demokratischer Partizipation (Derecik/​Menze 2019), das Zielsetzungen, Orte und Handlungsformen demokratischer Partizipation für den Schulsport aufzeigt, vor und betonen „sportdidaktische Inszenierungen, die die Mitbestimmung von Schüler:innen bei der kreativen, diversitätssensiblen Anpassung von Spiel‑ und Bewegungsangeboten oder solidarisches Handeln einfordern“ (240).
Diskussion
Mit dem Band 2 Fachperspektiven des von Sabine Achour, Matthias Sieberkrob, Detlef Pech, Johanna Zelck und Philip Eberhard herausgegebenen „Handbuchs Demokratiebildung und Fachdidaktik“ rückt die fachdidaktische Perspektive im Fachunterricht in die Aufmerksamkeit der Betrachtung. Auch der zweite Band entspricht nicht dem Charakter eines klassischen Handbuches. Begriffe werden nicht in systematischer, lexikalischer Form erläutert bzw. definiert. Der Blick richtet sich auf die Demokratiebildung in den unterschiedlichen Unterrichtsfächern. Und das ist die enorme Leistung dieses Bandes, die Chancen und Potenziale der Demokratiebildung mithilfe 41 namhafter Fachdidaktiker:innen aus nahezu allen Unterrichtsfächern auszuloten bzw. vorzustellen. Selbst in den MINT-Fächern ist die Demokratiebildung möglich bzw. sogar erwünscht. Für mich scheint dies die Schlüsselbotschaft dieser Publikation zu sein. Auch wenn die Beiträge additiv aneinander gereiht werden, die alltäglichen Herausforderungen in Schule und Unterricht genauso, wie der Umgang mit der heterogenen Schüler:innenschaft nur fragmentarisch aufgegriffen werden, der Blick aus den Hochschulen auf das Phänomen dominiert, verdeutlichen die Autor:innen, wie jedes Unterrichtsfach zur Demokratiebildung beitragen kann. Besonders in Erinnerung wird mir der Beitrag von Katrin Hahn-Laudenberg und Susan Beatrice Müller bleiben. Sie thematisieren eindrucksvoll die De-Professionalisierung (und den Mangel an Fachlehrer:innen) im Unterrichtsfach Politik und die Grenzen der Demokratiebildung in nicht-gymnasialen Schulformen. Auch fordert die Vorstellung von einzelnen unterrichtsmethodischen Ideen (von der „Talkshow“, dem „Sesseltanz“ bis zum „Philosophieren mit Schüler:innen“), diese gleich einmal im Unterricht auszuprobieren.
Fazit
Der vorgelegte Band 2 des „Handbuch Demokratiebildung und Fachdidaktik“ wirft einen überzeugenden Blick auf die Facetten der Demokratiebildung in den einzelnen Unterrichtsfächern. Er bietet, im Sinne einer Pionierarbeit, einen Überblick über den fachdidaktischen Diskurs.
Rezension von
Prof. Dr. Ulf Gebken
Mailformular
Es gibt 6 Rezensionen von Ulf Gebken.





