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Thomas Auchter, Danielle Bazzi et al.: Journal für Psychoanalyse

Rezensiert von Dipl.-Psych. Laslo Scholtze, 06.11.2025

Cover Thomas Auchter, Danielle Bazzi et al.: Journal für Psychoanalyse ISBN 978-3-03777-294-2

Thomas Auchter, Danielle Bazzi, Anita Garstick-Straumann, Jürgen Grieser, Thomas Hartung u.a.: Journal für Psychoanalyse. Beenden – The Power of Goodbye. Seismo-Verlag Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen AG (Zürich) 2024. 200 Seiten. ISBN 978-3-03777-294-2. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 29,00 sFr.
Reihe: Journal für Psychoanalyse - 65; Hummel, Gerhard Luif, Vera Ostendorf, Ursula Römer, Maximilian Schneider, Peter Schnell, Thomas Teichert, Maria Tilkeridou-Wolf, Fotini Wolff, Norbert Würgler, Mirna.

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Thema

Die 65. Ausgabe des Journal für Psychoanalyse widmet sich dem Thema des Beendens in psychoanalytischen Prozessen. Unter dem Titel „Beenden – The Power of Goodbye“ thematisiert der Band ein zentrales, aber oftmals wenig theoretisiertes Moment jeder psychotherapeutischen Behandlung: das Ende. Die Beiträge untersuchen das Beenden nicht als eine vielschichtige, mitunter schmerzhafte und zugleich entwicklungsfördernde Erfahrung – für Patient:innen wie auch für Analytiker:innen.

Der Titel des Bandes deutet bereits an, dass im Loslassen eine Form von Kraft oder Macht liegt. Abschiede erscheinen nicht nur als Verlust und dessen Bewältigung, sondern bergen die Möglichkeit von Aufbruch, Entwicklung und Neubeginn. Das Ende bleibt zwar ein Schlusspunkt, erscheint aber auch als eine produktive, gleichwohl sensible und mitunter sogar entscheidende Phase innerhalb der gemeinsamen psychoanalytischen Arbeit und gleichsam über sie hinaus weisend.

Autor:innen

Thomas Auchter, Ursula Ostendorf, Jürgen Grieser, Gerhard Hummel, Norbert Wolff, Anita Garstick-Straumann, Thomas Schnell, Mirna Würgler, Vera Luif und Maria Teichert

Das Journal für Psychoanalyse wird vom Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) herausgegeben und erscheint jährlich in thematisch ausgerichteten Nummern. Es behandelt aktuelle Fragen aus Theorie und Praxis der Psychoanalyse und ihrer Institutionen. Das PSZ ist als Verein in basisdemokratischer Selbstverwaltung organisiert und pflegt eine institutionskritische Praxis der psychoanalytischen Ausbildung.

Aufbau

Die Ausgabe umfasst acht Beiträge, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Beenden psychotherapeutischer und psychoanalytischer Prozesse befassen. Neben psychoanalytischen Reflexionen mit Bezug zur Erwachsenentherapie finden sich Beiträge zur analytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, zur Verhaltenstherapie sowie zur Frage der postanalytischen Beziehung. Klinisch orientierte Zugänge prägen die Texte, wobei neben Einzelfallvignetten auch persönliche Betrachtungen einfließen sowie theoretische Überlegungen zum Begriff der Endlichkeit, zur Berufspraxis und zum Weiterwirken analytischer Beziehungen nach dem offiziellen Abschluss der Behandlung.

Inhalt

Die Beiträge des Bandes zeichnen ein vielschichtiges Bild dessen, was das Beenden in der Psychoanalyse bedeuten kann – als äußerer Vorgang wie auch als innerpsychischer Prozess. Sie kreisen um Fragen nach Trennung, Akzeptanz und Betrauern des Verlusts und der Möglichkeit einer inneren Fortsetzung des analytischen Prozesses.

Der Band schlägt dabei in seiner durchdachten Gliederung einen nachvollziehbaren Bogen:

  • von der grundsätzlichen, strukturierenden Bedeutung der Zeit und der Endlichkeit für das menschliche Leben
  • über affektive Prozesse, Übertragungsdynamiken und deren Bearbeitung im Vorfeld des Behandlungsendes, sodass das „Beenden“ Teil der analytischen Reflexion werden kann
  • über die Ambivalenz, die Vulnerabilität und das mögliche Gelingen der Beendigung und des Abschieds
  • über reale Gestaltungsfragen des „Danach“ (Wiedersehen, Option der Rückkehr, fortgesetzter Kontakt)
  • hin zu einer vertieften Untersuchung der postanalytischen Phase, in der das Erlebte, die analytischen Haltung zu sich selbst sowie bestenfalls die neu gewonnene Autonomie verinnerlicht werden, aber auch Konfliktdynamiken als Merkmal menschlicher Begrenztheit fortbestehen

Endlichkeit, darin sind sich die Autor:innen des Bandes einig, ist nicht nur Rahmenbedingung, sondern integraler Bestandteil jeder Psychoanalyse. Dies erfordert auf beiden Seiten, bei Analysanden wie auch Analytikern, eine hohe Toleranz gegenüber Unsicherheit, Trennung und Begrenztheit. Das Ende konfrontiert alle Beteiligten mit Ungewissheit und Fragen: War die Arbeit „erfolgreich“? Ist der Zeitpunkt richtig? Was geschieht danach?

Die Autor:innen beschreiben die Beendigung als Spannungsfeld zwischen Endgültigkeit und innerer Kontinuität. Einerseits muss das Ende klar markiert sein, um Loslösung und Selbstständigkeit zu ermöglichen; andererseits soll die Beziehung in verinnerlichter Form fortbestehen. Entscheidend ist, wie sich die analytische Verbindung nach dem formalen Ende transformiert. Dabei nehmen mehrere Texte Bezug auf D.W. Winnicotts Idee, die Analytikerin müsse die Attacken und destruktive Impulse der Patientin im Trennungsprozess „überleben“, um schließlich als gutes, haltgebendes Objekt verinnerlicht zu werden. Die Patientin mache damit die entwicklungsfördernde Erfahrung, dass das attackierte Objekt die eigenen zerstörerischen Angriffe aushält, präsent bleibt, sich nicht „rächt“ oder die Beziehung abbricht.

Im Abschied koexistieren somit das Erleben von Verlust und die Öffnung zum Neuen. Neben der retrospektiven Aufarbeitung geht es um eine Wendung nach vorn – von gebundener zu offener Erwartung, von der Besetzung der Analytikerin hin zu außeranalytischen Beziehungen und Aufgaben. Dazu braucht es die Bereitschaft der Analytikerin, Einfluss und Kontrolle loszulassen und den weiteren Weg der Patient:innen nicht mehr steuern zu wollen, und damit auch die möglicherweise kränkende Tatsache zu akzeptieren, nicht mehr gebraucht zu werden.

So unterstreicht etwa Jürgen Grieser in seinem Beitrag die Gefahr der Einseitigkeit, die damit einhergeht, den Aspekt des Verlustes beim Abschied überzubetonen oder das Abschiednehmen in der Illusion einer „unendlichen“ Analyse zu vermeiden. Das Beenden und Trennen müsse fruchtbar gemacht werden als triangulierenden Schritt, der neue Horizonte eröffnen könne. Dafür allerdings bräuchten Patient:innen den „Segen“ der Analytikerin. Was wiederum voraussetze, dass die Analytikerin in der Lage sei, loszulassen und die Begrenzungen der eigenen Fähigkeiten sowie der eigenen Bedeutung zu akzeptieren. Grieser beschreibt drei hilfreiche Haltungen der Analytikerin gegenüber dem Ende:

  1. Haltung der Abschiedlichkeit – ein inneres Wissen um die Begrenztheit aller Dinge, vergleichbar mit der buddhistischen Achtsamkeit gegenüber Vergänglichkeit.
  2. Haltung der offenen Erwartung – Vertrauen in das Neue und das Leben außerhalb der Analyse.
  3. Haltung der Entschlossenheit – die Bereitschaft, das Ende auch aktiv zu setzen und es nicht aufzuschieben oder zu vermeiden.

Auch wenn der metaphorische Vergleich des Analyseendes mit einem Sterben eine unangemessene Überhöhung der Analyse wäre, merkt Grieser – mit Verweis auf die „facts of life“ (Money-Kyrle) – kritisch an, dass Tod und Endlichkeit als unverzichtbare existentielle Themen in Analysen oft unterbelichtet blieben – ein, so Grieser, seit Freud tradierter „blinder Fleck“.

Im Artikel von Vera Luif & Maria Teichert steht die postanalytische Phase im Fokus, von der Psychoanalytikerinnen seit jeher annehmen, dass in ihr eine fortgesetzte Entfaltung des analytischen Prozesses in der Person des Analysanden stattfindet. Dabei scheint es für das analytische Paar je spezifische postanalytische Entwicklungsaufgaben von Separation, Trauer, Verzicht und Generativität zu geben. Die Autorinnen untersuchen eingehend, welche erheblichen Herausforderungen sich potenziell auch der Analytikerin stellen, etwa das Gefühl des Zurückbleibens oder das Anerkennen von dem, was in der gemeinsamen Arbeit nicht erreicht werden konnte. „Verantwortung und Verzicht“ sind dabei wesentliche Aspekte, die leitend aufseiten der Analytikerin für die postanalytische Phase wirken. Die therapeutische Verantwortung endet nicht mit der letzten Stunde:

„Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, sich seine Haltung als Therapeut auch gegen inneres und äußeres Drängen auf eine Veränderung der Beziehung zu bewahren.“ (Novick & Novick, 2006). Sollte die Analytikerin darauf eingehen oder von sich aus Kontakt aufnehmen, würde dies die therapeutische Haltung und Beziehung radikal verändern. Daran anschließend stellen Luif & Teichert ganz unterschiedliche Formen dar, wie die postanalytische Phase sowie ein mögliches Wiedersehen mit Analysanden von verschiedenen Therapeut:innen, aber auch Lehrtherapeut:innen an Instituten, gestaltet wird und von welchen Erfahrungen in diesem Kontext berichtet wurde.

Insgesamt macht die Lektüre des Bandes deutlich, dass ein „gutes“ Ende nicht mit Symptomfreiheit gleichzusetzen ist. Maßgeblich ist vielmehr die Entwicklung einer inneren Haltung, die Ambivalenzen und Unvollkommenheit erträgt, sich mit nicht auflösbaren Resten arrangieren kann und dennoch zu weiterer Entwicklung befähigt. Postanalytische Prozesse werden als lebendiges, offenes Geschehen beschrieben: Das Erarbeitete wird internalisiert, erprobt und vertieft, wobei individuelle Unterschiede groß sind – zwischen kreativer Erweiterung des Lebensraums bis hin zu regressiver Wiederholung emotionaler Muster.

Schließlich finden sich in den Texten verschiedene Bilder, die das Ende als Übergang fassen: Die Analyse als Überfahrt, bei der das Floß nicht festgehalten, sondern losgelassen werden muss; als Koffer, aus dem Wichtiges ins Leben mitgenommen und Überflüssiges zurückgelassen wird; oder als Auftrieb, der es ermöglicht, sich selbst zu tragen. So erscheint das Beenden nicht als Schlusspunkt, sondern als verdichteter Moment von Trennung, Integration und Neuorientierung – ein bedeutsamer Bestandteil psychoanalytischer Arbeit.

Diskussion

Das Themenheft „Beenden – The Power of Goodbye“ des Journals für Psychoanalyse ist außerordentlich gelungen. Die einzelnen Beiträge nähern sich dem Thema aus unterschiedlichen, jeweils relevanten Blickwinkeln – theoretisch fundiert, aber nicht überfrachtet, klinisch anschaulich mit sorgfältig ausgearbeiteten Fallvignetten und zugleich persönlich reflektiert. Die Gesamtkonzeption der Ausgabe wirkt überzeugend und durchdacht, indem die einzelnen Beiträge nicht redundant, aber auch nicht zusammenhangslos nebeneinander stehen, wie dies bei Sammelbänden oder Themenheften mitunter der Fall ist; vielmehr schließen die Artikel schlüssig aneinander an, ergänzen und vertiefen sich wechselseitig, sodass sich bei der Lektüre die Einsichten in das Thema sukzessive erweitern. Dies wird dadurch verstärkt, dass die Beiträge durchweg auf einem hohen Niveau verfasst sind, mit großer Fachkenntnis und reicher klinischer Erfahrung.

Die Relevanz des Themas für die Praxis steht außer Frage. Der Band ermöglicht es Behandelnden, die eigene Haltung zu Fragen von Trennung, Endlichkeit und postanalytischen Prozessen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Gleichzeitig bietet er einen Resonanzraum für persönliche Erfahrungen, die unweigerlich mit dem Thema verbunden sind.

Fazit

Das Themenheft begreift das Ende einer Therapie oder Psychoanalyse weder als bloßen formalen Schlusspunkt noch ausschließlich als zu betrauernden Verlust, sondern als einen komplexer, gestaltbaren Übergang in eine äußerst wichtige postanalytische Phase mit nachhaltiger Wirkung auf Patient:innen und Analytiker:innen. Die einzelnen Beiträge wie auch das Heft als Ganzes sind sehr gelungen und bieten Therapeut:innen wertvolle Anregungen, die eigene Haltung beim Beenden von Behandlungen, beim Abschiednehmen wie auch in der Zeit danach zu reflektieren und zu gestalten. 

Rezension von
Dipl.-Psych. Laslo Scholtze
Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Gruppenpsychotherapeut
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Es gibt 3 Rezensionen von Laslo Scholtze.

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ISSN 2190-9245