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Esteban Piñeiro, Stefanie Kurt et al. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Integrationspolitik in der Schweiz

Rezensiert von Dr. Susanne Bachmann, 29.07.2025

Cover Esteban Piñeiro, Stefanie Kurt et al. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Integrationspolitik in der Schweiz ISBN 978-3-03777-278-2

Esteban Piñeiro, Stefanie Kurt, Eva Mey, Peter Streckeisen (Hrsg.): Soziale Arbeit und Integrationspolitik in der Schweiz. Professionelle Positionsbestimmungen. Seismo-Verlag Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen AG (Zürich) 2023. 358 Seiten. ISBN 978-3-03777-278-2. D: 43,00 EUR, A: 44,30 EUR, CH: 43,00 sFr.
Reihe: Soziale Arbeit im Fokus.

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Thema

Das Politikfeld der Integration von eingewanderten und geflüchteten Menschen ist seit der Jahrtausendwende starken Veränderungen unterworfen. Zahlreiche neue, teilweise widersprüchliche Vorgaben und Anforderungen wurden erlassen und neue Tätigkeitsfelder und Institutionen der Integrationsarbeit wurden geschaffen. Zugleich steht das Themenfeld Migration, Flucht und Integration besonders stark im Fokus der öffentlichen Debatte und dient als Vehikel teilweise stark aufgeladener identitäts- und ordnungspolitischer Anliegen. Angesichts der komplexen ausländerrechtlichen und asylpolitischen Bedingungen akzentuiert sich für die Soziale Arbeit das Spannungsfeld zwischen „Hilfe und Kontrolle“ bei der Begleitung und Unterstützung von migrierten Menschen besonders deutlich.

Vor diesem Hintergrund lancierten vier Forschende aus drei Schweizer Fachhochschulen mitten in der Covid-19-Pandemie einen umfangreichen Sammelband, der erstmals einen umfassenden Überblick über die schweizerische Integrationspolitik und die Verortung der Sozialen Arbeit darin geben soll. Leitend ist die Frage, „wie Soziale Arbeit in einer durch Flucht und Migration geprägten Gesellschaft auszugestalten ist oder positioniert werden muss“ (S. 19). Der 2023 erschienene Band richtet sich an Fachpersonen der Sozialen Arbeit und sonstige Leser:innen, die sich mit Integrationsarbeit befassen.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband umfasst 22 Beiträge und gliedert sich in drei Teile:

  1. Grundlegungen der Schweizer Integrationspolitik
  2. Aktuelle Forschungsperspektiven
  3. Praxisfelder der Sozialen Arbeit im Kontext von Integration

Zunächst stellt Esteban Piñeiro im ersten Teil die Widersprüche der staatlichen Integrationspolitik vor und diskutiert zwei Varianten eines sozialarbeiterischen Umgangs damit: zum einen den Versuch, die widersprüchlichen Anforderungen und Implikationen auszuhandeln und damit auch auszuhalten oder aber zum anderen das Erkennen der Unauflösbarkeit der Widersprüche und einer sozialanwaltschaftlichen Positionierung im Dienste der Adressat:innen. Danach bietet Stefanie Kurt eine Übersicht über die migrationsrechtlichen Grundlagen der Integrationspolitik der Schweiz sowie Eva Mey eine Systematisierung des komplexen Geflechts der institutionellen Akteur:innen der Integrationspolitik.

Der zweite Teil des Bandes bietet Einblicke in verschiedene aktuelle theoretische Diskussionen und Forschungsarbeiten im Bereich Migration, Flucht und Integration und beleuchtet so das begriffliche und konzeptionelle Instrumentarium der Sozialen Arbeit in diesem Themenfeld. Marina Richter diskutiert beispielsweise unter dem Titel „Migrationsforschung als Grundlage von Sozialer Arbeit“, aus welchen Perspektiven bisher über Migration geforscht wird und stellt dabei zentrale Konzepte und Blindstellen vor; Peter Streckeisen setzt sich mit der „stärkste[n] Versuchung, der Professionelle [der Sozialen Arbeit] widerstehen sollten“ (S. 98) auseinander, nämlich soziale Probleme zu ethnisieren, und stellt verschiedene Theorien zur Konstruktion von Ethnizität vor; Garabet Gül diskutiert die Potenziale der Konzepte Urban Citizenship und Postmigration als Alternative zu nationalstaatlichen Integrationslogiken, und Eveline Ammann Dula und Swetha Rao Dhananka zeigen die Relevanz von postkolonialen Theorien für Sozialarbeitende.

Der dritte Teil des Sammelbandes richtet den Blick schliesslich auf unterschiedliche Handlungsfelder der Sozialen Arbeit und zeigt dabei konkrete Ansatzpunkte für Positionierungen von Sozialarbeitenden in ihrem Arbeitsalltag auf. Den Auftakt bildet ein Beitrag von Yann Bochsler und Lisa Maria Borrelli, die sich mit dem Begriff der Integration und der Integrationspraxis in der öffentlichen Sozialhilfe und insbesondere mit dem Instrument der sogenannten Integrationsvereinbarungen auseinandersetzen. Sie weisen auf problematische Implikationen des restriktiven Integrationsverständnisses hin, vor allem für migrantische Sozialhilfebeziehende, aber auch für Sozialarbeitende, die den ethischen Postulaten ihrer Profession kaum mehr gerecht werden können. Weitere Beiträge befassen sich unter anderem mit Freiwilligenarbeit im Bereich Flucht und Migration, mit Sans-Papiers als Adressat:innen Sozialer Arbeit, mit der Integration älterer Menschen mit Migrationshintergrund, mit der Rolle sozialer Bewegungen für das Integrationsregime, mit der schweizerischen Berufsbildungsintegration, mit Sozialer Arbeit mit Geflüchteten im Quartier u.a.

In einem Resümee entwerfen die Herausgebenden am Schluss des Bandes eine Art praktischer Auslegeordnung und heben hierfür vier Aspekte hervor, die ihnen wichtig scheinen, wenn Sozialarbeitende zur gesellschaftlichen Konstruktion sozialer Probleme „proaktiv und reflektiert Stellung beziehen müssen, um den Anforderungen an eine professionelle Praxis gerecht zu werden“ (S. 347), nämlich „das integrationspolitische Kontextwissen, der Bezug auf Theorie und Forschung, die profunde Kenntnis der Handlungsfelder der Sozialen Arbeit sowie die Selbstreflexion“ (S. 348). Sie schließen mit dem Aufruf, „die Selbstreflexion mit Bezug auf die Rolle der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund der Integrationspolitik (…) als gemeinsame Aufgabe zu begreifen, die in verschiedenen Zusammenhängen kollektiv organisiert und durchgeführt werden kann“ (S. 351, kursiv im Original).

Diskussion

Die Unterstützung und Begleitung von Menschen mit Migrationserfahrung ist für die Soziale Arbeit ein zentrales Handlungsfeld. Sozialarbeitende sind in ihrer Alltagspraxis in diesem Feld mit vielfältigen und teilweise widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert, die aus den integrations-, migrations-, asyl-, sicherheits- und arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen und Vorgaben erwachsen. Das wirft für Fachleute der Sozialen Arbeit die Frage auf, wie sie hier unter Beachtung von professionellen und ethischen Grundsätzen fachlich kompetent agieren und ihre eigene Rolle bestimmen können. Auf welche Begriffsbestimmungen und Praxisbeispiele können sie sich stützen? Welche problematischen Implikationen ihres Handelns sollten sie in den Blick nehmen?

Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Autor:innen und Herausgeber:innen der Aufgabe an, eine Basis für solche Positionsbestimmungen der Sozialen Arbeit im Bereich von Migration, Flucht und Integration zu liefern. Sie stellen hierfür eine Analyse der Programmatik der Schweizer Migrations- und Integrationspolitik zur Verfügung, erhellen die spezifischen Strukturen und institutionellen Arrangements in diesem Politikfeld, diskutieren Schlüsselbegriffe und -konzepte und tragen schliesslich Beispiele aus unterschiedlichen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit zusammen. Der Sammelband bietet somit neben theoretischen Auseinandersetzungen auch konkrete Praxisanregungen für den widerspruchsreichen und teilweise dilemmatischen Arbeitsalltag von Sozialarbeitenden im Feld von Migration und Flucht.

Ein solcher Band war überfällig, der einerseits erstmals einen umfassenden Blick auf Integration im spezifischen Kontext der Schweiz mit seinen historisch gewachsenen Besonderheiten und dem stark ausgeprägten Föderalismus wirft, und der sich andererseits nicht nur analytisch-deskriptiv mit dem Themenfeld befasst, sondern auch Anregungen für eine kritische Handlungspraxis bieten kann. In einer gut lesbaren Sprache verfasst, ist der umfangreiche Sammelband zugänglich für eine breite Leserschaft, über den Kreis der Sozialen Arbeit hinaus.

Fazit

Der lohnenswerte Sammelband gibt einen guten Überblick über die Integrationspolitik und -praxis in der Schweiz. Er stellt den rechtlichen und institutionellen Kontext vor, stellt zentrale Konzepte und aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung vor und wirft einen Blick auf verschiedene Praxisfelder der Sozialen Arbeit. Hierbei problematisieren die Autor:innen typische Logiken und Programmatiken, aber auch Dilemmata und Widersprüche, die dieses Feld kennzeichnen und bietet damit eine unerlässliche Basis für Positionierungen für professionelle Sozialarbeitende wie auch alle anderen Akteur:innen, die sich in diesem Feld beruflich oder ehrenamtlich betätigen und ihre Praxis kritisch reflektieren wollen.

Rezension von
Dr. Susanne Bachmann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Hochschulzentrum Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit
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Es gibt 3 Rezensionen von Susanne Bachmann.

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ISSN 2190-9245