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Ute Hauser: Wenn die Vergesslichkeit noch nicht vergessen ist

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 11.04.2006

Cover Ute Hauser: Wenn die Vergesslichkeit noch nicht vergessen ist ISBN 978-3-935299-83-1

Ute Hauser: Wenn die Vergesslichkeit noch nicht vergessen ist - zur Situation Demenzkranker im frühen Stadium. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2006. 134 Seiten. ISBN 978-3-935299-83-1. 17,00 EUR.
Reihe: thema, Band 201.

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Zur Thematik des Buches

Demenzen vom Alzheimer Typ manifestieren sich meist schleichend. Der Beginn der Erkrankung zeigt sich in Symptomen, die oft noch nicht als krankhaft eingeschätzt werden wie z. B. Vergesslichkeit, depressive Verstimmungen oder leichte Wortfindungsstörungen. Das soziale Umfeld erklärt sich diese Fehl- und Minderleistungen überwiegend als typische Altersphänomene, die keiner weiteren Beachtung bedürfen. Die Betroffenen hingegen versuchen in der Regel, ihre Defizite in diesem Bereich zu verbergen und ziehen sich daraufhin oft zurück. So ist z. B. der Sachverhalt zu erklären, dass eine Demenz meist erst im 2. oder 3. Jahr der Erkrankung diagnostiziert wird.

Auf Seiten der neurologischen Forschung entwickelte sich in den letzten Jahren der Gegenstandsbereich der "leichten kognitiven Störung", die vom kognitiven Leistungsvermögen unterhalb des Leistungsstandes der normalen Hirnalterung und oberhalb leichter Demenzen anzusiedeln ist. Etwa jeder dritte ältere Mensch mit einer "leichten kognitiven Störung" entwickelt innerhalb von drei Jahren eine Demenz, während hingegen ein Drittel der Patienten kognitiv unverändert bleibt und ein Drittel sich kognitiv  verbessert. Dieses Phänomen ist noch nicht als "eigenständige" Erkrankung klassifiziert worden, und der natürliche Verlauf der "leichten kognitiven Störung" ist auch noch nicht bekannt (siehe u. a.: I. Heuser et al.: Kognitives Altern und Demenzerkrankungen. Bremen 2003). Es lässt sich somit feststellen, dass die Schwelle zum Beginn einer Demenz noch weiterer vertiefter Forschung bedarf.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Diplom-Arbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin im Studiengang Pflege / Pflegemanagement.

Inhalt

Die vorliegende Arbeit ist in zehn Kapiteln untergliedert.

  • Die ersten fünf Kapitel (Einleitung, Epidemiologie, Veränderungsprozesse im Alter und das Krankheitsbild Demenz, Diagnostik und Therapie, Seite 7 - 44) enthalten die gängigen Grundlagen über Demenzen.
  • Kapitel 6 (Psychosoziale Unterstützung und Hilfen für Demenzkranke im Frühstadium, Seite 45 - 61) beschreibt einige Formen der Unterstützung und Betreuung für Demenzkranke im Frühstadium, so werden Beispiele aus den USA (Support Groups, Selbsthilfegruppen und eine Tagesbetreuungseinrichtung aus Kalifornien) angeführt. Aus Deutschland führt die Autorin das Konzept der "begleitenden Selbsthilfegruppe" (Hamburg), therapeutische Gruppenarbeit (Mittelfranken),  sozialtherapeutische Gruppenangebote (Berlin) und Betreuungsangebote für Früherkrankte (Pinneberg) an, die jeweils in ihrer inhaltlichen und organisatorischen Wirkungsweise beschrieben werden.
  • Kapitel 7 (Qualitative Studie zur Situation Demenzkranker im frühen Stadium, Seite 62 - 71) beinhaltet Aspekte des Forschungsdesigns (Entwicklung der Fragestellung, Zugang zu den betroffenen Erkrankten, Auswahl der Interviewpartner), der Forschungsmethode und der Datenerhebung (Probleme bei der Befragung Demenzkranker, das episodische Interview in der qualitativen Forschung, Erhebungsinstrumente wie Leitfaden und Kurzfragebogen und Kontextprotokoll) und die Auswertungsmethode.
  • Kapitel 8 (Darstellung der Untersuchungsergebnisse, Seite 72 - 121) fasst die wesentlichen Ergebnisse der Erhebung zusammen. Zu Beginn werden die fünf Interviewpartner in anonymisierter Form vorgestellt. Es handelt sich um drei Frauen und zwei Männer im Alter zwischen 47 und 76 Jahren, von denen drei verheiratet sind, eine ist verwitwet und eine geschieden. Die berufliche Stellung vor der Verrentung bzw. Ausbruch der Erkrankung: Sozialwissenschaftlerin, Schneiderin / Buchhalterin, Koch / Künstler, Lehrer und Technikerin / Bürokauffrau. Vermittelt wurden die Probanden durch Gedächtnissprechstunden und Betreuungsgruppen in Berlin. Die Dauer des Interviews betrug zwischen 30 und 80 Minuten.
  • Ausführlich werden anschließend die Resultate der Interviews nach folgenden Parametern dargestellt: subjektives Erleben der Krankheit, Auswirkungen der Demenz und Belastung im Alltag, Umgang mit der Krankheit und Wünsche und Bedürfnisse von Demenzkranken im frühen Stadium. Es zeigt sich, dass die Betroffenen hilflos einem Prozess der allmählichen Einbußen an geistigen und körperlichen Fähigkeiten ausgesetzt sind, den sie nicht mehr zu beeinflussen vermögen. Trauer, Resignation, Verzweiflung und auch Angst sind die Reaktionen auf diese Entwicklung. Auf der anderen Seite arrangieren sich die Betroffenen mit der Situation, sie bleiben aktiv, verwenden verstärkt Erinnerungshilfe wie Kalender, Medikamentenbox und persönliche Tagebücher. Bewältigungsstrategien sind u. a. sich nicht zu überfordern, abschalten und entspannen, die Bagatellisierung von Problemen und sich zurückzuziehen. Für Außenstehende ist es schwer vorstellbar und nachvollziehbar, welchen psychischen Belastungen die Betroffenen ausgesetzt sind.
  • Die abschließenden Kapitel 9 (Zusammenfassung und Ausblick, Seite 122 - 124) enthält u. a. die Erwartung, dass sich die Pflegeforschung verstärkt der Gruppe der Früherkrankten zuwendet und dass neue Konzepte der Beratung und Unterstützung für diesen Personenkreis entwickelt werden sollten.

Kritische Würdigung und Fazit

Es kann festgestellt werden, dass hier eine Arbeit vorliegt, die anschaulich das Leiden und auch die Bemühungen der Bewältigung dieser Erkrankung darzustellen vermag.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 11.04.2006 zu: Ute Hauser: Wenn die Vergesslichkeit noch nicht vergessen ist - zur Situation Demenzkranker im frühen Stadium. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2006. ISBN 978-3-935299-83-1. Reihe: thema, Band 201. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3320.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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