Joachim Henseler: Sozialpädagogische Theorie für die Soziale Arbeit
Rezensiert von Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 06.08.2025
Joachim Henseler: Sozialpädagogische Theorie für die Soziale Arbeit. Eine Einführung. wbv (Bielefeld) 2025. 200 Seiten. ISBN 978-3-8252-6370-6. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
Entstehungshintergrund und Thema
Joachim Henseler ist es ein Anliegen, bei den Studierenden der Studiengänge Soziale Arbeit ein Bewusstsein über die theoretische Begründung des Verhältnisses von Sozialpädagogik und Sozialer Arbeit zu schaffen, auch um die Profession zu verstehen. Abgestimmt auf ein Semester mit 15 möglichen Einheiten bereitet er Aspekte einer sozialpädagogischen Theorie für die Soziale Arbeit in Form von Kolloquien auf, d.h. er spricht die Studierenden direkt an und bezieht sie mit ein. Als Band 6370 repräsentiert das Lehrbuch die Absicht der utb+ Reihe (mit Zugang zu digitalen Materialien). Es ist zu einem für Studierende erschwinglichen Preis erhältlich.
Autor
Prof. Dr. phil. habil. Joachim Henseler ist Dipl.-Päd. (Univ.) mit Schwerpunkt Sozialpädagogik und Sozialarbeit, hat in Erziehungswissenschaften promoviert und die Venia legendi in Sozialpädagogik (Habilitation an der Univ. Erfurt). Seit 2013 hat er die Professur für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Dualen Hochschule Gera-Eisenach inne.
Aufbau und Inhalt
Das Buch beginnt mit einer Vorbemerkung (S. 11) und dem Inhaltsverzeichnis (S. 7–9) und endet mit dem Literaturverzeichnis (S. 225–240) sowie einer Danksagung (S. 241). Dazwischen sind eine Einleitung, 15 Kolloquien und ein kurzes Fazit angeordnet, die im Folgenden näher beschrieben werden. Die Kolloquien sind jeweils identisch aufgebaut. Zu Beginn wird eine Aufgabe für die Studierenden sowie die Zielstellung formuliert. Literaturhinweise zur vertiefenden Lektüre schließen die Kapitel ab. In die Kolloquien 5, 6, 7, 9, 12, 13 und 15 sowie in Kapitel 1 und 17 sind QR-Codes zu weiterführenden Materialien (z.B. zu Fallbeispielen) und DOI-Nummern integriert.
1 Einleitung – Sozialpädagogik für die Soziale Arbeit (S. 13–21)
Der Autor offenbart das didaktische Konzept, das er seinem Buch zugrunde legt und gibt den Studierenden Hinweise zum Gebrauch (Verständnis, Vertiefung, hermeneutisches Vorgehen). Mit einem kurzen Abriss der Themen legitimiert er Auswahl, Anordnung und Absicht.
2 Kolloquium 1: Was ist sozial an der Pädagogik? Weshalb benötigt die Pädagogik das Soziale? (S. 23–37)
Das Kapitel beginnt mit dem Verweis auf die Entstehung der Sozialwissenschaften zu Beginn des 19. Jahrhundert, womit auch das Selbstverständnis der Sozialpädagogik als eine Wissenschaft einhergeht, die gesellschaftliche Phänomene erforscht. Das Pädagogische an der Sozialpädagogik fokussiert Lernen, Selbsttätigkeit und Selbstwirksamkeit. In einem Exkurs „Aufklärung als Gesellschaftspädagogik“ (S. 28) skizziert der Autor die Ideen- und Sozialgeschichte zur Entstehung der Freiheits- und Naturrechte unter Verweis auf die bekannten Protagonisten und definiert abschließend die Begriffe Erziehung und Bildung in Anlehnung an Dietrich Benner.
3 Kolloquium 2: Ist die Sozialpädagogik eine Theorie oder eine Praxis? Oder vielleicht doch eher Poiesis? (S. 39–54)
Gegenstand dieses Kapitels ist eine grundsätzliche Definition und Erläuterung der drei Begriffe Theorie, Praxis und Poiesis mit Verweisen auf verschiedene Autor:innen, des Verhältnisses der Begriffe zueinander sowie der Bedeutung für die Sozialpädagogik samt jeweils enthaltener Zweifel an verschiedenen Positionen.
4 Kolloquium 3: Ist die Sozialpädagogik eine Synthese von Individual- oder Kollektivpädagogik? Zur ersten Begriffsbestimmung der „Socialpädagogik“ durch Karl Mager (S. 55–67)
Um die für das Kolloquium formulierte Frage fundiert bearbeiten zu können, erläutert der Autor zunächst den „gesellschaftlichen Kontext der Begriffsbestimmung ‚Socialpädagogik‘“ (S. 55) mit Rekurs auf die Einführung der staatlichen Schulpflicht. Sozialpädagogik könne im Magerschen Verständnis als „Erziehung aller Menschen zu aktiven Gesellschaftsbürgern“ (S. 61) gedacht werden und gehe über die Schule weit hinaus, weil sich in der „Socialpädagogik“ die Anforderungen des Kollektivs und des Individuums begegnen. Um die Synthese von Individual- und Kollektivpädagogik diskursiv herstellen zu können, benötige es der „Dialektik als Erkenntnismethode“ (S. 64), die Joachim Henseler an dieser Stelle einführt.
5 Kolloquium 4: Was ist das sozialpädagogische Problem in der modernen Gesellschaft und wie entstand es? (S. 69–80)
Es geht um die von Michael Winkler 1988 vorgelegte „Theorie der Sozialpädagogik“, in der er das sozialpädagogische Problem als „Finden des sozialen Orts [definiert], in dem Erziehung stattfinden kann“ (S. 74). Aufgabe von Theorie und Praxis der Sozialpädagogik sei es deshalb, das zu erziehende Wesen Mensch, das in eine Kultur eingebettet ist, mit einer passenden Infrastruktur gemeinschaftsfähig werden zu lassen. Angesichts der sich von Individualisierung, Atomisierung und Vermassung gekennzeichneten Gegebenheiten des Aufwachsens in der modernen Gesellschaft ist das Spannungsverhältnis zwischen dem freien Individuum, seiner Subjektivität und Sozialität in Balance zu halten.
6 Kolloquium 5: Wie denkt man sozialpädagogisch? Oder, was ist von Klassikern der Sozialpädagogik zu lernen? (S. 81–91)
Die Frage kann nur beantwortet werden, wenn klar ist, wieso man sich mit Klassikern beschäftigen sollte und was einen Vertreter der Sozialpädagogik in den Stand eines Klassikers erhebt. Der Autor sieht in einem Klassiker den Verfasser eines Werks (von besonderer Sichtweise), das eine herausragende zeitlose Qualität aufweist, das besonders nachvollziehbar systematisiert, Begriffe und Konzepte präzisiert und das in der Fachöffentlichkeit wegen der Qualität rezipiert und als wichtig eingestuft wird. Im Folgenden greift Joachim Henseler, Christian Niemeyer folgend, Johann Heinrich Pestalozzi heraus und verdeutlicht an dessen Werk die Charakteristika eines Klassikers.
7 Kolloquium 6: Armut, soziale Frage, soziale Benachteiligung, Lebenslage. Was haben diese Themen mit dem sozialpädagogischen Problem zu tun? (S. 93–105)
Den Beginn des Kapitels bildet die Klärung der Begriffe absolute, relative und gefühlte Armut sowie jeweils Erläuterungen über die gesellschaftliche Relevanz. Anschließend wird die „Soziale Frage“ im Entstehungskontext beschrieben und es wird auf die normative Idee einer sozialpädagogischen Antwort (basierend auf Paul Natorp) rekurriert, die eine „Idee einer gerechten Gemeinschaft“ (S. 99) und den „Ausbau der Volksbildung“ (S. 99) inklusive einer genossenschaftlichen Bildung umfasste. Wie sich soziale Benachteiligung aufgrund verschiedener Faktoren auswirkt, ist Thema des nächsten Unterabschnitts, bevor die Lebenslage als Makrokonzept eingeführt wird, welches die Spielräume der Einzelnen aufgrund des Verfügens/nicht Verfügens über Ressourcen festlegt.
8 Kolloquium 7: Welche Funktion hat der Konflikt in der Theorie der Sozialpädagogik? (S. 107–117)
Der Verfasser bezieht sich auf Franz Hamburger als Referenzliteratur. Ihm folgend bezeichnet er das „konfliktreiche Verhältnis zwischen dem Individuum und der Gesellschaft“ (S. 107) als Aufgabe sozialpädagogischer Problemlösungen, an deren erster Stelle steht, die Konfliktkonstellationen zu analysieren und Konzepte zur Bearbeitung zu entwickeln, auf der individuellen Ebene ebenso wie auf derjenigen von Organisationen, und zwischen Profession und Disziplin. Die Besonderheit der sozialpädagogischen Vorgehensweise liege darin, Lösungen zu finden, die „für alle Seiten als gerecht angesehen werden können“ (S. 116).
9 Kolloquium 8: Wie stehen soziale Gerechtigkeit und Bildung in der Theorie der Sozialpädagogik zueinander? (S. 119–129)
In diesem Kapitel geht es um die „philosophische und sozialpädagogische Idee des Neukantianismus“ (S. 119) und dessen Begründung von Erziehung, Bildung und Gerechtigkeit. Im Speziellen wird Paul Natorps Bestimmung der Sozialpädagogik zugrunde gelegt. Ausgehend von dessen Satz „Der Mensch wird zum Menschen allein durch menschliche Gemeinschaft“ (S. 121) entfaltet der Autor die Systematik der Sozialpädagogik von Paul Natorp, die „die sozialen Bedingungen der Bildung und die Bildungsbedingungen des Sozialen“ zum Gegenstand hat, und leitet einige Folgerungen, wie z.B. eine Einheitsschule und die allgemeine Volksbildung, ab.
10 Kolloquium 9: Weshalb ist die Theorie der Lebensbewältigung ein sozialpädagogisches Konzept? (S. 131–143)
Unter Rückgriff auf Lothar Böhnisch, Werner Schefold und Wolfgang Schröer führt der Autor in das sozialpädagogische Modell der Lebensbewältigung ein, indem er die drei Dimensionen (psychodynamische, soziodynamische und gesellschaftliche) mit den wesentlichen Inhalten beschreibt und die sich daraus ableitenden Handlungsaufforderungen and die professionelle Soziale Arbeit vorstellt: Akzeptierende Haltung, funktionale Äquivalente und Milieubildung.
11 Kolloquium 10: Warum spricht man von Entgrenzung im sozialpädagogischen Diskurs? Und was bedeutet Diskurs? (S. 145–154)
Entgrenzung, so der Autor, sei nicht erst eine Erscheinung der (Post-)Moderne, sondern, um nur auf Karl Mager zu verweisen, schon mit der Entstehung von Sozialpädagogik einhergehend, weil es ihre Aufgabe sei, „immer wieder die Grenzziehungen des Pädagogischen“ (S. 147) zu hinterfragen. Um sich über die Entgrenzung des Pädagogischen zu verständigen, stellt der Autor drei Diskursbegriffe vor: 1. Den herrschaftsfreien Diskurs von Jürgen Habermas, 2. den seine wissenschaftlichen und politischen Aussagen dekonstruierenden Diskurs (mit Verweis auf Michel Foucault) und 3. den sozialpädagogischen Diskurs von Michael Winkler, der dazu diene, Sozialpädagogik in ihrer Bedeutung für den „Bestand und die Fortentwicklung der Gesellschaft“ (S. 153) zu zeigen.
12 Kolloquium 11: Welche Rolle spielt die Sozialpolitik in der Theorie der Sozialpädagogik? (S. 155–163)
Joachim Henseler greift auf „sozialpädagogische Reformvorschläge zur Überwindung der Sozialen Frage“ (S. 155) (wie etwa Carl Mennicke und Johannes Tews) zurück und ergänzt sie um die Position von Alice Salomon, die mit den sog. sozialen Diagnosen eine stärker sozialpolitische Nuance setzt. Der Autor stellt fest, dass die Sozialpädagogik der einzige erziehungswissenschaftliche Theoriezweig sei, der „die Sozialpolitik in sein Denken aufnimmt“ (S. 157). Im zweiten Schritt erläutert er wie mit der „sozialpolitisch reflexive[n] Pädagogik in der Arbeitsgesellschaft“ (S. 158) in Anlehnung an Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer, eine Verbindung zwischen Sozialpolitik und Sozialpädagogik gedacht werden könne, nicht ohne auf die immanente Gefahr der Sozialdisziplinierung hinzuweisen und sie zu diskutieren.
13 Kolloquium 12: Wie wurde die Sozialpädagogik eine Theorie der Kinder- und Jugendhilfe und weshalb sollte dies auch so bleiben? (S. 165–182)
Um ein Verständnis für die Ausgangsbedingungen des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes (RJWG) und die in ihm garantierten Leistungen herzustellen, greift der Autor einige Beispiele aus der Anwendung der Zwangserziehungsgesetze in sog. Anstalten heraus, erläutert die Absicht, mit der von der Reformpädagogik getragenen Sozialpädagogik den Erziehungsgedanken anstelle der sozialdisziplinierenden Pädagogik der Vergangenheit zu verfolgen. Dass sich in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg in der Umsetzung des RJWG Probleme ergaben und sich rückwärtsgewandte Praktiken wieder durchsetzen konnten, schildert der Autor ebenso wie die unterschiedliche Entwicklung der Jugendhilfe in den Westzonen und in der Ostzone. Weitere Etappen bilden das Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) der 1960er Jahre, die von den Aktivist:innen der Heimkampagnen initiierten Veränderungen der sog. freiwilligen Fürsorgeerziehung, die Verabschiedung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) Anfang der 1990er Jahre und das Kinder- und Jugendhilfestärkungsgesetz (KJSG) mit seinen Implikationen. Der Verfasser unterbreitet jeweils die vorherrschenden Auffassungen zur Sozialpädagogik (z.B. den ersten Vertretern:innen auf Lehrstühlen) als maßgebliche theoretische Grundlage für die Veränderungen der Jugendhilfe.
14 Kolloquium 13: Gibt es Unterschiede zwischen Sozialpädagogik und der Pädagogik der frühen Kindheit? (S. 183–196)
Entstehungsgeschichte, Inhalte, Aufgaben und Selbstverständnis der noch jungen Disziplin, aber sehr lang ausgeübten Profession der Erzieher:innen werden einleitend skizziert und kontextualisiert. Das mit der Einführung von Kindergärten einhergehende „sozialpädagogische Doppelmotiv“ (S. 89) (Betreuung von Kindern und mit dem sozialen Ort einhergehende wissenschaftliche Verwertung), stellt der Autor in Frage und entfaltet die Entstehung des Bildungsauftrags des Kindergartens mit den Anforderungen an die Ausbildung der sozialpädagogischen Fachkräfte. Abschließend stellt Joachim Henseler die „Sozialarbeit in der Kindertagesstätte“ (S. 194) kursorisch dar.
15 Kolloquium 14: Inklusion und spezielle Förderung von Menschen mit Behinderungen. Oder was ist der Unterschied zwischen Heilpädagogik und Sozialpädagogik? (S. 197–209)
Mit einem knappen historischen Exkurs verdeutlicht der Autor, was unter Heilpädagogik zu verstehen sei, nämlich die Herstellung einer relativen Gesundheit und die Steigerung von Lebensqualität. Danach entfaltet er die pädagogische (im Unterschied zur psychiatrischen) „Lehre von den Kinderfehlern“ (S. 199), die – modern gewendet – sowohl in der Heil- als auch in der Sozialpädagogik die Selbstbestimmung und Teilhabe zum Ziel habe. In zwei weiteren Abschnitten arbeitet Joachim Henseler unter Berufung auf Paul Moor den individualpädagogischen Anteil von Heilpädagogik, die sich „in Praxis und Theorie an Personen jeglichen Alters“ (S. 203) mit Behinderung richtet und den gesellschaftspädagogischen Anteil heraus, mit dem Integrations- und Eingliederungshilfe begründet wird, letztlich aber Inklusion mit Hilfe von Assistenzleistungen intendiert ist. Wenn Inklusion ein Menschenrecht sei, so die Schlussfolgerung, müsse sich „Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession darum kümmern“ (S. 209).
16 Kolloquium 15: Wie sieht die Stellung der Sozialpädagogik in einer Theorie der Sozialen Arbeit aus? (S. 211–218)
Unter Rückgriff auf Protagonist:innen von Sozialpädagogik und Sozialer Arbeit geht der Autor der Frage nach, ob die Sozialpädagogik mit Sozialer Arbeit und vice versa etwas anfangen könne und resümiert, dass beide viele Themenbereiche gemeinsam bearbeiten würden. Danach stellt er die drei Betrachtungsweisen zum Verhältnis von Sozialpädagogik und Sozialer Arbeit vor: a) die Konvergenzthese, b) die Divergenz-These und c) die These vom disziplinären Konflikt. Mit Verweis auf Franz Hamburger und Helmut Lambers konstatiert der Autor, dass die Aufgabe der Sozialpädagogik u.a. darin liege, der Sozialen Arbeit die Entwicklungsfähigkeit des Subjekts vor Augen zu halten und die Pädagogik an dessen soziale Einbettung zu erinnern, was wiederum eine sozialpolitische Dimension habe, die der Sozialen Arbeit wichtig sein müsse.
17 Ein kurzes Fazit und weitere Fragen (S. 219–223)
Der Verfasser reflektiert seine Rolle als Hochschullehrer und die von ihm didaktisch arrangierte Anordnung der Inhalte, sein Vorgehen und auch seine Lehrziele. Zudem resümiert er die Inhalte der 15 Kolloquien für das Semester als Antwort auf die Rolle der Sozialpädagogik in der Theorie der Sozialen Arbeit.
Diskussion
In diesem Buch spricht ein in Sozialpädagogik ausgewiesener Experte über sozialpädagogische Theorieansätze, die Relevanz haben für Disziplin und Profession Soziale Arbeit. Für ihn liegt es auf der Hand, mit einem Gang durch die Historie darzulegen, wie „das Soziale“ von der Pädagogik aufgenommen wurde, in sozialdisziplinierender wie in aufklärerischer Absicht gleichermaßen. Für Joachim Henseler ist angesichts der verschiedenen Stränge, die Sozialpädagogik begründet haben, Soziale Arbeit ohne den sozialpädagogischen Anteil nicht denkbar. Diese Botschaft durchzieht das Buch, ohne dass der Autor Spannungen im Verhältnis von Sozialpädagogik und Soziale Arbeit schüren möchte. An die Studierenden gerichtet vertritt er den Studiengang Soziale Arbeit und die Relation zu den Wissensbeständen der sog. Bezugswissenschaften sowie die Doppelbezeichnung Sozialarbeiter:in/Sozialpädagoge:in, auch wenn dies in der Orientierungsphase und für die Erstsemester verwirrend sein kann.
Didaktisch hat sich Joachim Henseler für Kolloquien entschieden, um mit den Studierenden in ein Gespräch zu kommen. Seiner Intention getreu legt er die Zielsetzung der Kolloquien offen und formuliert vor- und nachbereitende oder begleitende Aufgaben. Die Themenauswahl ist davon geleitet, das „sozialpädagogische Problem und entsprechende Antworten“ fassen zu können. Ein Kolloquium ist so gestaltet, dass Aspekte von Antworten auf die in den Überschriften formulierten Fragen zugänglich werden. Manche Kapitel fokussieren dabei auf einzelne Theoretiker (z.B. Paul Natorp oder Michael Winkler), andere Kolloquien geben die Entwicklung eines Sachverhalts über die Epochen bei mehreren Autor:innen wider. In jedem Fall setzt das Buch eine intensive Beschäftigung mit der Geschichte voraus, ist ohne eine parallel verlaufende oder verschränkte Einführung in die Geschichte der Sozialen Arbeit kaum denkbar. Lehrende, die das Lehrmedium einsetzen wollen, seien auf diese Anforderung hingewiesen. Dass es sich bei einem Zuschnitt auf ein Semester nur um eine Auswahl an Themen handeln kann, ist mehr als verständlich. Dass der Verfasser dabei nach seiner Priorisierung vorgegangen ist, ebenso. An einigen Stellen der Publikation wird deutlich, wo der Autor seine eigenen Ideen zum Ausdruck bringt und dabei ausführlicher (z.B. bei Pädagogik der frühen Kindheit) wird als zu erwarten wäre. Auch scheut er sich nicht, die Auswahl in die Riege der Klassiker der Sozialpädagogik zu kritisieren.
Laut Verfasser adressiert die Publikation Studierende in den Anfangssemestern. Für sie erläutert er in den Fußnoten verständnisrelevante Begriffe, definiert Kernelemente und verweist auch auf andere Kapitel. Der Autor empfiehlt, bei der Lektüre die Reihenfolge der Kapitel einzuhalten, wobei nur manche Themen zwingend an die vorhergehenden gebunden sind. Gelegentlich wirken die Übergänge zwischen den Kapiteln leicht konstruiert (z.B. zwischen Kolloquium 6: Armut und Kolloquium 7: Konflikt), aber nachvollziehbar. Lehrenden und Studierenden verlangt der Verfasser mit dem Lehrmedium ein gehöriges Maß an Kondition ab.
Fazit
Ein gehalt- und anspruchsvolles Buch, das zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Inhalt und der Interpretation des Autors reizt. Als Begleitbuch für das gesamte Studium der Sozialen Arbeit ist es wärmstens zu empfehlen.
Rezension von
Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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