Anke Lengning, Nadine Lüpschen: Bindung
Rezensiert von Tobias Hinrichs, 11.05.2026
Anke Lengning, Nadine Lüpschen: Bindung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 3. Auflage. 112 Seiten. ISBN 978-3-8252-6458-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 26,90 sFr.
Thema und Entstehungshintergrund
Dieses Buch führt in die Perspektive der Bindungstheorie auf menschliche Beziehungen mit ihrem besonderen Schwerpunkt auf die kindliche Entwicklung ein. Es richtet sich insbesondere an Studierende der Fachrichtungen Psychologie, Pädagogik, Soziale Arbeit, Lehramt und Medizin.
Die überarbeitete dritte Auflage des Buches gibt auf knapp hundert Seiten eine kritische Einordnung der traditionellen Annahmen der Bindungstheorie in den aktuellen Forschungsstand. Abgesehen von den aktualisierten Quellennachweisen und dem neuen Koautor Carsten Alexander Wiemers lassen sich jedoch keine signifikanten Änderungen zu den bisherigen Auflagen feststellen.
Autor:innen
Bis 2025 war die Dipl. Psych. Prof. Dr. Anke Lengning als Professorin für Angewandte Entwicklungs‑ und Gesundheitspsychologie an der HSD Hochschule Döpfer in Köln tätig. Heute ist sie selbstständig.
Carsten Alexander Wiemers, M. Sc., Psychologe und staatlich anerkannter (Heim-) Erzieher, ist in einer Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Bad Wildungen-Reinhardshausen tätig.
Aufbau
Der Inhalt gliedert sich in drei Hauptabschnitte. Nach einer kurzen Einführung zum Inhalt und zum Zweck des Buches sowie zur Zielgruppe folgt der Hauptteil, der sich mit den folgenden fünf Fragen befasst:
- Was ist die Bindungstheorie? (S. 9–40)
- Wie lassen sich individuelle Bindungsunterschiede feststellen? (S. 41–56)
- Beeinflusst Bindung unseren Umgang mit Emotionen? (S. 57–69)
- Kann Bindung auch pathologisch sein? (S. 70–81)
- Wie lässt sich eine sichere Bindung fördern? (S. 82–96)
Im Anhang befinden sich ein hilfreiches Glossar, ein Literaturverzeichnis sowie ein knappes Sach‑ bzw. Personenregister.
Inhalt
Lengning und Wiemers beginnen mit dem umfangreichsten Kapitel des Buches und geben eine Einführung in die Grundlagen der Bindungstheorie. Ausgehend von John Bowlby und Mary Ainsworth spannen die Autor:innen den Bogen über die wesentlichen Begriffe der Bindungstheorie bis in die Gegenwart und stellen aktuelle Forschungsergebnisse vor. Dabei wird insbesondere die kritische Weiterführung der traditionellen Ansätze deutlich. Nach jeder Darlegung einer Grundlage erfolgt eine Einordnung in die heutige Forschung. So wird beispielsweise der postulierte Zusammenhang zwischen Bindung und Exploration (S. 12 f.), die Annahme, dass die sichere Bindung die beste Bindung sei (S. 22 f.), die Annahme, dass es keine geschlechtlichen Unterschiede in der Bindungssicherheit gibt (ebd.), usw. meist als eurozentrisch betrachtet und mit anderen Kulturen verglichen bzw. aufgrund neuer Forschungsergebnisse weitergeführt.
In Kapitel 2 werden verschiedene Verfahren zur Erfassung der Bindungsmuster und der Feinfühligkeit vorgestellt, die im deutschsprachigen Raum verwendet werden. Dabei wird einleuchtend zwischen zwei Ebenen unterschieden: der expliziten Ebene, in welcher Bindungserfahrungen explizit thematisiert werden (bspw. das AAI), und der impliziten Ebene, auf welcher bspw. durch den „Fremde-Situation-Test“ das Verhalten des Kindes indirekt über die Bindungsmuster erfasst werden soll (S. 41). Dabei endet jede Vorstellung der insgesamt acht Modelle mit Hinweisen zur Prüfung der Gütekriterien eines Verfahrens.
Das darauffolgende Kapitel stellt den Zusammenhang zwischen Bindung und Emotionen her. Dabei geht es primär um den Einfluss der Erziehungspersonen als Prototyp für die intrapsychische Regulation von Kindern. Es wird aufgezeigt, dass das Bindungsmuster einen direkten Einfluss auf die Emotionsregulation eines Kindes hat – sei er positiv oder negativ. Dabei wird davon ausgegangen, dass eine sichere Basis einen effektiveren Umgang mit Emotionen ermöglicht.
In Kapitel vier geht es um eine Einführung in Bindungsstörungen. Die Autor:innen gehen dabei ausschließlich auf die Klassifikationssysteme DSM-V und ICD-10 ein. In diesem Kapitel wird vor allem deutlich, dass es bisher an Forschungsergebnissen mangelt, die die Diagnostik, Prävalenz, Prognose und Interventionsmaßnahmen im Rahmen der Bindungsstörung empirisch absichern können.
Das letzte Kapitel bietet eine kurze Einführung in Programme, die im deutschsprachigen Raum genutzt werden und bei der Förderung von sicheren Bindungen helfen sollen. Dabei werden die Programme hinsichtlich ihrer Dauer, ihres Adressatenkreises, ihrer Durchführung und ihrer Wirksamkeit dargestellt. Thematisiert werden der „Kreis der Sicherheit“ (Circle of Security), STEEP (Steps Toward Effective Enjoyable Parenting), die Entwicklungspsychologische Beratung und SAFE (Sichere Ausbildung für Eltern).
Diskussion
Als Student der Sozialen Arbeit kann ich die positiven Bewertungen früherer Auflagen bestätigen: Das Buch ist „ein gut strukturiertes, klares Lehrbuch“ (Heekerens 2012) und bietet „eine gründliche und anregende Einführung“ (Halfpap 2012). Besonders wertvoll ist die kritische Aufarbeitung vergangener Annahmen der Bindungstheorie, die zur Reflexion anregt. Wichtig bleibt dabei die Warnung der Autor:innen, dass das Buch nicht „dazu befähigt, andere Menschen in Bezug auf ihre Bindung einzuschätzen oder die beschriebenen Verfahren ohne entsprechende Schulung einzusetzen“ (Lengning/​Wiemers 2025, S. 8).
Dennoch ergeben sich kritische Nachfragen, da auffällig ist, dass die „noch ungeklärten Aspekte bzw. deutliche Kritikpunkte“ (ebd.) der Bindungstheorie nicht ausführlicher diskutiert werden. Kritik wird zwar erwähnt, aber Leser:innen werden oft damit allein gelassen, ohne dass gravierende Kritikpunkte zueinander in Beziehung gesetzt werden. Zentral bleibt bspw. die Frage, warum sichere Bindungen gefördert werden sollen (Kapitel 5), wenn festgestellt wird, dass „sichere Bindungsmuster häufig in westlichen Kulturen als optimal angesehen“ werden (S. 22), während in anderen Kulturen andere Bindungsmuster erwünscht sind? Ohne eine vertiefte Diskussion besteht die Gefahr, dass unsichere Bindungsmuster vorschnell normativ bewertet werden. Das WEIRD-Problem der Psychologie – die Überrepräsentation westlicher, gebildeter, industrialisierter Gesellschaften in der Forschung – bleibt unbehandelt, obwohl es die theoretischen Grundlagen der Bindungstheorie fundamental betrifft (vgl. Keller 2021; Keller 2025; Zentner 2025). Die Schwerpunktsetzung legt damit den Fokus stärker auf Diagnostik und Intervention als auf eine grundlegendere Theoriekritik.
Fazit
Das Buch stellt eine fundierte, gut verständliche Einführung in die Bindungstheorie dar und eignet sich hervorragend für Studierende verschiedener Disziplinen, die eine kompakte Übersicht suchen. Die Stärken liegen zudem in der Verknüpfung aktueller Forschung mit kritischen Reflexionen der Theorie.
Quellen
Halfpap, Klaus (2012): Anke Lengning, Nadine Lüpschen: Bindung. online unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/​13970.php (Zugriff am 30.4.2026).
Heekerens, Johannes (2012): Anke Lengning, Nadine Lüpschen: Bindung. online unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/​13563.php (Zugriff am 30.4.2026).
Keller, Heidi (2021): Mythos Bindungstheorie: Konzept, Methode, Bilanz. 2., überarbeitete Auflage. Aufl. Weimar: verlag das netz.
Keller, Heidi (2025): Die Bindungstheorie. Kritische Anmerkungen zu Grundlagen und Anwendung. In: Familiendynamik Jg. 50, H. 3, S. 220–227.
Lengning, Anke/Wiemers, Carsten Alexander (2025): Bindung. 3., überarbeitete Auflage. Aufl. Stuttgart: utb GmbH.
Zentner, Marcel (2025): Wider den Bindungszwang. Reflexionen zu drei prägenden Prämissen der Bindungsforschung. In: Familiendynamik Jg. 50, H. 3, S. 206–218.
Rezension von
Tobias Hinrichs
Bachelorstudent an der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel
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