Senka Karić: Religiöse Werte als Orientierung für das fachliche Handeln?
Rezensiert von Prof. Dr. Ralf Hoburg, 22.12.2025
Senka Karić: Religiöse Werte als Orientierung für das fachliche Handeln? Eine rekonstruktive Studie mit sozialpädagogischen Fachkräften christlicher Wohlfahrtsverbände im Feld der Hilfen zur Erziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 205 Seiten. ISBN 978-3-7799-7704-9. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
Thema und Entstehungshintergrund
Der Anlass der Publikation ist eine wissenschaftliche Untersuchung in einem empirischen Feld, das bislang eher weniger von sozialwissenschaftlicher Seite betrachtet worden ist. Es bleibt offen, ob es sich hier um die Veröffentlichung einer Dissertation handelt, es ist aber davon auszugehen. In der Einleitung stellt die Verfasserin mit Rückverweis auf die Literatur fest, dass die Datenlage zu den Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege als unbefriedigend einzuschätzen ist. Wenn vor allem Caritas und Diakonie als christliche Wertegemeinschaften zu bezeichnen sind, stellt sich die Frage, wie es sich dann mit dem christlichen Wertekern verhält? Kann – wie in der Literatur vermutet – vor dem Hintergrund einer ökonomischen Transformation der Freien Wohlfahrtspflege – gar von einem „Verlust ihrer konfessionellen Identität“ (S. 10) gesprochen werden oder auf welchen Feldern ist religiöse Orientierung nachweisbar? Dieser Frage möchte die Autorin in einer sozialempirischen Studie nicht an den Organisationen selbst, sondern anhand der Wertorientierungen von Mitarbeitenden spezifisch bei Caritas und Diakonie nachgehen. Die Leitfrage und das zentrale Thema der Arbeit besteht darin, „inwiefern sich christliche Wertbezüge in der Arbeit von Caritas- und Diakoniefachkräften herausarbeiten lassen.“ (S. 12). Der Hintergrund der Studie dürfte in den wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkten der Verfasserin selbst liegen.
Autorin
Die Autorin Dr. Senka Karić ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim mit den Arbeitsschwerpunkten zu Sozialer Arbeit und Religionen, Weltanschauungen und Wohlfahrtspflege, Internationalisierung und Transnationalität in der Kinder- und Jugendhilfe. Die Verfasserin ist auf qualitative Sozialforschung spezialisiert.
Aufbau
Die vorliegende Monografie ist streng nach dem Aufbauprinzip empirisch sozialwissenschaftlicher Studien konzipiert. Am Beginn steht in Kapitel 2 nach der Einleitung eine diskurstheoretische Bearbeitung um die christliche Identität der beiden zu untersuchenden Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie, wobei Kap. 2.2 den Horizont durchaus auf den gesamten Bereich des Wohlfahrtssektors ausdehnt. Im Vordergrund stehen vor allem der Abgleich zwischen der Fremdwahrnehmung im Rahmen sozialwissenschaftlicher Literatur und der Selbstwahrnehmung, die durch die Analyse der verbandlichen und theologischen Positionierungen erarbeitet wird. Das folgende Kapitel 3 befasst sich damit, anhand der Kulturtheorie Karl Mannheims dem Begriff des Christlichen eine Bedeutung zuzumessen, die dann als theoretische Grundlage für den empirischen Teil der Arbeit dienen kann. Mit Kapitel 4 setzt dann der eigentliche empirische Teil ein, der vor allem zunächst die methodologische Grundlage für die Anwendung der dokumentarischen Methode der Sozialforschung erläutert. Die Kapitel 5 und 6 enthalten dann den auswertenden und interpretativen Teil der Untersuchung, der versucht eine Typologie religiöser Wertbezüge zu entwickeln und diese dann vor allem in Kapitel 6 in einen Kontext von Sinnbezügen und Handlungen sowie der Kontextualisierung von Klienten und Kirche stellt. Mit einer Zusammenfassung und einem thematischen Fokus auf das „Christliche“ als einer handlungsleitenden Orientierung endet die Arbeit. Der Aufbau der Arbeit ist stringent und die Ergebnissicherung am Ende eröffnet Perspektiven für neue Forschungen.
Inhalt
Kapitel 2 beginnt einleitend mit der Überlegung, dass im Zuge einer Ökonomisierung bzw. Vermarktlichung des Wohlfahrtssektors die weltanschaulichen Grundlagen zugunsten einer Effizienzorientierung zurückgedrängt wurden. (S. 15) Die Frage wird gestellt, weshalb überhaupt Caritas und Diakonie als „christliche Akteure“ zu betrachten sind. (S. 16) Mit Verweis auf die eher ältere Literatur (Gabriel, Olk, Sachße/Tennstedt) wird zunächst in historischer Ableitung die Einbindung der christlichen Träger in das subsidiäre Modell des Wohlfahrtsstaates dargestellt und festgehalten, dass trotz Modernisierung und Säkularisierung das konfessionelle Feld im Sozialstaat erhalten blieb. Aufgrund der Transformationsprozesse, wie sie die Verfasserin im Literaturdiskurs der Sozialwissenschaften ab 2008 findet, wird eine eher grundsätzliche Kritik an einer normativen Neuausrichtung sozialstaatlichen Wirkens erkannt. (S. 27) Die Kritik wird einerseits an der privilegierten Stellung wie dann auch am Mangel einer hinreichenden Unterscheidbarkeit festgemacht. (S. 31) Die Legitimität der weltanschaulichen Fundierung wird in der Literatur – so die Verfasserin – „offen zur Diskussion“ gestellt und die Behauptung aufgestellt, in der Literatur zeige sich der von den konfessionellen Trägern „widerstandlos“ angenommenen „Autonomie- und Einflussverlust“. Die Begründung hierfür liefere die Tatsache, dass sich die berufliche Praxis der Mitarbeitenden zwischen den konfessionellen und nicht-konfessionellen Trägern kaum mehr unterscheide. Auf S. 43 kommt die Verfasserin dann zu dem entscheidenden – durchaus bis heute geltenden und vom Rezensenten selbst mehrfach angemerkten Befund –, dass hier zwei voneinander getrennte Diskurse zwischen Sozialwissenschaft und Theologie geführt werden. Dem in Kap. 2.1 so dargestellten Diskurs der sozialwissenschaftlichen Literatur wird dann in Kap. 2.3 das Selbstbild konfessionell verbandlicher Positionierungen entgegengestellt. Es wird festgestellt, dass die Wohlfahrtsverbände als auch die wissenschaftliche Literatur deutlich ab 2017 an der Tendenz einer „verstärkten Sichtbarkeit“ arbeiten und den Markenkern christlicher Wohlfahrtspflege herausarbeiten. Mit Bezugnahme auf Lob-Hüdepohl wird der Ansatz erwähnt, dass die Arbeit christlicher Träger mehr als lediglich eine Dienstleistung sein sollte. (S. 45) Die Verfasserin greift sodann einen Aspekt aus der Arbeit von Thorsten Moos von 2018 auf, der von einem Kulturbegriff ausgeht und anmerkt, dass durchaus ein Unterschied zwischen konfessionellen und nicht-konfessionellen Trägern „erfahrbar“ sei. (S. 41) Hier ginge es – so die Rezeption der Literatur – letztlich um „Motivation“ der Mitarbeitenden. Erwähnt werden sollte vor diesem Hintergrund die Überlegung der Verfasserin mit Blick auf die Literatur, dass nicht das Religiöse, sondern wohl eher der Kirchenbezug in den konfessionellen Wohlfahrtsverbänden fragil erscheint. Die aus der Literatur gewonnenen Erkenntnisse sind nach Ansicht der Verfasserin bislang wenig empirisch valide belegt. Die vorliegende Arbeit hat hier das Ziel an dieser Forschungslücke zu arbeiten.
Kapitel 3 stellt dann vor die empirische Studie einen theoretisch begründeten und auf die Methodologie abzielenden Teil an, dessen zentrale Argumentation an der kultur- und wissenssoziologischen Theorie von Karl Mannheim orientiert ist. Das Ziel besteht in der wissenssoziologischen Beschreibung dessen, was im Hintergrund der Arbeit als das „Christliche“ verstanden werden soll mit der Perspektive, die christlichen Wertbezüge in den Orientierungen von Fachkräften in Caritas und Diakonie empirisch herauszuarbeiten. Die Verfasserin bezieht sich auf den Begriff der christlichen Weltanschauung von Mannheim und der sich daraus ableitenden christlichen Wertbezüge (S. 54) Die christliche Weltanschauung ist als übergeordnetes Sinnsystem zu beschreiben, in das dann Handlungen und ihre sinnhaften Deutungen in den gelebten Alltag integriert werden können. Die Mitte findet dieser Prozess in der Beschreibung von Mannheims Theorie in dem „konjunktiven Erkennen“, das sich in Sprach- und Denkformen äußert (S. 56) sowie auch im gemeinsamen Erleben, was dann im Diskurs erschlossen werden kann. Die konjunktive Erfahrungsgemeinschaft teilt einen Erfahrungsraum. (S. 59) Für Mannheim – so die Verfasserin – bildet die Sprache einen zentralen Gegenstand, in dem die Erfahrungen zu Worte kommen und diese stereotypisiert werden. Die Theorie Mannheims gilt der Verfasserin als Hintergrund, um durch sie einen „Zugang zur empirischen Rekonstruktion des Christlichen“ zu erhalten. (S. 68)
Kapitel 4 entfaltet vor der Präsentation und Auswertung des gewonnenen Datenmaterials zunächst die methodologische Grundlegung des Verfahrens. Gewählt wird die Dokumentarische Methode nach Bohnsack, die den Ansatz Mannheims weiterführt. Es geht darin um die Rekonstruktion des Sinns, die durch die Subjekte selbst zur Sprache kommen und das Heben des Wissens, „über welches die Beforschten selbst verfügen“. (S. 72) Dabei wird die Annahme verfolgt, dass „christliche Wertbezüge sich, sofern vorhanden, jeweils in praxi herstellen – und aus dieser Praxis heraus rekonstruieren lassen“. (S. 73f) Im Zentrum der Rekonstruktion steht die christliche Weltanschauung über den Zugang der konjunktiven Erfahrungen und ihrer sprachlichen und deutenden Artikulation. Eingebettet ist dies in die Interaktion zwischen Organisation und Klienten, wobei die Autorin auf S. 78 vermutet, dass es ein Spannungsverhältnis der organisationalen Rahmung und der Handlungspraxis der Akteure geben könnte. Das empirische Verfahren der Datenerhebung selbst erfolgt anhand von Gruppendiskussionen, aus denen die reproduzierenden und handlungsleitenden Kategorien erhoben werden sollen, die dann zu einer Typenbildung führen. Den Teilnehmenden – so die Prämisse – soll es selbst überlassen werden, was in ihrer Deutung das Christliche zu nennen verdient. Sie sind demnach selbst die Produzenten des Sinngehaltes des Christlichen. (S. 86)
Kapitel 5 wertet die Interviews aus und gelangt hierbei zu einer gewissen Typologie. Die Basistypik wird auf S. 92 vorgestellt, bei der es um eine „Unsicherheit als Grundkomponente der Arbeit in herausfordernden Fällen“ handelt. Es werden dann verschiedene Handlungsstrategien als Typen des Umgangs mit der Basistypik differenziert und je nach Gruppen (gelb, blau, grün) vorgestellt. S. 94 stellt diese dann in einer Grafik vor. Mit Textbelegen aus den Interviews werden diese dann entwickelt und die sich herauskristallisierenden Strategien in jeweils einer Zusammenfassung präzisiert. Eine Stärke der Gruppe blau liegt in der Deutung der eigenen Wahrnehmung und die Interaktion auf die Klienten. (S. 137) Nach der Autorin konnte eine „fallspezifische Verschiebung von Verantwortung auf gesamtgesellschaftliche Mißstände und Problemlagen“ (S. 137) erkannt werden. Diesen Aspekt nimmt die Rezension hier im Bereich der Diskussion nochmals auf. Hervorstechend ist in Kapitel 5 letztlich die Gruppe „grün“, die als Handlungsstrategie anhand „argumentative(r) Reflexion in christlicher Rahmung“ vornimmt. (S. 94) Dies wird von der Autorin vor allem daran festgemacht, dass die Teilnehmenden des Interviews als Haltung Wertschätzung, Anerkennung und auch Demut thematisieren. Dies bezieht sich auf die Haltung gegenüber den Klienten, die in einer – so die Autorin – „weiteren Rahmung christlicher Nächstenliebe“ (S. 155) als liebenswert und bedingungslos anzunehmen charakterisiert werden.
Kapitel 6 widmet sich jetzt auf der Grundlage der erkannten Typologie dem Auffinden der christlichen Bezüge in der beruflichen Praxis. Zunächst wird via negationis festgehalten, dass grundsätzlich in keiner Gruppendiskussion infrage gestellt wurde, dass die eigene Arbeit auf „Werten oder Haltungen“ basiert. (S. 158) Versucht man eine positive Ergebnissicherung, so lassen die Daten erkennen, dass die Gruppen gelb und blau „keine christlichen Wertbezüge“ erkennen ließen. Erkennbar ist aber, dass wenn über das Thema von christlichen Wertbezügen gesprochen wird, „diese in den Kontext ethischer oder normativer Fragen“ eingeordnet werden. (S. 158) Zurückgewiesen wird der Zusammenhang der Wertbindung der eigenen Arbeit mit einer „christlichen Wertbindung des Trägers“. Nur am Rande wird erwähnt, dass religiöse Inhalte, die durch Biographie erlebt, als „persönliche Ressource im Umgang mit herausfordernden Situationen beschrieben werden.“ (S. 159) Dies führt dazu, dass die Mitarbeitenden durch ihre persönliche Wertbindung die Verbindung zur christlichen Haltung herstellen. Religion ist dann eine „persönliche Ressource“ (S. 159). Als religiöse Aspekte werden die Besonderheit des Feierns christlicher Feste gewürdigt. Generell wird in den Interviews eine Tendenz des Missionarischen durch die Träger strikt abgelehnt. Christliche Bezüge sollten nicht „übergestülpt“ werden (S. 166). Interessant ist die Bewertung, dass die Institution Kirche als eine Art Negativfolie betrachtet wird, von der man sich gerne distanzieren möchte. Kirche – so offenbaren die Interviews – wird als Institution „rückwärtsgewandt“ gesehen (S. 168). Hierzu passt die Einschätzung der als Restriktion empfundenen Tatsache, dass der Kirchenaustritt oft als Kündigungsgrund gesehen wird. Für die Befragten gilt: Die eigene Wertebildung wird von einer konfessionellen Bindung getrennt. (S. 172)
Im Fazit und Ausblick betont die Verfasserin in bestimmten Kernaussagen die erarbeiteten Erkenntnisse. Hierzu gehört erstens die Erkenntnis, dass die neuere diakoniewissenschaftliche Literatur im sozialwissenschaftlichen Diskurs bisher nicht wahrgenommen wurde. Ebenfalls wird festgehalten, dass das Postulat eines Abschieds von der konfessionellen Identität empirisch bislang nicht bestätigt werden konnte.
Diskussion
Die Arbeit bietet viele Ansatzpunkte für eine vertiefte Diskussion. Über den in der Arbeit rein for-mal verwendeten Religionsbegriff ließe sich viel diskutieren. Es fragt sich, ob die Theorie Karl Mannheims hier die richtige Wahl war. Die Kultursoziologie Mannheims weist eine spezifische Per-spektivik auf. Das „Religiöse“ kommt daher nur gebrochen durch diese spezifische Brille zum Tra-gen – vor allem wenn man auf den Terminus der „Weltanschauung“ abhebt. Die Erkenntnisse der neuen Religionssoziologie kommen deshalb gar nicht zu Worte. Hier bestreite ich die These, dass das Christliche mit dem Begriff der Weltanschauung epistemiologisch umfassend beschrieben wer-den kann. Der – auch in der Soziologie andernorts – benutzte Terminus „Sinngebilde“ mit dem Ziel einer individuellen Deutungsleistung verweist ja eher auf das Phänomen individueller Apperzepti-on. Um diesem Phänomen empirisch näher zu kommen hätte die Arbeit – auch wenn sie primär bei Karl Mannheim bleiben will – so doch zumindest die Breite des neueren religionssoziologischen Diskurses benennen und zur Kenntnis nehmen und dann im Theorieteil mit Mannheims Ansatz verbinden können. In Kapitel 6 und in verschiedenen Interviewteilen kommt ja ein Bezug etwa auf das Heilige (z.B. in der Wertschätzung von Festen und Ritualen) vor oder wird eingeräumt, dass eigene biographisch erlebte christliche Wertbezüge Interpretationsmuster aufzeigen. Dass diese in Gruppeninterviews vielleicht nicht so evident werden wie in leitfadengestützten Einzelinterviews verweist m.E. auf die Relativität und nur begrenzte Validität sozialempirischer Untersuchungen.
Interessant – bzw. aus der Sicht der christlichen Träger wie Caritas und Diakonie eher ernüchternd – ist das Nichtvorhandensein einer Konnexivität zwischen christlichen Werten des Trägers und der Wertebildung der beruflich Tätigen. Teilweise wird formuliert, dass die Mitarbeitenden es wichtig finden in Bezug auf Glaubensäußerungen und Wertbezügen „unbehelligt von organisationaler Ein-flussnahme zu sein“ (S. 161) – was ja eine „Klatsche“ ins Gesicht der Organisationen darstellt. Christliche Werthaltungen – so die Einschätzung während meiner Lektüre – gehen letztlich auf in einem eher nebulösen Begriff von Ethik. (S. 158) Ein Wissen über die Spezifik christlicher Wertvor-stellungen wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit ist eher nicht vorhanden, es sei denn durch eige-ne christliche Sozialisation. Kritisch ist hier zu sehen, dass die lediglich am Rand vorkommende Be-merkung auf S. 159 über religiöse Inhalte als persönlicher Ressource nicht ernst genommen wird. Genau dies aber sind die intrinsischen Ressourcen eines beruflichen Handelns, die Deutungsmuster implizieren. Und darum sollte es ja in der Untersuchung gehen.
Ebenfalls kommt der gesamte neuere diakoniewissenschaftliche Diskurs in der Arbeit nicht vor, der eine vertiefte Begriffsdiskussion zur Diakonie aufweist (Sigrist, Eurich u.a.) wie auch intensiv sozial-wissenschaftlich den Diskurs zwischen helfen als prosozialem Handeln und religiösen Handlungs-vollzügen (Albert) entschlüsselt. Die von der Autorin diagnostizierte gegenseitige Nicht-zur-Kenntnisnahme der Diskurspartner wird durch sie selbst leider fortgesetzt. Lediglich bei der Spezifik christlicher Wohlfahrtsverbände wird anhand von Haas und Starnitzke der kirchlich-theologische Bereich erläutert. Fasst man die Ergebnisse inhaltlich knapp zusammen bei der Frage nach der Rekonstruktion des Christlichen fällt die Bilanz eher ernüchternd und knapp aus: In zwei von drei Interviewgruppen konnten keine christlichen Wertbezüge in den handlungsleitenden Orientierungen der Fachkräfte herausgearbeitet werden. Wichtig sei – so ein Ergebnis – den Mitarbeitenden allerdings Ostern, Weihnachten und Sommerfeste zu feiern – komisch, dass in einer Gesellschaft der Vielfalt hier nicht bei den Mitarbeitenden Feste wie der muslimische Ramadan oder das jüdische Laubhütten- und Pessach-Fest von den Interviewten erwähnt wird.
Ich stimme im Übrigen der Autorin zu in der Schlussfolgerung mehr die „Wahrnehmung weltan-schaulicher Grundlagen in verschiedenen sozialpädagogischen Diskursen“ (S. 195) in den Blick zu nehmen. Es wäre spannend, die Analyse weltanschaulicher Grundlagen in der Sozialen Arbeit ideo-logiekritisch in der Tradition der Frankfurter Schule auch auf die aktuell viel diskutierten postkolo-nialistischen, feministischen Ideologismen in der Fachdiskussion bzw. den gesamten Diskurs des Rassismus auszuweiten. Die Darstellung auf S. 182–183 bietet dazu Anlass.
Fazit
Der vorliegende Band bemüht sich um die wissenschaftliche Einordnung des bislang zu wenig be-achteten Themas religiöser bzw. dann auch „normativer“ Werteinstellungen von Mitarbeitenden. Die in der Auswertung der Interviews erfolgte Typologisierung von Werteinstellungen enthält Hin-weise auf eine notwendige Wirkungsforschung von curricularen Ausbildungsinhalten in Studiengän-gen. Im Endeffekt zeigt die Arbeit den ernüchternden Tatbestand einer Wirkungslosigkeit der bis-herigen Bemühungen der konfessionellen Wohlfahrtspflege um die Schärfung des christlichen Pro-fils bei Mitarbeitenden der letzten 20 Jahre.
Rezension von
Prof. Dr. Ralf Hoburg
Hochschule Hannover, Lehrgebiet Sozialwirtschaft und Theorie des Sozialstaats
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