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Silke Schwarz: Psychotherapie bei Partnerschaftsgewalt

Rezensiert von Henny Isabella Lindgren, 10.02.2026

Cover Silke Schwarz: Psychotherapie bei Partnerschaftsgewalt ISBN 978-3-17-044785-1

Silke Schwarz: Psychotherapie bei Partnerschaftsgewalt. Herausforderungen in der Arbeit mit betroffenen Frauen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 146 Seiten. ISBN 978-3-17-044785-1. 35,00 EUR.

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Thema

Partnerschaftsgewalt umfasst vielfältige Formen von Gewalt innerhalb bestehender oder aufgelösten Paarbeziehungen. Dabei handelt es sich selten um ein singuläres Ereignis, sondern beschreibt eine häufig langandauernde Dynamik, die von Macht- und Kontrollausübung gegenüber der betroffenen Person geprägt ist. Frauen und Kinder deutlich häufiger von Partnerschaftsgewalt betroffen als Männer. Das Buch fokussiert daher Frauen als Betroffene von Gewalt. Es befasst sich mit den besonderen Herausforderungen in der therapeutischen Arbeit mit von Gewalt betroffenen Frauen und vermittelt theoretisch fundiert und praxisnah umfassende Fachkenntnisse zu Partnerschaftsgewalt und Traumaarbeit. Partnerschaftsgewalt ist ein gesellschaftliches Problem, sodass neben den individuellen Aspekten der Fokus auf das vernetzte Arbeiten, die rechtlichen Rahmenbedingungen und die von der Gewalt mitbetroffenen Kinder gelegt wird. Schließlich sensibilisiert das Buch für die vielschichtigen Zusammenhänge des nach wie vor tabuisierten Themas, damit den Bedarfen der Betroffenen fachgerecht begegnet werden kann.

Autorin

Dr. phil. Silke Schwarz ist approbierte Psychotherapeutin in eigener Niederlassung, wissenschaftliche Referentin und Sprecherin der Arbeitsgruppe Psychische Gesundheit gewaltbetroffener Frauen im Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Gesellschaft und Psychotherapie e.V. Sie hat eine langjährige Erfahrung in der psychotherapeutischen Begleitung von Gewaltbetroffenen und war viele Jahre in einem Frauenhaus und für das Traumanetz Berlin, S.I.G.N.A.L. e.V. tätig.

Entstehungshintergrund

Die Sensibilisierung für das Thema häusliche Gewalt bzw. Partnerschaftsgewalt ist in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren gestiegen, es bleibt jedoch ein tabuisiertes Feld. Im Rahmen der Ausbildung von Psychotherapeut*innen wird der fachliche Umgang mit gewaltbetroffenen Klient*innen häufig stark vernachlässigt. Dies betrifft insbesondere die Kenntnis über Gewaltdynamiken sowie die Notwendigkeit, Bedarfe der mitbetroffenen Kinder im Blick zu behalten. Die Entwicklung einer feministischen Haltung trägt dazu bei, die gesellschaftlichen Strukturen, die Gewalt durch Männer an ihren Partnerinnen begünstigen, in der Therapie mit einfließen zu lassen. So werden die gewaltbetroffenen Frauen mit den Folgebelastungen nicht auf ihre individuellen Faktoren reduziert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst eine Einleitung, acht Kapitel, ein Literaturverzeichnis, einen Anhang mit Kontaktdaten und Links zu weiterführenden Informationen, Literatur, Beratungsstellen und Dachverbänden sowie ein Stichwortregister. Die einzelnen Kapitel enthalten fachliches Wissen, zahlreiche kurze Fallbeispiele und Empfehlungen für die Umsetzung in der therapeutischen Arbeit mit den Klient*innen und richten sich sowohl an praktizierende Therapeut*innen, Berater*innen als auch an Studierende.

Die Einführung leitet in das Thema ein und gibt einen Überblick über die Inhalte der Kapitel.

Kapitel 1 (S. 15–30): Basisinformationen zu Gewalt in der Partnerschaft

Das erste Kapitel leitet mit einer Definition häuslicher Gewalt in das Thema ein. Die verschiedenen Gewaltformen und Muster bzw. Dynamiken von Partnerschaftsgewalt geben einen ersten Einblick in die Komplexität des Phänomens. Die gesundheitlichen Auswirkungen von Gewalt sind vielfältig und können in der therapeutischen Praxis erste Hinweise auf das Vorliegen von Gewalt geben. Häufige Symptome und die entsprechenden Diagnosen werden vor dem Hintergrund einer Gewalterfahrung gestellt.

Kapitel 2 (S. 31–43): Psychotraumatologie und kontextualisierte Traumaarbeit

Das Kapitel stellt verschiedene traumatherapeutische Ansätze vor. Für die Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen ist es notwendig, sowohl die individuellen als auch die gesellschaftlichen Kontexte zu berücksichtigen. In der ausführlich dargestellten kontextualisierten Traumaarbeit wird daher neben der Beratungsarbeit auch die Arbeit mit Zusammenhangswissen und Strukturarbeit berücksichtigt. Dazu gehören thematische Schwerpunkte, wie Anerkennung der Gewalt, Sicherheit und Stabilisierung, Parteilichkeit, Selbstbestimmung und Wissensvermittlung. Die Autorin beschreibt die Themenschwerpunkte und gibt Ableitungen für die psychotherapeutische Praxis. Der Schwerpunkt liegt hier hier darauf, die betroffenen Frauen und ihr Gewalterleben nicht nur individuell zu betrachten, sondern die gesamtgesellschaftlichen Strukturen ihrer Lebenswelten als Frauen zu berücksichtigen. Das Ziel ist es, dieses Wissen in die Beratungsarbeit zu integrieren und eine feministische Haltung einzunehmen.

Kapitel 3 (S. 48–54): Besonderheiten in der Diagnostik

Von Partnerschaftsgewalt betroffene Frauen sprechen aus Scham das Thema häufig nicht direkt an, sodass zunächst Symptome wie Depression, Angst oder PTBS in der Therapie vordergründig sind. Damit das Gewalterleben in der Therapie besprochen werden kann, wird in dem Kapitel auf Alarmsignale hingewiesen. Formulierungshilfen und Rahmenbedingungen für Gespräche über Gewalt sowie eine umfassende Ressourcendiagnostik sind wichtige Aspekte für eine therapeutische Begleitung der Gewaltbetroffenen.

Kapitel 4 (S. 58–65): Schutz und Sicherheitsaspekte

In der Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen sind ein fundiertes Risikomanagement und die Erfassung des Gefährdungsrisikos unerlässlich. Hierzu zählt ein fachlich geschulter Blick für die in Kapitel 3 beschriebenen Besonderheiten in der Diagnostik sowie Kenntnisse über Dynamiken von Gewalt und Risikofaktoren wie Trennung oder Stalking. Das Kapitel bietet hilfreiche Checklisten für die Sicherheitsplanung und weist auf Instrumente zur Erfassung der aktuellen Gefährdung hin.

Kapitel 5 (S. 68–85): Beziehungsgestaltung

Das Kapitel gibt einen umfassenden Einblick in die Besonderheiten, die sich in der Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen ergeben. Kenntnisse über verschiedene Bindungstypen, Dynamiken in Gewaltbeziehungen, Schuldgefühle und Ambivalenzen der Betroffenen unterstützen den Aufbau einer sicheren therapeutischen Beziehung und fördern den Prozess einer Veränderung. Die Veränderung wird über das transtheoretische Modell der Veränderung von Prochaska & DiClemente (1982) beschrieben, womit eine bedarfsgerechte Intervention unterstützt werden kann. Die Gestaltung des Therapieraumes umfasst die Beziehung zwischen Klient*in und Therapeut*in, die Transparenz über den Therapieverlauf und die Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen.

Kapitel 6 (S. 88–104): Mitbetroffene Kinder

Das Aufwachsen in einer unsicheren Atmosphäre, in der es immer wieder zu Gewalt zwischen den Eltern kommt, hat erhebliche Auswirkungen auf die betroffenen Kinder. Die Autorin betont daher die Notwendigkeit, in der Therapie mit den Müttern stets auch die Bedarfe der Kinder im Blick zu behalten. In dem Kapitel werden sowohl die Bedarfe der Mütter als auch der Kinder beschrieben und Formulierungshilfen für Gespräche gegeben. Bei Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung werden die verschiedenen Schritte vom Abklärungsprozess über die Meldung bis hin zum familienrechtlichen Verfahren erläutert.

Kapitel 7 (S. 107–119): Vernetztes Arbeiten

Das Arbeiten in interdisziplinären Netzwerken, bestehend aus den involvierten Personen, Institutionen und Behörden wie Gesundheitsdiensten, Polizei, Staatsanwaltschaften, Jugendämtern, Familiengerichten, Fachberatungs- und Interventionsstellen, Frauenhäusern und Täterarbeitseinrichtungen, erhöht den Schutz der betroffenen Frauen. Das Kapitel schließt mit einer kurzen Einführung in die für die therapeutische Praxis relevanten rechtlichen Rahmenbedingungen, wie den Umgang mit der Schweigepflicht, den rechtfertigenden Notstand nach § 34 StGB sowie die Anzeigepflicht.

Kapitel 8 (S. 121–123): Ausblick

Die bundesweite Richtlinie (Istanbul-Konvention) und die gesamtgesellschaftlichen Folgekosten häuslicher Gewalt verdeutlichen die Notwendigkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und fachliche Unterstützung für die Betroffenen anbieten zu können.

Diskussion

Die Arbeit mit Frauen, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind, erfordert deutlich mehr Kompetenzen und Kenntnisse, als es die übliche Praxis der psychotherapeutischen Arbeit gewohnt ist und wie sie in den Ausbildungen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Die Autorin vermittelt das für eine fachlich fundierte Arbeit notwendige Wissen bzw. regt dazu an, sich vertieft mit den Themen zu befassen.

In kurzen Abschnitten werden theoretische Grundlagen, Erfahrungen aus der Praxis, rechtliche Rahmenbedingungen und das Arbeiten in intersektionalen Netzwerken mit Handlungsempfehlungen übersichtlich miteinander verbunden.

Fazit

Das Buch informiert und sensibilisiert für einen sichereren Handlungsraum in der therapeutischen Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen. Es vermittelt Wissen über Partnerschaftsgewalt und unterstützt mit praxisnahen Beispielen und Formulierungshilfen die Umsetzung in die praktische Arbeit. Dabei erhebt die Autorin nicht den Anspruch, eine traumatherapeutische Weiterbildung zu ersetzen. Vielmehr gibt sie einen fundierten, klaren und prägnanten Überblick über die Herausforderungen. Insbesondere die Berücksichtigung der Bedarfe der mitbetroffenen Kinder, das Arbeiten in Netzwerken und die Verortung von Partnerschaftsgewalt auf gesellschaftlicher Ebene tragen dazu bei, die Beratung und Unterstützung von gewaltbetroffenen Frauen fachlich gerecht zu gestalten.

Rezension von
Henny Isabella Lindgren
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt (BAG TäHG) e.V. und Geschäftsführerin einer Institution in Berlin, die mit dem Beratungszentrum zum Schutz vor Gewalt in Familien und im sozialen Nahfeld ein Beratungsangebot für gewaltausübende Menschen vorhält (Berliner Zentrum für Gewaltprävention (BZfG) gGmbH).
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Es gibt 2 Rezensionen von Henny Isabella Lindgren.

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ISSN 2190-9245