Tim Middendorf, Alexander Parchow (Hrsg.): Erwachsene Menschen in prekären Lebenslagen
Rezensiert von Mandy Kretzschmar, 08.07.2025
Tim Middendorf, Alexander Parchow (Hrsg.): Erwachsene Menschen in prekären Lebenslagen. Theorien, Konzepte und Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 303 Seiten. ISBN 978-3-7799-7887-9. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR.
Thema
Das Buch ist der zweite Teil einer Buchreihe, in dem prekäre Lebenslagen verschiedener Lebensphasen erwachsener Menschen im Zusammenhang betrachtet werden. Signifikante Bewältigungsaufgaben im Laufe des Erwachsenenalters werden aus sozialarbeiterischer Perspektive theoretisch sowie praxisorientiert beleuchtet, um Verbindungen prekärer Lebensverhältnisse erwachsener Menschen zu Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit herzustellen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Tim Middendorf ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Bielefeld. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in der Sozialen Arbeit im Kontext prekärer Lebenslagen (insb. Wohn- und Obdachlosigkeit, soziale Probleme, Drogenhilfe) sowie Professionalität in der Sozialen Arbeit. Tim Middendorf ist in der Beratung, Supervision und Professionalisierung im Studium der Sozialen Arbeit tätig.
Alexander Parchow, Dr. phil., war als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Münster am Fachbereich Sozialwesen tätig. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie bei Menschen in prekären Lebenslagen (insb. Wohn- und Obdachlosigkeit, Armutsfolgen).
Entstehungshintergrund
Ziel der Sammelbände ist der Versuch der Abbildung von Phänomenen prekärer Lebenslagen und Lebensphasen nach dem Prinzip der dreigeteilten Struktur des Lebenslaufes (Kindheit und Jugend, Erwachsenenalter mit Erwerbstätigkeit, Ruhestand mit höheren sowie hohem Alter). Die Autor*innen sind der Idee nachgegangen, die aufeinander folgenden Bände nach ihren Phasen sozialarbeitswissenschaftlich zu strukturieren und aufzubauen.
Das Erwachsenenalter lässt sich aufgrund der vergleichsweise langen Dauer, Diversität und individuellen Ausgestaltungsmöglichkeiten in einem Band schwer eingrenzen. Die Autoren beschäftigen sich mit der Frage nach Gemeinsamkeiten und Überschneidungsmöglichkeiten prekärer Lebenslagen im Erwachsenenalter im übergeordneten Kontext.
Aufbau
Dieser Band ist nach einer Einleitung in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil des Bandes umfasst theoretische und methodische Zugänge zu erwachsenen Menschen in prekären Lebenslagen.
Der zweite Teil umfasst die Lebenslagen erwachsener Menschen in prekären Verhältnissen und Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit und ist in vier Unterkategorien gegliedert:
- Familie und Gesundheit
- Arbeit und soziale Teilhabe
- Armut und ihre Folgen
- Auswirkungen von Gewalterleben
Im Anschluss sind relevante Informationen zu den Autor*innen abgebildet. Besonders erwähnenswert ist, dass nach jedem Unterkapitel das Literaturverzeichnis abgebildet ist.
Inhalt
Die Autor*innen legen am Anfang des Bandes die Entstehungsgeschichte und Grundstruktur der Idee von aufeinander aufbauenden Sammelbänden dar, die sozialarbeitswissenschaftlich gerahmt sind. Im ersten Teil des Buches leitet Tim Middendorf mit einer theoretischen Perspektive auf prekäre Lebenslagen erwachsener Menschen in der Sozialen Arbeit ein und benennt zentrale Begrifflichkeiten, wie „Prekäre Lebenslagen“ und „Lebensphase Erwachsenenalter“. Hierbei bezieht er sich weiter auf die Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft in ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit.
Die nächsten Beiträge umfassen die Nutzung von Konzepten und Ansätzen Sozialer Arbeit als „reflexives Instrumentarium“ (vgl. Löffler/​Dosch), S. 28) zur Eignung im Verständnis prekärer Lebenslagen im Erwachsenenalter:
- Lebenslagenkonzept
- klassentheoretischer Ansatz am Beispiel der Gesundheitsprävention
- Grenzen der Biografiearbeit im Kontext des partizipativen Gruppenverfahren „Collaborative Storytelling“
- subjektivierungstheoretische Perspektive am Beispiel der Lebenslagen von Müttern mit HIV
- innovative Ansätze eines sozialarbeiterischen Suchtverständnisses, Sucht als soziales Problem
Der zweite Teil im Band „Lebenslagen erwachsener Menschen in prekären Verhältnissen und Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit“ gliedert sich in vier Unterkategorien:
- Familie und Gesundheit
- Arbeit und soziale Teilhabe
- Armut und ihre Folgen
- Auswirkungen von Gewalterleben
Im ersten Unterkapitel Familie und Gesundheit werden Themen bearbeitet wie Elternschaft im Kontext sozialer Prekarisierung sowie die Rolle der Sozialen Arbeit im Verhältnis von Erwerbstätigkeit und Sorgetätigkeit. Im nächsten Beitrag werden empirische Befunde zu (prekären) Lebenslagen kinderreicher Familien dargestellt. In deren Ergebnisse zeigt sich eine Wahrnehmung der „fehlenden Beachtung, Ausgrenzung oder Stigmatisierung kinderreicher Familien in der Öffentlichkeit“ (Schmolke, S. 126). In den weiteren Beiträgen gehen die Autoren auf Themenkomplexe Arbeitslosigkeit, Sucht und Hospizarbeit in der Migrationsgesellschaft ein, um individuelle Lebenswelten und Bedürfnisse betroffener Menschen zu erschließen.
Innerhalb des zweiten Unterkapitels Arbeit und soziale Teilhabe sind drei Beiträge subsumiert. Sie zeigen Anforderungen sozialarbeiterischer Beratung mit Adressat*innen im Jobcenter, beleuchten Strukturen von Menschen mit komplexer Behinderung in Tagesförderstätten und betrachten Adressierungsprozesse im Handlungsfeld der Eingliederungshilfe.
Die Autor*innen des dritten Unterkapitels Armut und ihre Folgen treffen Aussagen zu finanziellen Schwierigkeiten erwachsener Menschen als ein Querschnittsthema der sozialen Arbeit. In den Beiträgen werden Ungleichheitstendenzen im Rechtssystem diskutiert und mögliche Verfahrensweisen der Sozialen Arbeit fokussiert. Das Unterkapitel schließt mit der Vorstellung eines Modellprojektes mit etablierten sozialarbeiterischen Hilfestrukturen in der Wohnungslosenhilfe.
Der Sammelband wird mit dem vierten Unterkapitel „Auswirkungen von Gewalterleben“ komplementiert. Die Autor*innen thematisieren empirisch fundierte Auswirkungen des Erlebens sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend. In Fallbeispielen werden unterschiedliche Ausprägungen der Belastungen benannt und resultierende Erschwernisse in der Annahme von Unterstützungsleistungen. Der Abschluss bildet die Vorstellung des Konzeptes „Coercive Cintrol“ – zwangs- und kontrollbasierte Strategie von geschlechterspezifischer Gewalt – als prekäre Lebenslage von Frauen. Der Beitrag dient als Plädoyer für ein erweitertes Verständnis von Gewalt und diskutiert die Relevanz der Erweiterung des Gewaltbegriffs.
Diskussion
Die didaktische Aufarbeitung des Sammelbandes ist sehr gut nachvollziehbar. Die Zugänglichkeit der Beiträge, die als voraussetzungsreich gekennzeichnet werden können, sind anschaulich dargestellt und werden durch Abbildungen unterstützt. Insgesamt bieten Tim Middendorf und Alexander Parchow praxisrelevante theoretische Modelle an, analysieren prekäre Lebenslagen im Erwachsenenalter differenziert und erschließen konkrete Handlungsfelder mit Fallbeispielen. Eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Thema prekärer Lebenslagen im Kontext des Erwachsenenalters sowie die Mehrdimensionalität der Handlungsfelder wirken befruchtend und bieten Möglichkeiten, den eigenen Blick zu erweitern.
Fazit
Tim Middendorf und Alexander Parchow schaffen eine Ausgewogenheit von theoretischer Tiefe und Praxisnähe und zeigen eine Verbindung zu entsprechenden Handlungsfelder der Sozialen Arbeit. Der Sammelband bietet einen einführenden, aber vielfältigen Überblick über das Thema und die Querschnittsaufgaben der Sozialen Arbeit. So entsteht eine umfassende Grundlage für den reflektierten Einsatz in der Sozialen Arbeit mit erwachsenen Menschen.
Rezension von
Mandy Kretzschmar
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