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Michael Quante: „Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“

Rezensiert von Johannes Schillo, 29.04.2025

Cover Michael Quante: „Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“ ISBN 978-3-95743-316-9

Michael Quante: „Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“. Studien zur Philosophie von Karl Marx. mentis Verlag (Paderborn) 2025. 2025. Auflage. 370 Seiten. ISBN 978-3-95743-316-9. D: 59,00 EUR, A: 60,70 EUR.
Reihe: Philosophical Marx Studies - 2.

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Thema

In dem Buch geht es um die Wiederaneignung der Marx‘schen Theorie – also im Grunde um die Forderung „Zurück zum Original“, die auch bei der jüngsten Marx-Renaissance eine Rolle spielte –, da bisher in den einschlägigen Interpretationen und Bezugnahmen ein legitimatorisches Interesse leitend gewesen sei und die Rezeption den theoretischen Kern verfälscht habe. Dagegen setzt der Autor seine Absicht, „die Philosophie von Marx aus dem Bauschutt des Marxismus zu befreien“ (S. XV).

Autor

Michael Quante wurde 1992 mit einer Arbeit über Hegel promoviert und habilitierte sich 2001 am Fachbereich Geschichte/Philosophie der Universität Münster, wo er seit 2009 als Professor tätig ist. 2019 wurde er zum Vorsitzenden der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) gewählt. 2015 gab er zusammen mit David P. Schweikard das „Marx-Handbuch“ heraus. 2023 startete er die Reihe „Philosophical Marx Studies“, in deren Band 1 (siehe https://www.socialnet.de/rezensionen/30941.php) Simon Derpmann auf eine ältere Analyse der Marx‘schen Werttheorie zurückblickte.

Entstehungshintergrund

Die Reihe „Philosophical Marx Studies“ versteht sich als wissenschaftliche Begleitung des Editionsvorhabens einer historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), die von der besagten Stiftung verantwortet wird. Die Aufsätze in der neuen Veröffentlichung sind vorwiegend in den letzten 15 Jahren entstanden, als nach der großen Finanzkrise 2007/08 und anlässlich des Rückblicks aufs Geburtsjahr 1818 eine gewisse Marx-Renaissance zu verzeichnen war.

Aufbau

Der Band besteht aus einer Aufsatzsammlung von 15 Kapiteln in fünf Teilen sowie einem Ausblick, ergänzt um ein Quellen- bzw. Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister. Unter den Texten finden sich zwei Originalbeiträge und vier englischsprachige. Der Großteil wurde seit 2010 in Sammelwerken und Fachzeitschriften veröffentlicht und für die vorliegende Ausgabe überarbeitet. Ein kurzes Vorwort erläutert die Zielsetzung der Publikation und der Studien-Reihe, die jetzt nach zwei Jahren mit einem neuen Band fortgesetzt wird.

Inhalt

Im ersten Kapitel, das als Einleitung einen Abriss „Marx (1818-1883)“ der intellektuellen Biografie gibt, bringt Quante gleich seine Grundthese zur Sprache: „Although Marx understood his own theoretical programme as a departure from philosophy, the core of his thought can be reconstructed als philosophical“ (S. 1), nämlich als eine kritische philosophische Anthropologie in der Tradition Hegels. Dazu erfolgt ein Durchgang durch die philosophischen Anfänge, z.B. die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ oder die „Deutsche Ideologie“, wobei die letztgenannte Schrift von Marx gemeinsam mit Friedrich Engels verfasst wurde. Die wissenschaftliche Leistung von Engels wird sonst in dem Band nicht groß thematisiert, da Quante sie als einen eigenen Fall betrachtet, der ebenfalls der Aufarbeitung bedarf. Der philosophische „Kern“ soll auch in der späteren Kritik der politischen Ökonomie, wie sie Marx mit dem „Kapital“ (1867) der Arbeiterbewegung als Schützenhilfe in Sachen gesellschaftliche Umwälzung zur Verfügung stellte, den Ausschlag gegeben haben – allerdings nicht im Sinne einer Gerechtigkeitstheorie, die auf Normen für eine neuen Verteilungsmodus fokussiert, sondern als eine ethisch begründete Theorie der Anerkennung, die hohe, im Grunde nicht einlösbare Standards für eine gelingende menschliche Selbstverwirklichung setzt (wozu Quante auf die Kapitel 6 und 9 verweist).

Teil I behandelt dann „Marx im Kontext der linkshegelianischen Debatten“. Das zweite Kapitel, eins der längsten des Buchs, skizziert dazu die Situation der deutschen Philosophie nach Hegel. Es beginnt mit den Beiträgen, die seinerzeit Ludwig Feuerbach oder David Friedrich Strauß zur philosophischen Analyse der Religion leisteten, und schließt mit dem Programm des jungen Marx in Sachen „Aufhebung“ der Philosophie ab, wobei hier auch wieder die Zusammenarbeit mit Engels eine Rolle spielt. Die folgenden Kapitel 3 und 4 ergänzen dies um weitere Kontroversen im junghegelianischen Lager, etwa an den Fällen Bruno Bauer und Max Stirner. Zunächst geht es um die Frage der Judenemanzipation, bei der Marx mit seinem berühmten, heute oft des Antisemitismus bezichtigten Aufsatz „Zur Judenfrage“ gegen Bauer Stellung bezog. In Quantes Darlegungen wird deutlich, dass die modernen Vorwürfe der Judenfeindschaft am Gehalt der Schrift völlig vorbeigehen. In ihr sei es vielmehr die zentrale Beweisabsicht, die Mängel einer bloß politischen Emanzipation zu überwinden, da diese die Entfremdung des Menschen bestehen lasse. Deren „Ursprünge … liegen für Marx nun in den Grundprinzipien der bürgerlichen Gesellschaft: im Privateigentum“ (S. 84) – und der Analyse dieser Prinzipien gilt bekanntlich fortan sein Hauptaugenmerk.

Teil II „Philosophische Anthropologie und Ethik“ macht von Umfang und Anliegen her den Hauptteil des Buches aus. Der Autor stellt eingangs im Kapitel 5 klar, wie seine Wiederaneignung der Marx‘schen Hinterlassenschaft gemeint ist. Es geht ihm nicht darum, tragfähige theoretische Bestandteile zu identifizieren, um mit ihnen „Kritik an den gegenwärtigen Zuständen zu üben“ (S. 113) oder um sie in den philosophischen Kanon einzuordnen. Vielmehr möchte er „der Frage nachgehen, welche Aspekte des Marxschen Denkens für die heutige Philosophie systematisch relevant sind“ (S. 113), wobei er zugesteht dass ein solches Verfahren angreifbar ist, da es auf einem philosophischen Vorverständnis gründet. Die zentrale Aussage Quantes lautet: „Das Denken von Marx steht in der Tradition des Deutschen Idealismus und ist im Kern eine perfektionistische Philosophie der Selbstverwirklichung“ (S. 121), wobei diesem Programm jedoch gerade der idealistische Charakter fehle. Denn, so Quante, bei Marx sei der Mensch als leibliches und sozial eingebundenes Wesen gefasst – und dies nicht als untergeordnetes, additiv hinzutretendes Moment des Selbstbewusstseins, sondern als „intrinsischer Wert“, der der Autonomieforderung ihre aktuelle Relevanz verschaffe. Somit werde etwa fundiert auch gegen moderne („neoliberale“) Tendenzen der Entfremdung, Verdinglichung oder Selbstoptimierung Stellung bezogen. Das sechste Kapitel entfaltet „the Social Grammar“ (S. 129), also das soziale Moment, das laut Marx‘scher Theorie das menschliche Gattungswesen bestimmt. Und zwar geschieht dies im Hinblick auf die angekündigte Theorie der Anerkennung („recognition“). Demnach ist nicht nur die gesellschaftliche Kooperation anthropologisch entscheidend, sondern ihre Verbindung „with the right attitude of the participants on the level of the interpretation of self and other. This attitude consists in the recognition of the other as the needy being“ (S. 153). Die folgenden Kapitel 7 und 8 ordnen dies wieder in den linkshegelianischen Bruch mit der Philosophie des Deutschen Idealismus (hier vor allem Kants und Hegels) ein.

Der Kritik der politischen Ökonomie ist Teil III gewidmet. Das neunte Kapitel führt diese Überlegungen zur Theorie der Anerkennung fort, die sich vor allem auf die – von Marx nicht veröffentlichte – Frühschrift der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ bezogen und leitet daraus jetzt den Grundgedanken des Spätwerks ab: Im „Kapital“ zeige Marx, wie das fundamentale menschliche Anerkennungsverhältnis in der auf Tausch basierenden Gesellschaft zunächst „objectified in alienated form“ (S. 217) auftrete, um dann, so das Postulat, in einer bewussten Wiederaneignung autonom gestaltet zu werden. Kapitel 10 („Handlung, System der Bedürfnisse und Marktkritik bei Hegel und Marx“) geht der Frage nach, wieso Marx, „der viele Hegelsche Theoreme in seine eigene Konzeption übernimmt, bei der Bewertung des Marktes zu radikal anderen Konsequenzen kommt als Hegel“ (S. 219). Quante führt dies auf die grundsätzliche Differenz in der Idee der Versöhnung, also der gelungenen Vermittlung des Einzelnen mit dem Allgemeinen, zurück. Dabei wahrt er Distanz zu der idealistischen wie materialistischen Stellung zu diesem Problem: „Letztlich werden wir weder bei Hegel noch bei Marx die entscheidende Antwort finden.“ (S. 239) Kapitel 11, das beginnend mit dem ersten Satz des „Kapitals“ über die „ungeheure Warensammlung“ die Kritik der kapitalistischen Produktionsweise zum Thema macht, ist erstaunlicherweise das kürzeste des ganzen Buchs. Es beschränkt sich im Grunde auf einige Aperçus zum „Metaphernfeld, welches die Entwicklung des Kategorienapparats durchzieht, mittels dessen Marx seine Kritik der politischen Ökonomie organisiert“ (S. 241).

In Teil IV geht es um Geschichtsphilosophie. Ähnlich wie in den vorherigen Kapiteln referiert bzw. kritisiert Quante die Stellungnahmen von Marx selbst sowie von Marxisten oder Marxisten-Leninisten, die die Einordnung in die (Geschichts-)Philosophie bestreiten. In den beiden Kapiteln 12 und 13 wird dabei wieder einerseits die direkte Auseinandersetzung mit Fragen einer „materialistischen Geschichtsauffassung“ im Frühwerk herangezogen, in dem die Bezüge zur Philosophie (wenn auch in kritischer Absicht) eindeutig sind, und andererseits ein Blick aufs Spätwerk geworfen. Dass die Überwindung des kapitalistischen Weltzustandes, die die Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums wieder zu den bestimmenden Subjekten der Produktion machen soll, bei Gelegenheit in Hegel‘scher Terminologie als „Negation der Negation“ (S. 293f) bezeichnet wird, zeige den geschichtsphilosophischen Grundtenor des gesamten Werks an.

Der Teil V bietet noch einmal Nachträge, das „Verhältnis zu Hegel“ betreffend. Kapitel 14 bemüht dafür zwei Phasen, nämlich die Ablösung des jungen Marx vom linkshegelianischen Philosophieren und die Rückkehr des späten Marx zu Hegel. Gemeint ist mit Letzterem die Tatsache, dass Marx als er anlässlich seiner politökonomischen Studien Hegels Logik zufällig „wieder durchgeblättert hatte“ (S. 310), daraus Anregungen für die Darstellungsweise im „Kapital“ aufnahm. Laut Quante ist damit der dauerhafte Bezug von Marx zur Philosophie nachgewiesen, was sich auch mit der Wortwahl im Spätwerk belegen lasse. Das letzte Kapitel 15 zielt auf die „Grenzen“ einer solchen philosophischen Eingemeindung. Klar sei bei Marx das Programm „Mit Hegel über Hegel hinaus!“ (S. 321). Er wende sich von der idealistischen Spekulation ab und stütze sich in seinem späteren Werk auf „Befunde der empirischen Einzelwissenschaften“, wobei dann aber die von „letzteren bereit gestellten Wissensbestände“ (S. 339) nur die Materialbasis für eine sachhaltige philosophische Kritikposition bilden sollen.

Der kurze Ausblick zur „Aktualität der Philosophie von Karl Marx“, der 2018 im Sammelband zu „200 Jahre Marx“ erschien, variiert noch einmal die Grundthese: Marx habe 1843 bis 1845 eine philosophische Anthropologie entwickelt, also einen Theorie der menschlichen Lebensform, in der entfaltet wird, „was es für Menschen heißen kann, ein gutes und gelingendes Leben zu führen“ (S. 345). Die spätere Kritik der politischen Ökonomie habe dann überzeugend dargelegt, wie ein solches Leben durch den Kapitalismus systematisch ruiniert werde. Das sei aber „keine ökonomisch-theoretische, sondern eine fundamental philosophische These“ (S. 345). Abschließend hält Quante fest, dass auch heute noch „die kritischen Werkzeuge“, die der Theoretiker aus dem 19. Jahrhundert geliefert hat, nützlich sind; doch „wo sie sinnvoll zum Einsatz kommen können, steht nicht bei Marx selbst. Wir müssen, von ihm ausgehend, eigene Antworten finden“ (S. 347).

Diskussion

Der Autor leistet Maßstab-setzend in der akademischen Welt Deutschlands eine fundierte Aufarbeitung der Marx‘schen Theorie, die im Westen bis zum Ende des Ostblocks eher einen erledigten Fall darstellte und seit dem neuen Jahrhundert in Wissenschaft oder politischer Bildung – siehe etwa die Studie zu „Dirty Capitalism“ (https://www.socialnet.de/rezensionen/32240.php) – wieder eine gewisse Aufmerksamkeit findet. Die neue Edition in der Studienreihe wirft dabei Fragen auf, die sich, grob gesagt, auf zwei Ebenen bewegen.

Zum einen geht es um den grundsätzlichen Modus der Wiederaneignung einer theoretischen Tradition. Quante setzt sich bewusst in Gegensatz zu „verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen“, die Marx für sich reklamieren bzw. seine Zugehörigkeit zur Philosophie bestreiten, und deutet die „Konzeption von Marx dagegen als pragmatistische Philosophie“ (S. XVI). Doch muss er gleich einräumen, dass Marx explizit der anderen Position zuneigte und dass die jetzt vorgelegte „Explikation“ eindeutig „in Spannung zu Aussagen (steht), in denen Marx sein Selbstverständnis sich und den damaligen Lesern erläutert hat“ (S. XVII). Damit schreibt Quante einen Widerspruch fort, der sich schon in seinem „Marx-Handbuch“ bemerkbar machte oder den er in seiner Studie „Der unversöhnte Marx“ (2018, S. 18) ganz offen formulierte: Er will das theoretische Opus gegen die Grundsatzentscheidung seines Urhebers interpretieren, denn „Marx selbst habe sein eigenes Theorieprogramm als Abkehr von der Philosophie verstanden“. Diese antiphilosophische Positionsbestimmung stellt ja auch seit den „Feuerbach-Thesen“ des jungen Weltveränderers eher eine Selbstverständlichkeit der (anti-)marxistischen Diskurse dar. Insofern ist der ganze Rekurs Quantes, der die Marx‘sche Theorie für den akademischen Philosophiebetrieb beschlagnahmen will, gar nicht groß verschieden von den kritisierten legitimatorischen Versuchen, den alten Theoretiker, Publizisten und Aktivisten der Arbeiterbewegung für eine Weltanschauung mit politischen Absichten in Anspruch zu nehmen. Die dezidiert vorgetragene Kritik an der weltanschaulichen Indienstnahme, mit der das Buch startet, ist damit hinfällig; dem materialistischen Standpunkt von Marx folgend wären philosophische und weltanschauliche Bemühungen sowieso als weitgehend deckungsgleich zuerachten. Dabei kann natürlich nicht bestritten werden, dass die Marx‘sche wissenschaftliche Leistung, die Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus, aus einer früheren Beschäftigung mit der Philosophie hervorgegangen ist. Wie auch die philosophische Phase biographisch auf eine poetische folgte, die etwa Michael Heinrich im ersten Band seiner Marx-Biographie (2018) – im Übereinstimmung mit Quante, der 2017 die Marx‘schen „Dichtungen aus dem Jahr 1837“ ediert hatte – als intellektuelles Entwicklungsstadium ernst nimmt und nicht, wie sonst (auch im Hause Marx!) üblich, als ‚Primanerlyrik‘ abtut. Zu dem Werdegang der Theorie steuert Quante somit, trotz begründeter Zweifel an seiner expliziten Rephilosophierung, zentrale Erkenntnisse bei.

Zum anderen bietet die neue Aufsatzsammlung natürlich viel Material zu einschlägigen Kontroversen, die seit 150 Jahren geführt werden, gibt Einblick in theoretische Grundlinien und korrigiert Missverständnisse. Doch macht sich hierbei eben oft das Beweisziel des Autors bemerkbar, die theoretische Leistung der Kapitalismuskritik nicht für sich zur Kenntnis zu nehmen, sondern sie auf frühere Phasen, auf „implizite“ Voraussetzungen oder „Tiefenstrukturen“ der Theoriebildung zu beziehen. Erst aus solchen Rückblicken, vornehmlich auf die Jugendphase des Urhebers, soll sich dann etwa „die Frage nach dem ethischen Gehalt der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie“ (S. 294) stellen. „Dies zu entschlüsseln“ (S. 294), so Quante explizit, wäre ohne den gewählten Umweg unmöglich, und dem damaligen Publikum konnte das daher beim Nachvollzug der Argumentation gar nicht auffallen. Letztlich geht diese Deutung darauf zurück, dass Quante der vorgelegten Kapitalismuskritik einen ethischen Hinter- oder Untergrund attestiert. Entscheidend sei nämlich, wie es im „Ausblick“ heißt, „dass sich im Marxschen Denken implizit überzogene normative Standards finden. Er unterlegt seiner Idee des gelingenden Miteinanders das Liebesmodell, also eine individuelle Nähebeziehung… Marx hat das Problem zwar vor allem in seinen späteren Schriften gesehen, doch die normative Kraft seiner Kritik lebt bis zuletzt von diesem Bild einer gelingenden Ich-Du-Beziehung.“ (S. 347). Dasselbe hatte Quante in der Dichtungs-Edition „Weltgericht“ (2017, S. 369) so formuliert: „Das philosophische Denken von Karl Marx behält, wenn auch in der Tiefenstruktur, bis zum Schluss zentrale romantische Motive bei. Sie kulminieren in der Utopie einer sich frei und in Harmonie mit Gesellschaft und Natur verwirklichenden Individualität“. Die vorgelegte Kritik der kapitalistischen Produktionsweise selber – also das, was den wissenschaftlichen Rang von Marx ausmacht – ist also gar nicht Quantes Untersuchungsgegenstand. Er trägt an sie das Bedenken heran, dass sie in praktischer Absicht zur Herbeiführung eines Umsturzes der bestehenden Verhältnisse geschieht: „Marx unterstellt seiner Kritik des Kapitalismus eine bisher historisch nicht eingelöste Alternative“ (S. 347). Die Banalität, dass Marx der praktischen Kritik der damaligen Arbeiterbewegung auf wissenschaftlicher Basis erarbeitete Argumente zur Verfügung stellen wollte, damit die Aufhebung der Klassengesellschaft gelinge (und nicht, wie sich nachher ja zeigte, in Reformismus und Schlimmerem versande), erscheint hier als eine poetisch-philosophische Versponnenheit des Theoretikers. Zumindest soll dieses Vorgehen Fragen nach dem Hintergrund einer solchen Theoriebildung aufwerfen. Dieses Hinterfragen – oder Verrätseln – ergibt sich aber nicht aus der Sache. Der Journalist Thomas Steinfeld hat in seiner Essay-Sammlung zum Marx-Jubiläum „Der Herr der Gespenster“ z.B. die banale Tatsache, dass Kritik in praktischer Absicht geschieht, gewürdigt und dann aufgrund des konkreten Marx‘schen Wirkens – dass eben der Großteil seiner Schriften aus Zeitungsartikeln besteht, die, zusammengefasst, um ein Vielfaches voluminöser sind als das Hauptwerk „Das Kapital“ – den Schluss gezogen: „Lebenspraktisch betrachtet, war er Journalist“ (2017, 220). Dies ist, auch hier: professionsbedingt, eine Übertreibung, doch trifft sie im Grunde das Theorie-Praxis-Verhältnis, mit dem man es bei Marx zu tun hat: Aus der Analyse der bestehenden Verhältnisse soll die Notwendigkeit ihrer Veränderung entwickelt werden, und der Theoretiker stellt sich als Publizist einer Bewegung zur Verfügung.

Fazit

Die von Quante vor zwei Jahren gestartete Studien-Reihe sucht eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Marx‘schen Theorie, entgegen einem Mainstream, der Marx, zumindest in der BRD, weitgehend aus der akademischen Welt ausgeschlossen oder ihn für weltanschauliche Zwecke, im positiven Sinne wie als Feindbild, in Anspruch genommen habe. Die jetzt vorgelegte Aufsatzsammlung stellt somit auch eine Fortschreibung des neuen „Marx-Handbuchs“ dar. Das breite Spektrum der von Quante aufgezeigten Problemstellungen kann die wissenschaftliche Relevanz – speziell die philosophischen Hintergründe – dieser Theorie aus dem 19. Jahrhundert überzeugend deutlich machen und sowohl Interessierten eine erste Orientierung als auch Spezialisten Instruktives zum aktuellen Stand bei einzelnen Kontroversen bieten.

Rezension von
Johannes Schillo
Sozialwissenschaftler und Autor
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Es gibt 25 Rezensionen von Johannes Schillo.

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ISSN 2190-9245