Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Markus Brunner: Sozialpsychologie des Autoritären

Rezensiert von Dr. phil. Gernot Hahn, 06.01.2026

Cover Markus Brunner: Sozialpsychologie des Autoritären ISBN 978-3-8379-3436-6

Markus Brunner: Sozialpsychologie des Autoritären. Zur Aktualität der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 150 Seiten. ISBN 978-3-8379-3436-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Psyche und Gesellschaft.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Mit einem differenzierten Blick auf die Erträge der Autoritarismusforschung will der Band von Markus Brunner das Erstarken autoritärer Bewegungen und die Wahlerfolge autoritärer Parteien erhellen und einschätzbar machen. Dazu werden die Diskussionen um den „autoritären Charakter“, die Propagandaforschung und die massenpsychologischen Überlegungen zum Autoritarismus vorgestellt, analysiert und in einem stärker psychoanalytischen Verständnis weiterentwickelt.

Autor:in

Markus Brunner, Dr. phil. Soziologe und Sozialpsychologe, Lehrbeauftragter an der Siegmund-Freud-Universität (SFU) in Wien und Linz und Mitkoordinator des Psychologie-Masterstudienschwerpunktes „Sozialpsychologie und psychosoziale Praxis“ an der SFU Wien, außerdem Vorstandsmitglied der „Gesellschaft für psychoanalytische Sozialpsychologie“, Mitglied des Koordinationsteams der „Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie“ und der „Forschungswerkstatt Tiefenhermeneutik“ sowie Mitherausgeber der Zeitschriften „Freie Assoziation“ und „Psychologie und Gesellschaftskritik“.

Aufbau und Inhalt

Der Band enthält neben einer Danksagung und Einleitung Kapitel

  • Zu den Autoritarismusstudien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung
  • Zum Konzept des autoritären Charakters
  • Mit Analysen aus der Propagandaforschung
  • Mit Überlegungen zur Massenpsychologie autoritärer Bewegungen
  • Mit Hinweisen und Vorschlägen für eine dynamischere und stärker massenpsychologisch orientierte Autoritarismusforschung sowie einen zusammenfassenden Abschluss und Ausblick, ein Glossar und das Literaturverzeichnis.

Einleitung

Mit Bezug auf die vielfältigen gesellschaftlichen Krisen der letzten zwei Jahrzehnte und dem damit verbundenen Aufschwung autoritärer und rechtspopulistischer Bewegungen, Parteien und Haltungen gewinnt die ältere sozialpsychologische Beschäftigung mit diesen Phänomenen erneut an Bedeutung. Markus Brunner verweist zunächst auf die vor knapp 100 Jahren einsetzende Theoriebildung im Kontext der sog. „Kritischen Theorie“ und die damals durchgeführten sozialpsychologischen und oft psychoanalytisch begründeten empirischen Studien, deren Ausgangspunkt der Faschismus bzw. die Auseinandersetzung mit faschistischen Gesellschaften war. An diese Aufbruchssituation schlossen sich vielfältige Folgeprojekte an (u.a. die Leipziger Autoritarismus-Studie), deren Erträge kurz in Bezug zu den „alten Studien“ gesetzt werden (13). Spätestens mit dem Wandel autoritärer Bewegungen ist allerdings eine Verschiebung der Propagandaströmungen und eine Beschleunigung der Prozesse (z.B. durch die Coronapandemie) erfolgt, was Anlass für eine „systematischere Untersuchung der Aktualität der frühen Autoritarismusstudien“ ist und fortführend die Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Beschäftigung mit autoritären Phänomenen erfordert.

Autoritarismus

Das Kapitel gibt einen allgemeinen Überblick über die Autoritarismusforschung und differenziert davon ausgehend weitere Teilbereiche (Adorno: Studien zum autoritären Charakter, Ziehe: Der neue Sozialisationstypus, Eichler: der postfordistische Charakter, Brähler: Rechtsextremismus, Nachtwey & Amlinger: libertärer Autoritarismus u.a.) der sozialpsychologischen Forschung zu diesem Thema. Dadurch entsteht in Ansätzen eine Zusammenführung der psychischen und sozialen Dimensionen, die zur Entwicklung rechtsautoritärer Strömungen beitragen. In Weiterentwicklung früherer Erklärungsansätze fällt dabei eine geringere Familienzentriertheit auf zugunsten einer stärkeren Betonung gesellschaftlich bedingter Konflikt- und Spannungslagen.

Propagandaforschung

Kapitel vier erschließt vor allem die von Adorno und später Löwenthal & Gutermann durchgeführten Analysen der Propaganda faschistischer Agitator:innen in den USA und im Deutschen Nationalsozialismus. Das Kapitel zeigt, dass sich das spätere, auch die aktuelle Inszenierung konservativer und rechtspopulistischer Propaganda von den historischen Formen unterscheidet, z.B. in der Betonung antimuslimischen Rassismus oder Antigenderismus. Die in frühen (z.B. nationalsozialistischen) Propagandaformen häufige Zentrierung auf eine Führerfigur, welche narzisstische Bedürfnisse der Anhängerschaft bediente, ist indes in aktuellen autoritären Bewegungen weniger ausgeprägt zu finden. Brunner schlägt hier abschließend vor, in der Propagandaforschung stärker auf gesellschaftliche Umbruchsituationen und Krisenmomente zu fokussieren, insbesondere wie diese jeweils akut auftretenden Prozesse eine Generalisierung und Verstetigung erfahren. Um Prozesse der Orientierung an autoritären Inhalten und deren Führerpersonen erforschen zu können, könne „wohl nur eine massenpsychologische Perspektive dem äußerst dynamischen Spiel zwischen den Agitator:innen und ihrem Publikum wirklich“ (87) weiterhelfen.

Massenpsychologie autoritärer Bewegungen

Die Zusammenfassung des vorangegangenen Kapitels aufgreifend vertieft Brunner in Kapitel fünf die massenpsychologische Perspektive. Dazu beschreibt er Überlegungen zur Massendynamik des Antisemitismus und des Nationalsozialismus in ihrer (Massen-)psychodynamik: eine eher Ich-stärkende/​-prothetisierende und eine eher regressive … auf Verschmelzung mit einer Masse zielende Wirkung. Das Kapitel benennt abschließend eine Reihe offener Fragen der Autoritarismusforschung, z.B. die bzgl. des Unterschieds von Führer-zentrierten und Führer-losen Massenphänomenen, die nach offen rebellierender und eher rein autoritärer Massenstruktur oder die nach Genderaspekten in politischen Gruppierungen (108).

Neuperspektivierung der Autoritarismusforschung

Anknüpfend an die Ausführungen der vorherigen Kapitel, insbesondere den Abschnitt zu den massenpsychologischen Analysen, führt Markus Brunner die verschiedenen Stränge in einem eigenen – teilweise neuartigen – Konzept zur Autoritarismusforschung zusammen. Die Schwerpunkte liegen hier vor allem auf psychoanalytischen Konzepten, insbesondere der von Melanie Klein entwickelten Ideen und verarbeiteten Theorien (Todestrieb, primäre Phantasien, Abwehrmechanismen, Konzepte zur Ich-Struktur), hier vertiefend psychoanalytisch-sozialpsychologischen Überlegungen. Letztlich geht es in Brunners Ansatz um die Gleichzeitigkeit innerer (psychischer) und äußerer (sozialer, gesellschaftlicher) Prozesse bzw. um deren gegenseitige Beeinflussung und Prägung. Brunner postuliert hier abschließend, dass das „Individuum … immer auch aus der massenpsychologisch forcierten paranoid-schizoiden Position heraustreten“ (144) könne, das Heraustreten aus der Regressionsdynamik der Masse für jede:n Einzelne:n möglich ist, diese Positionierung allerdings angesichts umfassender Belastungs- und Krisenprozesse der Gesellschaft (die hier nicht weiter analysiert werden) und die Veränderung der (Gesellschafts-)politischen Strukturen immer schwieriger werden. Die Welt, so schreibt Brunner abschließend, wird so „als noch bedrohlicher wahrgenommen“ (144), was wiederum die Nähe zu autoritären Strukturen begünstigen kann.

Abschluss und Ausblick

Im letzten Kapitel rekapituliert Markus Brunner die wesentlichen Aspekte des Buches in zusammenführender Form und leitet daraus Vorschläge bzw. Forderungen für die weitere Debatte und die Gestaltung der sozialpsychologischen Autoritarismusforschung ab: 1. Die Forschung zu autoritären gesellschaftlichen Prozessen muss differenzierter werden (z.B. Berücksichtigung von Genderaspekten, s.o.) (148), 2. Der Zusammenhang von gesellschaftlicher Krisendynamik und individueller Lebensgeschichte muss in der Forschung zusammengeführt werden (149), 3. Psychodynamische Prozesse müssen im Verständnis von autoritären Phänomenen immer mitgedacht werden (149) und 4. Sozialstrukturelle Dynamiken müssen in ihrer Wirkung auf die Krisenwahrnehmung und die daraus entstehenden Regressionsprozesse (Einzelner, Gruppen, Gesellschaften) erkannt und berücksichtigt werden.

Zielgruppe des Buches

Fachwissenschaftler:innen aus den Bereichen Psychologie und Soziologie und die gesamte an Autoritarismusphänomenen interessierte Leser:innenschaft

Diskussion

Markus Brunner führt in seiner „Sozialpsychologie des Autoritären“ die – teilweise – losen Ende sozialpsychologischer, psychoanalytischer und soziologischer Analysen zusammen. Ausgehend von der breiten Basis der Erträge der Frankfurter Schule (Adorno, Fromm, Löwenthal etc.) liegt seine Perspektive stärker auf innerpsychischen Prozessen (Psychoanalyse, insbesondere Melanie Klein). Psychische Strukturen stehen in diesem Verständnis in einem Bedingungszusammenhang mit äußeren Prozessen. Letztlich formuliert Brunner hier eine psychosoziale Perspektive, also einen integrativen Ansatz, der die Forschung und damit das Verständnis des Autoritarismus voranbringen könnte. Ergänzt man diese Perspektive um weitere Bausteine (stärkere biografische Orientierung, entwicklungspsychologische Aspekte, Kommunikationspsychologie, die Bedeutung von Bildung, Migration, Geschlecht, Teilhabechancen etc.), führt der hier formulierte Vorschlag zu einer Sozialtherapeutischen Konzeption (Schwendter 2000), welche die Wirkeffekte und Kräfte zwischen den Polen Gesellschaft-Individuum systematisch erfassen könnte. Ein Diskussions- und Forschungsansatz, der in den heutigen Umbrüchen, Belastungen und regressiven Gesellschaftsprozessen (welche rechtsautoritäre Entwicklungen begünstigen), mehr als notwendig ist.

Fazit

Mit der „Sozialpsychologie des Autoritären“ legt Markus Brunner eine dringend benötigte Zusammenführung der teilweise losen Enden sozialwissenschaftlicher, sozialpsychologischer und psychoanalytischer Erkenntnisse zur Analyse autoritärer Strukturen und Entwicklungen vor. Ein äußerst wertvoller Ansatz, der in der aktuellen Phase autoritärer Entwicklungen dringend benötigt wird.

Rezension von
Dr. phil. Gernot Hahn
Diplom Sozialpädagoge (Univ.), Diplom Sozialtherapeut
Leiter der Forensischen Ambulanz der Klinik für Forensische Psychiatrie Erlangen
Website
Mailformular

Es gibt 181 Rezensionen von Gernot Hahn.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245