Florian Hinken (Hrsg.): Handbuch Mutter/Vater-Kind-Einrichtungen
Rezensiert von Christian Busch, 31.08.2026
Florian Hinken (Hrsg.): Handbuch Mutter/Vater-Kind-Einrichtungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 332 Seiten. ISBN 978-3-7799-7708-7. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR.
Angesichts der Gewalttat in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade im Juni 2026 sei dieser Rezension ein stilles Gedenken an die sechs getöteten Mitarbeitenden sowie Mitgefühl mit ihren Angehörigen und den weiteren Betroffenen vorangestellt.
Thema
Das Handbuch verfolgt das Ziel, das bislang nur punktuell untersuchte Arbeitsfeld der gemeinsamen Wohnformen für Mütter, Väter und ihre Kinder gemäß § 19 SGB VIII erstmals systematisch zu erschließen und in seiner fachlichen Breite darzustellen. Dabei wird das Handlungsfeld nicht ausschließlich aus einer einzelnen Perspektive betrachtet. Vielmehr werden Erkenntnisse und Fragestellungen aus Praxis, Theorie und empirischer Forschung miteinander verbunden. Auf diese Weise soll ein umfassender Überblick über die fachlichen Grundlagen, die strukturellen Rahmenbedingungen sowie die konkreten Anforderungen und Herausforderungen dieses besonderen Bereichs der Kinder‑ und Jugendhilfe entstehen.
Herausgeber und Entstehungshintergrund
Der Herausgeber Prof. Dr. Florian Hinken, Professor für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder‑ und Jugendhilfe an der Evangelischen Hochschule Berlin, stellte im Rahmen der Vorbereitung eines Forschungsprojekts zu Mutter-/​Vater-Kind-Einrichtungen (MVKE) fest, dass einschlägige Publikationen bislang nur verstreut vorliegen und insbesondere neuere Fachdiskurse unzureichend berücksichtigt werden. Vor diesem Hintergrund entstand der Sammelband, für den Hinken Autor_innen aus Wissenschaft und Praxis gewinnen konnte, darunter auch Prof. Dr. Wolfgang Schröer und Prof. Dr. Mechthild Wolff. Die Beiträge verbinden interdisziplinäres Grundlagenwissen, fachliche Diskurse und unmittelbar aus der Praxis stammende Perspektiven. Dadurch richtet sich die Publikation sowohl an Fachkräfte als auch an Student_innen und wissenschaftlich Interessierte und kann gleichermaßen zur Vertiefung wie als Nachschlagewerk genutzt werden.
Aufbau und Inhalt
Nach einem kurzen Vorwort des Herausgebers Florian Hinken gliedert sich der Sammelband in die fünf Kapitel: Rahmungen, Interdisziplinäre Grundlagen, Herausforderungen, Konzepte und Verfahren sowie Empirie. Ausgehend von den rechtlichen, historischen und institutionellen Rahmenbedingungen werden zunächst fachliche Grundlagen vermittelt, bevor spezifische Herausforderungen sowie konkrete Konzepte und Verfahren der pädagogischen Praxis behandelt werden. Den Abschluss bildet die Betrachtung des bisherigen empirischen Forschungsstandes.
Rahmungen
Das erste Kapitel umfasst fünf Beiträge, die übergeordnete Bedingungen des Arbeitsfeldes beschreiben und einen Bezugsrahmen für die nachfolgenden Kapitel schaffen. Im Mittelpunkt stehen weniger konkrete pädagogische Methoden als vielmehr die rechtliche, institutionelle, historische und gesellschaftliche Einordnung gemeinsamer Wohnformen für Mütter beziehungsweise Väter und ihre Kinder. Eine rechtliche Einordnung nimmt Dorle Kliche in ihrem Beitrag: „Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder im Spiegel des Kinder‑ und Jugendhilferechts“ vor (vgl. S. 14–23). Nach einer Darstellung der zunehmenden Bedeutung und Aufgaben gemeinsamer Wohnformen wird § 19 SGB VIII als zentrale Rechtsgrundlage erläutert. Daran anschließend zeichnet Kliche wesentliche gesetzliche Entwicklungen seit den 1990er-Jahren nach, die bis zu den jüngeren Veränderungen durch das Kinder‑ und Jugendstärkungsgesetz reichen. Dabei werden auch konkrete Neuerungen, wie die Möglichkeit einer gemeinsamen Betreuung beider Elternteile, aufgegriffen. Abschließend werden institutionelle Herausforderungen thematisiert.
Interdisziplinäre Grundlagen
Das zweite Kapitel erweitert die Betrachtung um verschiedene fachwissenschaftliche Perspektiven, deren Grundlagenwissen für das Verständnis der Arbeit in MVKE von Bedeutung ist. Einen psychologischen Zugang bietet Aristi Born mit dem Beitrag: „Entwicklungspsychologische Einblicke in die ersten sechs Lebensjahre“ (vgl. S. 85–96). Das vermittelte Grundlagenwissen soll dazu beitragen, die fachliche Kompetenz im Umgang mit Eltern und Kindern sowie hinsichtlich der Eltern-Kind-Bindung zu stärken. Dabei unterscheidet Born zwischen den Entwicklungsphasen von null bis drei sowie von vier bis sechs Jahren. Für die ersten Lebensjahre werden unter anderem Urvertrauen und Selbstentwicklung, die Bedeutung sicherer Bindungen für die weitere Entwicklung, die kognitive Entwicklung sowie zunehmende Autonomieerfahrungen des Kindes thematisiert. Für die anschließende Entwicklungsphase werden weitere Schwerpunkte gesetzt, darunter das Konzept innerer Arbeitsmodelle, Besonderheiten des kindlichen Denkens und die Entwicklung sozialer Kompetenzen.
Herausforderungen
Das dritte Kapitel richtet den Blick auf schwierige, konfliktbehaftete und besonders anspruchsvolle Situationen der pädagogischen Praxis. Tim Wersig widmet sich in seinem Beitrag: „Kinderschutz in Mutter/​Vater-Kind-Einrichtungen unter besonderer Berücksichtigung des ‚doppelten Kindeswohls‘“ dem Kinderschutz in einem besonderen Hilfekontext (vgl. S. 110–121). Zunächst wird Kinderschutz als gemeinsame Aufgabe verschiedener Akteure beschrieben, wobei sowohl die freien Träger als auch das staatliche Wächteramt des Jugendamtes berücksichtigt werden. Anschließend erfolgt eine begriffliche Auseinandersetzung mit Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung sowie eine Darstellung verschiedener Gefährdungsformen. Von besonderer Bedeutung für MVKE ist das Konzept des „doppelten Kindeswohls“: Minderjährige Eltern können einerseits selbst schutz‑ und unterstützungsbedürftig sein, tragen andererseits jedoch bereits Verantwortung für das Wohl ihres eigenen Kindes. Ergänzend wird der institutionelle Kinderschutz thematisiert.
Konzepte und Verfahren
Das vierte Kapitel ist deutlich praxis‑ und handlungsorientierter ausgerichtet und beschäftigt sich damit, wie Hilfen nach § 19 SGB VIII fachlich konzipiert und im pädagogischen Alltag umgesetzt werden können. Einen besonders konkreten Praxisbezug weist der Beitrag von Olga Luschilin und Jacqueline Reichert auf: „Traumapädagogisches Arbeit in Mutter/​Vater-Kind-Einrichtungen“ (vgl. S. 233–245). Zunächst werden zentrale Begriffe und Grundlagen zum Thema Trauma erläutert. Darauf aufbauend werden Möglichkeiten einer traumapädagogisch orientierten Gestaltung des pädagogischen Alltags dargestellt. Exemplarisch können die Stabilisierung im Alltag sowie die Anamnese und die darauf aufbauende Hilfeentwicklung genannt werden.
Empirie
Das abschließende Kapitel richtet den Blick auf die empirische Erforschung des Arbeitsfeldes und fragt danach, welche Daten und wissenschaftlichen Erkenntnisse über MVKE bislang vorliegen. Peucker, van Santen und Seckinger widmen sich der verfügbaren statistischen Datenlage in „Empirie zu Gemeinsamen Wohnformen für Mütter, Väter und Kinder“ (vgl. S. 280–292). Sie weisen darauf hin, dass bisherige empirische Untersuchungen überwiegend qualitativ ausgerichtet seien und quantitative Erkenntnisse nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stehen. Auch die Kinder‑ und Jugendhilfestatistik liefere lediglich wenige, vorwiegend deskriptive Angaben. Ergänzend können die DJI-Jugendamtsbefragungen Informationen zu den Hilfen bereitstellen. Aufgrundlage dieser Daten werden strukturelle Rahmenbedingungen der Angebote herausgearbeitet und Kennzahlen unter anderem zu Personalstruktur und Qualifikation betrachtet. Insgesamt kommen die Autoren_innen zu dem Ergebnis, dass die empirische Datenlage zum Arbeitsfeld weiterhin vergleichsweise begrenzt ist und künftig eine breitere Datengrundlage erforderlich sein wird.
Diskussion
Beim Aufbau der Publikation lässt sich insgesamt eine nachvollziehbare und vor allem praxisorientierte Struktur erkennen. Die Beiträge vermitteln zunächst grundlegendes Wissen über das Arbeitsfeld, greifen anschließend zentrale Herausforderungen sowie fachliche Konzepte auf und werden durch das abschließende Kapitel zur Empirie wissenschaftlich ergänzt. Dadurch entsteht ein breiter Überblick, der unterschiedliche Zugänge zum Thema miteinander verbindet. Der Sammelband ist dabei weniger als durchgehend aufgebautes Lehrbuch zu verstehen, sondern vielmehr als Handbuch, das gezielt in ausgewählte Themenfelder einführt. Ein abschließendes Fazit oder eine zusammenfassende Synthese der zentralen Ergebnisse fehlt zwar, dies passt jedoch durchaus zum Charakter eines Nachschlagewerks, das einzelne Beiträge auch unabhängig voneinander zugänglich macht. Positiv hervorzuheben ist insbesondere die vielfältige und bewusst ausgewählte Zusammenstellung unterschiedlicher wissenschaftlicher und praxisbezogener Perspektiven. Zudem, dass einzelne Beiträge auch die Perspektiven der leistungsempfangenden Mütter, Väter und Kinder aufgreifen und damit das fachliche Gesamtbild um die Sicht der Adressatinnen und Adressaten erweitern.
Fazit
Insgesamt gelingt es der Publikation, ein bislang nur begrenzt systematisch erschlossenes Arbeitsfeld aus unterschiedlichen Blickwinkeln zugänglich zu machen. Gerade für Fachkräfte, Student_innen und andere Interessierte bietet der Sammelband damit eine fundierte Orientierung und zugleich zahlreiche Ansatzpunkte für eine weiterführende Beschäftigung mit einzelnen Themen von Mutter/​Vater-Kind-Einrichtungen.
Rezension von
Christian Busch
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