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Klaus Hegemann, Felix Sohnrey et al. (Hrsg.): Wer rettet die Welt?

Rezensiert von Prof. Dr. Josef Schmid, 25.09.2026

Cover Klaus Hegemann, Felix Sohnrey et al. (Hrsg.): Wer rettet die Welt? ISBN 978-3-7560-2352-3

Klaus Hegemann, Felix Sohnrey, Daniela Lud (Hrsg.): Wer rettet die Welt? Transformation gestalten in Zeiten der Polykrise. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2025. 213 Seiten. ISBN 978-3-7560-2352-3. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.

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Thema

In Zeiten der Polykrise, die Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zugleich betreffen, sind praktische Lösungen für ein regionales Umfeld gefragt, und der Band will dazu einiges bieten. Er basiert auf einem wissenschaftlichen Symposium am 5. Ethik-Tag an der Hochschule Rhein-Waal, Campus Kamp-Lintfort im Juni 2024.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 11 Beiträge mit 213 Seiten und ist in 3 Kapitel gegliedert:

  • Problemanalysen
  • Partizipative Lösungsansätze
  • Schlusswort und Ausblick.

Globale Krisen und systemische Herausforderungen erfordern so etwas wie „Weltrettung“ oder Transformation, doch die „will hierbei auch nicht so recht voranschreiten“ (Seite 6). Einfache Lösungen – etwa mit Superhelden – sind allenfalls im Film brauchbar. Das wirkliche Leben bzw. die Vielfalt der Herausforderungen sind hingegen komplex und nicht leicht zugänglich – und schon gar nicht unterhaltsam. Eine wichtige Idee des Bandes ist, dass Transformation, um zu gelingen, greifbar(er) werden muss, und dabei ist Partizipation ein wichtiges Element.

Im ersten Block werden Probleme analysiert, beginnend mit der Gefahr eines politischen Rechtsrucks, mit dem etwa eine Ablehnung von Klimapolitik verbunden ist. Empirisch geht es in dem Beitrag von Alexander Brand und Jakob Lempp um die Europawahl 2024. Hier haben rechtspopulistische Parteien zugelegt, und als wesentliche Ursachen gelten

  • die neuen sozialen Medien, über die verstärkt Fake News (etwa: es gibt keinen Klimawandel) verbreitet werden und wo sich selbst verstärkende „Echokammern“ bilden
  • gezielt lancierte, empirisch falsche Annahmen und Versprechungen, die sich aus ökonomischen oder rechtlichen Gründen nicht realisieren lassen
  • eine „Repräsentationslücke“, das heißt, dass wichtige inhaltliche Positionen von den anderen Parteien vernachlässigt werden (v.a. Migration)
  • dass das politische Mehrebenensystem der EU von einer großen Komplexität gekennzeichnet ist, was die Zuordnung von politischen Entscheidungen und Folgen kaum mehr möglich macht, und daher das Bedürfnis für einfache Lösungen wächst
  • eine „Gegenreaktion“ vor allem in ländlichen Gebieten auf dominante, gebildete städtische, woke und progressive Eliten und Gutmenschen.
  • ein Mangel an gutem Regieren und „smarten Ideen“ (Seite 21 ff., 32) für eine erfolgreiche Transformationspolitik.

Das gilt nicht nur für die Europawahl. In vielen Ländern zeigt sich dieses „Paradox“:

„die Polykrise verdeutlicht in vielerlei Hinsicht die Notwendigkeit für transformative Veränderungen…(Aber) nicht wenige Menschen … entscheiden sich angesichts der Herausforderungen … für eine Rückbesinnung auf vermeintlich <gute alte Zeiten> ohne lästige Verkehrswende, Heizungshammer“ und so weiter (Seite 20).

Allerdings gibt es auch eine gute Nachricht: Trotz Stimmengewinnen der Rechtspopulist:innen hat es bei der Wahl zur Kommissionspräsidentin für eine „Ursula-Mehrheit“ gereicht (Seite 19).

Arslan Austin und Torsten Niechoj loten den Beitrag aus, den die Wissenschaft zur Transformation – konkret: der Umsetzung von Öko-Innovationen – leistet. Dazu zeigen sie zum einen auf, wie weit die Entkoppelung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum vorangeschritten ist. Zum anderen vermessen sie die einschlägigen Publikationen bezogen auf die Menge der Publikationen sowie die Netze von Zitationen und Schlüsselwörtern. Viele Beiträge beschäftigen sich jedoch mit konzeptionellen Grundlagen, was ein Hinweis darauf sein könnte, „dass sich die Diskussion um Öko-Innovationen noch in ihren Anfängen befindet“ (Seite 43).

René König und Miriam Drazek beschäftigen sich ebenfalls mit der Rolle der Wissenschaft in und für die Transformation. Zum einen kann sie Information und Forschungsergebnisse zur Problemlösung zur Verfügung stellen und sich dabei – mehr oder weniger stark – positionieren. Zum anderen‑ und das steht im Vordergrund‑ geht es um die klassische Forderung nach der Objektivität des Wissens und um die Neutralität der Position. Beides ist wissenschaftstheoretisch nicht einfach und unumstritten. Wissensproduktion und Forschung sind in kommunikative Frames eingebunden, das heißt, sie finden immer im Kontext von Sprache und sozialer Konstruktion statt (Seite 51 f.). Das ist freilich kein Freibrief für Fake News und alternative Fakten. „Festhalten an Evidenz“, die Beteiligung von Lai:innen am Forschungsprozess sowie „Populismusvermeidung“ (Seite 58) sind ihres Erachtens aussichtsreiche und gangbare Wege, um die methodologischen Tücken zu bewältigen.

Für Kathrin Weidner können nachhaltige Geschäftsmodelle neben ökonomischen Werten auch ökologische und soziale Werte integrieren. Dafür gibt es entsprechende Modelle und Tools, um etwa für Entwicklungsländer passende Produkte herzustellen (Seite 63 ff.).

Im zweiten Block beginnen Ubaida Dib u.a. mit „visionären Lösungen“ für nachhaltiges Recycling von Müll. Deutschland nimmt hier durchaus eine Pionierrolle ein (Seite 92); aber der Weg zu einer echten Kreislaufwirtschaft ist noch weit. Digitale Technologien können helfen, Material einzusparen, Müll besser zu trennen und die Information und die Beteiligung der Bürger:innen zu verbessern. Denn: „…it remains a challenge to ensure broad participation by citizens” (Seite 93).

Irmgard Buder und André Wenda untersuchen mögliche Anwendungen von Wasserstoff, um damit einen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele am Niederrhein zu erzielen. Basale Informationen zu Produktion, Speicherung und Transport von Wasserstoff werden dargestellt und in den Kontext einer europäischen und deutschen Wasserstoffstrategie gestellt. Allerdings stellt sich am Ende die Frage, „ob ein Wirtschaftswachstum wie bisher, nun aber mit erneuerbarer Energie und Wasserstoff statt fossilen Brennstoffen möglich ist“ (Seite 124).

Daniela Lud und Bernd Kröger schlagen vor, Artenvielfalt im urbanen Raum – oder: „Stadtnatur“ – erlebbar zu machen. „Hierfür ist es wichtig, Informationen für Bürger:innen verfügbar zu machen, um ihnen Gelegenheit zu bieten, sich einzubringen oder bürgerwissenschaftlich zu arbeiten (Seite 147 f.). Ergänzend stellen Magdalena E. Moßbrucker u.a. ein Rollenspiel zu Grundwasser und Nitratverschmutzung dar.

Nicole Wild-Wall u.a. fordern, dass zur besseren Berücksichtigung ethischer Aspekte in der Entwicklung von digitalen Assistenz-Technologien für vulnerable Gruppen, „nicht nur im Sinne eines „User Centered Design“ vorzugehen, sondern eines „partizipativen Design‑ und Innovationsprozesses“, zum Beispiel in Reallaboren, der alle Phasen der Entwicklung umfasst (Seite 175).

Schließlich geht es für Klaus Hegemann in Zeiten der Polykrise um deformieren, reformieren und transformieren. Dazu werden diverse Themen und Autor:innen angerissen von Wirklichkeitsverdrängung, Vereinsamung über technologischen Totalitarismus bis zu Colin (nicht Thomas!) Crouchs Bild der „Fliegen, die das Monster irritieren“ (Seite 196).

Für Michael Cremer ist Wohlstand zum Problem geworden und ein „verträglicher Entzug“ von der „Droge“ (Seite 199) schwierig. Ein Weg aus den Wachstumszwängen hin zu einer sozialökologischen Transformation wird im Ehrenamt und in der Gemeinwohlorientierung gesehen.

Diskussion

Das Buch ist gut lesbar und wird dem eingangs postulierten Bedarf an praxisnahen Beispielen gerecht. Aber der rote Faden fehlt weitgehend; die Auswahl an Studien und Beiträgen erscheint recht willkürlich und zufällig. Kritisch sind zudem zwei weitere Aspekte, die den Band durchziehen.

  • Zum einen ein gewisser normativer Überhang und eine Parteinahme für eine Transformation, wobei doch der Beitrag von René König und Miriam Drazek die damit verbundenen Probleme zumindest für die Wissenschaft aufzeigen.
  • Zum anderen ist Partizipation durchaus kein Allheilmittel, denn die Positionen der Bürger:innen sind heterogen und – mit Blick auf den wachsenden Rechtspopulismus – auch nicht immer transformationsfreundlich. Beteiligung auf lokaler Ebene kann auch in unsoziale Kirchturm-Politik umschlagen.

Fazit

Das Thema sozialökologische Transformation ist wichtig, aber nicht einfach. Praxisbeispiele können Mut machen und Veränderungspotenziale aufzeigen. Eine systematische Analyse können sie allerdings nicht ersetzen.

Rezension von
Prof. Dr. Josef Schmid
Professor a.D. für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er war 2010-2022 hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
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ISSN 2190-9245