Michaela Schmid: Die Artikulation der Erziehung
Rezensiert von Prof. Dr. Ulrich Papenkort, 04.08.2025
Michaela Schmid: Die Artikulation der Erziehung.
Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung
(Bad Heilbrunn) 2025.
167 Seiten.
ISBN 978-3-7815-2690-7.
D: 39,00 EUR,
A: 40,10 EUR.
Reihe: Klinkhardt Forschung.
Thema
„Die Artikulation der Erziehung“ ist die erste Monografie, die sich ausschließlich und namentlich dem Phänomen der Artikulation widmet und es auf die ganze Erziehung einschließlich des Unterrichts bezieht. Bisher ist dieses Phänomen nur in der Didaktik und im Kontext weiterer didaktischer Fragen thematisiert worden. Auf die gesamte Erziehung, dort vor allem auf Zeitstrukturen bezogen, wurde es bisher nur von Klaus Prange in seiner Allgemeinen Pädagogik (Die Zeigestruktur der Erziehung, 2005) aufgegriffen, in seiner Folge sowie da im Rahmen einer eigenen Monografie (Operieren mit Zeit, 2020) von Kathrin Berdelmann.
Artikulation gilt Schmid als die Operation, mit der die “pädagogische Differenz“ (Klaus Prange) zwischen dem „Erziehen“ der Erzieher:Innen und dem „Lernen“ der Zu-Erziehenden überbrückt werden kann und muss.
Autorin
PD. Dr. Michaela Schmid ist Akademische Rätin am Lehrstuhl für Pädagogik (Prof. Dr. Eva Matthes) der Universität Augsburg. 2010 ist sie dort promoviert worden. Die Dissertation wurde im gleichen Jahr unter dem Titel „Erziehungsratgeber und Erziehungswissenschaft: zur Theorie-Praxis-Problematik populärpädagogischer Schriften“ veröffentlicht.
Entstehungshintergrund
Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg 2024 als Habilitationsschrift angenommen.
Aufbau
Nach der Einleitung (1) widmet sich die Autorin zunächst systematisch und historisch sowohl dem Wort „Artikulation“ als auch dem Begriff der Artikulation (2). Die folgenden drei Kapitel gelten einer Identifizierung von Artikulationsbegriffen in Allgemeinen Pädagogiken: der entsprechenden Methode der Analyse (3), der Auswahl (4) und der Analyse (5) der Texte selbst. Die Autorin schließt mit einem Ausblick (6).
Inhalt
Einleitung (1)
Schmid konstatiert: „Weder unter Studierenden der Erziehungswissenschaft noch bei der Mehrheit der Kolleg:innen der Erziehungswissenschaft ist dieses Wort [Artikulation, U.P.] als allgemeinpädagogischer Begriff bekannt – und wenn doch, dann wird er in den Kontext von Unterricht, v.a. schulischen Unterrichts verortet…“ (S. 17) Demgegenüber betont Schmid im Anschluss an die schon erwähnte Allgemeine Pädagogik von Klaus Prange und einen von ihm inspirierten Lexikonartikel von Volker Kraft zu „Artikulation“ (Klinkhardt Lexikon 2012): Artikulation ist „ein Grundphänomen der Erziehung – und damit auch ein unbeachteter Grundbegriff der Erziehungswissenschaft“. Sie schreibt weiterhin: „Jede Erziehung … verlangt Artikulation“ (S. 19).
Grundlegung (2)
„Das Wort Artikulation ist lateinischen Ursprungs (articulus: Gelenk, Glied, Satzteil, Zeitpunkt; articulare: gliedern, deutlich aussprechen)“, zitiert die Autorin (S. 35) Volker Kraft. Es würde außer in der Erziehungswissenschaft noch im Alltag und anderen wissenschaftlich Disziplinen verwendet. Zur Erziehungswissenschaft resümiert Schmid, dass es „zur Geschichte des Wortes sowie des erziehungswissenschaftlichen Artikulationsbegriffs … keine Literatur“ gibt und sich auch systematisch keine Monographie den „Artikulationsbegriff … zum Thema macht“ (23) Das Wort sei erstmals in der Allgemeinen Pädagogik von Johann Friedrich Herbart (1806) aufgetaucht und dann von verschiedenen Herbartianern übernommen worden. Beides stellt die Autorin dar. Die eigentliche Rezeptionsgeschichte müsse aber erst noch geschrieben werden. Heute würde es in der Allgemeinen Pädagogik von der schon erwähnten Ausnahme abgesehen überhaupt nicht und in der Allgemeinen Didaktik „randständig“ verwendet und „obendrein in einer sehr verkürzten Bedeutung, nämlich a) nur auf Schule bezogen und b) als Gliederung des Lehrens im Unterricht“ (S. 34). Neben Klaus Prange greife auch Wolfgang Sünkel das Wort in seiner Allgemeinen Didaktik (Phänomenologie des Unterrichts, 1996) und immerhin den Begriff in seiner Allgemeinen Pädagogik (Erziehungsbegriff und Erziehungsverhältnis, 2011) auf.
Vorgehen (3) und Auswahl (4)
Unter dem Ausdruck “Allgemeine Pädagogik“ versteht Schmid im gegebenen Zusammenhang weder die entsprechende Teildisziplin der Pädagogik noch ein Lehrbuch zu dieser Teildisziplin, sondern einen allgemeinen theoretischen Entwurf zum Sachverhalt der Erziehung, veröffentlicht in einer Monografie. Sie beschränkt sich in ihrer Auswahl auf Schriften des 20. Jahrhunderts und darunter diejenigen, „die, sich selbst als Allgemeine Pädagogik verstehend, mit systematischer Absicht verfasst wurden und diese Bezeichnung [oder die der 'Systematischen Pädagogik', U.P.] im Titel tragen“ (62). Es sind neun an der Zahl, und zwar von Wilhelm Flitner (1952/1933), Alfred Petzelt (2018/1947), Theodor Ballauf (1970/1962), Hans-Jochen Gamm (1979), Dietrich Benner (2015/1987), Alfred K. Treml (2000), Marian Heitger (2003), Armin Bernhard (2012/2011) und Volker Ladenthin (2022).
Die Autorin wählt für ihre Analyse dieser neun Allgemeinen Pädagogiken das hermeneutische Verfahren der Textanalyse und orientiert sich dabei an methodologischen Grunderkenntnissen, wie sie dazu Wolfgang Klafki einmal 1971 formuliert hat. Dabei betont sie die Differenz von Wort und Begriff. Der Begriff der Artikulation kann, aber muss nicht mit dem Wort „Artikulation“ bezeichnet worden sein. Für den Fall, dass das Wort fehlt, greift sie zur Identifikation des Begriffs auf einen weiten und deskriptiven Vorbegriff der Artikulation zurück. Sie versteht diesen als “Zusammenspiel der auf das Aneignungshandeln bezogenen Operation des Erziehers und der auf den Gegenstand bezogenen Operation des Zu-Erziehenden“ (56), kurz auf die Abstimmung zwischen der „Lernhilfe“ des Erziehers (inkl. Lehrers i.w.S.) und dem „Lernen“ des Zu-Erziehenden (inkl. Schülers i.w.S.).
Analyse (5)
Der Analyse ist das umfangreichste Kapitel des Buches gewidmet und umfasst deutlich mehr als die Hälfte der Seitenzahl. Die neun Allgemeinen Pädagogiken werden erst einzeln analysiert (5.1), bevor Schmid die maßgebliche „Zusammenschau zu den Allgemeinen Pädagogiken und ihrem Artikulationsverständnis“ bietet (5.2). Für die Besprechung genügt es, auf diese Zusammenschau einzugehen. Und für sie reichen wenige Worte, da das Ergebnis insgesamt negativ ausfällt.
In den neun Allgemeinen Pädagogiken taucht das Wort „Artikulation“ explizit und in einer erziehungswissenschaftlichen Bedeutung nur bei Dietrich Benner auf. Der Begriff der Artikulation, der nicht zwingend an das Wort gebunden ist, wird von ihm, aber auch nur von ihm systematisch ausgearbeitet. Bei den anderen Autoren lässt sich der Begriff oft identifizieren, bleibt aber systematisch ungeklärt.
Ausblick (6)
Im letzten Kapitel ihres Buches positioniert sich Schmid. “Artikulation als Scharnier zwischen der Handlung des Vermittlers, welche auf die Handlung des Aneigners bezogen ist, welche sich ihrerseits auf den anzueignenden Gegenstand richtet…, markiert … den Kern der Disziplin und ihr einendes Element.“ (152) So resümiert die Autorin ihre Begriffsanalyse. Das heißt für sie: „Entgegen aller Diskurse um den angeblichen Verlust des Allgemeinen bzw. des grundsätzlich Nicht-vorhanden-Seins des Allgemeinen in der Teildisziplin der Allgemeinen Pädagogik… gibt es etwas Allgemeines, das entweder vergessen, oder überhaupt nie in der Teildisziplin der Allgemeinen Pädagogik als der Kern des Pädagogischen (a) gewusst/​wahrgenommen und somit (b) erkannt und (c) weiter bearbeitet wurde.“ (153)
Kritik
Monographien mit dem Titel „Allgemeine Pädagogik“, denen aber wie z.B. gleichnamigen Lehrbüchern kein systematisches Konzept zugrunde liegt, hat Schmid für ihre Analyse ausgeschlossen. Leider gilt der Ausschluss auch für allgemeinpädagogische Konzepte, die unter einem anderen Titel veröffentlicht worden sind, insbesondere die von Werner Loch, Klaus Prange und Wolfgang Sünkel. Gerade sie sind oder wären aber für das Thema Artikulation von großem Interesse. Zum Glück greift Schmid immer wieder zumindest auf die letzten beiden Autoren zurück, auch wenn sie sie nicht in ihre Analyse eingeschlossen hat.
Artikulation, wie es Schmid vorschwebt, als Grundbegriff der Erziehungswissenschaft einzuführen, klingt angesichts ihres Gewichts als „Scharnier“ zwischen Vermittlung und Aneignung sehr plausibel. Allerdings beziehen sich Grundbegriffe bisher meist auf Praxen, die sich die Erziehungswissenschaft zum Gegenstand nimmt: Bildung, Erziehung, Sozialisation, Unterricht, vielleicht noch Entwicklung, Lernen. Artikulation wäre nur ein Element solcher Praxen, wenn auch das entscheidende.
Schmid bezeichnet Begriff und Theorie der Artikulation als “Herzstück pädagogischer Theorie“ (55). Diese programmatische Aussage setzt jedoch einen Erziehungsbegriff voraus, der Erziehung – im weitesten Sinne verstanden – als biaktionalen Sachverhalt aus zwei unterschiedlichen Operationen auffasst: der „Lernhilfe“ (Werner Loch), dem „Erziehen“ (Klaus Prange) oder „Vermitteln“ (Wolfgang Sünkel) als Tätigkeit der Erziehenden auf der einen und dem „Lernen“ (Loch, Prange) oder „Aneignen“ (Sünkel) als Tätigkeit der Zu-Erziehenden auf der anderen Seite. Diese beiden Operationen müssen durch den als „Artikulation“ bezeichneten Modus koordiniert werden, damit diese Differenz aus „Erziehen“ und „Lernen“ (Prange) überbrückt werden kann. Für die verbreiteten Erziehungsbegriffe, die nur auf die Operation des Erziehens (einschließlich Unterrichtens) bzw. Erziehers (inklusive Lehrers) fokussieren, kann wohl nicht von einem „Herzstück pädagogischer Theorie“ gesprochen werden.
Fazit
Das Buch von Michaela Schmid enthält die plausible These der Zentralität der Artikulation für jegliche Erziehung und beinhaltet den Aufruf, in der Artikulation das „Herzstück pädagogischer Theorie“ zu sehen. Damit hätte die Allgemeine Pädagogik zugleich ihr Allgemeines identifiziert. Viel spricht dafür, dass Schmid damit recht haben könnte. Und ihr Buch ist von zusätzlichem Gewicht, weil es mit seinem Thema eine deutliche Lücke füllt. Sie hat der Allgemeinen Pädagogik damit einen hervorragenden Dienst erbracht.
Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
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