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Robert Siegler, Judy DeLoache u.a.: Entwicklungs­psychologie im Kindes- und Jugendalter

Cover Robert Siegler, Judy DeLoache, Nancy Eisenberg: Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Spektrum Akademischer Verlag (Heidelberg) 2005. 979 Seiten. ISBN 978-3-8274-1490-8. 49,50 EUR, CH: 80,00 sFr.

Originaltitel: How children develop. Dt. Aufl. hrsg. von Sabina Pauen. Aus dem Amerikan. übers. von Joachim Grabowski.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-662-47027-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Zielsetzung des Lehrbuchs

Das von Siegler,  DeLoache und Eisenberg verfasste Werk zur Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters versteht sich als Lehrbuch für Studenten und Studentinnen, die sich einen Überblick über den aktuellen Stand der modernen Entwicklungspsychologie verschaffen wollen. Dabei haben es sich die Autoren zum Ziel gesetzt, die wichtigsten Entwicklungsphänomene zu identifizieren und in hinreichender Tiefe zu beschreiben, "ohne Anspruch auf enzyklopädische Vollständigkeit" zu erheben. Daher verzichten sie auf entsprechende allgemeine Einführungskapitel zur Geschichte des Forschungsgebiets, der Theorien und Methoden, sondern lassen diese punktuell in die jeweiligen Kapitel einfließen. Vielmehr wollen sie eine Geschichte erzählen, die ausgewählte inhaltliche Aspekte der Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters aufgreift,  aus einer zeitgemäßen verständlichen Perspektive. Dieses unkonventionelle Konzept soll die Motivation der studentischen Leserschaft erhöhen und den Wissenserwerb erleichtern. 

Autoren

Bei den Autoren, die sich als Lehrende aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie einführen, handelt es sich um renommierte amerikanische Entwicklungspsychologen, die sich durch eine Vielzahl einschlägiger Publikationen einen Namen gemacht haben. Darüber hinaus haben sie alle auch Kinder, was sicher zu der ausgeprägten Praxisnähe des Buches beigetragen hat.

Aufbau und Inhalt

Einführend werden sieben inhaltliche Fragen umrissen, die die Kernstruktur des Lehrbuches bilden, an der sich die dreizehn Kapitel orientieren:

  1. Zusammenspiel von Anlage und Umwelt;
  2. Kinder als aktive Produzenten ihrer Entwicklung;
  3. Kontinuität vs. Diskontinuität der Entwicklung;
  4. Entstehen von Veränderungen;
  5. Einfluss des sozio-kulturellen Kontextes auf die Entwicklung;
  6. interindividuelle Unterschiede zwischen Kindern;
  7. praktische Relevanz der Forschungen für das Kindeswohl.

Abschließend, im letzten Kapitel, werden diese sieben Themen noch einmal integriert. Die inhaltliche Gliederung des Buches ist sehr aufgelockert und folgt keinem einheitlichen Ordnungsprinzip, nach Alter oder Funktionsbereich. Diese Aspekte werden innerhalb der Kapitel verzahnt, um den Sinnbezug besonders deutlich zu machen. Im Gesamtkonzept wirkt diese Gliederung aber etwas unübersichtlich und ist nicht immer ohne weiteres nachvollziehbar: einige Kapitel beinhalten Theorien zu bestimmten Entwicklungsbereichen (kognitive und soziale Entwicklung), andere beziehen sich auf ausgewählte Entwicklungsfunktionen (emotionale Entwicklung, Spracherwerb).

Von den Entwicklungsphasen wird nur die frühe Kindheit mit einem eigenen Kapitel gewürdigt, mit dem Hinweis auf die besonders rasante Entwicklung in diesem Zeitraum. Das ist sicher richtig, dennoch ist auch das Jugendalter durch eine besondere Dichte an Veränderungen gekennzeichnet, die maßgeblich Einfluss auf die weitere Entwicklung im Erwachsenenalter nehmen, was ein eigenes Jugendkapitel rechtfertigen würde.

Von den Entwicklungskontexten wird nur der Familie ein eigenes Kapitel gewidmet, wohingegen sozio-kulturelle Einflüsse, die ebenso bedeutsam für die kindliche Entwicklung sind, in einzelnen Abschnitten mehrerer Kapitel thematisiert werden, speziell bezogen auf den jeweiligen Entwicklungsbereich. Erst im neunten Kapitel wird die ökologische Theorie von Bronfenbrenner ausführlich dargestellt,  die als übergeordneter Ansatz zu begreifen ist und von daher sinnvoller in einem früheren Kapitel ihren Platz gefunden hätte.

In den verschiedenen Kästen im Text werden Anwendungsbeispiele skizziert (z. B. Programme der Frühförderung),  interindividuelle Unterschiede (z. B. Abweichungen von der Norm bei der geistigen Begabung) beschrieben oder tiefere Betrachtungsebenen realisiert (z. B. die digitale Welt von Kindern). Diese drei Arten von Kästen liefern vielfältige vertiefende Erkenntnisse zu ausgewählten Themen, die für die Leser sehr informativ sind.

Das Problem der Übertragbarkeit der Ergebnisse von amerikanischen Studien auf deutsche Verhältnisse versucht die deutsche Herausgeberin zu lösen, indem sie des öfteren gezielt deutsche Studien ergänzt, was in einigen Kapiteln gut gelungen ist. An anderen Stellen hätte diese weiter geführt werden können: so hätte etwa die PISA-Studie erwähnt werden sollen, die zu einer intensiven Diskussion des schulischen Lernens in Deutschland und Europa geführt hat. Im Kapitel über Familie verzichtet die Autorin auf deutsche Studien, mit dem Hinweis auf prinzipielle Übertragbarkeit, obwohl z. B. die mütterliche Berufstätigkeit und die Situation von Scheidungsfamilien in Deutschland nur bedingt mit amerikanischen Verhältnissen vergleichbar sind. 

Die historische Einbettung der einzelnen Forschungsgebiete, z. B. bei der Intelligenzentwicklung, ist als gelungen zu betrachten. Über den biographischen Hintergrund einzelner Wissenschaftler ist dagegen nur sporadisch etwas zu erfahren, wobei sich der Leser nach dem Stellenwert so mancher Information fragt, wie etwa, dass Freud als einziger in seiner Familie über eine Lampe verfügte, während sonst über sein Leben kaum etwas vermittelt wird. Zu bemängeln ist ferner, dass die einzelnen Entwicklungsphasen (frühe Kindheit, mittlere Kindheit und Jugend)  nirgends klar definiert und zeitlich eingegrenzt werden. Auch das Konzept der Entwicklungsaufgabe, das als grundlegendes Konzept der Entwicklungspsychologie zu begreifen ist, fehlt. Mehr Querverweise zwischen den einzelnen Kapiteln wären hilfreich: so wird beispielsweise der Begriff "sensible Phase" bei der pränatalen Entwicklung eingeführt und später im Kapitel über Spracherwerb erneut behandelt, ohne dass auf die bereits erfolgte Thematisierung im vorherigen Kapitel hingewiesen wird.

Diskussion

Das Buch ist leserfreundlich aufgemacht, durch zahlreiche Abbildungen, Photos textliche Hervorhebungen und Tabellen, die den Text auflockern. Definitionen stehen am Rand des Textes, um diese besonders zu kennzeichnen. Allerdings stehen diese auf einigen Seiten an gleicher Stelle mit Erläuterungen zu Abbildungen, was dem Leser eine Differenzierung manchmal erschwert. Bei den Theorien hätten Hervorhebungen von Grundannahmen - z. B. durch Kästen im Text - geholfen, das Wesentliche zu erfassen. Viele Untersuchungen werden sehr anschaulich beschrieben, z. B. Piagets Methoden oder Untersuchungen zum kindlichen Verständnis von Emotionen. Die kurzen Zusammenfassungen am Ende einzelner Abschnitte tragen dazu bei, die Kernaussagen noch einmal auf den Punkt zu bringen. Alle Kapitel enden außerdem mit einer übersichtlichen Gesamtzusammenfassung sowie Fragen und Denkanstößen. Der didaktische Aufbau ist positiv zu bewerten, so  dass Lernende von dieser Lektüre sehr profitieren und diese auch gut als Prüfungsliteratur nutzen können.

Das Lehrbuch bietet einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der entwicklungspsychologischen Literatur des Kindesalters. Positiv hervorzuheben ist, dass die Autoren neue Inhalte, z. B. zur Konzeptentwicklung, zur emotionalen Entwicklung, zur Verhaltensgenetik und Gehirnentwicklung sowie zum pränatalen Lernen aufgreifen, die über die üblichen Inhalte von gängigen Lehrbüchern der Entwicklungspsychologie hinausgehen. Die diversen Entwicklungsthemen werden breit diskutiert und aus verschiedenen theoretischen Perspektiven beleuchtet, die alternative Deutungen von Entwicklungsphänomenen beinhalten. Dies ermöglicht dem Leser einen weit reichenden und kritischen Einblick in die einzelnen entwicklungspsychologischen Inhalte des Kindesalters.

Fazit

Insgesamt ist das Buch als sehr gelungenes Lehrbuch zu betrachten, das neben seiner Fülle an theoretischen Beiträgen auch durch den Bezug zur Praxis imponiert, eine Kombination, die man in deutschen Lehrbüchern kaum findet. Auch ausgewählte Entwicklungsstörungen finden kurz Erwähnung, z. B. Autismus, ADHS, Depression und Essstörungen. Mit ihrem unkonventionellen Konzept und der ansprechenden Aufmachung lösen die Autoren ihren Anspruch ein, mit ihrem Buch eine Grundlage für eine Lehrveranstaltung zur Kindesentwicklung zu verfassen. Allerdings wird der Originaltitel des Buches: "How children develop" dem Inhalt eher gerecht, da die Kindheit deutlich mehr Raum einnimmt als das Jugendalter. Zentrale Aspekte des Jugendalters, wie z. B. die Pubertät, werden recht knapp abgehandelt, an zwei Stellen im Buch, die sich nicht aufeinander beziehen. Die Autoren haben ein ansprechendes und anregendes Nachschlagewerk vorgelegt für Psychologen, Erzieher, Lehrer, Ärzte und alle Menschen, die professionell mit Kindern zu tun haben, das sehr zu empfehlen ist.

 


Rezension von
PD Dr. Christiane Papastefanou
Privatdozentin an der Universität Mannheim (Lehrstuhl Erziehungswissenschaften) im Bereich Entwicklung- und Familienpsychologie sowie Psychotherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in eigener Praxis in Ludwigshafen


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Zitiervorschlag
Christiane Papastefanou. Rezension vom 24.01.2006 zu: Robert Siegler, Judy DeLoache, Nancy Eisenberg: Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Spektrum Akademischer Verlag (Heidelberg) 2005. ISBN 978-3-8274-1490-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3327.php, Datum des Zugriffs 07.04.2020.


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