Joachim Bensel, Gabriele Haug-Schnabel: Entwicklungspsychologie für die Ganztagsschule
Rezensiert von Dipl. Päd. Nicole Dern, 02.01.2026
Joachim Bensel, Gabriele Haug-Schnabel: Entwicklungspsychologie für die Ganztagsschule. Kinder von 6 bis 12 Jahren. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2025. 160 Seiten. ISBN 978-3-451-39456-0. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR, CH: 27,05 sFr.
Thema
Das Werk beschreibt aus entwicklungspsychologischer Perspektive die kindliche Entwicklung in der Alterspanne von 6 bis 12 Jahren und gibt darüber hinaus einen Einblick in die Gestaltung von Übergängen. Angesiedelt in der Reihe Qualität in Ganztagsschule, Hort und Schulkindbetreuung wird eine ressourcenorientierte und vielfaltsbejahende Sicht auf Ganztagsangebote und die kindliche Entwicklung deutlich. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund des weiteren Ausbaus der Betreuungszeiten von Kindern und der Institutionalisierung von Kindheit(en) auch mit Blick auf das anstehende Ganztagsförderungsgesetz ein wichtiger Beitrag. Die Zielgruppe des Buches umfasst alle Personengruppen, die in die Bildungsbegleitung von Kindern im Grundschulalter tätig sind.
Autor:in
Dr. Joachim Bensel ist Verhaltensbiologe und führte Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen. Er ist Mitglied der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM), Referent und Fachbuchautor.
Dr. Gabriele Haug-Schnabel ist Verhaltensbiologin und Ethnologin. Sie ist Gründerin und Leiterin der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM), Fachbuchautorin und führte Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen.
Aufbau und Inhalt
Das Werk gliedert sich nach einem Vorwort in vier Hauptkapitel und wird durch ein Register sowie die verwendete Literatur ergänzt. Das dritte Kapitel, welches die Entwicklung von Kindern zwischen 6 und 9 Jahren explizit in den Blick rückt, nimmt dabei mit einer Länge von 85 Seiten den weitaus größten Teil des Buches ein. Diese Schwerpunktsetzung deckt sich mit dem Anliegen der Autor:innen, entwicklungspsychologisches Wissen für die Ganztagsschule bereitzustellen.
Bereits im Vorwort wird die Perspektive des Buches als ein Beitrag zum Wissensaufbau für Menschen in entwicklungs- und bildungsbegleitender Funktion deutlich. Bildung und Entwicklung werden dabei als ganzheitliche Prozesse verstanden, die in der hier fokussierten Altersgruppe vor dem Hintergrund immer stärker institutionalisierter Kindheiten auch ein Locker- bzw. Loslassen Erwachsener fordern, ohne dass hiermit ein Alleinlassen gemeint wäre.
Das erste Kapitel umreißt den Kindheitsbegriff auf nur einer Seite sehr knapp. Hierbei wird die Einteilung in Altersgruppen beschrieben und damit der Aufbau des Buches erläutert.
Das zweite Kapitel rückt „Übergangsbegleitung und die Chancen des Ganztags“ in den Fokus. Hier werden neben dem Schulbeginn als Übergang (Kap. 2.1) kontrovers auch die Frage nach Schulfähigkeit der Kinder/Kindfähigkeit der Schulen (Kap. 2.2) und der ganztägigen Angebote (Kap. 2.3) im Sinne von Chancen diskutiert. Angemahnt wird unter anderem eine notwendige Diskussion um Qualitätsentwicklung, die sich bisher nicht ausreichend abzeichnet. In diesem Abschnitt werden auch Kinderrechte und Kinderschutz als wichtige Themen aufgenommen und das Spannungsfeld von Schutz und Freiräumen in den Blick gerückt. Positiv ist die Verknüpfung mit anderen Kapiteln der Monographie zu sehen, die die Zusammenhänge verdeutlicht und Redundanzen vermeidet.
Die kindliche Entwicklung im Alter von sechs bis neun Jahren wird im dritten Kapitel umfassend mit 13 teils weiter untergliederten Unterkapiteln differenziert ausgeführt. Hier wird zunächst die körperliche und motorische Entwicklung (Kap. 3.1) beschrieben, dabei liegt der Fokus auf der Grobmotorik.
Das Folgekapitel (Kap. 3.2) ist in sechs Teilabschnitte untergliedert und behandelt verschiedene Bereiche des Denkens. Hier wird unter anderem auch das Zeichnen (Kap. 3.2.5) aufgenommen, wobei eine engere Verknüpfung mit der motorischen Entwicklung nicht hergestellt wird.
Sprache wird in einem eigenen, sehr kurzen Kapitel als „Informationsträger“ charakterisiert, und dabei wird die Entwicklung des Sprachgebrauchs auch mit Bezug zu kindlichem Humor und Ironieverstehen aufgenommen (Kap. 3.3).
Kulturtechniken (Kap. 3.4) werden in den drei Unterkapiteln Schreiben, Lesen und Rechnen aufgenommen.
Es schließen sich zwei kurze Kapitel zum Thema „Kindgemäße Angebote in der Schule“ (Kap. 3.5) und „Beziehung und Lernen“ (Kap. 3.6) an. In letzterem wird Anerkennung als zentrales Moment in der gelingenden Lern- und Entwicklungsbegleitung hervorgehoben.
Beziehungen werden auch im folgenden Kapitel zentral verhandelt – hier im Sinne der Peerbeziehungen, die mit der sozialen Entwicklung verknüpft werden (Kap. 3.7). Schwerpunkte liegen hierbei unter anderem auf der Gruppenzugehörigkeit von Kindern und der Weiterentwicklung der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme.
„Selbstwert und Umgang mit Emotionen“ (Kap. 3.8) nimmt diesen Aspekt unter dem Fokus der Emotionsregulation wieder auf und beschreibt in zwei Unterabschnitten das Selbstkonzept (Kap. 3.8.1) und die Kontrollüberzeugungen (Kap. 3.8.2). Besonders hervorzuheben ist, dass immer wieder auch auf das Verhalten von Bezugspersonen eingegangen wird und Möglichkeiten der Unterstützung kindlicher Entwicklung aufgenommen werden.
Unterschiede zwischen den Geschlechtern (Kap. 3.9) werden in vier Unterkapiteln behandelt. Auch wenn das Kapitel irreführend mit „Jungen und Mädchen in der Grundschule“ überschrieben ist, werden hier alle Geschlechter berücksichtigt und eine wertschätzende Perspektive auf Vielfalt eingenommen, die auch der psychosexuellen Entwicklung einen Abschnitt widmet.
Der „Förderung von Resilienz und Partizipation“ (Kap. 3.10) ist das nächste Kapitel gewidmet. Gabriele Haug-Schnabel und Joachim Bensel schaffen hier einen Überblick und beschreiben sehr konkret, wie unterstützende Umgebungen geschaffen werden können und welches pädagogische Handeln unterstützend wirken kann. Exemplarisch sei hier z.B. das konkrete Beispiel der Ressourcenkarte genannt (S. 93). Gelingende Partizipation wird als ein wichtiger Punkt definiert.
Es schließen sich ein sehr knappes Kapitel mit Fokus auf Bewegung und Naturerfahrung (Kap. 3.11) und ein weiteres, das Geheimnisse und das „Risky Play“ in den Blick nimmt (Kap. 3.12), an.
Das Hauptkapitel des Werkes beschließen Gabriele Haug-Schnabel und Joachim Bensel mit einem ausführlichen Kapitel zu „Entwicklungsstörung als Abweichung von der Norm“ (Kap. 3.13), welches Fragen nach Norm und Abweichung kritisch diskutiert und die Dynamik in der Fachdiskussion anreißt. Warum die Diskussion der BELLA- und der COPSY-Studie ein eigenes Unterkapitel bilden (Kap. 3.13.1), erschließt sich nicht ganz, insbesondere da es sich um das einzige Unterkapitel handelt.
Im vierten Kapitel befasst sich das Werk der Entwicklung im Alter von zehn bis zwölf Jahren, geht jedoch an vielen Stellen auch aufgrund der Anlage der thematisch relevanten Studien über die Altersspanne hinaus. Auch hier wird in elf Unterkapiteln eine differenzierte Darstellung deutlich.
Nach einer längeren Kapiteleinleitung, die einen sehr weiten Bogen schlägt, wird zunächst ein historischer Teil (Kap. 4.1) eingefügt, bevor mit „Beginn und Verlauf der Pubertät“ (Kap. 4.2) und der verfrühten Pubertät (Kap. 4.3) zunächst thematisch die körperliche Entwicklung im Fokus steht.
Es folgen Kapitel zur kognitiven (Kap. 4.4) und zur sozialen Entwicklung (Kap. 4.5). Hier wird auch das Selbstkonzept Jugendlicher beschrieben. Soziale Medien werden in Verbindung zum Selbstwert gebracht (Kap. 4.6).
Im Kontext der Entwicklung einer positiven Identität werden inklusives pädagogisches Handeln und entsprechende Konzepte von Joachim Bensel und Gabriele Haug-Schnabel aufgegriffen (Kap. 4.7).
Das Folgekapitel greift die moralische Entwicklung und soziales Wissen auf (Kap. 4.8). Mit „Lust auf intensive Gefühle und Risikobereitschaft“ (Kap. 4.9) wird auf den ersten Blick ein Pendant zu Kapitel 3.12 geschaffen, diese Verknüpfung wird jedoch im Text nicht ausgearbeitet.
Nachdem die steigende Wichtigkeit der Peer-Group (Kap. 4.10) diskutiert wurde, schließt das Kapitel und auch der inhaltliche Teil des Buches mit einem Abschnitt zum Übergang zur weiterführenden Schule (Kap. 4.11) ohne weiteres Schlusswort.
Es folgen die Nennung der verwendeten Literatur, Angaben zu den Autor:innen und ein Stichwort-Register, das ein schnelles Auffinden gesuchter Informationen ermöglicht und damit das Werk für die Praxis besonders auch als Nachschlagewerk fruchtbar macht.
Diskussion
Positiv ist zu bemerken, dass die Kapitel des Buches ganz klar aufeinander aufbauen und dennoch jedes Kapitel für sich allein lesbar und sinnhaft zu verwenden ist. Die sehr stark schwankende Kapitellänge (zwischen 1 bis 85 Seiten) ist gewöhnungsbedürftig. Insgesamt zeigt sich vom Vorwort an eine potenzial- und ressourcenorientierte Herangehensweise. Eine vielfaltsbejahende Perspektive, die das Gute der Vergangenheit aufnimmt, ohne das Neue in seinem Wert zu schmälern, kann alle, die Kinder in ihrem Tun begleiten, unterstützen.
Hervorhebungen und Grafiken sowie farblich unterlegte Kästen und Tabellen lockern den Text auf und unterstützen die Verstehbarkeit. Besonders positiv ist hervorzuheben, dass es den Autor:innen gelingt, über Bilder und Beispiele eine gewisse Praxisnähe zu schaffen, ohne dabei eine differenzierte Darstellung zu vernachlässigen. Allerdings sind die Hervorhebungen innerhalb des Textes nicht immer ganz logisch. Ähnlich verhält es sich mit dem Argumentationsgang und der Systematisierung der Kapitel (z.B. Kapitel 3.13, s.o.).
Insgesamt ist das Buch mit 160 Seiten ein gut lesbares Werk, das das Anliegen, insbesondere im Feld Tätige zu erreichen und ihnen grundlegendes Wissen für die Entwicklungsbegleitung nahe zu bringen, voll erfüllt. Wünschenswert wäre ein kurzes Schlusskapitel gewesen, welches das Werk vor dem Hintergrund des Ganztags noch einmal abschließend würdigt.
Das Werk kommt seinem Ansinnen, die kindliche Entwicklung im genannten Altersbereich darzustellen, vollumfänglich nach. Die immer wieder eingestreuten Hinweise auf mögliche pädagogische Bearbeitungen ergänzen das Werk sinnvoll.
Fazit
Mit „Entwicklungspsychologie für die Ganztagsschule. Kinder von 6 bis 12 Jahren“ schaffen Gabriele Haug-Schnabel und Joachim Bensel es, eine anschauliche und übersichtliche Darstellung der kindlichen Entwicklung im Grundschulalter zu geben, dabei wird eine vielfaltsbejahende Sicht, die wertschätzend auf die Entwicklung von Kindern blickt, eingenommen. Das Feld der ganztägigen Angebote wird hier in seinen Potenzialen gesehen, ohne kritische Aspekte zu verschweigen. Es gelingt so, kindliche Entwicklung praxisnah zu beschreiben und eine Handlungsorientierung für Fachkräfte im Feld wie für alle, die mit Kindern arbeiten (wollen), zu geben.
Rezension von
Dipl. Päd. Nicole Dern
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Justus-Liebig-Universität Gießen
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