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Stephanie Pigorsch: Partizipation und soziale Ausschließung

Rezensiert von Jan Igloffstein, 08.04.2026

Cover Stephanie Pigorsch: Partizipation und soziale Ausschließung ISBN 978-3-8376-7495-8

Stephanie Pigorsch: Partizipation und soziale Ausschließung. Eine Ethnografie im Kontext von Gemeinwesenarbeit. transcript (Bielefeld) 2025. 338 Seiten. ISBN 978-3-8376-7495-8. D: 49,00 EUR, A: 49,00 EUR, CH: 59,80 sFr.
Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 90.

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Thema

Die Nicht-Inanspruchnahme von Angeboten ist der Sozialen Arbeit ein vertrautes, aber erklärungsbedürftiges Phänomen: Leistungen und Angebote werden oft gerade von denen nicht genutzt, für die sie gedacht sind – von Transferleistungen bis zu offenen Beratungsangeboten. In der Regel wird dann schnell nach „Hürden“ gefragt, denen unterstellt wird, der Grund zu sein, warum das eigentlich gute Angebot – da ist man sich sicher – nicht in dem Maße genutzt wird, wie es seiner Güte entspräche. Dieses prominente Phänomen schlägt sich auch in sozialräumlichen Partizipationsformaten nieder: Auch hier bleibt Teilnahme häufig selektiv, und viele kommen gar nicht erst oder ziehen sich wieder zurück.

An diesem Punkt setzt Stephanie Pigorsch mit ihrer ethnografischen Forschung an und nimmt – statt ausbleibende Nutzung vorschnell als Resultat ihrer Hürden zu verhandeln – das Angebot selbst in den Blick: wie Partizipationsangebote praktisch funktionieren – in ihrer Vermittlung, ihren Erwartungen und Formaten –, und zugleich „from below“, wie Teilnehmende (und Nicht-Teilnehmende) darauf reagieren: mit Mitmachen, Distanz, Rückzug oder Widerstand.

Autorin

Stephanie Pigorsch ist Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magedeburg-Stendal

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch basiert auf einer 2024 abgeschlossenen Dissertationsschrift. Es erschien 2025 im transcript-Verlag in der Reihe „Gesellschaft der Unterschiede“ (Band 90) und ist im Open Access verfügbar.

Das empirische Material wurde im Zeitraum von 2016 bis 2019 erhoben und basiert auf der Teilnahme an 26 Partizipationsveranstaltungen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in einen umfangreichen theoretisch-methodischen und einen empirischen Auswertungsteil. Nach Einleitung und begrifflicher Rahmung (Partizipation in unterschiedlichen Diskursen; Verortung in der Gemeinwesenarbeit) folgen Forschungsstand sowie die Darstellung des Forschungsdesigns und der methodologischen Grundlagen. Der empirische Hauptteil ist als Reihe von Analysekapiteln organisiert, die jeweils einen eigenen Schwerpunkt entfalten. Wiederkehrend sind Fallvignetten, die jeweils unmittelbar analytisch kommentiert und am Kapitelende in knappen Zwischenresümees zusammengeführt werden.

Inhalt

Pigorsch verortet ihre Perspektive im Spektrum kritischer Sozialer Arbeit und fasst „Partizipation“ als normativ aufgeladenen, standortgebundenen und entsprechend vieldeutigen Begriff. Sie führt dazu eine breite Diskurskartierung in Politik, Planung/​Verwaltung, Pädagogik und Sozialer Arbeit durch, die als begriffliche Folie für die spätere Auswertung dienen soll. Darauf aufbauend formuliert sie ein kritisches Arbeitsverständnis: Partizipation wird als Praxis in Macht‑ und Herrschaftsverhältnissen aufgefasst, die gleichsam mit sozialer Ausschließung verschränkt ist; leitend ist zudem eine Perspektive „from below“ auf Gebrauchswert, Eigensinn und (Nicht-)Nutzung durch Alltagsakteure. Die Autorin betont so bereits früh die für ihre Ergebnisse relevanten immanenten „Paradoxien“ (S. 54) einer um Partizipation bemühten Sozialen Arbeit, da auch diese immer im Spannungsfeld „zwischen Emanzipation und Befriedung, zwischen Transformation und Stabilisierung“ (S. 53) agiere. Auf dieser Grundlage beschreibt Pigorsch Gemeinwesenarbeit als ein Feld zwischen konfliktorientiert-kritischer und affirmativ-integrativer Praxis, in dem Soziale Arbeit als intermediäre Instanz zwischen Alltagswelt und politischen Institutionen agiert; Partizipation erscheint ihr damit als zentrales, aber stets widersprüchlich verfasstes Mittel. Der Forschungsstand, den sie aufarbeitet, beschreibt Beteiligung zudem als sozial selektiv (Geschlecht; Klasse; Alter; Herkunft) und legt nahe, dass sich Nicht-Nutzung weniger individuell – z.B. aus mangelndem Interesse – als strukturell als Reaktion auf objektive Ausschließungsmechanismen erklären lasse. Daran schließt eine – zunächst als Frage formulierte – leitende Annahme des Buches an, dass ausbleibende Teilnahme aus der Beschaffenheit von Situationen veranstalteter Partizipation selbst erklärbar sein könnte.

Auf dieser Basis formuliert Pigorsch ihren methodischen Zugriff: Mittels ethnografischer Feldforschung will sie veranstaltete Partizipation – von Inszenierung und Adressierung bis zu den Praktiken der Teilnehmenden und Professionellen – unter einer praxistheoretischen, diskursanalytisch sensibilisierten und machttheoretischen Perspektive untersuchen. Dazu richtet sie ihren Blick auf Praktiken und deren materielle Verankerungen (Körper, Artefakte) und weniger auf Einstellungen. „Diskurs“ fasst sie weit als Praxis der Bedeutungs‑ und Subjektkonstitution, die auch in Alltags‑ und Körperpraktiken wirksam wird. Macht begreift sie – in Anschluss an Foucault – als relationale, widerstandsproduzierende Praxis; entsprechend arbeitet sie mit einem doppelten Subjektbezug (Anrufungs‑ und Praxissubjekt). Ihrem (gesellschafts-)kritischen Anspruch trägt die Autorin durch Bezug auf die Einbettung von Partizipation in eine aufgrund der Aufspaltung der Lebenssphären in Arbeit, Freizeit und Privatleben „[entfremdete] Gesellschaft“ (S. 87) mit zunehmender „Entlebendigung“ (ebd.) ihrer sozialen Institutionen Rechnung.

Die letzten vier Kapitel des Buches sind den Forschungsergebnissen gewidmet. Hierbei zitiert die Autorin ausführlich aus ihrem Dokumentationsmaterial. In Untersuchungen der Materialität veranstalteter Partizipation arbeitet sie heraus, wie Raum sowie die Wahl von Technik und Methoden Situationen veranstalteter Partizipation strukturieren und das Sprechen erleichtern bzw. erschweren. So arbeitet Pigorsch etwa am Beispiel einer sog. „Motzkiste“, einer für kritische Anmerkungen vorgesehenen Box, heraus, wie diese Kritik nicht nur „einhaust“, sondern ihr einen besonderen Ort zuweist: Sie wird aus der hörbaren Öffentlichkeit des Plenums herausgelöst, zeitlich und räumlich eingehegt, und damit von der situierten Meinungs‑ und Willensbildung getrennt. Die Materialität der Kiste selbst – inklusive ihrer kindlichen Formsprache und der Figur des „Motzmonsters“ – wird dabei als Teil der Rahmung von Kritik analysiert.

Neben solch expliziten Regeln, wie mit Kritik zu verfahren ist, nimmt sie auch implizit gültige Regeln auf den Veranstaltungen in den Blick. Mit ihrer Heuristik des doing competence möchte sie nachzeichnen, wie sich Selbst‑ und Fremdzuschreibungen von Kompetenz – als ungleichheitsreproduzierendes Differenzierungs‑ und Ausschlusskriterium – äußern. Dazu fokussiert die Autorin stark auf die Ansprache (potenziell) Teilnehmender. Exemplarisch zeigt sie zunächst, wie diese über eine emphatische Anrufung als „kompetente“ Alltagsexperten gewonnen werden sollen, wobei Rahmen und Wirksamkeit der Artikulation unklar bleiben. Anschließend rekonstruiert sie die Rolle der Moderation als Schlüsselinstanz der Kompetenzproduktion: Über Wortwahl, Auftreten und Methodenentscheidungen werde eine exklusive Arena hergestellt, in der bestimmte Habitus‑ und Sprechformen als passend erscheinen. Am Beispiel des „Super-Bürgers“ verdichtet Pigorsch schließlich, welche impliziten Kompetenzen in Top-down-Verfahren von Teilnehmenden erwartet werden und wie daran über Anerkennung, Gehör und Teilhabechancen entschieden werde.

Dem Umgang Teilnehmender mit den ihnen gebotenen Situationen geht sie ausführlich im zehnten Kapitel nach. Wie im Theorieteil angelegt, zeichnet sie widerständige und eigensinnige Verhaltensweisen nach und beschreibt, wie Teilnehmende Zustimmung, Distanz oder Gegenrede praktisch herstellen. Die Autorin entwickelt hierfür eine Typologie von Bearbeitungsweisen (Mitmachen, Dabeisein, Dagegenhalten, Enthalten/​Entziehen) und illustriert diese anhand ethnografischer Szenen. Im Fokus steht dabei, wie Kritik artikuliert, kanalisiert oder verlagert wird und wie sich Rückzug und Nicht-Nutzung – bis hin zum Nicht-(mehr-)Erscheinen – im Prozess zeigen.

Abschließend typisiert Pigorsch die Rolle Sozialer Arbeit in Partizipationssettings („nicht mitspielen“, „bespielen“, „kaputtspielen“) und verdichtet die Arbeit in einer idealtypischen Gegenüberstellung von Partizipationsverständnissen (Planung/​Verwaltung vs. kritische Gemeinwesenarbeit). Nicht-Nutzung wird dabei nochmals als „alltagsorientierte Kritik“ aufgefasst, die professionell „dechiffriert“ werden müsse (S. 284).

Diskussion

Stephanie Pigorsch gelingen mit ihrem Buch anregende und starke Praxisreflexionen. Mit großer Materialnähe arbeitet sie die Bedeutsamkeiten des Alltäglichen heraus; dabei überzeugt der Wechsel zwischen der detaillierten Darstellung scheinbar banaler Situationen und ihrer grundsätzlichen, abstrakten Einordnung: Die dichten Vignetten kippen nicht ins Anekdotische, sondern werden konsequent als Material für eine weiterführende Reflexion genutzt, wodurch der Text (trotz seines theoretischen Anspruchs) gut lesbar wird.

So überzeugend die ethnografische Rekonstruktion des Wie ist, so deutlich zeigt sich im Gang der Argumentation eine Verschiebung: Die Binnenanalyse der Formate wird wiederholt zur Erklärung von Nicht-Nutzung im weiteren Sinne gemacht. Ausschließungsmechanismen, die Pigorsch innerhalb der Situationen präzise sichtbar macht, sollen zugleich begründen, warum viele gar nicht erst kommen. Damit verschiebt sich die Frage von der situativen Herstellung von Teilnahmechancen zur Reichweite der Angebote an sich, ohne dass Gründe und Nutzenabwägungen von Nicht-Teilnehmenden eigenständig erschlossen würden. Besonders fragil wird diese Verschiebung dort, wo Nicht-Nutzung als Widerstand/​Eigensinn gerahmt wird – bis hin zur These, Nicht-Nutzung könne als „eigensinnige Selbstausschließung gegen (!) […] hegemoniale soziale Ausschließung“ verstanden werden (S. 197). Hier wird aus dem negativen empirischen Befund – Abwesenheit – ohne entsprechende Evidenz schnell ein durch eine eher schlagwortartige Gesellschaftskritik gestützter positiv bestimmter politischer Gehalt, der stärker weltanschaulich als empirisch fundiert erscheint.

Gerade weil die Arbeit an mehreren Stellen selbst Hinweise auf einen anderen, naheliegenden Erklärungspfad liefert, fällt diese Engführung ins Gewicht: Pigorsch beschreibt die geringe „Gebrauchswerthaltigkeit“ bestimmter Formate und berichtet Konstellationen, in denen Entscheidungsspielräume faktisch minimal bis nicht vorhanden sind – etwa wenn Vorhaben praktisch vorentschieden oder rechtlich bereits nicht mehr angreifbar sind. Solche Beobachtungen hätten eine präzisere Gegenstandsbestimmung nahegelegt: nicht als defizitäre Umsetzung eines Demokratieideals, sondern als zweckmäßige Verfahren, deren Entscheidungsspielraum gegenüber dem politischen Bedeutungsüberschuss, mit dem sie versehen werden, faktisch zu vernachlässigen ist.

Indem stattdessen ein emanzipatorischer Zweck der Formate vorausgesetzt wird, der in ihrer konkreten Gestalt nur widersprüchlich – im Spannungsverhältnis von Emanzipation und Kontrolle – zur Geltung komme, richtet sich die Kritik nicht auf den sachlichen Gehalt der Formate selbst, sondern auf die Möglichkeit der besseren Realisierung eben dieses emanzipatorischen Zwecks. So wird der Gegenstand im Moment seiner Kritik und gerade durch sie affirmiert: Losgelöst vom tatsächlichen Inhalt der „Emanzipation“ auf den Veranstaltungen, erscheint Emanzipation nur noch als von jeder Bestimmtheit gelöstes und dennoch prinzipiell begrüßenswertes Positivum. Die vorgelagerte Frage, welche (politischen) Entscheidungen überhaupt zur Disposition stehen – und welche nicht –, wird somit vermieden: Eine rationale Begründung für die leitende Annahme, dass grundsätzlich eine möglichst breite und diverse Beteiligung an den untersuchten Formaten erstrebenswert sei, ist damit nicht zu leisten. Partizipation wird so vom Forschungsgegenstand zum normativen Maßstab ihrer selbst.

Die Schlussforderung des Buches ist dafür symptomatisch: Als Fazit formuliert die Autorin die Aufforderung, „für und mit Alltagsakteur_innen Prozesse der Sozialraumentwicklung anzustoßen, die ihnen eine ihren Interaktionsformen angemessene Politik der Bedürfnisinterpretation ermöglicht [sic]“ (S. 298). Was zuvor in Ansätzen als Praxis mit engem Entscheidungsspielraum herausgearbeitet wurde, wird damit ohne logische Notwendigkeit in eine professionsethische Formatforderung überführt. Dass Pigorsch dabei auch einen veränderten Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen als Voraussetzung benennt, bleibt im Text randständig – die Frage, wer über diese Ressourcen verfügt und wie über sie entschieden wird, wird nicht weiterverfolgt. So münden zentrale Strukturdiagnosen in professionsethische Appelle (Reflexion, machtsensibles Handeln, Potenzialausschöpfung), wodurch die sachliche Analyse an genau den Stellen, an denen sie die objektiven Grenzen der Formate berührt, endet. Die Forderung nach Veränderung zielt so primär auf die Optimierung symbolischer Beteiligungsformen und nicht auf deren materielle Wirksamkeit.

Das Buch ist weitgehend sorgfältig lektoriert. Kapitel 5 bildet dabei eine auffällige Ausnahme: Sprachliche Brüche und Tippfehler – darunter in den Forschungsfragen selbst – sind angesichts der zentralen Bedeutung, die dem Methodenkapitel für die Gesamtanlage der Studie zukommt, irritierend.

Fazit

Pigorsch legt eine materialnahe Ethnografie vor, die zeigt, wie veranstaltete Partizipation Ausschluss und Rückzug mitproduziert, weitet diese Binnenanalyse aber teils zur Erklärung von Nicht-Nutzung insgesamt aus. Für Praxis und Forschung in Gemeinwesen‑ und Quartiersarbeit sowie (Stadt-)Planung ist das Buch dank seiner tiefgehenden und empirisch dichten Reflexion konkreter Beteiligungssituationen empfehlenswert und bereichernd.

Rezension von
Jan Igloffstein
B.A. Soziale Arbeit
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Es gibt 1 Rezension von Jan Igloffstein.

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ISSN 2190-9245