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Anja Weiß, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Soziale und globale Ungleichheit

Rezensiert von Prof. em. Dr. phil. Ronald Lutz, 07.11.2025

Cover Anja Weiß, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Soziale und globale Ungleichheit ISBN 978-3-7344-1668-2

Anja Weiß, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Soziale und globale Ungleichheit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2024. 120 Seiten. ISBN 978-3-7344-1668-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Kleine Reihe Soziologie.

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Autorinnen

Dr. Anja Weiß ist Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Makrosoziologie und transnationale Prozesse an der Universität Duisburg-Essen. Sie forscht zur Soziologie globaler Ungleichheiten, zur Migration hochqualifizierter Arbeitskräfte, zu professionellem Wissen und zu Antirassismus. Dr. Nicolle Pfaff ist Professorin für Migrations- und Ungleichheitsforschung an derselben Universität. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Bildungssoziologie, der Untersuchung von Bildungsungleichheiten und in diskriminierungskritischen Ansätzen der politischen Bildung.

Das Buch erschien in der Kleinen Reihe Soziologie des Wochenschau Verlags, die von Petra Deger, Stefan Müller und Gabriele Rosenthal herausgegeben wird und wissenschaftlich fundierte, aber kompakte Einführungen in zentrale Themen der Soziologie bietet.

Aufbau des Buches

Das Werk gliedert sich in sechs Hauptkapitel, ein Glossar und ein Literaturverzeichnis. Es folgt einem systematischen Aufbau, der die ökonomische, kulturelle und politische Dimension sozialer Ungleichheit schrittweise entfaltet.

  1. Soziale Ungleichheit in der Welt
  2. Ungleiche Verteilung mit den Unterkapiteln Klasse und Stand, Globalisierung sowie Habitus und Distinktion
  3. Institutionalisierte Missachtung mit den Unterkapiteln Von der Subkultur zur Intersektionalität, Das Normale und das Andere sowie Repräsentation
  4. Wer entscheidet über wen? mit den Unterkapiteln Fehlrepräsentation, Sprachlosigkeit und Identitätspolitik
  5. Das Zusammenwirken von Verteilung, Anerkennung und Repräsentation
  6. Intervention: Was bedeutet das für Schule und Politik? mit den Unterkapiteln Neoliberalismus, Bildungsgerechtigkeit, Solidarität und politische Gestaltung

Das Ziel der Autorinnen ist es, die Verbindungslinien zwischen materieller Verteilung, symbolischer Anerkennung und politischer Repräsentation sichtbar zu machen und zu fragen, wie Ungleichheiten in Deutschland und global entstehen, aufrechterhalten und legitimiert werden.

Inhalt

Das Buch beginnt mit einer literarisch-soziologischen Annäherung: Am Beispiel von George Bernard Shaws „Pygmalion“ zeigen Weiß und Pfaff, wie Sprache, Bildung und sozialer Habitus als Marker sozialer Zugehörigkeit fungieren. Shaws Figur Eliza Doolittle steht exemplarisch für jene, die trotz Potenzial zur Gleichheit durch symbolische Barrieren ausgeschlossen bleiben. Diese anschauliche Szene bildet den Ausgangspunkt für die Einführung in Nancy Frasers Theorie der partizipatorischen Gerechtigkeit, die als normative Leitidee den gesamten Band durchzieht.

Nach Fraser bedeutet Gerechtigkeit, dass alle gesellschaftlichen Mitglieder als Ebenbürtige an sozialen Prozessen teilnehmen können. Ungleichheit entsteht dort, wo partizipatorische Parität verletzt wird, sei es durch ungleiche Ressourcenverteilung, durch kulturelle Missachtung oder durch politische Exklusion.

Im Kapitel Ungleiche Verteilung beschreiben Weiß und Pfaff, wie sich gesellschaftliche Ungleichheiten historisch entwickelt und verändert haben. Während in der Feudalgesellschaft soziale Hierarchien als gottgegeben galten, versprach der Kapitalismus formale Gleichheit, die jedoch durch ökonomische Unterschiede unterlaufen wird. Aufbauend auf Karl Marx erläutern sie, dass die kapitalistische Produktionsweise neue Abhängigkeiten schafft: Arbeiter:innen besitzen keine Produktionsmittel und müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, was strukturelle Ausbeutung begünstigt. Auch heute bestehen solche Ungleichheiten fort, was sich global am Beispiel des Fabrikeinsturzes von Rana Plaza zeigt. Theoretisch greifen die Autorinnen Wallerstein auf, der Marx’ Klassenbegriff global erweitert, und Bourdieu, der ökonomisches Kapital um kulturelles und soziales Kapital ergänzt. So zeigen sie, dass Ungleichheit nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell und sozial fortgeschrieben wird.

Im Kapitel Institutionalisierte Missachtung zeigen Weiß und Pfaff, dass gesellschaftliche Ungleichheit durch kulturelle und symbolische Mechanismen fortbesteht. Anhand klassischer Studien verdeutlichen sie, wie Bildungseinrichtungen bestimmte soziale Gruppen abwerten und dadurch Ausschluss und Ungleichheit reproduzieren. Auf Grundlage von Nancy Frasers Konzept der institutionalisierten Missachtung erklären sie, dass mangelnde Anerkennung, etwa aufgrund von Herkunft, Sprache oder Geschlecht, ein zentrales Gerechtigkeitsproblem darstellt. Rommelsbachers und Adichies Ansätze zeigen ergänzend, wie Macht durch kulturelle Deutungen stabilisiert wird. Bildungsinstitutionen tragen demnach durch selektive Lehrpläne und sprachliche Normen zur Aufrechterhaltung sozialer Hierarchien bei.

Im Kapitel Wer entscheidet über wen?“ erweitern Weiß und Pfaff ihre Analyse sozialer Ungleichheit um die politische Dimension der Repräsentation. Aufbauend auf Nancy Frasers Konzept der partizipatorischen Gerechtigkeit zeigen sie, dass Ungleichheit nicht nur durch ungleiche Ressourcen oder Anerkennung entsteht, sondern auch durch den Ausschluss von Menschen aus politischen Entscheidungsprozessen. Anhand von Beispielen wie den indigenen Schulen in Kanada und Brasilien verdeutlichen sie, wie institutionalisierte Missachtung und gelingende Selbstbestimmung aussehen können. Gerechtigkeit bedeutet hier, dass alle Betroffenen gleichberechtigt über Angelegenheiten mitentscheiden können, die ihr Leben betreffen. Das Kapitel kritisiert die Grenzen politischer Teilhabe im nationalstaatlichen System und zeigt, dass globale Ungleichheiten und Migration neue Fragen der Zugehörigkeit und Repräsentation aufwerfen. Soziale Gerechtigkeit, so das Fazit, beruht auf dem Zusammenspiel von Verteilung, Anerkennung und politischer Partizipation.

Das Kapitel Das Zusammenwirken von Verteilung, Anerkennung und Repräsentation zeigt, dass soziale Ungleichheit nur verstanden werden kann, wenn ökonomische, kulturelle und politische Dimensionen gemeinsam betrachtet werden. Weiß und Pfaff kritisieren, dass Forschung oft nur einzelne Aspekte untersucht und damit strukturelle Zusammenhänge übersieht. Sie betonen, dass materielle Ungleichheit, institutionalisierte Missachtung und politische Ausschlüsse sich gegenseitig verstärken und über Generationen hinweg fortsetzen. Anhand postkolonialer Bildungssysteme verdeutlichen sie, wie westliche Normen und globale Abhängigkeiten soziale Hierarchien stabilisieren. Ungleichheit entsteht durch das Zusammenspiel von Verteilung, Anerkennung und Repräsentation, also durch ein komplexes und global vernetztes Machtverhältnis, das interdisziplinär untersucht werden muss.

Im abschließenden Kapitel Intervention: Was bedeutet das für Schule und Politik? übertragen Weiß und Pfaff ihre theoretischen Überlegungen auf das Bildungswesen. Bildung wird als Schlüssel zur Aufklärung verstanden, die Menschen befähigen soll, kritisch zu denken und gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen. Die Autorinnen kritisieren jedoch neoliberale und individualisierende Bildungsdiskurse, die soziale Ungleichheit verschleiern und Verantwortung auf Einzelne abwälzen. Stattdessen fordern sie strukturelle Veränderungen: Schulen sollen Orte sein, an denen Machtverhältnisse sichtbar gemacht und abgebaut werden. Durch kritische, partizipative und globale Bildungsansätze kann Bildung zu einem Instrument sozialer Gerechtigkeit werden. Wahre Aufklärung, so Weiß und Pfaff, erfordert Mut, kollektive Verantwortung zu übernehmen und Ungleichheit als gesellschaftliches, nicht individuelles Problem zu begreifen.

Diskussion

Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung theoretischer Ansätze mit konkreten Beispielen, etwa der Analyse von Bildungseinrichtungen oder globalen Arbeitsbedingungen. Dadurch wird deutlich, dass Ungleichheit nicht als individuelles Versagen, sondern als strukturelles, transnationales Phänomen zu begreifen ist. Das Buch bietet eine überzeugende, theoretische und zugleich praxisnahe Auseinandersetzung mit den Dimensionen sozialer Ungleichheit. Weiß und Pfaff gelingt es, ökonomische, kulturelle und politische Perspektiven in einem konsistenten Rahmen zu verbinden, der auf Nancy Frasers Konzept der partizipatorischen Gerechtigkeit aufbaut. Besonders hervorzuheben ist die schlüssige Argumentationslinie: Von den historischen und materiellen Grundlagen sozialer Ungleichheit über die symbolische und institutionelle Ebene bis hin zu Fragen politischer Repräsentation und pädagogischer Praxis entfalten die Autorinnen ein ganzheitliches Verständnis von Gerechtigkeit. Zugleich bietet das Werk eine kritische Perspektive auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, insbesondere auf neoliberale Bildungsdiskurse, die Verantwortung privatisieren und strukturelle Benachteiligung verschleiern. Indem Weiß und Pfaff Bildung als politische Praxis verstehen, verleihen sie dem Begriff der Aufklärung neue Relevanz: Emanzipation bedeutet hier nicht Anpassung, sondern das Bewusstmachen und Überwinden gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Fazit

Das Buch fordert eindringlich, soziale und politische Teilhabe nicht nur zu fordern, sondern institutionell abzusichern. Insgesamt ist es ein theoretisch fundierter und zugleich normativ engagierter Beitrag zur soziologischen Ungleichheitsforschung, der wissenschaftliche Analyse mit einem klaren Plädoyer für soziale Gerechtigkeit verbindet.

Rezension von
Prof. em. Dr. phil. Ronald Lutz
Soziologe und Anthropologe
Fachhochschule Erfurt
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Es gibt 12 Rezensionen von Ronald Lutz.

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ISSN 2190-9245