Ludger Pries: Migration
Rezensiert von Prof. Dr. Thomas Eppenstein, 07.11.2025
Ludger Pries: Migration.
Wochenschau Verlag
(Frankfurt am Main) 2025.
133 Seiten.
ISBN 978-3-7344-1670-5.
D: 19,90 EUR,
A: 20,50 EUR.
Kleine Reihe Soziologie.
Thema
„Migration“ in der Reihe: „Kleine Reihe Soziologie“, Wochenschau Verlag, Frankfurt/M. 2025
Autor
Ludger Pries (*1953) ist in der sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung durch zahlreiche Forschungen und Veröffentlichungen unter anderem zu international-vergleichenden und transnationalen Migrationsdynamiken sowie Mitgliedschaften u.a. im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (2011-2015) und im „Rat für Migration“ disziplinübergreifend bekannt. Er ist Senior-Professor für Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum.
Entstehungshintergrund
Die hier vorgestellte Publikation mit dem schlichten Titel „Migration“ kann als kompakte Kompilation bisheriger theoretischer Ansätze und empirischer Befunde zum Thema aus den letzten drei Jahrzehnten für die Schule bezeichnet werden. Vor allem die Erkenntnis, dass eine Transnationalisierung der Welt des Sozialen Sozialräume jenseits zu Nationalgesellschaften hat entstehen lassen, erforderte neue Ansätze gegenüber klassischen Theorien zu Migration und Integration, die hier zusammenfassend anhand didaktisch sinnvoll aufbauender Fragestellungen für Schülerinnen und Schüler nachvollzogen werden.
Inhalt
Das erste Kapitel fragt in dem 133 Seiten umfassenden Band nach dem Geltungsanspruch soziologischer Migrationsforschung für die Schule und beruft sich dabei auf Migration als soziale und historische Tatsache.
Der durchschnittliche Anteil von Schülerinnen und Schülern mit einer sogenannten Migrationsgeschichte lag im Jahr 2021 bei 40 %, regional und aufgeschlüsselt und je nach Schultyp ergeben sich Werte um die 80 %. Als Bedeutsam dabei wird jedoch weniger die quantitative Größenordnung, als vielmehr die Diversität von Bildungshintergründen, ungleichen Lernvoraussetzungen und biografischen Faktoren als Gegenstand einer „Soziologie der Migration“ hervorgehoben, die die sozialen Verflechtungszusammenhänge und institutionalisierten Ordnungsmuster untersucht, verstehen und erklären will. Somit werden einleitend strukturelle Herausforderungen des Bildungssystems angesprochen sowie die Beobachtung, dass Lernende wie Lehrende oft lediglich ein implizites Wissen darüber einbringen, „was in der Migrationsgesellschaft eigentlich Ankommen, Teilhabe und Integration bedeuten können oder sollten.“(S. 10) Die auf internationale Migration fokussierte Argumentation benennt als strukturelle Treiber für eine globalisierte Mobilität neben Gründen für Fluchtmigration und Armuts-Reichtums-Gefälle unter anderem demografische Entwicklungen, Folgen des Klimawandels und Phänomene wie Möglichkeiten internationaler Vernetzung von Lebensverhältnissen. In das Thema Migration wird somit als irreversible Tatsache eingeführt, die auf den gesellschaftlichen Mikro-, Meso- und Makroebenen ihren Niederschlag findet. Die damit einhergehende Eigendynamik lasse sich nur sehr begrenzt durch politische Kontrollen beeinflussen und „Forderungen nach einer Steuerung oder gar einem Stopp von Migration (seien) nicht nur politisch fragwürdig, sondern auch unrealistisch.“(S. 18) Als Thema für die Schule wird eine „integrierte soziologische Perspektive“ begründet, die Integration nicht einseitig als normative Forderung in den Blick nimmt, sondern Zusammenhänge zwischen Migrationsdynamiken und Integrationsprozessen unterschiedlicher Art betrachtet.
Mit entsprechender Ausrichtung auf eine historische Rekonstruktion anstelle eines oft alarmistischen Diskurses fragt das zweite Kapitel, warum Migration im historischen Kontext betrachtet werden sollte. Hier beginnt der Text sehr früh mit der Bedeutung evolutionsgeschichtlicher Entwicklung der Menschen für kulturelle Entwicklungen im Sinne einer Koevolution zur Natur. Bis ins 21.Jahrhudert hinein bestimme der Wechsel von Lebensräumen und die daraus resultierende Vielfalt die Normalität, und damit einhergehende Migrationsbewegungen changieren, so der Befund, „schon immer zwischen Freiwilligkeit und Zwang“. Ein Streifzug durch die Migrationsgeschichte von und nach Deutschland im 19.Jahrhundert deutet bereits am Beispiel der Bevölkerungsentwicklung im Ruhrgebiet die Verflechtung von industrieller Entwicklung mit unterscheidbaren Typen der Migration an: So lassen sich Migrationsformen wie Einwanderung, Pendelmigration, Rückkehrwanderung und bereits „transnationale Expertenwanderung“ nachweisen. Die spezifischen Phänomene während des ersten und zweiten Weltkriegs finden in einem Unterkapitel Erwähnung: Rekrutierung von ‚Fremdarbeitern‘; Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, Flüchtlinge, Deportierte, zuletzt sogenannte displaced persons und eine durch Zerstörungen des Krieges hervorgerufene Binnenwanderung. Die Phase seit den 1950er Jahren kennzeichnen unter anderem die sogenannte „Gastarbeiterwanderung“ (37) und Nachwirkungen aus der Kolonialgeschichte europäischer Länder, die heute Mitglieder der EU geworden sind. Der politische Diskurs wird entgegen der generationenübergreifenden Langzeitwirkungen von Migrationsdynamiken von Ideologien geprägt, die eine sozio-ethno-kulturelle Homogenität unterstellen, verknüpft mit völkischem Überlegenheitsansprüchen und einer Verweigerung der Anerkennung der Tatsache, dass Migrationen und Einwanderung konstitutiver Teil gesellschaftlicher Realität sind. Das Kapitel schließt mit einem Ausblick auf die von Pries beforschten Phänomene transnationaler Migration ab. Dies ist u.a. durch eine transnationale Verwobenheit von sozialen Lebensräumen, einem transnationalen Beziehungsgeflecht, Informationsaustausch, Ideen- und Ressourcenflüssen gekennzeichnet, die den bisherigen Vorstellungen einer zwangsläufigen Übereinstimmung von Aufenthaltsraum und Sozialraum eine erweiterte Sicht abverlangen. Die historische Anamnese verlangt nach einer Relativierung von Vorstellungen, Migrationsbewegungen seien absolut kontrollier- und steuerbar und sie begründet die Notwendigkeit, Migrationsmotive, Migrationsverläufe, Migrationsformen bzw. Typologien zu differenzieren.
Darum fragt Pries im dritten Kapitel, warum Typen von Migration unterschieden werden sollten, wobei zunächst festgehalten wird, dass Unterscheidungen de facto getroffen werden z.B. nach Aufenthaltszecken, Interessen oder Verpflichtungen des Aufnahmelandes, in Hinblick auf Rechtsstatus, Politik, öffentlicher Wahrnehmung oder Beurteilung. Arbeitsmigration, Fluchtmigration Bildungs- und Wirtschaftsmigrierende sind freilich nicht nur durch derlei Kategorisierungen determiniert, sondern diese sind verbunden mit Lebensvorstellungen und Entscheidungen, jeweiligen Erfahrungen, Entwicklungen und Veränderungen im zeitlichen Verlauf. So werden neben Nah- und Fernwanderung unterscheidbare Motive. Migrationsumstände, -routen oder -häufigkeit, Aufenthaltsdauer, neben klassischer Ein- und Auswanderung Rückkehrwanderung, zirkuläre Wanderung und transnationale Wanderung neben Pendelmigration, Diasporamigration oder Kettenmigration im Interesse einer Kompexitätsreduktion typisiert und erläutert. Ein Anliegen des Textes liegt auch darin, ein Verständnis für die „einschneidenden Erfahrung“ von Migrationsprozessen zu entwickeln, die nicht als einmaliges Ereignis missdeutet werden sollten. Sie haben vielmehr Wirkungen im Lebenslauf und generationenübergreifende Folgen, können mithin nicht als abgeschlossen gelten. Ferner werden wichtige Akteursgruppen unterschieden, zunächst die Migrierenden selbst, zweitens Profit- und Non-Profit-Unternehmen, drittens professionelle oder informelle Agenturen vom roten Kreuz bis zu Schlepperbanden, viertens soziale Netzwerke und zivilgesellschaftliche Organisationen und nicht zuletzt fünftens staatliche Institutionen auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene. Die Eigendynamik von Migrationsprozessen ergebe sich, so die leitende These „aus dem Zusammenspiel aller skizzierten Akteursgruppen, sie lässt sich von keiner Seite direkt steuern und kontrollieren.“(67)
Mit dem Geltungsanspruch soziologischer Theorien beschäftigt sich das vierte Kapitel und fragt, welche gesellschaftlichen Faktoren in welcher Weise Migrationsbewegungen beeinflussen (vgl. 68). In Abhebung von klassischen ökonomischen Theorien, Rational-Choice Annahmen oder dem sogenannten Push-Pull-Modell werden interdisziplinäre Ansätze als weitreichender in Hinblick auf ihren Erklärungsgehalt eingeordnet. Das Kapitel führt in klassische soziologische Theorien internationaler Migration ein und mündet bei neueren ergänzenden Ansätzen etwa der Transnationalisierungsforschung, die Entwicklungen globaler Waren-, Kapital- und Informationszirkulationen sowie vereinfachte Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten aufgreift. Migration wird demnach nicht „als eine singuläre Bewegung zwischen zwei Raumpunkten ( Herkunfts- und Ankunftsregion ) verstanden, sondern als mehrdirektionale und multidimensionale Mobilität und Selbst- wie Fremd-Verortung“ (78), deren soziale Mechanismen sich auf einer sozialen Mikro- Meso- und Makroebene systematisch erfassen lassen. Fokussiert werden dabei soziale Verflechtungszusammenhänge, wobei politische und rechtliche Rahmungen auf der Makroebene oder aber individuelle bzw. familiäre Entscheidungsprozesse auf der Mikroebene nicht ausgeklammert werden, sondern deren Einbettung in Zusammenhänge von Sozialität und Lebensläufen untersucht wird. Dass bei der Analyse von Migrationsdynamiken die unterschiedlichen Ebenen zusammen betrachtet werden sollten, erschließt sich über sechs Faktorenbündel im von Pries entwickelten sogenannten „VESPER-Modell“ ( Verflechtungszusammenhänge; Erfahrungen; Sozialisation; individuelle Präferenzen; Erwartungen und verfügbare Ressourcen) (88 ff.)
Zum Zusammenhang von Migrationstypus, Ankommen, Teilhabe und Integration greift das fünfte Kapitel zunächst auf unterscheidbare Integrationsmodelle wie das monistische Assimilationsmodell, das Melting-Pot-Modell, oder pluralistische Konzepte (Salad-Bowl-Modell) zurück (u.a. nach Ronald Taft), und begründet auf der Grundlage der Forschungen zur sozialen Verortung in pluri-lokalen und soziokulturell vielfältigen Bezügen in transnationalen Sozialräumen ein sogenanntes „Spaghetti-Modell“. Dieses Modell läuft am ehesten auf einen interaktionistischen Ansatz hinaus und erfordert bei der Analyse von Integrationsdynamiken die Differenzierung von Integration, Assimilation, Separation oder Marginalisierung. Als Aktive Prozesse, an denen Migration oft auf Barrieren trifft, werden Prozesse der Ankunft und des Ankommens und der gesellschaftlichen Teilhabe am sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben als Aushandlungsgegenstände thematisiert. Die bei derartigen Aushandlungsprozessen wirksamen Zuschreibungen und zum Teil fragwürdigen Typisierungen und Wahrnehmungsmuster werden am Ende als „unvermeidbar“ benannt, auch wenn es gelte, Diskriminierungen zu vermeiden.
Im letzten sechsten Kapitel werden zentrale Aspekte nochmals zusammengefasst und münden nun in zuweilen normativ geprägte Vorschläge zur „Mitgestaltung“ von Migration. Hier wird nochmals die Differenzierung und Erfassung bestimmter Dimensionen und Typenbildungen gegenüber Einwänden verteidigt, dass damit Mechanismen der sozialen Konstruktion von Differenz, ethnischer Fremdzuschreibung oder rassistischer Diskriminierung befördert werden könne, da derartige Phänomene eng mit sozialen Konflikten und selbige mit sozialer Ungleichheit einhergehen. Diese Strukturen sichtbar zu machen und Veränderungen zu bewirken, ist auch ein Anliegen einer differenzierten Analyse, wobei nicht zuletzt das Bildungssystem adressiert wird.
Diskussion
Das Buch bietet einen ersten guten Überblick über die unterschiedlichen Ebenen, die sich sozialwissenschaftlich mit Blick auf Migrationsdynamiken unterscheiden lassen. Die einflussnehmenden Faktoren von Formen und Typologien im Migrationsprozess werden dabei sinnvollerweise immer auch an die lebensgeschichtlichen Dispositionen von Migrantinnen und Migranten zurückverwiesen und laden damit potenziell zu einem wissenssoziologischen Blick ein, der die jeweils auch subjektiven Perspektiven auf mikrosoziologischer Ebene mit meso- und makrosoziologischen Analysen verschränkt.
Allerdings könnten hier Ergänzungen im Sinne einer kritischen Hermeneutik ergänzt werden, die auf die Bedeutung dominanter Diskurse in Gesellschaften, auf Machtverhältnisse und Konfliktphänomene stärker eingehen: So sind etwa ausländerrechtlich codierte Statuszuweisungen zum einen real wirksame Konstrukte, die jedoch mit den Selbstbeschreibungen von Zugewanderten keineswegs deckungsgleich sein müssen. Auch der Hinweis auf Aushandlungsprozesse im Integrationsprozess lässt die Tatsache als ein wenig unterbelichtet erscheinen, dass derartige Prozesse in der Regel nicht auf ‚Augenhöhe‘ ausgehandelt werden, sondern durch die Dominanz eines Einwanderungslandes mehr oder weniger vorgegeben sind. Die gegebenen Asymmetrien der unterschiedlichen Akteursgruppen im Migrationskontext (vgl. Kap.3) in Hinblick auf Machtwirkungen und Einflussgrade klingen im Text zwar immer wieder an, könnten indes auch explizit als Quelle von Konfliktdynamiken in von Migrationen gekennzeichneten Gesellschaften thematisiert werden. Das Anliegen, die Komplexität von Migrationsdynamiken einerseits durch eine sinnvolle und empirisch gestützte Differenzierung von Kategorien zu erfassen, zugleich andererseits deren Komplexität aber auch reduzieren zu müssen, führt in die Aporien und Dilemmata der Kategorienbildung an sich und ihre sozialen Folgen, die Pries durchaus erkennt und zum Thema macht, jedoch in Hinblick auf die Diskussion eines von Holliger (2005) vorgeschlagenen „ethnorassistischen Fünfeck“ eine unscharfe Unterscheidung von „rassischen“ und „rassistischen“ Differenzierungen (vgl. S. 108) vornimmt.
Schließlich ist festzuhalten, dass die im Text immer wieder bekräftigte Analyse einer potenziellen Unverfügbarkeit gegenüber Migrationsbewegungen zwar jene Ideologien eines Besseren belehrt, die eine absolute Steuerbarkeit propagieren; indessen zeigen die gegenwärtigen restriktiven Maßnahmen in den westlichen Demokratien gegenüber ungesteuerter Migration, dass sie dennoch stattfinden und Wirkungen entfalten. Migrationen geraten damit vom Terrain sachlicher Analyse, um die der Band von Ludger Pries in aufklärerischer Absicht bemüht ist, in den Strudel eines Diskursfeldes, das Migration zuvorderst negativ konnotiert und Steuerbarkeit als Herrschaftsanspruch zu etablieren sucht. Allein diese derzeit zu beobachtende realgeschichtliche Entwicklung erlaubt, dem Band „Migration“ von Ludger Pries eine breite Aufmerksamkeit zu wünschen.
Fazit
Der Band führt in die komplexen Zusammenhänge von Migrationsdynamiken auf empirischer und analytischer Ebene in sozialwissenschaftlicher Perspektive ein und liefert damit ein Kompendium aus Wissensbeständen zu historischen Kontexten, zu Typen und Formen von Migration und zu unterscheidbaren Theoriebezügen. Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Migrationstypus und Integrationsprozess werden verdeutlicht und die Bedeutung der Berücksichtigung entsprechender Wissensbestände in Verwaltung, Institutionen, namentlich im Bildungssystem plausibel begründet. Für Bildungseinrichtungen wie Schule, Hochschule und alle am Thema Interessierte empfehlenswert.
Rezension von
Prof. Dr. Thomas Eppenstein
Goethe Universität Frankfurt am Main (GTP), FB Erziehungswissenschaften. (Bis 2019: Evangelische Hochschule RWL Bochum, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie)
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