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Elizabeth Beloe, Ümit Koşan et al.: Lokale Geflüchtetenarbeit

Rezensiert von Dr. rer. pol. Verena Kopp, 01.04.2026

Cover Elizabeth Beloe, Ümit Koşan et al.: Lokale Geflüchtetenarbeit ISBN 978-3-8376-7188-9

Elizabeth Beloe, Ümit Koşan, Wilfried Kruse, Martina Möller-Öncü, Andrés Otálvaro u.a.: Nahe bei den Menschen - sechs Jahre lokale Geflüchtetenarbeit. Migrant*innen-Organisationen ziehen Bilanz. transcript (Bielefeld) 2025. 246 Seiten. ISBN 978-3-8376-7188-9. D: 35,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
Reihe: Kultur und soziale Praxis.

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Thema

2016 startete das Projekt samo.fa, welches von Migrant*innen-Organisationen getragen und an 31 Standorten im gesamten Bundesgebiet in der Arbeit mit Geflüchteten aktiv war. In diesem Buch wird Bilanz gezogen und über die „Samo.fa-Methode“ (Beole et al. 2025,17) berichtet, welche eine lokale/​regionale und eine bundesweit vernetzende Ebene impliziert. Samo.fa ist ein durch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, die Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus sowie den Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen gefördertes Projekt.

Autor:innen

Ein Multiprofessionelles Autor*innen-Team bestehend aus Elizabeth Beloe (Migrationssoziologie), Ümit Kosan (Soziale Arbeit) Winfrid Kruse (Arbeitssoziologie), Martina Möller-Öncü (Psychotherapie), Andrés Otalváro (Politikwissenschaften) und Jenny Warnecke (Literaturwissenschaften) beschreiben entlang verschiedener zeitlicher Achsen die (trans-)lokalen und (trans-)nationalen Prozesse des Projektes und ziehen Bilanz.

Entstehungshintergrund

Zu Beginn des Projektes bestanden Engagement-Aktivitäten, ausgehend von der Bürgergesellschaft und insbesondere auch von Migrantenorganisationen. Dieses Engagement war, über die jeweilige Nationalität der Organisation hinweg, vor Ort in den Kommunen gegeben. Es galt eben dieses zu bündeln, zu vernetzten und überregional als Best Practise zu kommunizieren sowie zu erheben. Wie genau, das wird in den unterschiedlichen Kapiteln unter dem Aspekt einer themenspezifischen Zeitachse expliziert.

Aufbau

Dieses Buch ist mehr als ein reiner Projektbericht, da in den unterschiedlichen Kapiteln nicht allein die Besonderheiten des Projektes, sondern auch die zeitspezifischen Aspekte in der Fluchtmigrationsarbeit thematisiert werden. Beispielsweise finden Vergleiche zu der so genannten Flüchtlingswelle 2015 fortfolgend mit vorrangegangenen Engagement-Ausprägungen, gesellschaftlicher und migrantenorganisationsspezifischer Natur, statt. Zeitspezifisch prägende Ereignisse wie die Corona-Pandemie und der Ukrainekrieg werden unter dem Engagement-Aspekt reflektiert.

Inhalt

Das Kapitel 1: Hat samo.fa zur Weiterentwicklung der Einwanderungsgesellschaft beigetragen? Versuch einer Einschätzung.

Dieses Kapitel befasst sich mit der Fragestellung und Selbsteinschätzung, ob und inwieweit samo.fa dazu beigetragen hat, dass eine Weiterentwicklung – hin zu einer Einwanderungsgesellschaft – vollzogen wurde. Ein Wandel und eine Öffnung in Flüchtlingspolitik und Gesellschaft werden beschrieben. Verschiedene Aussagen stehen in diesem ersten Kapitel zunächst nebeneinander und greifen im Verlauf ineinander: Die veränderte Flüchtlingspolitik trug als wichtiger Faktor im Ankommensprozess dazu bei, dass Zukunftssicherung gelingen konnte. Die individuelle Ankommensbiografie benötigt nach der Erstversorgung Beachtung, ist eine Kernaussage. Hat sich früher jede Migrant*innenorganisation ausschließlich um „ihre Leute“ gekümmert, so wird 2016 eine Nationalitäten übergreifende Hilfsbereitschaft bei den Organisationen beobachtet. Ehrenamtliches Engagement benötigt ein hauptamtliches Rückgrat. Dieses Rückgrat wird innerhalb des Projektes durch die so genannte samo.fa-Methode verliehen: Einerseits eine lokale Unterstützung und anderseits eine Vernetzung auf Bundesebene. Auf Steuerungsebene sind, so der Bericht, die Migrant*innenorganisationen und die hauptamtlich Tätigen nicht auf dem gleichen Level der Anerkennung. Um die Arbeit von samo.fa nachhaltig gestalten zu können, muss Geflüchtetenarbeit als eine kommunale Daueraufgabe verstanden werden, um das positive Bewusstsein von Deutschland als Einwanderungsgesellschaft zu stabilisieren. In mehr als 30 Kommunen wurde die lokal-kommunale Geflüchtetenarbeit gestärkt und auf Bundesdialogkonferenzen gespiegelt.

Kapitel 2: Ausgangsüberlegungen und Konzept im Jahr 2016

Dieses Wechselspiel zwischen top-down und bottom-up, kommunaler und nationaler Verankerung hat zunächst das Ziel der Normalisierung, Stabilisierung und Koordination des Ehrenamtes.

Die Schilderung eigener oder vermittelter Migrations‑ und Fluchterfahrung sollte dazu beitragen, das „Selbstbewusstsein erfolgreicher Migration zu verdichten“ (Beole et al. 2025, 31). Inwiefern sich die Organisationen der Flüchtlingsarbeit öffnen ist ebenso individuell, wie das jeweilige Engagement vor Ort. Die regionalen Spezifika haben enorme Auswirkungen auf die Art der Unterstützung. Samo.fa lotete aus ob und wie konkret ein Engagement-Beitrag der Migrant*innenorganisationen aussehen kann. Nach dem ersten Ankommen und Versorgen geflohener Personen wurde von Sonder‑ auf Alltagsmodus umgestellt. Hier wird von einer „Reorganisation des Einsatzes von Ehrenamtlichen“ (ebd., 41) berichtet.

Kapitel 3: Vor Ort. Nah bei den Menschen: Zur Lage im Jahr 2017

Themen wie Aufenthaltszeit und Familiennachzug, Entwicklungen innerhalb des Gesundheitssystems, Zugänge zum Wohnungsmarkt, Integration durch Bildung bei Kindern und Jugendlichen sowie kommunalpolitische Aspekte, mit Blick auf die Mehrkosten, die die Flüchtlingsarbeit bisher verursacht hat (und deren Kompensation), prägen das Kapitel maßgeblich. Auch zeigt das Kapitel im Wesentlichen auf, dass das spontane Hilfsengagement von Bürger*innen zurückgeht, sich das weiterhin bestehende Engagement jedoch durch Kontinuität und geregelte Strukturabläufe auszeichnet. Als eine Kernaussage des Kapitels ist festzuhalten, dass die hauptamtlich Tätigen die Engagierten aus Migrant*innenorganisationen nicht an den Rand drängen dürfen. Die Wichtigkeit des Schulterschlusses und der Arbeit auf Augenhöhe zwischen Professionellen und Freiwilligen ist eine Botschaft (welche sich auch durch das gesamte Buch zieht). Bei der Verfestigung der Hilfsstrukturen werden Trainingsangebote für Migrant*innenorganisationen verstärkt initiiert, um die Qualität des Engagements weiterhin auszubauen und Engagierten Entlastung durch Kompetenzerwerb in ihrer Engagementpraxis zu ermöglichen.

Kapitel 4: Schon viel erreicht, noch viel zu tun. Der lange Weg des Ankommens (2019/2020)

Die Städtedossies von insgesamt 31 Städten zeigen verschiedene Ergebnisse auf. Exemplarisch genannt werden hier die verbesserten Prozessketten bei der Aufnahme Geflüchteter in den Kommunen (Zuweisungen) sowie die Synergien auf Bundesebene (Städtekoalitionen, Dialogkonferenzen) und insbesondere in dem Bereich der Antirassismusarbeit. Weiter wird festgehalten, dass Migrant*innenorganisationen aktiv mitwirkend, jedoch wenig gestaltend, tätig sind. Insbesondere Aspekte der Gettoisierungsvermeidung und Quartiersarbeit werden hervorgehoben. Die Geschichte der eigenen Community wurde mit dem Ankommen bedeutender. Menschen mit Fluchtgeschichte engagieren sich zunehmend selbst. Samo.fa unterstützt zu der Zeit verstärkt bei Vereinsgründungen.

Kapitel 5: Ehrenamtlich Aktive, Koordinierung und lokale Zusammenarbeit: schwierige Konsolidierung eines Wirkungsdreiecks

Dieses Kapitel beinhaltet eine Reflexion des „Sommers des Ankommens“ bis zum Jahr 2025.

Viele Engagierte sind durch ihre langanhaltende freiwillige Tätigkeit belastet. Die Qualifizierung und Betreuung der Engagierten hat sich zur Entlastung dieser verbessert. Die Zusammenarbeit stabilisiert sich. Organisiert werden regelmäßige Treffen zwischen den samo.fa-Koordinator*innen und den Migrant*innenorganisationen. In der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeitswelt findet eine „Migrantisierung“ statt. Hier zeigt sich der Sinn des Schulterschluss-Konzeptes von samo.fa mit Migrant*innenorganisationen. Hier vollziehen letztere vermehrt einen Wandel von zunächst diffuser Hilfeleistungen – hin zu einer Institutionalisierung und Strukturierung der Arbeit – wobei auch weitere Kooperationspartner innerhalb des skizzierten Wirkungsdreiecks eingeschlossen werden.

Kapitel 6: Fluchtmigration: 2015 als Zäsur? Blick in den wissenschaftlichen Diskurs

Eine Diskussion über widersprüchliche Flüchtlingspolitik und die Förderung von Arbeitsmigration sowie ein kurzer Exkurs zu der vulnerablen Gruppe geflüchteter Frauen wird kapitelintern vollzogen. Weiter wird das Thema Rassismus und die Fragestellung, wie Fluchtsozialarbeit in einem Wohlfahrtsstaat verstanden wird, behandelt. Eine studienbasierte Kernaussage des Kapitels ist, dass die Kommunen für das Gelingen von Integration und Teilhabe verantwortlich sind (vgl. ebd. 149 f.).

Kapitel 7: Und dann: die Corona-Krise

Die pandemiespezifischen Ängste und Aktionsmodi sowie die digitalen Herausforderungen dieser Zeit – im Kontext von Netzwerkarbeit und Hilfeleistungen – füllen das Kapitel 7. Spezifische Förderprogramme, ausgelegt auf digitale Kommunikationsprozesse und lokale Zusammenarbeit mit Ärzt*innen, werden skizziert.

Kapitel 8: Eine durchmischte Zwischenbilanz

Regionale Vergleiche innerhalb von Projektkommunikationen und Aktivitätsprofilen im Hilfedreieck werden aufgezeigt. Es wird deutlich, dass die Profile, Herangehensweisen und Erfolge regional sehr unterschiedlich sind. Vielerorts fand eine Öffnung der Communities für Geflüchtete statt. Die Bedeutung der Migrant*innen-Organisationen wächst innerhalb der Gesellschaft vor Ort an. Verschiedene Antirassismuskampagnen wurden initiiert. Weiter ist zwar das Kooperationsklima seit Projektstart verbessert, von einer strukturellen Gleichberechtigung kann jedoch keinesfalls gesprochen werden. Es bedarf der Stimme der Betroffenen und dem Einbringen der Zielgruppe in Projektstrukturen, um die Hilfe bestmöglich als Netzwerkarbeit gestalten zu können. Zur realen Teilhabe bedarf es einem stabilen Gesundheitsgefühl der Migrant*innen, weshalb der Blickpunkt gegen Kapitelende auf die Rolle der Migrant*innen-Organisationen, bei der Vermittlung zu Gesundheitssystemen geschärt wird. Die Zugänge und die Qualitätsverbesserung zum Gesundheitssystem sollen durch „sprachlich und kulturell angepasste Gesundheitsinformationen“(ebd., 185) erhöht werden.

Kapitel 9: Flucht aus der Ukraine. Wachsende Komplexität der Geflüchtetenarbeit vor Ort

Die Besonderheit dieses Fluchtgeschehens und der Hilfsbereitschaft stehen im Kapitelfokus. Die Samo.fa-Expert*innen vor Ort werden nicht selbstverständlich in die Krisenstäbe mit einbezogen. Die große gesellschaftliche und politisch kommunizierte Solidarität mit den Geflüchteten aus der Ukraine sowie die zeitgleiche Ausgrenzung und Diskriminierung von ukrainischen Roma wird skizziert. Innerhalb dieser neuen Geflüchtetenwelle ist deutlich spürbar, dass sich behördliche Strukturen durch die Corona-Pandemie verändert haben. Es ist von einem phasenorientierten Unterstützungsmanagement die Rede, bei welchem sich die guten Synergien zwischen Hauptamt und Ehrenamt deutlich als Gewinn zeigen. Selbstorganisationen der Sinti und Roma unterstützen diese stigmatisierte Gruppe Geflüchteter vor Ort, insbesondere bei der Begleitung zu Behörden, Beratungsbedarfen und bieten Schutzräume.

Kapitel 10: Geflüchtetenarbeit und das Lokale der Einwanderungsgesellschaft. Auf dem Weg zu einem kommunalen Modell

Eine Kernaussage ist auch in diesem Kapitel: Es wird Zeit für Augenhöhe! Jedoch erschwert die zeitliche Dimension des Projektes die Etablierung von Professionalität. Die Komplexität des Themas erfordert institutionelle Prägung und infrastrukturelle Teilhabe vor Ort. Die duale Repräsentation des migrantisch geprägten Bevölkerungsteils ist von Bedeutung, wobei die Aktivierung der Integrationsräte unerlässlich ist. Zwei Zitate werden abschließend hervorgehoben: „Vulnerabel ist, wer aufgrund gravierender benachteiligender Umstände trotz einer generell verbesserten lokalen Infrastruktur der Geflüchtetenarbeit […] Gefähr läuft, dass wichtige Bedarfe unbefriedigt bleiben und wichtige Interessen verletzt werden.“ (ebd. 206). Der Blick auf vulnerable Gruppen ist unerlässlich. Das Kapitel 10.3 beinhaltet elf Thesen, wie Geflüchtete zu ihrem Recht kommen. Exemplarisch hervorgehoben wird im Rahmen dieser Rezension, dass Geflüchtetenarbeit als kontinuierliche Daueraufgabe verstanden werden muss, was eine systematische und organisatorische Koordination des Zusammenspiels von Haupt‑ und Ehrenamt vor Ort impliziert. Die Teilhabe von Migrant*innen-Organisationen auf lokaler und politischer Ebene sind wertvolle Bausteine gelingender Integrationsarbeit. Wie genau dieses erfolgreich geschieht, zeigt das Kapitel 10.4 innerhalb des erfahrungssatten Modells lokaler Geflüchtetenarbeit dezidiert auf.

Diskussion

Dieses Werk zeigt realistisch die epochalen Besonderheiten im Flüchtlingshilfekontext seit 2015 auf. Es handelt sich um mehr als einen reinen Forschungsbericht, der Praxisaktivitäten aufzeigt. Jedes Kapitel ist klar strukturiert und beinhaltet klar formulierte Kernbotschaften. Wie ein roter Faden spinnt sich das Thema der Notwendigkeit professioneller Koordinator*innen durch das Buch hindurch. Ohne eben diese kann die heterogene Community von Migrant*innen-Organisationen nicht langfristig empowert werden, ihr Engagement eigenständig nach Projektende fortzuführen. Wünschenswert wäre ein exemplarisches Senario-Planning gewesen, wie sich bspw. aus der Perspektive von samo.fa, die kommunalen Strukturen/​Einzelprojekte in den Kommunen weiterentwickeln. Offene Fragen sind zum Beispiel: Welche Aktivitäten haben eine Chance, auch weiterhin gemäß der Samo.fa-Methode Hilfe zu leisten? Wie ist es um die Beteiligung des migrantischen Engagementpotenzials ohne weitere Projektförderung gestellt? Wie wurde die „Verselbstständigung“ bzw. das Auslaufen des Projektes begleitet? Zudem ist der wirtschaftliche Aspekt bzw. eine Kosten-Nutzen-Prognose/​Bilanz ein Aspekt, der dem Buch fehlt. Offen bleibt die Einschätzung/​Prognose der Autor*innen, wie viele Geflüchtete in Eigenständigkeit – auch im Rahmen der Selbstversorgung und Arbeitsmarktintegration – basierend auf den bestehenden Projektergebnissen, die Sozialkassen entlasten. Eine wirtschaftliche und soziale Kosten-Nutzen-Bilanz und Prognose hätten dieses Buch bereichert. Als letzter Kritikpunkt wird angemerkt, dass dieses Buch zwar verschiedentlich darauf hinweist, dass die Aktivierungsversuche der Migrant*innenorganisationen unterschiedlich kooperativ aufgenommen wurden, jedoch gänzlich ausgeklammert ist das Thema der Abschottung migrantischer Communities. Bereichernd wäre durch die Endevaluation zu erfahren gewesen, bei wie vielen Communities die Tür letztlich absolut verschlossen blieb (und aus welchen Beweggründen). Dieses ist auch von Bedeutung, um mehr über den Aspekt der weltpolitischen und religiösen Prägung der jeweiligen Migrant*innenorganisationen zu erfahren. Letztlich ist das dieses Buch freilich als Bereicherung (insbesondere für die Akteure der Flüchtlingshilfe) zu verstehen, welches die Epochen der Engagementarbeit treffend skizziert.

Aus der Flüchtlingsarbeit vor Ort in NRW und aus Vernetzungsaktivitäten im Bundeskontext heraus, kann die Verfasserin der Rezension bestätigen, dass ein enormer gesellschaftlicher Wandel in den Helfenden-Strukturen von Bürger*innen – und eben auch ganz besonders von Migrant*innenorganisationen – zu vermerken ist. Die Herausforderungen durch gesellschaftliche Krisen wurden anhand der Coronapandemie und dem Ukrainekrieg aufgezeigt. An dieser Stelle wird ein Ausblick, unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen und des politischen Wandels gewagt, auch wenn – oder gerade weil – dieser nicht im Buch gegeben ist. Insbesondere in der Kommunalpolitik ist der Rechtsruck in Ausschüssen vielerorts deutlich spürbar und auch der Spartrend bzw. die Überlastung kommunaler Haushalte ist signifikant erlebbar. Letztlich sind Vernetzung und Unterstützung freiwillige Leistungen, welche, wie dieses Projekt eben auch, zunächst intensive finanzielle und ideologische Förderung erfahren und dann als kostenintensive „freiwillige Leistung“ nicht von kommunalen Strukturen weitergetragen werden können. Kommunen und kommunale Netzwerke sind überfordert mit dem Kostendruck und Förderprogramme auf Landes‑ und Bundesebene werden zunehmend eingestellt oder erfahren deutliche Umstrukturierungen und Kürzungen. Ein Auslaufen von Projekten geschieht vielerorts leise und ohne klare Botschaften und zukunftsgerichtete Handlungsvorschläge für die Zielgruppe. Es bleibt abzuwarten, ob die Berichterstattung rund um das Thema Migrant*innenorganisationen im Flüchtlingshilfekontext weiterhin konstruktiv ausgerichtet, über mutige und innovative Strategien und Projekte berichten kann. Integration bedeutet auch Integration in Arbeit und somit die Hilfe zur eigenständig motivierten Teilhabe und Selbstbestreitung des Lebensunterhaltes. Hier leisten Migrantenorganisationen durch ihr starkes Netzwerk einen wertvollen Beitrag, sowohl aus sozialer, als auch aus wirtschaftlicher Perspektive. Die aktuelle politische „Rolle rückwärts“ im Kontext Projekt‑ und Koordinierungsfinanzierung wird uns, so die Position der Verfasserin der Rezension, an anderer Stelle im Finanzhaushalt „auf die Füße fallen“. Wir sparen im Integrationskontext und erhalten die Quittung durch erhöhte Kosten im ALG 1-, Jugendhilfe‑ und Sozialleistungskontext.

Fazit

Es bleibt zu wünschen, dass Migrant*innenorganisationen des Netzwerkes samo.fa ausreichend Hilfe zur Selbsthilfe erfahren haben, um sich weiterhin die inklusive Betreuung Geflüchteter im Ankommens‑ und Integrationsprozess auf ihre Fahne schreiben zu können. Wenn dieses nicht nur leistbar, sondern auch mit einem impliziten „Wollen“ der individuellen Communities einhergeht, sind wir einen großen gesamtintegrativen Schritt weiter als vor dem Jahr 2015.


Rezension von
Dr. rer. pol. Verena Kopp
Leitung Koordinierungsstelle für Flüchtlingsangelegenheiten der Stadt Paderborn
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Es gibt 1 Rezension von Verena Kopp.

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ISSN 2190-9245