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Rita Braches-Chyrek, Irene Dittrich (Hrsg.): Kommunikation und Interaktion in der Kindheitspädagogik

Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Otto, 26.09.2025

Cover Rita Braches-Chyrek, Irene Dittrich (Hrsg.): Kommunikation und Interaktion in der Kindheitspädagogik ISBN 978-3-8252-6265-5

Rita Braches-Chyrek, Irene Dittrich (Hrsg.):Kommunikation und Interaktion in der Kindheitspädagogik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2024. 253 Seiten. ISBN 978-3-8252-6265-5. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 32,50 sFr.
Reihe: Kindheitspädagogik und Familienbildung - Band 5. UTB .

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Thema

Kommunikation und Interaktion stellen grundlegende Voraussetzungen für das Aufwachsen von Kindern dar. Sie sind nicht nur bedeutsam für individuelle Entwicklungsprozesse, sondern benötigen auch intentionale Förderung, da hierdurch Kindern gesellschaftliche Teilhabe eröffnet werden kann (Attig & Weinert 2025). Trotz dieser zentralen Bedeutung liegen bislang vergleichsweise wenige Forschungsergebnisse darüber vor, wie Kommunikations- und Interaktionsprozesse in der frühen Kindheit konkret gestaltet sind – sowohl im Austausch zwischen Kindern untereinander als auch im Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen. Genau an diesem Forschungsdesiderat setzt der Sammelband an: Er versammelt und systematisiert unterschiedliche empirische Studien sowie theoretisch-konzeptionelle Beiträge, die sich diesem Themenfeld widmen.

Herausgeber:innen

Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek ist Professorin für Sozialpädagogik an der Universität Bamberg. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit, der Kindheits- und Geschlechterforschung sowie der Untersuchung von Generationenbeziehungen.

Prof. Dr. Irene Dittrich ist Professorin für Professorin für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung von Qualität und Leitung in der Kindheitspädagogik an der Hochschule Düsseldorf. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen der Bildungsforschung der frühen Kindheit, der Interaktionsqualität sowie der Kindertagesbetreuung.

Entstehungshintergrund

Kommunikation und Interaktion bilden zentrale Eckpfeiler der Arbeit in frühkindlichen Bildungseinrichtungen. Sie sind entscheidend für die Beziehungsgestaltung zwischen Fachkräften und Kindern, Fachkräften und Eltern und den Fachkräften untereinander und prägen die Qualität frühkindlicher Bildungs- und Entwicklungsprozesse. Die Entwicklung von Sprache kommunikativen Fähigkeiten stellt eine zentrale Entwicklungsaufgabe in der frühen Kindheit dar und gilt als Schlüsselkompetenz für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Über Sprache erschließen sich Kinder ihre Umwelt, treten in sozialen Austausch, gestalten Beziehungen und entwickeln ein Verständnis für kulturelle Regeln und Normen (Egert et al. 2024). Der Erwerb sprachlicher Kompetenzen ist somit eng mit kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklungsprozessen verknüpft. Gleichzeitig bildet Kommunikation die Grundlage für Partizipation: Sie ermöglicht Kindern, ihre Bedürfnisse, Interessen und Perspektiven zum Ausdruck zu bringen und aktiv an gemeinschaftlichen Aushandlungsprozessen teilzunehmen.

Obwohl die zentrale Bedeutung von Kommunikation und Interaktion für frühkindliche Bildungs- und Entwicklungsprozesse unbestritten ist, liegen bislang nur wenige systematische Forschungsbefunde zu diesem Bereich vor (Braches-Chyrek & Dittrich 2024). Vor allem in Bezug auf die Qualität alltäglicher Interaktionen, die Bedingungen gelingender Kommunikation sowie deren Zusammenhänge mit kindlicher Teilhabe und Bildung zeigen sich Forschungsdesiderata. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Kommunikations- und Interaktionsprozesse in Kindertageseinrichtungen stärker empirisch in den Blick zu nehmen, um daraus fundierte Impulse für die pädagogische Praxis und die Professionalisierung von Fachkräften ableiten zu können. An diesem Umstand knüpft der vorliegende Sammelband an und vereint empirische und theoretisch-konzeptionelle Beiträge zur Kommunikation und Interaktion in der Kindheitspädagogik.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband beginnt mit einer kurzen Einleitung der Herausgeber:innen, in der die Forscher:innen herausarbeiten, dass die Erforschung von Ge- und Misslingensbedingungen von Kommunikations- und Interaktionssituationen in der Kindheitspädagogik ein zentrales Forschungsdesiderat darstellt. Zudem führen sie in wenigen Sätzen in die einzelnen Beiträge des Sammelbands ein.

Anschließend ist der Sammelband in zwei Teile aufgeteilt:

Teil I ist mit „Wissen und Kommunikation und Interaktion aus der Perspektive der Fachkräfte in der Kindheitspädagogik“ überschrieben und umfasst insgesamt fünf Beiträge.

Im ersten Beitrag widmet sich Claudia A. Hruska den Grundlagen der Kommunikation und Interaktion, indem sie die für den Sammelband zentralen Begriffe definiert und Grundlagen der Sprachentwicklung im Kindesalter darstellt. Der Beitrag schließt mit einer kritischen Reflexion der Möglichkeiten und Grenzen der individuellen Sprachförderung in frühpädagogischen Einrichtungen, da aufgrund der jeweiligen Gruppengrößen nur schwer individuelle Interaktionen realisierbar sind.

Der nachfolgende Beitrag von Dörte Weltzien befasst sich schwerpunktmäßig mit der Diagnostik von Kommunikation und Interaktion. Die Autorin präsentiert zunächst einen systematischen Überblick über aktuelle Verfahren zur Erfassung der Fachkraft-Kind-Interaktion, die sie anschließend kritisch vor dem Hintergrund der jeweiligen empirischen Herangehensweisen diskutiert. Dabei betont sie insbesondere die Bedeutung ethisch-rechtlicher Aspekte bei der Arbeit mit Kindern im Kontext der Entwicklung entsprechender Verfahren.

Welche Kommunikationsgelegenheiten zwischen Kindern und Fachkräften in pädagogischen Alltagssituationen bestehen und auf welche Weise diese elementardidaktisch genutzt werden können, beleuchtet der Artikel von Irene Dittrich und Michaela Hoff. Sie erarbeiten Elemente einer kokonstruktiven Gesprächsgestaltung mit Kindern, durch die Kinder in ihrer Kommunikationsgestaltung gestärkt werden können. Zentral erscheint hierfür eine responsiv-nachfragende Haltung der Fachkräfte, die die kindlichen Äußerungen aufnimmt und den Kindern wertschätzend widerspiegelt.

Weg von der Zielgruppe der Kinder geht der nachfolgende Beitrag von Lisa Marie Erlemann, die sich mit der Ausgestaltung von Konfliktgesprächen zwischen Eltern und Fachkräften auseinandersetzt. Aufbauend auf einer theoretischen Einordnung von Konflikten in frühkindlichen Bildungseinrichtungen sowie des professionellen Habitus von Kita-Fachkräften werden konkrete Übungs- und Reflexionsaufgaben vorgestellt. Diese sollen Fachkräften Handlungsoptionen für den Umgang mit Herausforderungen in Elterngesprächen eröffnen, die einerseits zur konstruktiven Konfliktlösung beitragen und andererseits verhindern können, dass Konflikte langfristig zu beruflichen Belastungen führen.

Der erste Teil des Sammelbandes schließt mit dem Artikel von Barbara Lochner, der sich mit Teamgesprächen in Kindertageseinrichtungen befasst. Neben der Darstellung des Forschungsstandes, der das Potenzial multiprofessionellen Austauschs zwischen Fachkräften für die pädagogische Arbeit herausstellt, zeigt sie anhand einer ethnografischen Beobachtungsstudie Machtfaktoren in Teamgesprächen auf. Lochner weist nach, dass formal höhere Qualifikationen in der Regel mit größerer Deutungsmacht im Team verbunden sind und dass auch Berufs- und Organisationserfahrungen einen erheblichen Einfluss auf die Entscheidungsgewalt haben.

Der zweite Teil des Sammelbands umfasst dann insgesamt sechs Beiträge, die unter dem Titel „Wissen zu Kommunikation und Interaktion unter besonderer Berücksichtigung der Perspektive der Kinder“ zusammengefasst sind.

Der Auftaktbeitrag von Lea Barnikol und Andrea Tures beschäftigt sich mit der Interaktion in und mit Familien. Zunächst kann hierfür anhand des aktuellen Forschungsstandes aufgezeigt werden, dass das sozioökonomische Herkunftsmilieu einen besonderen Einfluss auf die kindliche Entwicklung hat. Dies verlangt zugleich von pädagogischen Fachkräften, an diesen individuellen Entwicklungsständen der Kinder anzusetzen und ihnen passende individuelle Förderangebote für die Sprachentwicklung eröffnen müssen. Um Fachkräfte hierbei zu unterstützen, stellt der Beitrag entsprechende Reflexionsfragen bereit, die die pädagogische Diagnostik des Sprachentwicklungsstandes unterstützen kann.

Roswitha Sommer-Himmel und Karl Titze widmen sich einem sensiblen forschungsmethodologischen Thema: Interviews und Befragungen von Kindern. Sie entwickeln hierfür datenschutzrechtliche und ethische Empfehlungen, wie man das Einverständnis dieser besonderen Zielgruppe einholen kann und zeigen beispielhaft auf, wie man den Erhebungsprozess mit Kindern gestalten kann, um ihre tatsächlichen Perspektiven einfangen zu können. Hierbei erscheint es von besonderer Wichtigkeit, dass die Erhebung an den kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten der Altersgruppe orientiert und dass Inhalte erhoben werden, die nah am Alltagserleben der Kinder orientiert sind.

Der nachfolgende Artikel von Eva Reichert-Garschhammer setzt sich mit der Kommunikation mit und über digitale Medien in Kindertageseinrichtungen auseinander. Ausgangspunkt sind grundlegende Überlegungen zu Chancen und Risiken des Einsatzes digitaler Medien in der frühen Bildung. Darauf aufbauend werden verschiedene Onlinekurse vorgestellt, die Fachkräften Anregungen zur Gestaltung digitaler Bildungsangebote in der frühkindlichen Praxis geben. Ergänzend wird aufgezeigt, wie digitale Medien auch in der Zusammenarbeit mit Eltern sinnvoll genutzt werden können und welche Potenziale sich dadurch für eine zeitgemäße und transparente Bildungs- und Erziehungspartnerschaft eröffnen.

Julia Gottschalk reflektiert ausgehend vom Weberschen Machtbegriff „den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht“ (Weber 1985, 28 ) Hierarchien in der Kommunikation in frühkindlichen Bildungseinrichtungen. Sie zeigt Machtasymmetrie zwischen verschiedenen Akteur:innen (Fachkräfte und Kinder; Fachkräfte und Eltern; Fachkräfte untereinander) auf und erarbeitet die Grundlagen einer professionellen Haltung für Fachkräfte, die einen machtsensiblen Umgang mit Hierarchien unterstützen kann.

Der Beitrag von Stephanie Spanu widmet sich „weitgehend tabuisierten Themen in der frühen Kindheit“ (Braches-Chyrek & Dittrich 2024, 12), nämlich der kindlichen Sexualität und Körperlichkeit. Der Artikel verdeutlicht, dass Genderdiskurse und das Sprechen über Sexualität von besonderer Bedeutung in der frühen Kindheit sind und dass durch eine falsche Tabuisierung dieser Themen versäumt werden kann, Kinder für ihre eigenen Grenzen zu sensibilisieren. Um dies bestmöglich in der pädagogischen Praxis umsetzen zu können, erarbeitet Spanu ein Konzept zur biographischen Reflexivität für Fachkräfte, welches eigene Stereotype und Vorurteile hilft zu hinterfragen und dazu beitragen kann, besser in die Kommunikation zu diesen Themenbereichen mit Kindern einzusteigen.

Der Sammelband schließt mit den Artikel von Juliane Engel, die sich mit Gesprächen unter Kindern auseinandersetzt und sich hier der Frage widmet, inwieweit diese zur kindlichen Sprachförderung beitragen können und kindliche Alltagswelten abbilden. Der bislang vorliegende Forschungsstand stellt sich aus Sicht der Autorin so dar, dass kaum Peer-Gespräche unter Kindern als Erhebungsmethode genutzt werden, sondern vielmehr Interviews und Diskussionen zwischen Kindern, die aber durch Erwachseneninteressen vorstrukturiert sind. Anhand eines eigenen empirischen Beispiels zeigt Engel dann auf, dass Peer-Gespräche eine Alternative zur Erwachsenenlenkung darstellen können und einen unverfälschteren Blick auf kindliche Lebens- und Kommunikationswelten bieten.

Diskussion

Rita Braches-Chyrek und Irene Dittrich legen in ihrem Sammelband einen multiperspektivischen Blick auf Kommunikation und Interaktion in der Kindheitspädagogik vor. Trotz seines vergleichsweise geringen Umfangs von rund 250 Seiten eröffnet das Werk einen bemerkenswert tiefen Einblick in zentrale Fragestellungen der Kommunikation und Interaktion in diesem pädagogischen Handlungsfeld. Die Beiträge bieten nicht nur einen umfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsdiskurs aus unterschiedlichen Perspektiven, sondern geben den Leser:innen zugleich praxisnahe Impulse für die professionelle Gestaltung von Kommunikations- und Interaktionsanlässen. Darüber hinaus eröffnen sie Möglichkeiten, die eigenen Kenntnisse mithilfe weiterführender Literatur zu vertiefen.

Jeder Beitrag schließt mit Reflexionsfragen und Übungsaufgaben, die sowohl für Fachkräfte in der Praxis als auch für Studierende wertvolle Anregungen darstellen. Auf diese Weise wird einerseits die nachhaltige Verinnerlichung der Inhalte unterstützt, andererseits ein Transfer in konkrete berufliche Handlungskontexte angeregt. Ergänzend enthalten viele Beiträge neben dem Literaturverzeichnis zusätzliche Literaturhinweise, die zur vertieften Auseinandersetzung mit den behandelten Themen einladen und weiterführende Perspektiven auf angrenzende Fragestellungen eröffnen. Einen besonderen Mehrwert bietet zudem die sorgfältige didaktische Aufbereitung: Reflexionsfragen regen dazu an, die Inhalte kritisch zu hinterfragen und mit eigenen Erfahrungen in Verbindung zu bringen, während praxisorientierte Konzepte direkt in den pädagogischen Alltag übertragbar sind. Auf diese Weise verbindet der Sammelband theoretische Fundierung mit konkretem Praxisbezug und leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung der Kindheitspädagogik.

Fazit

Der Sammelband „Kommunikation und Interaktion in der Kindheitspädagogik“ bietet einen facettenreichen und forschungsbasierten Blick auf zwei zentrale Themenbereiche der frühkindlichen Bildung. Die Beiträge machen deutlich, wie vielfältig Kommunikation und Interaktion in pädagogischen Kontexten wirken und welche Bedeutung ihnen für die Bildungsprozesse von Kindern zukommt. Damit richtet sich das Werk nicht nur an Forschende und Lehrende an Hochschulen, die einen Überblick über aktuelle Diskurse und Forschungsergebnisse erhalten, sondern ebenso an Studierende sowie an Fachkräfte in frühkindlichen Bildungseinrichtungen, die konkrete Anregungen für ihre Praxis bzw. ihre professionelle Entwicklung suchen.

Literatur

Attig, M., & Weinert, S. (Juli 2025). Wie frühe Eltern-Kind-Interaktionen die Entwicklung von Kindern beeinflussen (NEPS Forschung kompakt, Nr. 02). Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi). https://doi.org/10.5157/NEPS:FK02:1.0

Braches-Chyrek, R., & Dittrich, I. (Hrsg.). (2024). Kommunikation und Interaktion in der Kindheitspädagogik (1. Aufl.; Reihe Kindheitspädagogik und Familienbildung, Bd. 5, S. 256). UTB.

Egert, F., Sachse, S., Buschmann, A., & Cordes, A.-K. (2024). Sprachliche Bildung und Förderung: Kommunikation, Sprache und Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen (Kindheitspädagogik und Familienbildung, Band 6). UTB.

Weber, M. (1985). Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie (5. Aufl.; J. Winkelmann, Hrsg.). Mohr, Tübingen.

Rezension von
Prof. Dr. Stephan Otto
Professor für Kindheitspädagogik
Website
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ORCID: https://orcid.org/0000-0002-1313-8768

Es gibt 13 Rezensionen von Stephan Otto.

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ISSN 2190-9245