Jörg Maywald: Kinderschutz in der Kindertagespflege
Rezensiert von Sabine Baumgärtner, 10.11.2025
Jörg Maywald: Kinderschutz in der Kindertagespflege. Eine kinderrechtsbasierte Einführung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 127 Seiten. ISBN 978-3-8474-3087-2.
Thema
Kinder haben Rechte, die in der Kinderrechtskonvention festgehalten sind. Jedes Kind hat ein Recht auf Schutz vor Gefahren für seine körperliche und seelische Unversehrtheit. Für die Umsetzung dieser Rechte sind in erster Linie die Eltern, für Kinder in der Tagespflege aber auch die Kindertagespflegepersonen und zuständig. Mit dem Buch „Kinderschutz in der Kindertagespflege. Eine kinderrechtsbasierte Einführung“ bezieht der Autor Stellung zu diesem Thema für den Bereich der Kindertagespflege. Der Titel verdeutlicht, dass es einerseits um die Umsetzung von Kinderrechten und Kinderschutz in diesem Bereich geht, ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt andererseits, dass gute Qualität und die Perspektive auf das Kind bzw. die Perspektive, die vom Kind aus denkt, zu dieser Thematik maßgeblich dazugehören.
Autor
Prof. Dr. Jörg Maywald ist Mitbegründer des Berliner Kinderschutzzentrums. Von 1995 bis 2021 war er Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind (derzeit Vorstandsmitglied der Deutschen Liga für das Kind und Im Vorstand der Initiative für Große Kinder), von 2002 bis 2022 Sprecher der National Coalition Deutschland – Netzwerk zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention. Seit 2011 ist er Honorarprofessor an der Fachhochschule Potsdam für Kinderrechte und Kinderschutz.
Entstehungshintergrund
Derzeit wird die Kindertagespflege zwar im Vergleich zur Betreuung in eine Kindertagesstätte deutlich weniger stark genutzt, allerdings wird dieses Angebot besonders für sehr junge Kinder gerne angenommen. Über 41.000 Tagespflegepersonen betreuten 2023 insgesamt etwa 167.000 Kinder. Mehr als 80 % der dort betreuten Kinder waren im Alter zwischen null und drei Jahren. In dieser Altersgruppe wurden 16 % der außerhäuslich betreuten Kinder in einer Kindertagespflegestelle betreut.
Aufbau und Inhalt
In Maywalds neuem Buch „Kinderschutz in der Kindertagespflege. Eine kinderrechtsbasierte Einführung“ zeigt der Autor auf 129 Seiten auf, wie Kinderschutz und Kinderrechte sowie Qualität im Bereich der Kindertagespflege umgesetzt werden können. Besondere Aktualität erfährt dieses Thema durch den hohen Anteil der sehr jungen Kinder, die in diesem Bereich betreut werden. Aufgrund des jungen Alters bestehen eine besonders hohe Fürsorgeabhängigkeit und hohe Vulnerabilität der Kinder. Der Schutz ihrer Rechte und der Schutz vor Gewalt sind aus diesem Grund besonders wichtig.
In der „Einführung“ stellt Maywald die, aus seiner Sicht, guten Gründe für die Betreuung in der Kindertagespflege dar, lässt aber auch die Risiken dieser Betreuungsform nicht außen vor. Er gibt einen kurzen Überblick zum Stellenwert der Tagespflege und zum Anteil an der Gesamtbetreuung. Maywald benennt den Schutzauftrag der Kindertagespflege (KJSG), der 2021 gesetzlich verankert wurde, sowie daraus resultierende Fragen aus der Praxis. Er will mit seinem Buch „… die rechtlichen und fachlichen Aspekte rund um den Kinderschutz in der Kindertagespflege …“ behandeln und sieht es als Notwendigkeit an, „… die Kindertagespflege vom Kind aus zu denken und die Interessen und Rechte der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen.“ (S. 11). Hierzu bietet er eine Orientierung an den in der Kinderrechtskonvention hinterlegten Kinderrechten als Kompass für eine gute Qualität in der Kindertagespflege an.
Im Kapitel „Die Kindertagespflege vom Kind aus gedacht“ wird die Stellung des Kindes als Rechtssubjekt hergeleitet und Kinder als Träger eigener Rechte, sowohl von Menschenrechten als auch von Kinderrechten definiert. Maywald zeigt auf, was unter dem Vorrang des Kindeswohl zu verstehen ist und welche Rolle die Orientierung an den Grundrechten und Grundbedürfnissen von Kindern spielt. Er stellt dar, wie Kindeswohl und Kindeswille miteinander verknüpft sind sowie das Verhältnis von Elternrechten und Kinderrechten.
Das Kapitel „Kinderrechte: ein Blick zurück“ beleuchtet, wie sich das Bild vom Kind im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Der Autor geht auf die Entwicklung der Kinderrechte sowohl international als auch in Deutschland ein.
Maywald stellt im Kapitel „Kinderschutz in der Kindertagespflege – rechtliche Rahmenbedingungen“ seine Sicht eines kinderrechtsbasierten Kinderschutzes dar. Außerdem gibt er einen Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen des Kinderschutzes, ausgehend von der UN-Kinderrechtskonvention, über die EU-Grundrechtscharta, den Artikel 6 des Grundgesetzes, das Recht auf gewaltfreie Erziehung im BGB, den strafrechtlichen Schutz der gewaltfreien Erziehung und dem Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung in § 8 a SGB VIII bis hin zum Datenschutz.
In „Der Schutzauftrag von Kindertagespflegepersonen“ zeigt Maywald auf, dass die Kindertagespflege einen Schutzauftrag hat, wann Beratung von außen bzw. Information nach außen (des Jugendamtes) unerlässlich sind. Außerdem gibt er einen kurzen Überblick zum „Handeln in akuten Notsituationen“.
Im Kapitel „Gewalt im familiären Bereich: erkennen und handeln“ werden zunächst die unterschiedlichen Formen von Gewalt im familiären Bereich herausgearbeitet, sowie deren Ursachen und Folgen beleuchtet. Anhand von Fallbeispielen werden wichtige Formen der Kindeswohlgefährdung betrachtet, dazu gehören seelische Gewalt, körperliche Gewalt, miterlebte häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt sowie die Folgen hoch konflikthafte Trennungen der Eltern. Die Fälle werden mit strukturierten Arbeitsschritten und Lösungen dargestellt. Abschließend wird aufgezeigt, wie die Gesprächsführung mit betroffenen Kindern und Eltern stattfinden sollte.
Der Autor wendet sich im Kapitel „Gewalt in der Kindertagespflegestelle: erkennen und handeln“ den Kindertagespflegepersonen zu. Er arbeitet heraus, welche Formen von Gewalt durch Pflegepersonen vorkommen und was die Ursachen und Folgen dieses Fehlverhaltens sind. Auch in diesem Kapitel werden wichtige Formen der Gewalt anhand von Fallbeispielen dargestellt und lösungsorientiert bearbeitet. Maywald stellt dar, wie Gewalt durch Kindertagespflegepersonen vorgebeugt werden kann und wie mit ihr professionell umgegangen werden sollte bzw. muss.
Mit dem Kapitel „Gute Qualität in der Kindertagespflege: das Kind steht im Mittelpunkt“ geht er auf die Bedeutung des Kinderrechtsansatzes in der Kindertagespflege für eine gute Qualität ein. Maywald legt den Stellenwert eines Gewaltschutzkonzepts in der Kindertagespflege dar und beschreibt die einzelnen Komponenten eines Schutzkonzepts, sowie die einzelnen Schritte zur Entwicklung. Abschließend gibt er einen kurzen Überblick über den Stellenwert der „Menschen- und Kinderrechtsbildung“ für eine kinderrechtsbasierte Kindertagespflege und bietet mit der Reckahner Reflexionen für eine Ethik pädagogischer Beziehungen, Anregung zur Reflexion und Orientierung für professionelle Entwicklung an. Im „Anhang“ fügt Maywald eine Checkliste zur Umsetzung der Kinderrechte in der Kindertagespflege an. Außerdem sind zentrale rechtliche Regelungen zum Kinderschutz in der Kindertagespflege an dieser Stelle nachzulesen.
Das ausführliche Literaturverzeichnis und Internet-Adressen von wesentlichen internationalen und nationalen Institutionen zu Kinderrechten geben Hinweise auf weiterführende Informationen für alle Interessierten, die sich intensiver mit diesem Themenbereich auseinandersetzen wollen.
Diskussion
Die Kindertagespflege wird besonders für sehr junge Kinder gerne als Betreuungsangebot genutzt. Im Bereich der null bis drei Jahre alten, außerhäuslich betreuten Kinder macht die Kindertagespflege ca. 16 % (2023) des Gesamtumfangs aus. Allein diese Zahl spiegelt die Aktualität des Themas. Zusätzlich spielt das sehr junge Alter der Kinder eine große Rolle: durch die hohe Fürsorgeabhängigkeit besteht auch eine hohe Verletzlichkeit. Aus diesem Grund hat der Kinderschutz im Bereich der Kindertagespflege einen besonderen Stellenwert.
Jörg Maywald verbindet in seinem Buch die Qualität in der Kindertagespflege mit der Umsetzung von Kinderrechten und Kinderschutz in diesem Angebot. Er fordert eine „Kindertagespflege, vom Kind aus gedacht“ (S. 13), um sich so der Vision eines kindgerechten Betreuungsangebotes zu nähern. Er bezeichnet die Umsetzung des Kinderrechtsansatzes und die Orientierung an den Kinderrechten als „zentraler Baustein guter Qualität in der Kindertagespflege“ (S. 106f).
Die strukturierten Fallbeispiele zum Bereich Kinderschutz und kurzen Übersichtstabellen ermöglichen einen guten Transfer in die Praxis. Die Fälle sind nachvollziehbar und gut verständlich beschrieben – auch und gerade für Kindertagespflegepersonen, deren Qualifizierung meist nicht dem Niveau pädagogischer Fachkräfte in Kitas entspricht. Auch bietet sich der Einsatz bei der Entwicklung eines Schutzkonzepts für die Kindertagespflege an.
Den einzelnen Kapiteln ist jeweils ein „In diesem Kapitel erfahren Sie“ (S. 13) vorangestellt, was Leser*innen einen kurzen Einblick in die einzelnen Themengebiete gibt. Die Kapitel sind zudem durch hervorgehobene Kästen ergänzt, die Kernaussagen aufnehmen, sodass eine hohe Leser*innen-Freundlichkeit entsteht. Die einzelnen Themenaspekte sind schlüssig und fundiert, aber gleichzeitig praxisnah, dargestellt und folgen einer nachvollziehbaren Reihenfolge.
Fazit
Das Buch ist für alle im Bereich der Kindertagespflege tätigen bzw. interessierten Kräfte eine gewinnbringende Lektüre. Es schafft eine Verbindung zwischen guter Qualität in der Kindertagespflege und der Verwirklichung von Kinderrechten und Kinderschutz im Alltag für jedes Kind. Die einzelnen Kapitel sind so aufgebaut und strukturiert, dass ein gutes Verständnis auch ohne breite Vorkenntnisse möglich ist.
Rezension von
Sabine Baumgärtner
Frühpädagogin (B.A.) und Sozialarbeiterin; Studentin an der HS Koblenz
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Es gibt 2 Rezensionen von Sabine Baumgärtner.





