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Ira Peter: Deutsch genug?

Rezensiert von Dr. phil. Rita Zellerhoff, 12.12.2025

Cover Ira Peter: Deutsch genug? ISBN 978-3-442-31777-6

Ira Peter: Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2025. 256 Seiten. ISBN 978-3-442-31777-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 29,73 sFr.

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Thema

Eine neue Sichtweise auf die Menschen der von Stalin deportierten deutschstämmigen Siedlergruppen, den sogenannten Russlanddeutschen, die in Kasachstan unter schwierigsten Bedingungen überlebt haben. Sie begründet deren Sonderstatus bei ihrer Aufnahme in die Bundesrepublik

Autorin

Ira Peter wurde 1982 in Kasachstan geboren. Sie lebt seit 1992 in Deutschland. Sie studierte neben Psychologie französische und russische Literaturwissenschaft und arbeitet als freie Journalistin. Sie engagiert sich mit ihrem Podcast „Steppenkinder“ gemeinsam mit dem Co-Autor Edwin Warkentin, dem Leiter des Kulturreferates für Russlanddeutsche am Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. Peter hat deutsche Vorfahren, die in der Ukraine lebten. Die Berichte über das Leben dieser Vorfahren brachten ihr 2021 für fünf Monate eine Stelle als Stadtschreiberin in Odessa ein.

Entstehungshintergrund

Ira Peter zeigt am Beispiel ihrer Lebensgeschichte auf, wie das Unverständnis ihrer deutschen Mitmenschen ihre Identitätsbildung als Deutsche, bis hin zur Selbstverleugnung, enorm erschwert hat. Sie gibt mit Ihren Bewältigungsstrategien wichtige Impulse für betroffene Menschen und wichtige Hinweise für die aufnehmende Gesellschaft, um falsche Stereotypen auszuräumen. Ihre Erkenntnisse lassen sich auf Zuwandernde aus anderen Ländern übertragen

Aufbau

Das Buch umfasst 255 Seiten. Nach dem Vorwort folgen sechzehn Kapitel und ein Quellen- und ein Literaturverzeichnis auf wissenschaftlich hohem Niveau

Inhalt

Peter schildert die Auswirkungen des Zusammenbruchs der Sowjetherrschaft, der sich so gravierend auch auf Kasachstan auswirkte, dass selbst ihr Vater, der unter starkem Heimweh litt, eine Auswanderung nach Deutschland als unumgänglich erachtete. Doch das Unwissen der deutschen Gesellschaft über das Selbstkonzept der zugewanderten Menschen aus dem Osten führte dazu, dass sie infolgedessen verstummten, um ja nicht aufzufallen. In der Bundesrepublik angekommen, empfanden sie sich als fremd. Sie hatten keine Chance, in ihren erlernten Berufen zu reüssieren, sondern mussten unter ihrer Qualifikation arbeiten. Besonders weist Peter auf die Perspektivlosigkeit der jungen Männer hin, von denen einige kriminell wurden. „Wie aus Waldemars Schläger wurden“ lautet die Überschrift des sechsten Kapitels. Peter zeigt auf, wie durch eine tendenziöse Berichterstattung Aussiedlergruppen als kriminell dargestellt wurden. Die heranwachsenden jungen Männer hatten es besonders schwer sich zu integrieren, da die Umsiedlung in eine kritischen Lebensphase fiel, in der sie keine Chance hatten, sich zu beweisen. Peter nennt sie im folgenden Kapitel „Verlorene Söhne“.

Die Würde ihrer Eltern bezeichnet Peter als antastbar, denn die Anerkennung ihrer Leistung auf dem Arbeitsmarkt scheiterte bei ihrer Mutter an einer sich verzögernden Übersetzung eines ihrer Zertifikate. Am Beispiel ihrer Mutter zeigt Peter auf, welchen Stellenwert die Arbeit für ihr Selbstwertgefühl hatte, sodass sie, die in Kasachstan eine gehobene Stelle einnahm, in Deutschland aber nur Hilfsarbeiten ausführen durfte. Die gleiche Herabwürdigung schildert die Autorin auch für ihre weiblichen Verwandten, während Männer in Handwerksberufen oft lückenlos übernommen werden konnten.

Für die Autorin war der niedrige Status ihrer Eltern und die offensichtlichen daraus folgenden Unterschiede zum Habitus ihrer Mitschülerinnen mit Scham besetzt. Sie versuchte darum alles zu eliminieren, was an die Sowjetrepublik erinnerte. Schließlich erweckte ein Lehrer bei ihr den Stolz auf ihre Auswanderungsgeschichte und förderte damit ihr Selbstwertgefühl und ihre Leistungsfähigkeit.

Im zehnten Kapitel erläutert die Autorin die unterschiedlichen Prozeduren der Namensgebung und die Möglichkeit, die sich ihr bei der Streichung ihres Vaternamens und auch für den Wechsel ihres Vornamens ergab. Sie wollte ihren russischen Namen Irina jedoch behalten, denn sie wurde von ihrer Familie mit der Abkürzung Ira benannt, einem Namen, der als deutsch genug klang und keine Nachfragen mehr provozierte: „Woher kommst du wirklich?“ Dass sie sich zeitweise mit dem Namen Kea nennen ließ, wertet sie heute als Selbstverleugnung.

Im elften Kapitel „Tochtersprache“ erklärt die Autorin die dialektalen Besonderheiten der Aussprache ihrer Eltern, eine Varietät des Deutschen: Wolhynisch, bei dem Diphthonge durch Monophthonge ersetzt werden. Ihr Anspruch, akzentfrei zu sprechen, verleitete Peter dazu, ihre Eltern andauernd zu korrigieren, was aber erfolglos blieb, denn ihr Dialekt war ihre Muttersprache. Peter beschreibt präzise die lautsprachlichen Auswirkungen von Wanderbewegungen im russischen Zarenreich. Ich erachte die lautsprachlichen Besonderheiten als eine Fundgrube für Dialektforscher.

Die Sorge um eine Übermacht der deutschen Bevölkerung führte schließlich unter Stalin zu einer Unterdrückung der Deutschen und ihrer Sprache. 1941 wurden alle deutschen Ansiedlungen aufgelöst und die Menschen deportiert. Ihre deutsche Sprache wurden als Unterrichtssprache verboten, wodurch der Bildungsstand drastisch zurück ging. Heute sei das Beherrschen der deutschen Sprache eine Voraussetzung zur Anerkennung als Deutsche, wobei ein russischer Akzent abgewertet werde. Beim Spracherwerb helfe es Kindern nicht, dass Eltern, die mit der russischen Sprache aufgewachsen sind, ihnen gegenüber diese vermeiden. Peter empfindet das Russische inzwischen als „Gold wert“ (137), das Ihr besonders von Vorteil für ihr Studium war und heute für ihren Beruf als Journalistin von Vorteil ist. Auf dem Weg zur Schule bringt Peter ihrer Tochter auf deren Wunsch russische Vokabeln bei. Die Sprachvarietät ihrer Großeltern wird die Enkelin aber wohl nicht erlernen, da diese es ablehnen mit ihr in ihrem Dialekt zu sprechen. Peter glaubt ihre Sprachvarietät werde mit ihrer Generation aussterben und konstatiert: „Die Mehrheitskultur wird aber triumphiert haben -- Integration gelungen“ (141)

Das zwölfte Kapitel beschreibt sehr komplex die menschenverachtenden Schikanen, die nicht nur die Deutschen aus Kasachstan, sondern auch Deutschstämmige aus dem Süd-Westen der Ukraine erlitten haben und das Schicksal von Wolga- Krim- und Kaukasien Deutschen, ehemaligen Aussiedlern aus Württemberg, die mehrmals vertrieben wurden und deren Tod durch Hunger und tiefen Frost in Kauf genommen wurde, sowie Menschen, die von Todesschwadronen ermordet wurden.

Dass Russlanddeutsche bei ihrer Aufnahme in die Bundesrepublik einen besonderen Status erhalten haben, erklärt Peter damit, dass sie unter den Folgen des zweiten Weltkrieges besonders gelitten hatten. Sie erwähnt, dass es so noch in den Koalitionsverhandlungen von 2005 festgehalten worden sei (vgl. 165), allerdings hätten sich die Eingliederungshilfen verringert.

Im dreizehnten Kapitel berichtet Peter über psychische Probleme, die sie als Phantomschmerzen beschreibt, die in der Folge zu bedrohlichen Situationen im Aufnahmeland geführt haben und die den wachsamen Blick ihrer Eltern erklären, die sich in ständiger Hab-Acht-Stellung befinden und die nach Aussage einer Psychologieprofessorin der Universität Hof die Sorge um die eigene Sicherheit ausdrückt. „Er ist immer wachsam, als könnten sie jederzeit in eine unkontrollierte Situation geraten und sich überfordert fühlen“ (169).

Im Folgenden beschreibt die Autorin auffälliges Verhalten, das vermutlich infolge von Mangelerfahrung entstanden ist, wie das Essverhalten ihrer Großmutter und die Bulimie eines Mädchens. Sie bezieht sich auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, nach denen sich Verhaltensweisen, auch über Generationen hinweg, aufrechterhalten werden.

Im vierzehnten Kapitel beschreibt Peter die Erinnerungskontrolle, die zu einer verfälschten Wahrnehmung führt, da aus Sorge um das eigene Wohl eine Bedrohung ausgeblendet wird, wie es z.B. bei dem Stockholm-Syndrom zu Tage trat. Da die Autorin 2022 mit Edwin Warkentin, dem Kulturreferenten für Russlanddeutsche, den Podcast „Steppenkinder“ gegründet hatte, konnte sie nach dem russischen Überfall auf die Ukraine der Politik nicht mehr ausweichen, obwohl ihr Podcast ursprünglich als Vermittler der Kultur und Geschichte der Russlanddeutschen konzipiert war. Dass Menschen trotz ihrer Gewalterfahrung dem Angriff auf die Ukraine zustimmten, kann durch die fehlende Aufarbeitung ihrer eigenen Gewalterfahrung vermutet werden. Zudem gelingt es Putin, „…an den Glanz Stalins und an die Glorie des sowjetischen Volkes“ (188) anzuknüpfen, womit er patriotische Gefühle der Bevölkerung zu wecken vermag, die er für seinen Krieg braucht. Peter bezieht sich auf den Soziologen Lev Gudkov der 2019 die Situation im heutigen Russland analysiert, in der ein Teil der Bevölkerung weiß, dass er betrogen wird, den Krieg des eigenen Landes aber trotzdem unterstützt – auch durch sein Schweigen“ (190).

Im fünfzehnten Kapitel geht es um das Wahlverhalten der Aussiedler, die ursprünglich Helmut Kohl aus Dankbarkeit wählten, dann aber durch Angela Merkels Politik verunsichert waren, weil diese Asylsuchende aufnahm, deren Identität nicht wie bei ihnen unter Beweis gestellt werden musste und deren Kinder nach ihrer Auffassung herzlicher empfangen wurden als die ihren. Analysen ihres Wahlverhaltens ließen einen Rechtsruck erkennen, der nach Peter sich aus der geschickten Agitation der rechten Parteien erklären lässt. So hatte die AFD beispielsweise ihre Schwerpunktthemen gezielt ins russische übersetzt und die Aufnahme der Migranten problematisiert. Denkbar ist, dass diese Taktik die Verlusterfahrung der Russlanddeutschen triggerte. Aus dieser Angst heraus Angst zu wählen, wäre damit eine Spätfolge ihrer schwierigen Lebensbedingungen, die taktisch von der Rechtspartei ausgenutzt wurden.

Das letzte Kapitel stellt die Frage „Deutsch genug?“ (229) Argumentativ werden mehrere Untersuchungen vorgestellt, die diese Frage bejahen, Die BAMF-Studie von 2022 testiert den Aussiedlern, dass ihr Anteil an Menschen ohne Schulabschluss gering sei, ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt hoch sei und sie, verglichen mit anderen Zugewanderten öfter Wohneigentum besäßen. Frühere Untersuchungen kommen zu gleichen Befunden und bescheinigen den Russlanddeutschen, dass sie sich mit Deutschland identifizieren und wenig Diskriminierung erfahren. Zweidrittel der Einwanderer wären eine Ehe mit in Deutschland Geborenen eingegangen. Ihnen wird eine alles in allem zufriedenstellende wirtschaftliche, soziale und kulturelle Integration zugesprochen. Allerdings sieht Peter die Situation anders und zeigt am Beispiel ihrer Eltern auf, dass diese nicht die Chancen erhielten sich gemäß ihrer Potenzialen zu entfalten, was dazu führte, dass sie sich unter Wert ausnutzen ließen. Dies habe dazu geführt, dass sie keine Möglichkeit fanden an der Gesellschaft teilzuhaben. Die Autorin schlägt vor, dass Russlanddeutsche Zugang zu einem postmigrantischen Dialog erhalten und sich beispielsweise mit türkeistämmigen oder jüdischen Einwanderern austauschen. Dabei wäre es möglich, wichtige Fragen, wie die Altersarmut der Elterngeneration abgefedert werden könne, zu beantworten, oder wie mit Menschen aus Osteuropa umgegangen werden sollte, oder wie dem grassierenden Antisemitismus entgegnet werden könne.

Das Wissen um die Stärke ihrer Familie lässt die Autorin auch heute stark sein. Sie bewundert die Widerstandskraft ihrer Vorfahren, die trotz widrigster Bedingungen ohne Hass auf die Welt blickten. Sie brauche sich ihrer Herkunft nicht zu schämen und sei voll tiefer Dankbarkeit von solch lebenswilligen Menschen abzustammen. Ihr Ziel ist nicht mehr nur deutsch genug zu sein, sondern wie ihre Vorfahren zu werden.

Diskussion

„Deutsch genug“ ist ein anspruchsvolles Buch, dass sich dezidiert mit der Situation der Russlanddeutschen auseinandersetzt. Es zeigt auf, wie Deutsche, die ursprünglich von der Zarenfamilie gerufen wurde, um ihr Land zu kolonialisieren, vertrieben wurden. Das Ausmaß, mit dem Menschenleben verachtet wurden, schildert sie sehr detailliert. Es ist unfassbar. Doch das Leben unter den ungeheuer erschwerten Bedingungen hat ihre Vorfahren stark gemacht. Es genügt der Autorin nicht, „Deutsch genug“ zu sein, sondern sie will so stark werden wie ihre Vorfahren.

Bei meiner Recherche fand ich Takea, die Langform des ostfriesischen Namens Kea, der für Ruhe, Gelassenheit und Zielstrebigkeit steht, alles Attribute, die ich als passend zum Lebensentwurf der Autorin finde.

Peter beschreibt ihr Bemühen, sich nach ihrer Einwanderung in ihre Klassengemeinschaft zu integrieren als sehr belastend und zeigt ihre persönliche Betroffenheit durch die Kontaktverluste infolge ihrer prekären Verhältnisse. Die Schilderung ihrer tief empfundenen Gefühle bis hin zur Selbstverleugnung erachte ich als sehr tiefgreifend und einfühlsam.

Das Buch ist anspruchsvoll geschrieben. Es erhellt die Zusammenhänge der Vertreibung der Russlanddeutschen und könnte die Leser anregen sich tiefer mit ihrer Geschichte auseinander zu setzen. Sie könnten die Widerstandskraft gegen das erlittene Unrecht würdigen sowie einen gerechteren Ausgleich für entgangenen Chancen akzeptieren. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten auch auf den Umgang mit Asylsuchenden übertragen werden. Russlanddeutsche Leser könnten ebenso wie die Autorin stolz darauf sein, dass sie von Menschen abstammen, die unter den extrem erschwerten Bedingungen ihr Leben gemeistert haben.

Fazit

Die Vertreibung der Menschen unter der stalinistischen Willkür lässt Leser erschaudern. Wenn sie sich in die Lage der verfolgten Menschen versetzen, können sie sich auch gegen die populistischen Parolen von Angstmachern wehren.

Rezension von
Dr. phil. Rita Zellerhoff
Lehrerin für Sonderpä­dagogik mit den Förderschwerpunkten: Sprache, Lernen, Emotionale und soziale Entwicklung
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Es gibt 11 Rezensionen von Rita Zellerhoff.

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ISSN 2190-9245